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Märchen lesen und erleben

Die faule Spinnerin

⏱ Lesedauer: ca. 4 Min.

Die Ausrede mit dem Haspel

In einem Dorf lebten ein Mann und eine Frau. Die Frau war so faul, dass sie nie arbeiten wollte. Was ihr der Mann auch zum Spinnen gab, das spann sie nicht fertig. Und wenn sie doch einmal spank, haspelte sie das Garn nicht auf, sondern ließ es ungeordnet auf dem Knäuel gewickelt liegen.

Schalt der Mann sie deswegen, war sie um keine Ausrede verlegen und sprach:

„Ei, wie soll ich denn haspeln, wenn ich keinen Haspel habe? Geh du erst in den Wald und besorge mir das Holz dafür.“

„Wenn es nur daran liegt“

, sagte der Mann,

„dann gehe ich in den Wald und hole Haspelholz.“

Da bekam die Frau Angst. Sie befürchtete, dass ihr Mann aus dem Holz einen Haspel bauen würde und sie das fertige Garn aufwickeln und anschließend neues spinnen müsste. Sie überlegte eine Weile, bis ihr ein guter Einfall kam, und schlich ihrem Mann heimlich nach in den Wald.

Die geheimnisvollen Stimmen im Wald

Als der Mann auf einen Baum geklettert war, um das passende Holz auszuwählen und abzuhauen, versteckte sich die Frau unten im Gebüsch, wo er sie nicht sehen konnte. Sie rief mit verstellter Stimme hinauf:

„Wer Haspelholz haut, der stirbt, wer darauf haspelt, der verdirbt!“

Der Mann horchte auf, legte die Axt eine Weile nieder und überlegte, was das zu bedeuten habe.

„Ach was“

, sprach er schließlich zu sich selbst,

„das wird nichts gewesen sein. Es hat dir bloß in den Ohren geklungen, mach dir keine unnötige Furcht.“

Er ergriff die Axt erneut und wollte gerade zuschlagen, da rief es wieder von unten herauf:

„Wer Haspelholz haut, der stirbt, wer darauf haspelt, der verdirbt!“

Er hielt inne. Ihm wurde ganz angst und bange, und er grübelte über den Vorfall nach. Nach einer Weile fasste er jedoch wieder Mut, griff zum dritten Mal nach der Axt und holte aus. Doch zum dritten Mal rief die Stimme laut empor:

„Wer Haspelholz haut, der stirbt, wer darauf haspelt, der verdirbt!“

Da hatte er genug. Ihm verging jede Lust zum Arbeiten, er stieg eilig vom Baum herab und machte sich auf den Heimweg. Die Frau rannte auf Schleichwegen, was sie konnte, um vor ihm zu Hause zu sein.

Als der Mann in die Stube trat, tat sie ganz unschuldig, als ob nichts geschehen wäre, und fragte:

„Nun, bringst du ein gutes Haspelholz mit?“

„Nein“

, sprach er,

„ich sehe wohl, mit dem Haspeln wird das nichts.“

Er erzählte ihr, was ihm im Wald widerfahren war, und ließ sie von da an mit dem Haspeln in Ruhe.

Das Knäuel-Werfen auf dem Dachboden

Bald darauf fing der Mann jedoch wieder an, sich über die Unordnung im Haus zu ärgern.

„Frau“

, sagte er,

„es ist doch eine Schande, dass das gesponnene Garn einfach so auf dem Knäuel liegen bleibt.“

„Weißt du was?“

, schlug sie vor.

„Da wir nun einmal keinen Haspel bekommen, stell du dich oben auf den Dachboden und ich bleibe unten stehen. Ich werfe dir das Knäuel hinauf und du wirfst es mir wieder herunter, so bekommen wir doch noch einen Strang.“

„Ja, das geht“

, stimmte der Mann zu.

Sie taten wie besprochen. Als sie fertig waren, sprach der Mann:

„Das Garn ist nun zum Strang gewickelt, jetzt müssen wir es auch kochen.“

Der Frau wurde wieder angst. Sie sagte zwar:

„Ja, wir wollen es gleich morgen früh kochen“

, heckte im Stillen aber schon den nächsten Streich aus.

Die Suppe aus Werg

Am frühen Morgen stand sie auf, zündete das Feuer an und stellte den Kessel bereit. Doch anstelle des kostbaren Garns legte sie einen wertlosen Klumpen Werg – grobe Flachsfasern – hinein und ließ ihn vor sich hin kochen.

Daraufhin ging sie zu ihrem Mann, der noch im Bett lag, und sprach:

„Ich muss kurz ausgehen. Steh du derweil auf und sieh nach dem Garn, das im Kessel über dem Feuer steht. Aber du musst es rechtzeitig tun und gut achtgeben! Denn sobald der Hahn kräht und du nicht nachgesehen hast, verwandelt sich das Garn in Werg.“

Der Mann wollte nichts versäumen. Er sprang eilig aus dem Bett und lief in die Küche. Als er an den Kessel trat und hineinsah, erblickte er zu seinem Schrecken nichts als einen Klumpen Werg.

Da schwieg der arme Mann mäuschenstill. Er glaubte, er habe den richtigen Zeitpunkt verpasst und sei selbst an dem Unglück schuld. In Zukunft sprach er kein Wort mehr von Garn und Spinnen.

Man muss es aber selbst sagen: Es war eine garstige Frau!