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Märchen lesen und erleben

Die Rabe

⏱ Lesedauer: ca. 11 Min.

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**Die Rabe.**

Die Verwünschung

Es war einmal eine Königin, die hatte ein Töchterchen, das war noch klein und musste noch auf dem Arm getragen werden. Zu einer Zeit war das Kind unartig, und die Mutter mochte sagen, was sie wollte – es hielt nicht Ruhe. Da wurde sie ungeduldig, und weil die Raben so um das Schloss herumflogen, öffnete sie das Fenster und sagte: „Ich wollte, du wärst eine Rabe und flögst fort – so hätte ich Ruhe!"

Kaum hatte sie das Wort gesagt, da war das Kind in eine Rabe verwandelt und flog von ihrem Arm zum Fenster hinaus. Sie flog in einen dunklen Wald und blieb lange Zeit darin, und die Eltern hörten nichts mehr von ihr.

Der Mann im Wald

Danach führte einmal einen Mann sein Weg in diesen Wald. Er hörte die Rabe rufen und ging der Stimme nach. Als er näherkam, sprach die Rabe zu ihm: „Ich bin eine Königstochter von Geburt und bin verwünscht worden. Du aber kannst mich erlösen."

„Was soll ich tun?", fragte er.

Sie sagte: „Geh weiter in den Wald, und du wirst ein Haus finden. Darin sitzt eine alte Frau, die wird dir Essen und Trinken reichen. Aber du darfst nichts davon nehmen. Wenn du isst oder trinkst, verfällst du in einen Schlaf und kannst mich nicht erlösen.

Im Garten hinter dem Haus ist ein großer Laubhaufen. Dort sollst du stehen und mich erwarten. Drei Tage lang komme ich jeden Mittag um zwei Uhr zu dir in einem Wagen – erst mit vier weißen Hengsten bespannt, dann mit vier roten und zuletzt mit vier schwarzen. Wenn du aber nicht wach bist, sondern schläfst, werde ich nicht erlöst."

Der Mann versprach, alles zu tun, was sie verlangt hatte. Die Rabe aber sagte: „Ach, ich weiß es schon – du wirst mich nicht erlösen. Du nimmst etwas von der Frau."

Da versprach der Mann noch einmal, er wolle gewiss nichts anrühren, weder Essen noch Trinken.

Der erste Schlaf

Als er in das Haus kam, trat die alte Frau zu ihm und sagte: „Armer Mann, wie abgemattet ihr seid! Kommt und erquickt euch, esset und trinkt."

„Nein", sagte der Mann, „ich will nicht essen und nicht trinken."

Sie ließ ihm aber keine Ruhe und sprach: „Wenn ihr dann nicht essen wollt, so tut einen Zug aus dem Glas – einmal ist keinmal." Da ließ er sich überreden und trank.

Nachmittags gegen zwei Uhr ging er in den Garten auf den Laubhaufen und wollte auf die Rabe warten. Wie er da stand, wurde er auf einmal so müde, dass er sich ein wenig hinlegen musste. Doch wollte er nicht einschlafen. Kaum hatte er sich hingestreckt, fielen ihm die Augen von selbst zu, und er schlief so fest, dass ihn nichts auf der Welt hätte erwecken können.

Um zwei Uhr kam die Rabe mit vier weißen Hengsten gefahren – aber sie war schon in voller Trauer und sprach: „Ich weiß, dass er schläft." Und als sie in den Garten kam, lag er auch da und schlief. Sie stieg aus dem Wagen, ging zu ihm hin und schüttelte ihn und rief ihn an, aber er erwachte nicht.

Der zweite und dritte Schlaf

Am nächsten Tag zur Mittagszeit kam die alte Frau wieder und brachte ihm Essen und Trinken. Er wollte es nicht annehmen, doch sie ließ ihm keine Ruhe und redete ihm so lange zu, bis er wieder einen Zug aus dem Glase tat.

Gegen zwei Uhr ging er in den Garten auf den Laubhaufen, da empfand er auf einmal so große Müdigkeit, dass seine Glieder ihn nicht mehr hielten. Er konnte sich nicht helfen, musste sich legen und fiel in tiefen Schlaf.

Als die Rabe mit vier braunen Hengsten herbeifuhr, war sie schon in voller Trauer. Sie ging zu ihm hin, aber er lag im Schlaf und war nicht zu erwecken.

Am dritten Tag fragte die alte Frau, was das sei – er esse und trinke nichts, ob er sterben wolle. Er antwortete: „Ich will und darf nicht essen und nicht trinken."

Sie stellte aber die Schüssel mit Essen und das Glas mit Wein vor ihn hin. Als der Geruch davon zu ihm aufstieg, konnte er nicht widerstehen und tat einen starken Zug.

Als die Zeit kam, ging er hinaus in den Garten und wartete. Da wurde er noch müder als an den Tagen zuvor, legte sich nieder und schlief so fest, als wäre er ein Stein.

Das Geschenk der Rabe

Um zwei Uhr kam die Rabe mit vier schwarzen Hengsten – und die Kutsche und alles war schwarz. Sie war in voller Trauer und sprach: „Ich weiß, dass er schläft und mich nicht erlösen kann."

Als sie zu ihm kam, lag er da und schlief fest. Sie rüttelte ihn und rief ihn, aber sie konnte ihn nicht aufwecken.

Da legte sie ein Brot neben ihn, dann ein Stück Fleisch, dann eine Flasche Wein – und von allem konnte er so viel nehmen, wie er wollte, es wurde nicht weniger. Dann nahm sie einen goldenen Ring von ihrem Finger und steckte ihn an seinen. Ihr Name war eingraviert.

Zuletzt legte sie einen Brief hin. Darin stand, was sie ihm gegeben hatte und dass es niemals alle werden würde. Und es stand auch darin: „Ich sehe wohl, dass du mich hier nicht erlösen kannst. Willst du mich aber noch erlösen, so komm nach dem goldenen Schloss von Stromberg. Das steht in deiner Macht – das weiß ich gewiss."

Nachdem sie ihm alles gegeben hatte, setzte sie sich in ihren Wagen und fuhr in das goldene Schloss von Stromberg.

Die Suche nach dem goldenen Schloss

Als der Mann aufwachte und sah, dass er geschlafen hatte, war er von Herzen traurig und sprach: „Gewiss ist sie nun vorbeigefahren, und ich habe sie nicht erlöst."

Da fielen ihm die Dinge auf, die neben ihm lagen. Er las den Brief, in dem stand, wie es zugegangen war. Dann machte er sich auf und wollte nach dem goldenen Schloss von Stromberg – aber er wusste nicht, wo es lag.

Er war schon lange in der Welt umhergegangen, da kam er in einen dunklen Wald und wanderte vierzehn Tage darin, ohne herausfinden zu können. Als es wieder einmal Abend wurde und er sich an einen Busch legen wollte, hörte er ein Heulen und Jammern, sodass er nicht einschlafen konnte.

Als die Zeit kam, wo die Leute Lichter anstecken, sah er eines schimmern. Er machte sich auf und ging ihm nach. Da kam er vor ein Haus, das winzig klein schien – denn ein großer Riese stand davor.

Er dachte bei sich: „Gehst du hinein und der Riese erblickt dich, so ist es leicht um dein Leben geschehen." Doch endlich wagte er es und trat heran.

Als der Riese ihn sah, sprach er: „Es ist gut, dass du kommst – ich habe lange nichts gegessen. Ich will dich gleich zum Abendbrot verschlucken."

„Lass das lieber sein", sprach der Mann. „Ich lasse mich nicht gerne verschlucken. Verlangst du zu essen, so habe ich genug, um dich satt zu machen."

„Wenn das wahr ist", sagte der Riese, „so kannst du ruhig bleiben. Ich wollte dich nur verzehren, weil ich sonst nichts hatte."

Da setzten sie sich an den Tisch, und der Mann holte Brot, Wein und Fleisch, das nicht alle wurde. „Das gefällt mir wohl", sprach der Riese und aß nach Herzenslust.

Der Weg zu den Riesen

Danach sprach der Mann: „Kannst du mir nicht sagen, wo das goldene Schloss von Stromberg ist?"

Der Riese sagte: „Ich will auf meiner Landkarte nachsehen – darauf sind alle Städte, Dörfer und Häuser zu finden." Er holte die Karte, die er in der Stube hatte, und suchte das Schloss, aber es stand nicht darauf.

„Es macht nichts", sprach er. „Oben im Schrank habe ich noch größere Karten. Darauf wollen wir suchen." Aber auch das war vergeblich.

Der Mann wollte schon weitergehen, aber der Riese bat ihn, noch ein paar Tage zu warten, bis sein Bruder heimkäme – der sei ausgegangen, Lebensmittel zu holen.

Als der Bruder heimkam, fragten sie ihn nach dem goldenen Schloss von Stromberg. Er antwortete: „Wenn ich gegessen habe und satt bin, will ich auf der Karte suchen." Er stieg dann mit ihnen auf seine Kammer, und sie suchten auf seiner Karte. Sie ließen nicht ab, bis sie endlich das goldene Schloss von Stromberg fanden – aber es war viele tausend Meilen weit entfernt.

„Wie werde ich nun dahin kommen?", fragte der Mann.

Der Riese sprach: „Zwei Stunden habe ich Zeit. Da will ich dich bis in die Nähe tragen. Dann muss ich wieder nach Hause und das Kind säugen, das wir haben."

Da trug der Riese den Mann bis etwa hundert Stunden vom Schloss und sagte: „Den übrigen Weg kannst du wohl allein gehen." Dann kehrte er um, und der Mann ging vorwärts, Tag und Nacht, bis er endlich zu dem goldenen Schloss von Stromberg kam.

Der gläserne Berg

Das Schloss stand aber auf einem gläsernen Berg, und die verwünschte Jungfrau fuhr in ihrem Wagen um das Schloss herum und ging dann hinein. Er freute sich, als er sie erblickte, und wollte zu ihr hinaufsteigen. Aber wie er es auch anfing, er rutschte an dem Glas immer wieder herunter.

Als er sah, dass er sie nicht erreichen konnte, war er ganz betrübt und sprach zu sich selbst: „Ich will hier unten bleiben und auf sie warten." Er baute sich eine Hütte und saß darin ein ganzes Jahr, sah die Königstochter jeden Tag oben fahren, konnte aber nicht zu ihr hinaufkommen.

Die drei Räuber

Da sah er einmal aus seiner Hütte drei Räuber, die sich prügelten, und rief ihnen zu: „Gott sei mit euch!" Sie hielten bei dem Ruf inne. Als sie aber niemanden sahen, fingen sie wieder an sich zu schlagen, und das gefährlich. Da rief er abermals: „Gott sei mit euch!" – sie hörten wieder auf, guckten sich um, da sie aber niemanden sahen, fuhren sie fort.

Da rief er zum dritten Mal „Gott sei mit euch!" und dachte: „Du musst sehen, was die drei vorhaben." Er ging hin und fragte, warum sie aufeinander losschlügen.

Da sagte der eine, er habe einen Stock gefunden: wenn er damit gegen eine Tür schlage, springe sie auf. Der zweite sagte, er habe einen Mantel gefunden: wenn er den umhänge, sei er unsichtbar. Der dritte sprach, er habe ein Pferd gefangen: damit könne man überall hinreiten, auch den gläsernen Berg hinauf. Nun wüssten sie nicht, ob sie das gemeinsam behalten oder sich trennen sollten.

„Die drei Sachen will ich euch eintauschen", sprach der Mann. „Geld habe ich zwar nicht, aber andere Dinge, die mehr wert sind. Doch muss ich vorher eine Probe machen, damit ich sehe, ob ihr auch die Wahrheit gesagt habt."

Da ließen sie ihn aufs Pferd sitzen, hängten ihm den Mantel um und gaben ihm den Stock in die Hand. Als er das alles hatte, konnten sie ihn nicht mehr sehen.

Da gab er ihnen tüchtige Schläge und rief: „Nun, ihr Bärenhäuter – da habt ihr, was euch gebührt! Seid ihr zufrieden?"

Dann ritt er den Glasberg hinauf. Als er oben vor das Schloss kam, war es verschlossen. Er schlug mit dem Stock an das Tor, und alsbald sprang es auf. Er trat ein und ging die Treppe hinauf bis in den Saal. Da saß die Jungfrau und hatte einen goldenen Kelch mit Wein vor sich. Sie konnte ihn nicht sehen, weil er den Mantel umhatte.

Als er vor sie trat, zog er den Ring, den sie ihm gegeben hatte, vom Finger und warf ihn in den Kelch, dass es klang.

„Das ist mein Ring!", rief sie. „So muss auch der Mann da sein, der mich erlösen wird." Sie suchten im ganzen Schloss und fanden ihn nicht. Denn er war hinausgegangen, hatte sich aufs Pferd gesetzt und den Mantel abgeworfen.

Als sie nun vor das Tor kamen, sahen sie ihn und schrien vor Freude. Da stieg er ab und nahm die Königstochter in den Arm. Sie aber küsste ihn und sagte: „Jetzt hast du mich erlöst. Morgen wollen wir unsere Hochzeit feiern."