Autor: Gebrüder Grimm
**178.**
**Meister Pfriem.**
Ein Mann, der alles besser weiß
Meister Pfriem war ein kleiner, hagerer, aber lebhafter Mann, der keinen Augenblick Ruhe hatte. Sein Gesicht, aus dem nur die aufgestülpte Nase vorragte, war pockennarbig und leichenblass, sein Haar grau und struppig, seine Augen klein – aber sie blitzten unaufhörlich rechts und links hin. Er bemerkte alles, tadelte alles, wusste alles besser und hatte in allem recht.
Ging er auf der Straße, so ruderte er heftig mit beiden Armen. Einmal schlug er einem Mädchen, das Wasser trug, den Eimer so hoch in die Luft, dass er selbst davon begossen ward. „Schafskopf!", rief er ihr zu, während er sich schüttelte. „Konntest du nicht sehen, dass ich hinter dir herkam?"
Seines Handwerks war er Schuster, und wenn er arbeitete, fuhr er mit dem Draht so gewaltig aus, dass er jedem, der sich nicht weit genug entfernt hielt, die Faust in den Leib stieß. Kein Geselle blieb länger als einen Monat bei ihm, denn er hatte an der besten Arbeit immer etwas auszusetzen. Bald waren die Stiche nicht gleich, bald war ein Schuh länger, bald ein Absatz höher als der andere, bald war das Leder nicht hinreichend geschlagen.
„Warte", sagte er zum Lehrjungen, „ich will dir schon zeigen, wie man die Haut weich schlägt!" – und holte den Riemen und gab ihm ein paar Hiebe über den Rücken. Faulenzer nannte er sie alle. Er selbst brachte aber doch nicht viel voran, weil er keine Viertelstunde ruhig sitzen blieb.
Immer im Einsatz
War seine Frau frühmorgens aufgestanden und hatte Feuer angezündet, sprang er aus dem Bett und lief mit bloßen Füßen in die Küche. „Wollt ihr mir das Haus anzünden?", schrie er. „Das ist ja ein Feuer, dass man einen Ochsen dabei braten könnte! Oder kostet das Holz etwa kein Geld?"
Standen die Mägde am Waschfass, lachten und erzählten sich, was sie wussten, schalt er sie aus: „Da stehen die Gänse und schnattern und vergessen über dem Geschwätz ihre Arbeit. Und wozu die frische Seife? Heillose Verschwendung und obendrein schändliche Faulheit – sie wollen die Hände schonen und das Zeug nicht ordentlich reiben!" Er sprang fort, stieß dabei aber einen Eimer voll Lauge um, so dass die ganze Küche überschwemmt ward.
Wurde irgendwo ein neues Haus aufgerichtet, lief er ans Fenster und sah zu. „Da vermauern sie wieder den roten Sandstein", rief er, „der niemals austrocknet. In dem Haus bleibt kein Mensch gesund! Und seht mal, wie schlecht die Gesellen die Steine aufsetzen. Der Mörtel taugt auch nichts – Kies muss hinein, nicht Sand. Ich erlebe noch, dass den Leuten das Haus über dem Kopf zusammenfällt."
Er setzte sich, tat ein paar Stiche, sprang dann aber wieder auf, hakte sein Schurzfell los und rief: „Ich will nur hinaus und den Menschen ins Gewissen reden." Er geriet an die Zimmerleute. „Was ist das?", rief er. „Ihr haut ja nicht nach der Schnur! Meint ihr, die Balken würden gerade stehen? Es weicht doch alles aus den Fugen." Er riss einem Zimmermann die Axt aus der Hand und wollte ihm zeigen, wie er hauen müsste.
Als aber ein mit Lehm beladener Wagen heranfuhr, warf er die Axt weg und sprang zu dem Bauern, der nebenherlief. „Ihr seid nicht recht bei Trost!", rief er. „Wer spannt junge Pferde vor einen schwer beladenen Wagen? Die armen Tiere werden euch auf der Stelle umfallen!"
Der Bauer gab ihm keine Antwort, und Pfriem lief vor Ärger in seine Werkstatt zurück. Als er sich wieder zur Arbeit setzen wollte, reichte ihm der Lehrjunge einen Schuh.
„Was ist das wieder?", schrie er ihn an. „Habe ich euch nicht gesagt, ihr sollt die Schuhe nicht so weit ausschneiden? Wer wird einen solchen Schuh kaufen, an dem fast nichts ist als die Sohle? Ich verlange, dass meine Befehle einwandfrei befolgt werden!"
„Meister", antwortete der Lehrjunge, „ihr mögt wohl recht haben, dass der Schuh nichts taugt. Aber es ist derselbe, den ihr selbst zugeschnitten und in Arbeit genommen habt. Als ihr vorhin aufgesprungen seid, habt ihr ihn vom Tisch geworfen, und ich habe ihn nur aufgehoben. Euch könnte es aber ein Engel vom Himmel nicht recht machen."
Der Traum vom Himmel
In einer Nacht träumte Meister Pfriem, er sei gestorben und befinde sich auf dem Weg in den Himmel. Als er ankam, klopfte er heftig an die Pforte. „Es wundert mich", sprach er, „dass sie keinen Ring am Tor haben – man klopft sich die Knöchel wund."
Der Apostel Petrus öffnete und wollte sehen, wer so ungestüm Einlass begehrte. „Ach, Ihr seid's, Meister Pfriem", sagte er. „Ich will euch wohl einlassen, aber ich warne euch: lasst von eurer Gewohnheit ab und tadelt nichts, was ihr im Himmel seht. Es könnte euch übel bekommen."
„Ihr hättet euch die Ermahnung sparen können", erwiderte Pfriem. „Ich weiß schon, was sich ziemt. Und hier ist, Gott sei Dank, alles vollkommen und nichts zu tadeln wie auf Erden."
Er trat also ein und ging in den weiten Räumen des Himmels auf und ab. Er sah sich um, rechts und links, schüttelte aber zuweilen mit dem Kopf oder brummte etwas vor sich hin.
Indem erblickte er zwei Engel, die einen Balken wegtrugen. Es war der Balken, den einer im Auge gehabt hatte, während er nach dem Splitter in den Augen anderer suchte. Sie trugen ihn aber nicht der Länge nach, sondern quer. „Hat man je solchen Unverstand gesehen?", dachte Meister Pfriem. Doch er schwieg und gab sich zufrieden: „Es ist im Grunde einerlei, wie man den Balken trägt – gerade oder quer –, wenn man nur damit durchkommt. Und tatsächlich, ich sehe, sie stoßen nirgends an."
Bald darauf erblickte er zwei Engel, die Wasser aus einem Brunnen in ein Fass schöpften. Dabei bemerkte er, dass das Fass durchlöchert war und das Wasser von allen Seiten herauslief. Sie tränkten die Erde mit Regen. „Alle Hagel!", platzte er heraus. Doch er besann sich glücklicherweise und dachte: „Vielleicht ist es bloßer Zeitvertreib. Wer Spaß daran hat, kann dergleichen unnütze Dinge tun – zumal hier im Himmel, wo man offenbar nur faulenzt."
Er ging weiter und sah einen Wagen, der in einem tiefen Loch stecken geblieben war. „Kein Wunder", sprach er zu dem Mann, der dabeistand. „Wer wird so unvernünftig aufladen? Was habt ihr da?"
„Fromme Wünsche", antwortete der Mann. „Ich konnte damit nicht auf den rechten Weg kommen, habe den Wagen aber noch glücklich herausgeschoben, und hier werden sie mich nicht stecken lassen."
Wirklich kam ein Engel und spannte zwei Pferde vor. „Ganz gut", meinte Pfriem, „aber zwei Pferde bringen den Wagen nicht heraus – vier müssen mindestens davor."
Ein anderer Engel kam und führte noch zwei Pferde herbei, spannte sie aber nicht vorn, sondern hinten an. Das war Meister Pfriem zu viel.
„Tolpatsch!", brach er los. „Was machst du da? Hat man je, so lange die Welt steht, auf diese Weise einen Wagen herausgezogen? Die meinen in ihrem dünkelhaften Übermut, alles besser zu wissen!"
Er wollte weitersprechen, aber einer von den Himmelsbewohnern hatte ihn am Kragen gepackt und schob ihn mit unwiderstehlicher Gewalt hinaus. Unter der Pforte drehte der Meister noch einmal den Kopf zurück und sah, wie der Wagen von vier Flügelpferden in die Höhe gehoben wurde.
Das Erwachen
In diesem Augenblick erwachte Meister Pfriem. „Es geht freilich im Himmel etwas anders her als auf Erden", sprach er zu sich selbst. „Und da lässt sich manches entschuldigen. Aber wer kann geduldig zusehen, wenn man die Pferde zugleich hinten und vorn anspannt? Freilich, sie hatten Flügel – aber wer kann das wissen? Es ist übrigens eine gewaltige Dummheit, Pferden, die vier Beine zum Laufen haben, noch ein paar Flügel anzuheften. Aber ich muss aufstehen, sonst machen sie mir im Haus lauter verkehrtes Zeug. Es ist nur ein Glück, dass ich nicht wirklich gestorben bin."

