Märchenstern Logo
Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Der heilige Joseph im Walde

⏱ Lesedauer: ca. 6 Min.

Es war einmal eine Mutter, die hatte drei Töchter. Davon war die älteste unartig und bös, die zweite schon viel besser, obgleich sie auch ihre Fehler hatte, die jüngste aber war ein frommes, gutes Kind. Die Mutter war aber so wunderlich, dass sie gerade die älteste Tochter am liebsten hatte und die jüngste nicht leiden konnte. Daher schickte sie das arme Mädchen oft hinaus in einen großen Wald, um es sich vom Hals zu schaffen. Sie dachte, es würde sich verirren und nimmermehr wiederkommen. Aber der Schutzengel, den jedes fromme Kind hat, verließ es nicht, sondern brachte es immer wieder auf den rechten Weg.

Die jüngste Tochter im Wald

Einmal jedoch tat das Schutzenglein, als wenn es nicht bei der Hand wäre, und das Kind konnte sich nicht wieder aus dem Walde herausfinden. Es ging immerfort, bis es Abend wurde. Da sah es in der Ferne ein Lichtchen brennen, lief darauf zu und kam vor eine kleine Hütte. Es klopfte an, die Tür ging auf, und es gelangte zu einer zweiten Tür, wo es wieder anklopfte. Ein alter Mann, der einen schneeweißen Bart hatte und ehrwürdig aussah, machte ihm auf. Das war niemand anderes als der heilige Joseph.

Er sprach ganz freundlich:

„Komm, liebes Kind, setze dich ans Feuer auf mein Stühlchen und wärme dich. Ich will dir klares Wasser holen, wenn du Durst hast. Zu essen aber habe ich hier im Wald nichts für dich als ein paar Würzelchen, die musst du dir erst schaben und kochen.“

Der heilige Joseph reichte dem Mädchen die Wurzeln. Das Mädchen schrappte sie säuberlich ab, holte dann ein Stückchen Pfannkuchen und das Brot, das ihm seine Mutter mitgegeben hatte, und tat alles zusammen in ein Kesselchen ans Feuer. So kochte es sich ein Mus. Als das fertig war, sprach der heilige Joseph:

„Ich bin so hungrig, gib mir etwas von deinem Essen.“

Da war das Kind bereitwillig und gab ihm mehr, als es für sich behielt. Doch war Gottes Segen dabei, sodass es satt wurde.

Als sie nun gegessen hatten, sprach der heilige Joseph:

„Nun wollen wir zu Bett gehen. Ich habe aber nur ein Bett; lege du dich hinein, ich will mich ins Stroh auf die Erde legen.“

„Nein“

, antwortete es,

„bleib du nur in deinem Bett, für mich ist das Stroh weich genug.“

Der heilige Joseph aber nahm das Kind auf den Arm und trug es ins Bettchen. Da sprach es sein Gebet und schlief ein. Am anderen Morgen, als es aufwachte, wollte es dem heiligen Joseph guten Morgen sagen, aber es sah ihn nicht. Da stand es auf und suchte ihn, konnte ihn aber in keiner Ecke finden. Endlich gewahrte es hinter der Tür einen Sack mit Geld, so schwer, wie es ihn nur tragen konnte. Darauf stand geschrieben, das wäre für das Kind, das heute Nacht hier geschlafen hätte. Da nahm es den Sack, sprang damit fort und kam auch glücklich zu seiner Mutter. Und weil es ihr all das Geld schenkte, konnte sie nicht anders: Sie musste mit ihm zufrieden sein.

Die zweite Tochter

Am folgenden Tag bekam das zweite Kind auch Lust, in den Wald zu gehen. Die Mutter gab ihm ein viel größeres Stück Pfannkuchen und Brot mit. Es erging ihm nun gerade wie dem ersten Kind.

Abends kam es in das Hüttchen des heiligen Joseph, der ihm Wurzeln zu einem Mus reichte. Als das fertig war, sprach er gleichfalls zu ihm:

„Ich bin so hungrig, gib mir etwas von deinem Essen.“

Da antwortete das Kind:

„Iss mit.“

Als ihm danach der heilige Joseph sein Bett anbot und sich aufs Stroh legen wollte, antwortete es:

„Nein, leg dich mit ins Bett, wir haben ja beide wohl Platz darin.“

Der heilige Joseph nahm es auf den Arm, legte es ins Bettchen und legte sich selbst ins Stroh.

Morgens, als das Kind aufwachte und den heiligen Joseph suchte, war er verschwunden. Aber hinter der Tür fand es ein Säckchen mit Geld, das war händelang, und darauf stand geschrieben, es wäre für das Kind, das heute Nacht hier geschlafen hätte. Da nahm es das Säckchen, lief damit heim und brachte es seiner Mutter. Doch behielt es heimlich ein paar Stücke für sich.

Die älteste Tochter und die Strafe

Nun war die älteste Tochter neugierig geworden und wollte am folgenden Morgen auch hinaus in den Wald. Die Mutter gab ihr Pfannkuchen mit, so viel sie wollte, Brot und auch Käse dazu.

Abends fand sie den heiligen Joseph in seinem Hüttchen gerade so, wie ihn die zwei anderen gefunden hatten. Als das Mus fertig war und der heilige Joseph sprach:

„Ich bin so hungrig, gib mir etwas von deinem Essen“

, antwortete das Mädchen:

„Warte, bis ich satt bin. Was ich dann übrig lasse, das sollst du haben.“

Es aß aber beinah alles auf, und der heilige Joseph musste das Schüsselchen ausschaben. Der gute Alte bot ihm hernach sein Bett an und wollte auf dem Stroh liegen. Das nahm es ohne Widerrede an, legte sich in das Bettchen und ließ dem Greis das harte Stroh.

Am anderen Morgen, als es aufwachte, war der heilige Joseph nicht zu finden. Doch darüber machte es sich keine Sorgen; es suchte hinter der Tür nach einem Geldsack. Es kam ihm vor, als läge etwas auf der Erde. Weil es aber nicht recht unterscheiden konnte, was es war, bückte es sich und stieß mit seiner Nase daran. Da blieb es an der Nase hängen, und wie es sich aufrichtete, sah es zu seinem Schrecken, dass es noch eine zweite Nase war, die an der seinen festhing.

Da fing es an zu schreien und zu heulen, aber das half nichts; es musste immer auf seine Nase sehen, wie sie so weit hinausstand. Da lief es schreiend fort, bis es dem heiligen Joseph begegnete. Dem fiel es zu Füßen und bat so lange, bis er aus Mitleid die Nase wieder abnahm und ihm noch zwei Pfennige schenkte.

Als es daheim ankam, stand vor der Tür seine Mutter und fragte:

„Was hast du geschenkt gekriegt?“

Da log es und antwortete:

„Einen großen Sack voll Geld, aber ich habe ihn unterwegs verloren.“

„Verloren!“

, rief die Mutter.

„O, den wollen wir schon wiederfinden!“

, nahm es bei der Hand und wollte mit ihm suchen. Zuerst fing es an zu weinen und wollte nicht mitgehen, endlich aber ging es mit. Doch auf dem Weg kamen so viele Eidechsen und Schlangen auf sie beide los, dass sie sich nicht zu retten wussten. Sie bissen schließlich das böse Kind tot, und die Mutter stachen sie in den Fuß, weil sie es nicht besser erzogen hatte.