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Märchen lesen und erleben

Der Bärenhäuter

⏱ Lesedauer: ca. 10 Min.

Der Pakt mit dem Teufel

Es war einmal ein junger Kerl, der ließ sich als Soldat anwerben, hielt sich tapfer und war immer der vorderste, wenn es Kugeln regnete. Solange der Krieg dauerte, ging alles gut. Aber als Friede geschlossen war, erhielt er seinen Abschied, und der Hauptmann sagte, er könne gehen, wohin er wolle.

Seine Eltern waren tot und er hatte keine Heimat mehr. Da ging er zu seinen Brüdern und bat sie, ihn so lange zu unterstützen, bis wieder Krieg anfinge. Die Brüder aber waren hartherzig und sagten:

„Was sollen wir mit dir? Wir können dich nicht gebrauchen, sieh zu, wie du selbst durchkommst.“

Der Soldat hatte nichts übrig als sein Gewehr. Das nahm er auf die Schulter und wollte in die Welt ziehen. Er kam auf eine große Heide, auf der nichts zu sehen war als ein Kreis von Bäumen. Darunter setzte er sich ganz traurig nieder und sann über sein Schicksal nach.

„Ich habe kein Geld“

, dachte er,

„ich habe nichts gelernt als das Kriegshandwerk, und jetzt, da Friede ist, brauchen sie mich nicht mehr. Ich sehe voraus, dass ich verhungern muss.“

Auf einmal hörte er ein Brausen, und als er sich umblickte, stand ein unbekannter Mann vor ihm. Er trug einen grünen Rock, sah recht stattlich aus, hatte aber einen garstigen Pferdefuß.

„Ich weiß schon, was dir fehlt“

, sagte der Mann.

„Geld und Gut sollst du haben, so viel du nur durchbringen kannst. Aber ich muss zuvor wissen, ob du dich nicht fürchtest, damit ich mein Geld nicht umsonst ausgebe.“

„Ein Soldat und Furcht, wie passt das zusammen?“

, antwortete er.

„Du kannst mich auf die Probe stellen.“

„Wohlan“

, antwortete der Mann,

„schau hinter dich.“

Der Soldat wandte sich um und sah einen großen Bären, der brummend auf ihn zutrabte.

„Oho!“

, rief der Soldat,

„dich will ich an der Nase kitzeln, dass dir die Lust zum Brummen vergehen soll!“

Er legte an und schoss den Bären mitten auf die Schnauze, dass dieser tot zusammenbrach.

„Ich sehe wohl“

, sagte der Fremde,

„dass es dir an Mut nicht fehlt. Aber es ist noch eine Bedingung dabei, die du erfüllen musst.“

„Wenn es meiner Seligkeit nicht schadet“

, antwortete der Soldat, der wohl merkte, wen er vor sich hatte,

„sonst lasse ich mich auf nichts ein.“

„Das wirst du selbst sehen“

, antwortete der Grünrock.

„Du darfst dich in den nächsten sieben Jahren weder waschen, noch dir Bart und Haare kämmen, noch die Nägel schneiden, noch ein Vaterunser beten. Ich gebe dir einen Rock und einen Mantel, den du in dieser Zeit tragen musst. Stirbst du in diesen sieben Jahren, so bist du mein. Bleibst du aber am Leben, bist du frei und reich für dein Lebtag.“

Der Soldat dachte an seine große Not. Da er dem Tod schon oft ins Auge geschaut hatte, wollte er es auch jetzt wagen und willigte ein. Der Teufel zog seinen grünen Rock aus, reichte ihn dem Soldaten und sagte:

„Wenn du diesen Rock trägst und in die Tasche greifst, wirst du die Hand immer voll Geld haben.“

Dann zog er dem Bären das Fell ab und sagte:

„Das soll dein Mantel sein und auch dein Bett. Darauf musst du schlafen und in keinem anderen Bett liegen. Dieser Tracht wegen sollst du *Bärenhäuter* heißen.“

Hierauf verschwand der Teufel.

Das Leben als Bärenhäuter

Der Soldat zog den Rock an, griff gleich in die Tasche und merkte, dass die Zusage stimmte. Dann hängte er die Bärenhaut um und ging in die Welt. Er war guter Dinge und tat sich mit dem Geld gütlich.

Im ersten Jahr ging es noch leidlich, aber im zweiten sah er schon aus wie ein Ungeheuer. Das Haar bedeckte fast sein ganzes Gesicht, sein Bart glich einem Stück grobem Filz, seine Finger hatten Krallen und sein Gesicht war so schmutzig, dass Kresse darauf gewachsen wäre, wenn man sie hineingesät hätte. Wer ihn sah, lief davon. Weil er aber überall den Armen reichlich Geld gab, damit sie für ihn beteten, dass er die sieben Jahre überlebe, und weil er stets bar bezahlte, fand er doch immer eine Herberge.

Im vierten Jahr kam er in ein Wirtshaus. Der Wirt wollte ihn erst gar nicht aufnehmen und ihm nicht einmal einen Platz im Stall geben, weil er fürchtete, die Pferde würden scheu. Doch als der Bärenhäuter in die Tasche griff und eine Handvoll Dukaten hervorholte, ließ sich der Wirt erweichen. Er gab ihm eine Stube im Hintergebäude, allerdings musste der Bärenhäuter versprechen, sich nicht sehen zu lassen, damit das Haus nicht in schlechten Ruf geriete.

Die Erlösung der Familie

Als der Bärenhäuter eines Abends allein saß und sich sehnlichst wünschte, die sieben Jahre wären vorüber, hörte er im Nebenzimmer lautes Jammern. Da er ein mitleidiges Herz hatte, öffnete er die Tür und erblickte einen alten Mann, der heftig weinte und die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Der Bärenhäuter trat näher, aber der Mann sprang erschrocken auf und wollte fliehen.

Erst als er eine menschliche Stimme vernahm, ließ er sich beruhigen. Durch freundliche Worte brachte es der Bärenhäuter schließlich dazu, dass der Alte ihm seinen Kummer anvertraute. Sein Vermögen war geschwunden, seine Töchter mussten darben, und er war so arm, dass er den Wirt nicht bezahlen konnte und ins Gefängnis geworfen werden sollte.

„Wenn ihr weiter keine Sorgen habt“

, sagte der Bärenhäuter,

„Geld habe ich genug.“

Er ließ den Wirt kommen, bezahlte die Schuld und steckte dem unglücklichen Mann noch einen Beutel voll Gold in die Tasche.

Als der alte Mann sich aus seiner Not befreit sah, wusste er nicht, wie er sich dankbar erweisen sollte.

„Komm mit mir“

, sprach er zum Bärenhäuter,

„meine Töchter sind wunderschön, wähle dir eine von ihnen zur Frau. Wenn sie hört, was du für mich getan hast, wird sie sich nicht weigern. Du siehst freilich ein wenig seltsam aus, aber sie wird dich schon wieder in Ordnung bringen.“

Dem Bärenhäuter gefiel das Angebot und er ging mit.

Die Treue der jüngsten Tochter

Als die älteste Tochter ihn erblickte, erschrak sie so gewaltig vor seinem Gesicht, dass sie aufschrie und davonlief. Die zweite blieb zwar stehen und betrachtete ihn von Kopf bis Fuß, sprach dann aber:

„Wie kann ich einen Mann nehmen, der keine menschliche Gestalt mehr hat? Da gefiel mir der rasierte Bär noch besser, der sich hier einmal für einen Menschen ausgab; der hatte wenigstens einen Husarenmantel und weiße Handschuhe. Wenn er nur hässlich wäre, könnte ich mich an ihn gewöhnen.“

Die jüngste aber sprach:

„Lieber Vater, das muss ein guter Mann sein, der euch aus der Not geholfen hat. Habt ihr ihm dafür eine Braut versprochen, so muss euer Wort gehalten werden.“

Es war schade, dass das Gesicht des Bärenhäuters von Schmutz und Haaren bedeckt war, sonst hätte man sehen können, wie er sich freute. Er nahm einen Ring von seinem Finger, brach ihn entzwei und gab ihr die eine Hälfte, die andere behielt er selbst. In ihre Hälfte ritzte er seinen Namen, in seine Hälfte ihren. Er bat sie, ihr Stück gut aufzubewahren.

Hierauf nahm er Abschied und sprach:

„Ich muss noch drei Jahre wandern. Wenn ich nicht wiederkomme, bist du frei, weil ich dann tot bin. Bitte aber Gott, dass er mir das Leben erhält.“

Die arme Braut kleidete sich ganz in Schwarz. Wenn sie an ihren Bräutigam dachte, kamen ihr die Tränen in die Augen. Von ihren Schwestern erntete sie nichts als Hohn und Spott.

„Nimm dich in Acht“

, sagte die älteste,

„wenn du ihm die Hand reichst, schlägt er dir mit der Tatze darauf.“

„Hüte dich“

, meinte die zweite,

„Bären lieben Süßes. Wenn du ihm gefällst, frisst er dich auf.“

„Du musst immer tun, was er will“

, hob die älteste wieder an,

„sonst fängt er an zu brummen.“

Und die zweite fügte hinzu:

„Die Hochzeit wird bestimmt lustig, Bären tanzen ja so gut.“

Die Braut schwieg und ließ sich nicht beirren.

Die Rückkehr des Soldaten

Der Bärenhäuter zog weiter durch die Welt, tat Gutes, wo er konnte, und half den Armen, damit sie für ihn beteten.

Als der letzte Tag der sieben Jahre anbrach, ging er wieder hinaus auf die Heide und setzte sich unter die Bäume. Es dauerte nicht lange, da sauste der Wind, und der Teufel stand mit finsterer Miene vor ihm. Er warf dem Soldaten den alten Rock hin und verlangte seinen grünen zurück.

„So weit sind wir noch nicht“

, antwortete der Bärenhäuter.

„Erst musst du mich reinigen.“

Der Teufel mochte wollen oder nicht, er musste Wasser holen, den Bärenhäuter waschen, ihm die Haare kämmen und die Nägel schneiden. Danach sah der Soldat wieder wie ein tapferer Kriegsmann aus und war schöner als je zuvor.

Als der Teufel wütend abgezogen war, fühlte sich der Soldat ganz leicht ums Herz. Er ging in die Stadt, zog einen prächtigen Samtrock an, setzte sich in eine Kutsche mit vier Schimmeln und fuhr zum Haus seiner Braut.

Niemand erkannte ihn. Der Vater hielt ihn für einen vornehmen Offizier und führte ihn in die Stube, in der die Töchter saßen. Er musste sich zwischen den beiden ältesten niederlassen. Sie schenkten ihm Wein ein, reichten ihm die besten Bissen und dachten, sie hätten noch nie einen schöneren Mann gesehen. Die Braut aber saß in ihrem schwarzen Kleid gegenüber, blickte nicht auf und sprach kein Wort.

Als er schließlich den Vater fragte, ob er ihm eine seiner Töchter zur Frau geben wolle, sprangen die beiden ältesten auf und liefen in ihre Kammern, um sich festlich anzuziehen, da jede sich Hoffnung machte.

Sobald der Fremde mit seiner Braut allein war, holte er den halben Ring hervor und warf ihn in einen Becher Wein, den er ihr reichte. Sie nahm ihn an. Als sie getrunken hatte und den Ring auf dem Grund liegen sah, schlug ihr das Herz höher. Sie holte ihre Hälfte, die sie an einem Band um den Hals trug, hielt sie an das andere Stück, und beide Teile passten vollkommen zusammen.

Da sprach er:

„Ich bin dein verlobter Bräutigam, den du als Bärenhäuter gesehen hast. Durch Gottes Gnade habe ich meine menschliche Gestalt wieder und bin rein geworden.“

Er ging auf sie zu, umarmte sie und küsste sie.

In diesem Moment kamen die beiden Schwestern im Festkleid herein. Als sie sahen, dass der schöne Mann der jüngsten gehörte, und erfuhren, dass er der Bärenhäuter war, liefen sie voll Zorn und Neid hinaus. Die eine ertränkte sich im Brunnen, die andere erhängte sich an einem Baum.

Am Abend klopfte es an der Tür. Als der Bräutigam öffnete, stand der Teufel im grünen Rock draußen und sagte:

„Siehst du, nun habe ich zwei Seelen für deine eine!“