Autor: Gebrüder Grimm
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**186.**
**Die wahre Braut.**
Die grausame Stiefmutter
Es war einmal ein Mädchen, das war jung und schön, aber seine Mutter war ihm früh gestorben, und die Stiefmutter tat ihm alles erdenkliche Herzeleid an. Wenn sie ihm eine Arbeit auftrug, sie mochte noch so schwer sein, so ging es unverdrossen daran und tat, was in seinen Kräften stand. Aber es konnte damit das Herz der bösen Frau nicht rühren. Immer war sie unzufrieden, immer war es nicht genug. Je fleißiger es arbeitete, desto mehr wurde ihm auferlegt, und sie hatte keinen anderen Gedanken, als wie sie ihm eine immer größere Last aufbürden und das Leben recht sauer machen konnte.
Die zwölf Pfund Federn
Eines Tages sagte sie zu ihm:
Das arme Mädchen setzte sich zu der Arbeit nieder, aber die Tränen flossen ihm dabei über die Wangen herab, denn es sah wohl, dass es unmöglich war, mit der Arbeit an einem Tage zu Ende zu kommen. Wenn es ein Häufchen Federn vor sich liegen hatte und vor Angst seufzte oder die Hände zusammenschlug, so stoben sie auseinander, und es musste sie wieder auflesen und von Neuem anfangen. Da stützte es einmal die Ellbogen auf den Tisch, legte sein Gesicht in beide Hände und rief:
In diesem Augenblick hörte es eine sanfte Stimme, die sprach:
Das Mädchen blickte auf, und eine alte Frau stand neben ihm. Sie fasste das Mädchen freundlich an der Hand und sprach:
Da sie so herzlich sprach, erzählte ihr das Mädchen von seinem traurigen Leben, dass ihm eine Last auf die andere gelegt würde und es mit den aufgegebenen Arbeiten nicht mehr zu Ende kommen könne.
Ihre Tränen fingen wieder an zu fließen, aber die gute Alte sprach:
Das Mädchen legte sich auf sein Bett und schlief bald ein. Die Alte setzte sich an den Tisch zu den Federn – und wie flogen sie von den Kielen ab, die sie mit ihren dürren Händen kaum berührte! Bald war sie mit den zwölf Pfund fertig. Als das Mädchen erwachte, lagen große, schneeweiße Haufen aufgetürmt und alles war im Zimmer reinlich aufgeräumt, aber die Alte war verschwunden.
Das Mädchen dankte Gott und saß still, bis der Abend kam. Da trat die Stiefmutter herein und staunte über die vollbrachte Arbeit.
, sprach sie,
Als sie hinausging, dachte sie:
Der durchlöcherte Löffel
Am anderen Morgen rief sie das Mädchen und sprach:
Das Mädchen nahm den Löffel und sah, dass er durchlöchert war. Und selbst wenn er es nicht gewesen wäre – es hätte den Teich niemals damit ausschöpfen können. Es machte sich gleich an die Arbeit, kniete am Wasser nieder, in das seine Tränen fielen, und schöpfte. Aber die gute Alte erschien wieder, und als sie die Ursache für seinen Kummer erfuhr, sprach sie:
Als die Alte allein war, berührte sie nur den Teich. Wie ein Dunst stieg das Wasser in die Höhe und vermischte sich mit den Wolken. Allmählich wurde der Teich leer. Als das Mädchen vor Sonnenuntergang erwachte und herbeikam, sah es nur noch die Fische, die im Schlamm zappelten. Es ging zu der Stiefmutter und zeigte ihr an, dass die Arbeit vollbracht sei.
, sagte diese und wurde blass vor Ärger. Doch sie sann bereits auf etwas Neues.
Das Wunderschloss
Am dritten Morgen sprach sie zu dem Mädchen:
Das Mädchen erschrak und sagte:
, schrie die Stiefmutter.
Sie trieb das Mädchen fort. Als es in das Tal kam, lagen dort die Felsen übereinandergetürmt; mit all seiner Kraft konnte es den kleinsten nicht einmal bewegen. Es setzte sich nieder und weinte, doch hoffte es auf den Beistand der guten Alten. Sie ließ auch nicht lange auf sich warten, kam und sprach ihm Trost zu:
Als das Mädchen weggegangen war, rührte die Alte die grauen Felsen an. Alsbald regten sie sich, rückten zusammen und standen da, als hätten Riesen die Mauer gebaut. Darauf erhob sich das Gebäude, und es war, als ob unzählige Hände unsichtbar arbeiteten und Stein auf Stein legten. Der Boden dröhnte, große Säulen stiegen von selbst in die Höhe und stellten sich nebeneinander in Ordnung auf. Auf dem Dach legten sich die Ziegel zurecht, und als es Mittag war, drehte sich schon die große Wetterfahne wie eine goldene Jungfrau mit fliegendem Gewand auf der Spitze des Turms.
Das Innere des Schlosses war bis zum Abend vollendet. Wie es die Alte anfing, weiß ich nicht, aber die Wände der Zimmer waren mit Seide und Samt bezogen. Bunt gestickte Stühle standen da und reich verzierte Armsessel an Tischen aus Marmor. Kristallene Kronleuchter hingen von der Decke herab und spiegelten sich im glatten Boden. Grüne Papageien saßen in goldenen Käfigen und fremde Vögel sangen lieblich – überall herrschte eine Pracht, als ob ein König einziehen sollte.
Die Sonne wollte eben untergehen, als das Mädchen erwachte und ihm der Glanz von tausend Lichtern entgegenleuchtete. Mit schnellen Schritten kam es heran und trat durch das geöffnete Tor in das Schloss. Die Treppe war mit rotem Tuch belegt und das goldene Geländer mit blühenden Bäumen besetzt. Als es die Pracht der Zimmer erblickte, blieb es wie erstarrt stehen. Wer weiß, wie lange es so gestanden hätte, wenn ihm nicht der Gedanke an die Stiefmutter gekommen wäre.
, sprach es zu sich selbst,
Das Mädchen ging und zeigte ihr an, dass das Schloss fertig sei.
, sagte die Stiefmutter und erhob sich von ihrem Sitz.
Als sie in das Schloss eintrat, musste sie die Hand vor die Augen halten, so blendete sie der Glanz.
, sagte sie zu dem Mädchen,
Sie ging durch alle Zimmer und spürte in allen Ecken nach, ob etwas fehle oder mangelhaft sei, aber sie konnte nichts finden.
, sprach sie und sah das Mädchen mit boshaften Blicken an.
Aber das Feuer brannte auf dem Herd, in den Töpfen kochten die Speisen, Zange und Schaufel lehnten bereit und an den Wänden war das blanke Geschirr aus Messing aufgestellt. Nichts fehlte, selbst der Kohlenkasten und die Wassereimer nicht.
, rief sie.
Sie hob selbst die Falltür auf und stieg die Treppe hinab. Aber kaum hatte sie zwei Schritte getan, stürzte die schwere Falltür, die nur angelehnt war, herab. Das Mädchen hörte einen Schrei und hob die Tür schnell auf, um ihr zu helfen. Doch die Stiefmutter war hinabgestürzt und lag tot auf dem Boden.
Der Abschied unter der Linde
Nun gehörte das prächtige Schloss dem Mädchen ganz allein. Es wusste sich in der ersten Zeit gar nicht in seinem Glück zurechtzufinden. Schöne Kleider hingen in den Schränken, die Truhen waren mit Gold und Silber oder mit Perlen und Edelsteinen angefüllt, und es hatte keinen Wunsch, den es sich nicht erfüllen konnte. Bald ging der Ruf von der Schönheit und dem Reichtum des Mädchens durch die ganze Welt. Jeden Tag meldeten sich Freier, aber keiner gefiel ihr.
Endlich kam auch ein Königssohn, der ihr Herz zu rühren wusste, und sie verlobte sich mit ihm. Im Schlossgarten stand eine grüne Linde, unter der sie eines Tages vertraulich zusammensaßen. Da sagte er zu ihr:
Das Mädchen küsste ihn auf die linke Wange und sprach:
Die verlorene Braut als Hirtin
Das Mädchen blieb unter der Linde sitzen, bis die Sonne unterging, aber er kam nicht zurück. Sie saß drei Tage von morgens bis abends da und erwartete ihn, doch vergeblich. Als er am vierten Tag noch immer nicht da war, sagte sie:
Sie packte drei ihrer schönsten Kleider zusammen – eines mit glänzenden Sternen gestickt, das zweite mit silbernen Monden, das dritte mit goldenen Sonnen –, band eine Handvoll Edelsteine in ihr Tuch und machte sich auf den Weg. Sie fragte überall nach ihrem Bräutigam, aber niemand hatte ihn gesehen, niemand wusste von ihm. Weit und breit wanderte sie durch die Welt, aber sie fand ihn nicht.
Endlich verdingte sie sich bei einem Bauern als Hirtin und vergrub ihre Kleider und Edelsteine unter einem großen Stein. Nun lebte sie als Hirtin, hütete ihre Herde, war traurig und voller Sehnsucht nach ihrem Geliebten. Sie hatte ein Kälbchen, das sie an sich gewöhnte und aus der Hand fütterte. Wenn sie sprach:
,
so kniete das Kälbchen nieder und ließ sich von ihr streicheln.
Das Fest am Königshof
Als sie ein paar Jahre einsam und kummervoll gelebt hatte, verbreitete sich im Land das Gerücht, dass die Tochter des Königs ihre Hochzeit feiern wolle. Der Weg nach der Stadt führte an dem Dorf vorbei, in dem das Mädchen wohnte. Und so trug es sich zu, als sie einmal ihre Herde austrieb, dass der Bräutigam vorüberzog. Er saß stolz auf seinem Pferd und sah sie nicht an, aber als sie ihn erblickte, erkannte sie ihren Liebsten. Es war, als ob ihr ein scharfes Messer ins Herz schnitte.
, sagte sie,
Am anderen Tag kam er wieder des Weges vorbei. Als er in ihrer Nähe war, sprach sie zum Kälbchen:
Als er die Stimme vernahm, blickte er herab und hielt sein Pferd an. Er schaute der Hirtin ins Gesicht, legte dann die Hand vor die Augen, als wollte er sich auf etwas besinnen, aber schnell ritt er weiter und war bald verschwunden.
, sagte sie,
, und ihre Trauer wurde immer größer.
Bald darauf sollte am Hofe des Königs drei Tage lang ein großes Fest gefeiert werden, und das ganze Land war dazu eingeladen.
, dachte das Mädchen. Als der Abend kam, ging sie zu dem Stein, unter dem sie ihre Schätze vergraben hatte. Sie holte das Kleid mit den goldenen Sonnen hervor, legte es an und schmückte sich mit den Edelsteinen. Ihre Haare, die sie unter einem Tuch verborgen hatte, öffnete sie, und sie fielen in langen Locken an ihr herab. So ging sie in die Stadt und wurde in der Dunkelheit von niemandem bemerkt.
Als sie in den hell erleuchteten Saal trat, wichen alle voller Verwunderung zurück, aber niemand wusste, wer sie war. Der Königssohn ging ihr entgegen, doch er erkannte sie nicht. Er führte sie zum Tanz und war so entzückt von ihrer Schönheit, dass er an die andere Braut gar nicht mehr dachte. Als das Fest vorüber war, verschwand sie im Gedränge und eilte vor Tagesanbruch in das Dorf zurück, wo sie ihr Hirtenkleid wieder anlegte.
Am zweiten Abend nahm sie das Kleid mit den silbernen Monden heraus und steckte einen Halbmond aus Edelsteinen in ihr Haar. Als sie sich auf dem Fest zeigte, wandten sich alle Augen ihr zu. Der Königssohn eilte ihr entgegen und, ganz von Liebe erfüllt, tanzte er mit ihr allein und blickte keine andere mehr an. Ehe sie wegging, musste sie ihm versprechen, am letzten Abend nochmals zum Fest zu kommen.
Die wahre Braut wird erkannt
Als sie zum dritten Mal erschien, hatte sie das Sternenkleid an, das bei jedem ihrer Schritte funkelte. Ihr Haarband und ihr Gürtel waren Sterne aus Edelsteinen. Der Königssohn hatte schon lange auf sie gewartet und drängte sich zu ihr hin.
, sprach er.
, antwortete sie,
Da trat sie zu ihm heran und küsste ihn auf die linke Wange. In diesem Augenblick fiel es wie Schuppen von seinen Augen, und er erkannte die wahre Braut.
, sagte er zu ihr,
Er reichte ihr die Hand und führte sie hinab zu dem Wagen. Als wäre der Wind vor den Wagen gespannt, so eilten die Pferde zu dem Wunderschloss. Schon von Weitem glänzten die erleuchteten Fenster. Als sie bei der Linde vorbeifuhren, schwärmten unzählige Glühwürmchen darin; sie schüttelte ihre Äste und sandte ihre Düfte herab. Auf der Treppe blühten die Blumen, aus den Zimmern schallte der Gesang der fremden Vögel. Im Saal aber stand der ganze Hof versammelt, und der Priester wartete bereits, um den Bräutigam mit der wahren Braut zu vermählen.

