Märchenstern Logo
Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Spindel, Weberschiffchen und Nadel

⏱ Lesedauer: ca. 6 Min.

**188.**

**Spindel, Weberschiffchen und Nadel.**

Das arme Mädchen

Es war einmal ein Mädchen, dem starben Vater und Mutter, als es noch ein kleines Kind war. Am Ende des Dorfes wohnte in einem Häuschen ganz allein seine Patin, die sich vom Spinnen, Weben und Nähen ernährte. Die Alte nahm das verlassene Kind zu sich, hielt es zur Arbeit an und erzog es in aller Frömmigkeit.

Als das Mädchen fünfzehn Jahre alt war, erkrankte die Alte, rief das Kind an ihr Bett und sagte: „Liebe Tochter, ich fühle, dass mein Ende herannaht. Ich hinterlasse dir das Häuschen – darin bist du vor Wind und Wetter geschützt. Dazu Spindel, Weberschiffchen und Nadel, damit kannst du dir dein Brot verdienen." Sie legte noch die Hände auf seinen Kopf, segnete es und sprach: „Behalt nur Gott in deinem Herzen, so wird es dir wohl ergehen."

Darauf schloss sie die Augen. Als sie zur Erde bestattet wurde, ging das Mädchen bitterlich weinend hinter dem Sarg und erwies ihr die letzte Ehre.

Fleißige Hände, gesegnetes Haus

Das Mädchen lebte nun in dem kleinen Haus ganz allein. Es war fleißig, spann, webte und nähte, und auf allem, was es tat, ruhte der Segen der guten Alten. Es war, als ob sich der Flachs in der Kammer von selbst mehrte. Wenn sie ein Stück Tuch oder einen Teppich gewebt oder ein Hemd genäht hatte, fand sich gleich ein Käufer, der es reichlich bezahlte. So litt sie keine Not und konnte anderen noch etwas mitteilen.

Der Königssohn sucht eine Braut

Um diese Zeit zog der Sohn des Königs durch das Land und wollte sich eine Braut suchen. Eine Arme sollte er nicht wählen, und eine Reiche wollte er nicht. Da sprach er: „Die soll meine Frau werden, die zugleich die Ärmste und die Reichste ist."

Als er in das Dorf kam, wo das Mädchen lebte, fragte er, wie er es überall tat, wer im Ort die Reichste und die Ärmste wäre. Die Reichste nannten sie ihm zuerst. Die Ärmste, sagten sie, wäre das Mädchen, das in dem kleinen Haus ganz am Ende wohnte.

Die Reiche saß vor der Haustür in vollem Putz, und als der Königssohn sich näherte, stand sie auf, ging ihm entgegen und verneigte sich vor ihm. Er sah sie an, sprach kein Wort und ritt weiter.

Als er zu dem Haus der Armen kam, stand das Mädchen nicht an der Tür, sondern saß in ihrer Stube. Er hielt das Pferd an und sah durch das Fenster, durch das die helle Sonne schien. Das Mädchen saß am Spinnrad und spann emsig. Es blickte auf, und als es bemerkte, dass der Königssohn hereinschaute, errötete es von Kopf bis Fuß, schlug die Augen nieder und spann weiter. Ob der Faden diesmal ganz gleich wurde, weiß ich nicht – aber es spann so lange, bis der Königssohn wieder weitergeritten war. Dann trat es ans Fenster, öffnete es und sagte: „Es ist so heiß in der Stube." Dabei blickte es ihm nach, so lange es noch die weißen Federn an seinem Hut erkennen konnte.

Die Spindel tanzt

Das Mädchen setzte sich wieder in seine Stube zur Arbeit und spann weiter. Da kam ihm ein Spruch in den Sinn, den die Alte manchmal gesagt hatte, wenn es bei der Arbeit saß, und es sang leise vor sich hin:

„Spindel, Spindel, geh du aus, bring den Freier in mein Haus."

Was geschah? Die Spindel sprang ihm augenblicklich aus der Hand und zur Tür hinaus. Voller Verwunderung stand es auf und sah ihr nach – die Spindel tanzte lustig in das Feld hinein und zog einen glänzenden goldenen Faden hinter sich her. Nicht lange, so war sie ihm aus den Augen entschwunden.

Das Mädchen, da es keine Spindel mehr hatte, nahm das Weberschiffchen in die Hand, setzte sich an den Webstuhl und fing an zu weben.

Die Spindel aber tanzte immer weiter. Gerade als der Faden zu Ende war, hatte sie den Königssohn erreicht. „Was sehe ich?", rief er. „Die Spindel will mir wohl den Weg zeigen!" Er drehte sein Pferd um und ritt dem goldenen Faden entlang zurück.

Das Mädchen saß an seiner Arbeit und sang:

„Schiffchen, Schiffchen, webe fein, führ den Freier mir herein."

Alsbald sprang das Schiffchen aus der Hand und zur Tür hinaus. Vor der Türschwelle fing es an, einen Teppich zu weben, schöner als man je einen gesehen hatte. Auf beiden Seiten blühten Rosen und Lilien, und in der Mitte auf goldenem Grund stiegen grüne Ranken herauf. Darin sprangen Hasen und Kaninchen, Hirsche und Rehe streckten die Köpfe dazwischen, oben in den Zweigen saßen bunte Vögel – es fehlte nichts als dass sie gesungen hätten. Das Schiffchen sprang hin und her, und es war, als wüchse alles von selbst.

Die Nadel richtet das Haus

Weil das Schiffchen fortgelaufen war, hatte sich das Mädchen zum Nähen hingesetzt. Es hielt die Nadel in der Hand und sang:

„Nadel, Nadel, spitz und fein, mach das Haus dem Freier rein."

Da sprang die Nadel aus den Fingern und flog in der Stube hin und her, so schnell wie der Blitz. Es war nicht anders, als wenn unsichtbare Geister arbeiteten. Alsbald überzogen sich Tisch und Bänke mit grünem Tuch, die Stühle mit Sammet, und an den Fenstern hingen seidene Vorhänge herab.

Kaum hatte die Nadel den letzten Stich getan, sah das Mädchen schon durch das Fenster die weißen Federn von dem Hut des Königssohns, den die Spindel an dem goldenen Faden herbeigeholt hatte.

Die Begegnung

Er stieg ab, schritt über den Teppich in das Haus herein, und als er in die Stube trat, stand das Mädchen da in seinem ärmlichen Kleid – aber es glühte darin wie eine Rose im Busch.

„Du bist die Ärmste und auch die Reichste", sprach er zu ihr. „Komm mit mir, du sollst meine Braut sein."

Sie schwieg, aber sie reichte ihm die Hand. Da gab er ihr einen Kuss, führte sie hinaus, hob sie auf sein Pferd und brachte sie in das königliche Schloss, wo die Hochzeit mit großer Freude gefeiert ward.

Spindel, Weberschiffchen und Nadel wurden in der Schatzkammer verwahrt und in großen Ehren gehalten.