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Märchen lesen und erleben

Der faule Heinz

⏱ Lesedauer: ca. 6 Min.

Die Last mit der Ziege

Heinz war faul. Obwohl er eigentlich weiter nichts zu tun hatte, als seine einzige Ziege täglich auf die Weide zu treiben, seufzte er dennoch jeden Abend bitterlich, wenn er nach Hause kam.

„Es ist in Wahrheit eine schwere Last und ein mühseliges Geschäft“

, jammerte er,

„so eine Ziege jahraus, jahrein bis in den späten Herbst hinein ins Feld zu treiben! Wenn man sich wenigstens dabei hinlegen und schlafen könnte! Aber nein, man muss die Augen ständig offen halten, damit sie die jungen Bäume nicht beschädigt, durch die Hecke in Nachbars Garten dringt oder gar ganz davonläuft. Wie soll man da jemals zur Ruhe kommen und seines Lebens froh werden!“

Heinz setzte sich hin, sammelte seine Gedanken und überlegte gründlich, wie er seine Schultern von dieser lästigen Bürde befreien könnte. Lange Zeit war all sein Nachsinnen vergeblich. Doch plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

„Ich weiß, was ich tue!“

, rief er aus.

„Ich heirate die dicke Trine. Die hat auch eine Ziege und kann meine gleich mit austreiben. Dann brauche ich mich nicht länger zu quälen.“

Hochzeit aus Bequemlichkeit

Heinz raffte sich also auf, setzte seine müden Glieder in Bewegung und ging quer über die Straße – denn weiter war der Weg zum Haus von Trines Eltern nicht –, um um die Hand der arbeitsamen Tochter anzuhalten. Die Eltern besannen sich nicht lange.

„Gleich und gleich gesellt sich gern“

, dachten sie und willigten ein.

Nun wurde die dicke Trine Heinz' Frau und trieb fortan beide Ziegen täglich aus. Heinz genoss glückliche Tage und musste sich von keiner anderen Arbeit erholen als von seiner eigenen Faulheit. Nur ganz selten ging er einmal mit hinaus und erklärte:

„Das tue ich bloß, damit mir die Ruhe danach umso besser schmeckt. Man verliert sonst ganz das Gefühl dafür.“

Der Tausch gegen Bienen

Doch die dicke Trine war im Grunde nicht weniger faul als ihr Mann.

„Lieber Heinz“

, sprach sie eines Tages,

„warum sollen wir uns das Leben ohne Not sauer machen und unsere beste Jugendzeit verkümmern lassen? Ist es nicht viel besser, wir geben die beiden Ziegen unserem Nachbarn? Die stören uns sowieso jeden Morgen mit ihrem lauten Meckern im besten Schlaf. Wenn er uns dafür einen Bienenstock gibt, stellen wir den an einen sonnigen Platz hinter das Haus und kümmern uns nicht weiter darum. Bienen muss man weder hüten noch ins Feld treiben. Sie fliegen aus, finden den Weg ganz von allein nach Hause zurück und sammeln fleißig Honig, ohne dass es uns die geringste Mühe macht.“

„Du hast wie eine kluge Frau gesprochen“

, antwortete Heinz begeistert.

„Deinen Vorschlag wollen wir sofort in die Tat umsetzen. Außerdem schmeckt Honig besser als Ziegenmilch, nährt mehr und lässt sich viel länger aufbewahren.“

Der Nachbar tauschte die beiden Ziegen nur zu gern gegen einen Bienenstock ein. Die Bienen flogen unermüdlich vom frühen Morgen bis zum späten Abend aus und ein. Bald füllten sie den Stock mit dem schönsten Honig, sodass Heinz im Herbst einen ganzen Krug voll ernten konnte.

Das Unglück mit dem Krug

Sie stellten den Krug auf ein Regal an der Wand in ihrer Schlafkammer. Da sie fürchteten, er könnte gestohlen werden oder die Mäuse könnten sich darüber hermachen, legte Trine einen starken Haselstock neben ihr Bett. So konnte sie, ohne unnötigerweise aufstehen zu müssen, mit der Hand danach greifen und ungebetene Gäste direkt vom Bett aus verjagen.

Der faule Heinz verließ das Bett am liebsten erst gegen Mittag.

„Wer früh aufsteht, sein Gut verzehrt“

, pflegte er zu sagen.

Eines Morgens, als er wieder einmal am hellen Tag in den Federn lag und sich vom langen Schlaf ausruhte, sprach er zu seiner Frau:

„Die Frauen lieben doch die Süßigkeiten, und du naschst bestimmt ständig heimlich vom Honig. Es ist besser, wir tauschen ihn gegen eine Gans mit einem jungen Gänslein ein, ehe du ihn ganz allein aufgegessen hast.“

„Aber nicht eher“

, erwiderte Trine,

„als bis wir ein Kind haben, das sie hütet! Soll ich mich etwa mit den jungen Gänsen plagen und meine Kräfte unnötig verschwenden?“

„Glaubst du im Ernst, der Junge würde die Gänse hüten?“

, schnaubte Heinz.

„Heutzutage gehorchen die Kinder doch nicht mehr. Sie tun nur noch, was sie wollen, weil sie sich klüger dünken als ihre Eltern – genau wie jener Knecht, der die Kuh suchen sollte und lieber drei Amseln nachjagte.“

„Oh“

, rief Trine zornig,

„dem würde ich es schlecht bekommen lassen, wenn er mir nicht gehorcht! Einen Stock würde ich nehmen und ihm damit gehörig das Fell gerben! Siehst du, Heinz“

, rief sie in ihrem Eifer aus und packte den Haselstock,

„siehst du, genau so würde ich auf ihn einschlagen!“

Sie holte schwungvoll aus, traf dabei jedoch unglücklicherweise den Honigkrug über dem Bett. Der Krug prallte gegen die Wand und zerschellte in tausend Scherben. Der schöne, süße Honig floss in einem breiten Strom auf den Boden.

Die Lehre aus dem Unglück

„Da liegt nun unsere Gans samt dem Gänslein“

, sagte Heinz trocken,

„und muss zum Glück nicht mehr gehütet werden! Aber wir haben noch Glück im Unglück gehabt: Zumindest ist mir der Krug nicht auf den Kopf gefallen. Wir haben allen Grund, mit unserem Schicksal zufrieden zu sein.“

Als er in einer der Scherben noch einen Rest Honig bemerkte, streckte er sich danach aus, leckte ihn auf und sprach vergnügt:

„Das Restchen, liebe Frau, wollen wir uns noch schmecken lassen. Und nach diesem großen Schrecken ruhen wir uns erst einmal ein wenig aus. Was macht es schon, wenn wir heute etwas später aufstehen – der Tag ist schließlich noch lang genug.“

„Ja“

, antwortete Trine,

„man kommt immer noch zur rechten Zeit. Weißt du noch? Die Schnecke war einmal zu einer Hochzeit eingeladen. Sie machte sich auf den Weg, kam aber erst zur Kindtaufe an. Und als sie vor dem Haus auch noch über den Zaun stürzte, sagte sie ruhig: ‚Eilen tut eben nicht gut.‘“