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Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Der Hase und der Igel

⏱ Lesedauer: ca. 7 Min.

Die Begegnung am Sonntagmorgen

Diese Geschichte ist zwar ein wenig lügenhaft zu erzählen, liebe Kinder, aber wahr ist sie doch. Denn mein Großvater, von dem ich sie habe, pflegte immer zu sagen, wenn er sie behaglich vortrug:

„Wahr muss sie doch sein, mein Sohn, sonst könnte man sie ja gar nicht erzählen.“

Die Geschichte hat sich aber so zugetragen:

Es war an einem schönen Sonntagmorgen zur Herbstzeit, gerade als der Buchweizen blühte. Die Sonne stand hell am Himmel, der Morgenwind ging warm über die Stoppelfelder, die Lerchen sangen in der Luft, die Bienen summten im Buchweizen, und die Leute gingen in ihrem Sonntagsstaat zur Kirche. Alle Kreatur war vergnügt, und der Igel auch.

Der Igel stand vor seiner Tür, hatte die Arme verschränkt, blickte in den Morgenwind hinaus und trällerte ein kleines Liedchen vor sich hin, so gut und so schlecht, wie ein Igel am lieben Sonntagmorgen eben zu singen pflegt. Während er noch leise vor sich hin sang, fiel ihm ein, er könne wohl, während seine Frau die Kinder wusch und anzog, ein bisschen im Feld spazieren gehen und nachsehen, wie seine Steckrüben stünden. Die Steckrüben waren ganz nah bei seinem Haus, und da er mit seiner Familie davon zu essen pflegte, sah er sie als sein Eigentum an.

Gesagt, getan. Der Igel machte die Haustür hinter sich zu und schlug den Weg zum Feld ein. Er war noch nicht weit vom Haus und wollte gerade um den Schlehenbusch, der dort vor dem Feld stand, zum Steckrübenacker hinübergehen, als ihm der Hase begegnete, der in ähnlichen Geschäften unterwegs war, nämlich um seinen Kohl zu besehen.

Die Wette auf der Heide

Als der Igel den Hasen sah, wünschte er ihm einen freundlichen guten Morgen. Der Hase aber, der auf seine Weise ein vornehmer Herr war und grausam hochmütig dazu, antwortete gar nicht auf den Gruß des Igels, sondern sagte zu ihm mit einer sehr höhnischen Miene:

„Wie kommt es denn, dass du hier schon bei so frühem Morgen im Feld herumläufst?“

„Ich gehe spazieren“

, sagte der Igel.

„Spazieren?“

, lachte der Hase.

„Mir scheint, du könntest deine Beine auch zu besseren Dingen gebrauchen.“

Diese Antwort verdross den Igel ungeheuer. Alles konnte er ertragen, aber auf seine Beine ließ er nichts kommen, weil sie von Natur aus krumm waren.

„Du bildest dir wohl ein“

, sagte der Igel zum Hasen,

„dass du mit deinen Beinen mehr ausrichten kannst?“

„Das denke ich doch“

, sagte der Hase.

„Das kommt auf einen Versuch an“

, meinte der Igel.

„Ich wette, wenn wir um die Wette laufen, laufe ich an dir vorbei.“

„Das ist zum Lachen! Du mit deinen krummen Beinen!“

, sagte der Hase.

„Aber meinetwegen, wenn du so große Lust hast. Was gilt die Wette?“

„Einen goldenen Friedrich d'or und eine Flasche Branntwein“

, sagte der Igel.

„Angenommen!“

, sprach der Hase.

„Schlag ein, und dann kann es gleich losgehen.“

„Nein, so große Eile hat es nicht“

, meinte der Igel,

„ich bin noch ganz nüchtern. Erst will ich nach Hause gehen und ein bisschen frühstücken. In einer halben Stunde bin ich wieder hier.“

Damit ging der Igel, und der Hase war es zufrieden. Unterwegs dachte der Igel bei sich:

„Der Hase verlässt sich auf seine langen Beine, aber ich will ihn schon kriegen. Er ist zwar ein vornehmer Herr, aber doch ein dummer Kerl, und bezahlen muss er die Wette.“

Der Plan des Igels

Als der Igel nach Hause kam, sprach er zu seiner Frau:

„Frau, zieh dich schnell an, du musst mit mir hinaus aufs Feld.“

„Was gibt es denn?“

, fragte seine Frau.

„Ich habe mit dem Hasen gewettet, um einen goldenen Friedrich d'or und eine Flasche Branntwein. Ich will mit ihm um die Wette laufen, und da sollst du dabei sein.“

„Oh mein Gott, Mann“

, fing die Frau an zu weinen,

„bist du verrückt geworden? Hast du ganz den Verstand verloren? Wie kannst du mit dem Hasen um die Wette laufen wollen?“

„Schweig, Frau!“

, sagte der Igel.

„Das ist meine Sache. Rede nicht in Männergeschäfte hinein. Marsch, zieh dich an und komm mit.“

Was sollte die Frau tun? Sie musste wohl folgen, ob sie wollte oder nicht.

Als sie miteinander unterwegs waren, sprach der Igel zu seiner Frau:

„Nun pass auf, was ich dir sage. Siehst du, auf dem langen Acker dort wollen wir unseren Wettlauf machen. Der Hase läuft in der einen Furche und ich in der anderen, und von oben fangen wir an zu laufen. Du hast weiter nichts zu tun, als dich unten in die Furche zu stellen. Wenn der Hase auf deiner Seite ankommt, rufst du ihm entgegen: ‚Ich bin schon hier!‘“

Der Wettlauf

Damit waren sie beim Acker angelangt. Der Igel wies seiner Frau ihren Platz an und ging den Acker hinauf. Als er oben ankam, war der Hase schon da.

„Kann es losgehen?“

, fragte der Hase.

„Jawohl“

, sagte der Igel.

„Dann man tau! (Auf geht's!)“

Und damit stellte sich jeder in seine Furche. Der Hase zählte:

„Eins, zwei, drei!“

und los lief er wie ein Sturmwind den Acker hinab. Der Igel aber lief nur ungefähr drei Schritte, duckte sich dann in die Furche und blieb ruhig sitzen.

Als der Hase in vollem Lauf unten am Acker ankam, rief ihm die Frau des Igels entgegen:

„Ich bin schon hier!“

Der Hase stutzte und wunderte sich nicht wenig. Er glaubte natürlich, es sei der Igel selbst, der ihm das zurief; denn bekanntlich sieht die Frau des Igels genauso aus wie ihr Mann.

Der Hase aber dachte:

„Das geht nicht mit rechten Dingen zu.“

Er rief:

„Noch einmal gelaufen, wieder umkehren!“

Und fort ging er wieder wie ein Sturmwind, dass ihm die Ohren am Kopf flogen. Die Frau des Igels blieb ruhig auf ihrem Platz sitzen. Als der Hase oben ankam, rief ihm der Igel entgegen:

„Ich bin schon hier!“

Der Hase aber, ganz außer sich vor Ärger, schrie:

„Noch einmal gelaufen, wieder umkehren!“

„Mir ist es recht“

, antwortete der Igel,

„meinetwegen so oft du Lust hast.“

So lief der Hase noch dreiundsiebzigmal, und der Igel hielt es immer mit ihm aus. Jedes Mal, wenn der Hase unten oder oben ankam, riefen der Igel oder seine Frau:

„Ich bin schon hier!“

Die Lehre aus der Geschichte

Zum vierundsiebzigsten Mal aber kam der Hase nicht mehr ans Ziel. Mitten auf dem Acker stürzte er zu Boden, das Blut schoss ihm aus dem Hals, und er blieb tot auf dem Platz liegen.

Der Igel aber nahm seinen gewonnenen Friedrich d'or und die Flasche Branntwein, rief seine Frau aus der Furche, und beide gingen vergnügt miteinander nach Hause. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.

So trug es sich zu, dass auf der Buxtehuder Heide der Igel den Hasen totgelaufen hat. Und seit jener Zeit hat es sich kein Hase wieder einfallen lassen, mit dem Buxtehuder Igel um die Wette zu laufen.

Die Lehre aus dieser Geschichte ist erstens: Keiner, und wenn er sich noch so vornehm dünkt, soll sich beikommen lassen, sich über einen geringen Mann lustig zu machen, und wenn es auch nur ein Igel wäre. Und zweitens ist es ratsam, wenn einer heiratet, dass er sich eine Frau aus seinem Stande nimmt, die genauso aussieht wie er selbst. Wer also ein Igel ist, muss zusehen, dass seine Frau auch ein Igel ist, und so weiter.