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Märchen lesen und erleben
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Die sieben Schwaben

Es waren einmal sieben Schwaben, die wollten große Helden sein und auf Abenteuer durch die ganze Welt wandern. Damit sie aber eine gute Bewaffnung hätten, ließen sie sich einen Spieß machen, sieben Mannslängen lang. Den fassten sie zu siebt an und gingen in einer Reihe hintereinander. Voran ging der Herr Schulz, der Allgäuer, als der männlichste unter ihnen. Dann kam der Jackli, genannt der Seehas, hierauf der Marli, genannt der Nestelschwab. Dem folgte der Jörgli, der Blitzschwab geheißen war. Hernach ging der Michel, Spiegelschwab zubenamst, dann kam der Hans, Knöpfleschwab, und zuletzt kam Veitli, das war der Gelbfüßler.

Diese Beinamen hatten alle ihre gute Ursache. Der Herr Schulz wurde der Allgäuer geheißen, weil er aus dem Allgäu gebürtig war. Der Seehas hatte am Bodensee gesessen. Der Nestelschwab führte darum seinen Namen, weil er statt der Knöpfe Nesteln an den Hosen hatte und letztere fast immer mit der Hand in die Höhe hielt, dieweil die Nesteln oftmals abgerissen waren. Der Blitzschwab hieß also, weil er sich die Redensart „Potz Blitz!“ angewöhnt hatte. Der Spiegelschwab hatte die Gewohnheit, seine Nase allemal an den Ärmel seines Jankers abzuputzen, der davon einen gewissen Spiegelglanz annahm. Das schaffte jenem den sauberen Namen. Knöpfleschwab war ein Mann, der verstand, gute Knöpfle oder Spätzle zu kochen. Der Gelbfüßler endlich war aus der Bopfinger Landschaft, deren Einwohner die Umwohner Gelbfüßler schimpfen. Dies rührte daher, dass sie einstmals einen Wagen voll Eier, den sie ihrem Herzog als Abgabe bringen mussten, recht voll stampfen wollten und die Eier mit den Füßen festgetreten hatten. Davon waren die Eier zerbrochen und hatten die Füße der Bopfinger gelb gefärbt.

Zogen nun die Sieben allesamt guten Mutes mit ihrem Spieß dahin. Sie kamen eines Heumondtages in der späten Dämmerung über eine grüne Wiese. Da erhob sich eine Hornisse nicht weit von ihnen mit feindlichem Gebrummel hinter einer Dornhecke hervor und flog vorüber. Darob erschrak der Schulz Allgäuer mächtiglich und begann Angstschweiß zu schwitzen. Er konnte kaum noch den Spieß halten und schrie seinen Kriegsgesellen zu:

„Horcht! Horcht! Der Feind trommelt schon!“

Da schmeckte der Jackli, der dicht hinter dem Schulzen ging, einen üblen Geruch und rief:

„Wohl, wohl! Etwas ist vorhanden! Ich schmecke schon das Pulver!“

Da nahm der Herr Schulz Reißaus, ließ den Spieß fahren und sprang über einen Zaun. Er kam aber gerade auf die Zinken eines Rechens zu springen. Da fuhr ihm der Stiel ins Gesicht und gab ihm einen ungewaschenen Schlag. Schulz vermeinte, der Feind haue auf ihn ein, und schrie:

„Gib Gnade! Ich ergeb’ mich!“

Die anderen sechs waren nachgesprungen über den Zaun. Da sie ihren Anführer also schreien hörten, so schrien sie alle:

„Gibst du dich, so geb’ ich mich auch! Gibst du dich, so geb’ ich mich auch!“

Aber es war niemand vorhanden, der die sieben Schwaben gefangen nehmen wollte. Da sie das merkten, schämten sie sich ihrer wenigen Herzhaftigkeit und verschworen sich, diese ihre erste Heldentat nicht weiterzuerzählen.

Weiter so kamen die sieben Schwaben auf ihrem Zuge in einen Hohlweg. Wie sie so tapfer darauf losmarschierten, merkten sie nicht, dass ein großmächtiger Bär im Wege lag, bis der Allgäuer ganz nahe an ihm war. Als er den Bären sah, war er hin vor Schreck. Er stolperte und stieß mit dem Spieße geradezu auf den Bären los, wozu er aber nichts konnte, und schrie dazu gottsjämmerlich:

„Ein Bär! Ein Bär!“

Er vermeinte, sein letztes Brot wäre gebacken und bereits verzehrt. Doch rührte sich der Bär nicht, da er maustot war. Des war der Allgäuer hoch erfreut. Er schaute um nach seinen Brüdern und sah mit neuem Schreck, dass alle für tot mäusleinstill auf dem Boden lagen. Er meinte, er habe sie gar mit dem Spieße hinterrücks erstochen, und erhob ein Wehgeschrei. Als die am Boden Liegenden vermerkten, dass der Bär den Allgäuer nicht aufgefressen hatte, lugten sie vorsichtig in die Höhe. Wie sie sahen, dass der Bär tot war, erhoben sie sich frisch und gesund. Sie traten um den Bären herum und untersuchten, wie tief wohl die Wunde sei, die der Spieß ihm beigebracht hatte. Sie fanden aber keine, und der Blitzschwab sagte:

„Potz Blitz! Der Bär ist verreckt und schon lange tot!“

„O ja“, sprach der Jackli, „man schmeckt den Braten.“ Sie wurden eins, dem Bären das Fell abzuziehen und als Siegeszeichen mitzuführen, das Aas aber liegenzulassen.

„Mögen den Bären nun die Schafe fressen, wie er zuvor die Schafe gefressen hat!“

sprach einer unter ihnen, und so zogen sie fürbass mit ihrem Bärenfell und ihrem Spieß.

Und da geschah es, dass die guten Gesellen an einen weiten blauen See kamen. So dünkte es ihnen, denn es war alleweil etwas dämmerig geworden. Er schlug Wellen im Wind, und droben an seinem Abhang standen die sieben Schwaben und lugten hinunter, wie sie wohl am geschwindesten über diesen See kommen mochten. Es war aber kein Wasser da drunten, sondern ein Feld voll Flachses, der so recht in seiner schönsten blauen Blüte stand.

„Potz Blitz!“ rief der Blitzschwab, „was ist da zu tun? Über das wilde Wasser müssen wir!“
„Allgäuer, du trag uns hinüber, wie weiland St. Christoph die Pilgrimsleute!“ sagte der Seehas.
„Bygoscht!“ antwortete der Allgäuer, „ins Wasser ging ich wohl, wenn’s nicht tiefer ginge als an den Hals.“

Der Nestelschwab griff mit der Hand an seinen Hosenbund, das edle Kleidungsstück festzuhalten. Dem Knöpfleschwab war das Ding gar nicht einerlei. Er lugte scharf, ob kein Haifisch, Walfisch oder Krokodil im Wasser brause. So standen auch die anderen ganz verlegen da, bis der Blitzschwab sich hinter ihnen herumdrückte und ein paar hinunterstieß, indem er ausrief:

„Frisch gewagt ist halb geschwommen!“

Da diese nicht untersanken, fasste sich auch der Gelbfüßler ein Herz und tat einen Hupf hinunter. Ihm folgten der Blitzschwab und der Nestelschwab, und zuletzt ritt der Allgäuer auf dem Spieße hinab. Sie plumpsten drunten einer auf den anderen, bis sie merkten, dass sie mit der Nase nur in grünes Gras gefallen waren. Worauf sie sich allgemach mit etwas gequetschten Rippen wieder aufmachten.

Nach mehr als einem anderen Abenteuer gelangten die sieben Schwaben an einen wirklichen großen See. Da sagte der Seehas, der ihn gleich erkannte:

„Das ist der Bodensee.“

An dessen Ufern sollte ein gefährliches Ungeheuer hausen. Da sie des Sees ansichtig geworden waren und zugleich des Waldes, in dem das Ungeheuer sich aufhielt, fiel ihnen das Herz in die Kniekehle. Sie machten Halt und zündeten ein Feuerlein an, auf dass der Knöpfleschwab eine letzte Mahlzeit bereite. Danach begannen sie ihre Schlachtordnung herzurichten, dabei gab es aber allerlei Zwietracht. Der Allgäuer sagte, er sei nun bislang immer der vorderste gewesen, es wäre Zeit, dass er nun auch einmal der hinterste sei. Es solle der Blitzschwab voran. Der meinte aber:

„Courage hab’ ich genug im Leib, aber nicht Leib genug für die Courage und das Biest von Ungeheuer.“

Der Spiegelschwab wischte sich die Nase am Ärmel und tat den Vorschlag, es solle doch wohl besser sein, wenn einer für alle sterbe. Er meinte, der Knöpfleschwab könne ihnen diesen kleinen Gefallen tun. Der aber schrie Zetermordio. Und so sprachen und stritten sie noch eine Weile hin und her, bis sie sich einigten und hurtig mit ihrem Spieße vorwärtsschrittten. Ehe sie den Wald erreichten, sahen sie auf einem Rain einen Hasen sitzen, der die langen Löffel in die Höhe streckte. Das war den Schwaben grauslich anzuschauen. Da nun das Veitli hinten zumeist in Sicherheit war, schwoll ihm der Kamm und er schrie dem Schulzen zu:

„Stoßt zu in aller Schwaben Namen, sonst wünsch ich, dass ihr möchtet erlahmen!“

Der Hans spottete der Courage des Veitli:

„Beim Element, du hast gut schwätzen, du bist der Letzte beim Drachenhetzen!“

Dem Michel sträubte die Herzhaftigkeit das Haar empor. Er blickte gar nicht hin nach dem Ungeheuer, sondern sprach mit abgewandtem Gesicht:

„Es wird nicht fehlen um ein Haar, so ist es wohl der Teufel gar!“

Und so ging es im Sturmschritt auf das Ungeheuer los. Als dem Schulzen das Herz pochte, schrie er:

„Hau hurlehau! Hau! Hauhau!“

Da erschrak der Hase und gab spornstreichs Fersengeld querfeldein. Jetzt rief Schulz Allgäuer freudig:

„Potz Veitli, lug, lug, was ist das? Das Ungeheuer ist nur ein Hase!“

Da nun das Abenteuer so glücklich bestanden war, wurden sie eins, wieder friedlich heimzuziehen. Zuvor aber war es nötig, ein Siegeszeichen zu errichten. Sie beschlossen, ihr Bärenfell und ihren Spieß als Trophäe an die nächstgelegene Kirche zu stiften. Dort wird wohl der Spieß noch hängen, das Bärenfell aber haben die Motten verzehrt, und die Sperlinge haben die Haare in ihre Nester getragen.