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Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Das alte Mütterchen

⏱ Lesedauer: ca. 2 Min.

Eine Frau allein in der Nacht

Es war in einer großen Stadt ein altes Mütterchen, das saß abends allein in seiner Kammer. Es dachte nach: wie es erst den Mann verloren hatte, dann die beiden Kinder, nach und nach alle Verwandten und schließlich heute auch noch den letzten Freund – und nun ganz allein und verlassen war.

Da ward es im tiefsten Herzen traurig, und am schwersten lastete der Verlust der beiden Söhne. In seinem Schmerz klagte es Gott darüber an.

So saß es still und in sich versunken, als es auf einmal die Frühkirche läuten hörte. Es wunderte sich, dass es die ganze Nacht so im Leid durchwacht hatte, zündete seine Leuchte an und ging zur Kirche.

Die Kirche der Toten

Bei seiner Ankunft war die Kirche schon erhellt – nicht, wie gewöhnlich, von Kerzen, sondern von einem dämmernden Licht. Sie war auch schon angefüllt mit Menschen, alle Plätze besetzt. Als das Mütterchen zu seinem gewöhnlichen Sitz kam, war auch dieser nicht mehr frei, sondern die ganze Bank gedrängt voll.

Es sah die Leute an – und es waren lauter verstorbene Verwandte, die da saßen in ihren altmodischen Kleidern, aber mit blassem Angesicht. Sie sprachen nicht und sangen nicht. Ein leises Summen und Wehen ging durch die Kirche.

Da stand eine Muhme auf, trat vor und sprach zu dem Mütterlein: „Sieh dort nach dem Altar – da wirst du deine Söhne sehen."

Die Alte blickte hin und sah ihre beiden Kinder: Der eine hing am Galgen, der andere war aufs Rad geflochten.

Da sprach die Muhme: „Siehst du – so wäre es ihnen ergangen, wären sie im Leben geblieben. Gott aber hat sie als unschuldige Kinder zu sich genommen."

Die Alte ging zitternd nach Hause, dankte Gott auf den Knien dafür, dass er es besser mit ihr gemacht hatte, als sie hätte begreifen können. Und am dritten Tag legte sie sich hin und starb.