Autor: Gebrüder Grimm
Das Versprechen am Sterbebett
Es war einmal ein alter König, der war krank und dachte:
Da sprach er:
Der getreue Johannes war sein liebster Diener und hieß so, weil er ihm sein Lebtag so treu gewesen war.
Als er nun vor das Bett kam, sprach der König zu ihm:
Da antwortete der getreue Johannes:
Da sagte der alte König:
Er sprach dann weiter:
Als der treue Johannes dem alten König nochmals die Hand darauf gegeben hatte, wurde dieser still, legte sein Haupt auf das Kissen und starb.
Die verbotene Kammer
Als der alte König zu Grabe getragen war, erzählte der treue Johannes dem jungen König, was er seinem Vater auf dem Sterbelager versprochen hatte, und sagte:
Die Trauer ging vorüber. Da sprach der treue Johannes zu ihm:
Da führte er ihn überall herum, auf und ab, und ließ ihn all die Reichtümer und prächtigen Kammern sehen. Nur die eine Kammer öffnete er nicht, in der das gefährliche Bild stand. Das Bild war aber so gestellt, dass man gerade darauf sah, wenn die Tür aufging. Es war so herrlich gemacht, dass man meinte, es lebe und leibe, und es gäbe nichts Lieblicheres und Schöneres auf der ganzen Welt.
Der junge König aber merkte wohl, dass der getreue Johannes immer an einer Tür vorüberging, und sprach:
, antwortete er,
Aber der König antwortete:
Er ging und wollte die Tür mit Gewalt öffnen.
Da hielt ihn der getreue Johannes zurück und sagte:
, antwortete der junge König,
Da sah der getreue Johannes, dass es nicht mehr zu ändern war. Mit schwerem Herzen und vielem Seufzen suchte er aus dem großen Bund den Schlüssel heraus. Als er die Tür geöffnet hatte, trat er zuerst hinein und dachte, er wolle das Bildnis bedecken, damit es der König vor ihm nicht sähe. Aber was half das? Der König stellte sich auf die Fußspitzen und sah ihm über die Schulter.
Als er das Bildnis der Jungfrau erblickte, das so herrlich war und von Gold und Edelsteinen glänzte, fiel er ohnmächtig zur Erde nieder. Der getreue Johannes hob ihn auf, trug ihn in sein Bett und dachte voll Sorgen:
Dann stärkte er ihn mit Wein, bis er wieder zu sich selbst kam.
Das erste Wort, das der König sprach, war:
, antwortete der treue Johannes.
Da sprach der König weiter:
Die Entführung der Prinzessin
Der treue Diener besann sich lange, wie die Sache anzufangen wäre, denn es war schwer, auch nur vor das Angesicht der Königstochter zu kommen. Endlich hatte er ein Mittel ausgedacht und sprach zu dem König:
Der König ließ alle Goldschmiede herbeiholen. Sie mussten Tag und Nacht arbeiten, bis endlich die herrlichsten Dinge fertig waren. Als alles auf ein Schiff geladen war, zog der getreue Johannes Kaufmannskleider an, und der König musste ein Gleiches tun, um sich ganz unkenntlich zu machen. Dann fuhren sie über das Meer, bis sie zu der Stadt kamen, in der die Königstochter vom goldenen Dache wohnte.
Der treue Johannes hieß den König auf dem Schiff zurückbleiben und auf ihn warten.
, sprach er,
Darauf packte er sich in sein Schürzchen allerlei von den Goldsachen zusammen, stieg an Land und ging gerade nach dem königlichen Schloss.
Als er in den Schlosshof kam, stand beim Brunnen ein schönes Mädchen, das hatte zwei goldene Eimer in der Hand und schöpfte damit. Als es das blinkende Wasser forttragen wollte und sich umdrehte, sah es den fremden Mann und fragte, wer er wäre.
Da antwortete er:
, öffnete sein Schürzchen und ließ sie hineinschauen.
Da rief sie:
, setzte die Eimer nieder und betrachtete ein Stück nach dem anderen. Dann sprach das Mädchen:
Es nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinauf, denn es war die Kammerjungfer.
Als die Königstochter die Ware sah, war sie ganz entzückt und sprach:
Aber der getreue Johannes sprach:
Sie wollte alles heraufgebracht haben, aber er sprach:
Da wurde ihre Neugierde und Lust immer mehr angeregt, sodass sie schließlich sagte:
Da führte sie der getreue Johannes zu dem Schiff hin und war ganz freudig. Der König sah bei ihrem Anblick, dass ihre Schönheit noch größer war, als das Bild sie dargestellt hatte, und meinte, das Herz wollte ihm zerspringen. Sie stieg in das Schiff, und der König führte sie hinein. Der getreue Johannes aber blieb zurück bei dem Steuermann und hieß das Schiff abstoßen:
Der König zeigte ihr drinnen das goldene Geschirr, jedes einzeln: die Schüsseln, Becher, Näpfe, die Vögel, das Wild und die wunderbaren Tiere. Viele Stunden vergingen, während sie alles besah, und in ihrer Freude merkte sie nicht, dass das Schiff dahinfuhr.
Nachdem sie das Letzte betrachtet hatte, dankte sie dem Kaufmann und wollte heim. Als sie aber an den Rand des Schiffes kam, sah sie, dass es fern vom Land auf hohem Meer fuhr und mit vollen Segeln forteilte.
, rief sie erschrocken,
Der König aber fasste sie bei der Hand und sprach:
Als die Königstochter vom goldenen Dache das hörte, wurde sie getröstet. Ihr Herz wurde ihm geneigt, sodass sie gerne einwilligte, seine Gemahlin zu werden.
Das Gespräch der drei Raben
Es trug sich aber zu, während sie auf dem hohen Meer dahinfuhren, dass der getreue Johannes, als er vorn auf dem Schiff saß und Musik machte, in der Luft drei Raben erblickte, die dahergeflogen kamen. Da hörte er auf zu spielen und horchte, was sie miteinander sprachen, denn er verstand das wohl.
Die erste rief:
, antwortete die zweite,
Sprach die dritte:
Da fing die erste wieder an und rief:
Sprach die zweite:
Da sprach die zweite:
Sprach die dritte:
, antwortete die zweite,
Da sprach die dritte:
Als die Raben das miteinander gesprochen hatten, flogen sie weiter. Der getreue Johannes hatte alles wohl verstanden, aber von der Zeit an war er still und traurig. Denn verschwieg er seinem Herrn, was er gehört hatte, so war dieser unglücklich; entdeckte er es ihm, so musste er selbst sein Leben hingeben. Endlich aber sprach er bei sich:
Die drei Gefahren
Als sie nun an das Land kamen, geschah es, wie die Rabe vorhergesagt hatte, und es sprengte ein prächtiger fuchsroter Gaul daher.
, sprach der König,
, und wollte sich aufsetzen.
Doch der treue Johannes kam ihm zuvor, schwang sich schnell darauf, zog das Gewehr aus den Halftern und schoss den Gaul nieder.
Da riefen die anderen Diener des Königs, die dem treuen Johannes nicht wohlgesinnt waren:
Aber der König sprach:
Nun gingen sie ins Schloss. Da stand im Saal eine Schüssel, und das gemachte Brauthemd lag darin und sah nicht anders aus, als wäre es aus Gold und Silber. Der junge König ging darauf zu und wollte es ergreifen, aber der treue Johannes schob ihn weg, packte es mit Handschuhen an, trug es schnell ins Feuer und ließ es verbrennen.
Die anderen Diener fingen wieder an zu murren und sagten:
Aber der junge König sprach:
Nun wurde die Hochzeit gefeiert. Der Tanz hob an, und die Braut trat auch hinein. Da gab der treue Johannes acht und schaute ihr ins Antlitz. Auf einmal erbleichte sie und fiel wie tot zur Erde.
Da sprang er eilends hinzu, hob sie auf und trug sie in eine Kammer. Dort legte er sie nieder, kniete nieder, sog die drei Blutstropfen aus ihrer rechten Brust und speite sie aus. Alsbald atmete sie wieder und erholte sich.
Der junge König aber hatte es mit angesehen. Er wusste nicht, warum es der getreue Johannes getan hatte, wurde zornig darüber und rief:
Die Verwandlung in Stein
Am anderen Morgen wurde der getreue Johannes verurteilt und zum Galgen geführt. Als er oben stand und gerichtet werden sollte, sprach er:
, antwortete der König,
Da sprach der treue Johannes:
, und erzählte, wie er auf dem Meer das Gespräch der Raben gehört hatte und wie er, um seinen Herrn zu retten, das alles hatte tun müssen.
Da rief der König:
Aber der treue Johannes war bei dem letzten Wort, das er gesprochen hatte, leblos herabgefallen und war zu Stein geworden.
Darüber trugen der König und die Königin großes Leid. Der König sprach:
Er ließ das steinerne Bild aufheben und in seine Schlafkammer neben sein Bett stellen. Sooft er es ansah, weinte er und sprach:
Das Opfer und die Erlösung
Es ging eine Zeit herum, da gebar die Königin Zwillinge – zwei Söhnlein, die wuchsen heran und waren ihre Freude.
Einmal, als die Königin in der Kirche war und die zwei Kinder bei dem Vater saßen und spielten, sah dieser wieder das steinerne Bildnis voll Trauer an, seufzte und rief:
Da fing der Stein an zu reden und sprach:
Da rief der König:
Sprach der Stein weiter:
Der König erschrak, als er hörte, dass er seine liebsten Kinder selbst töten sollte. Doch er dachte an die große Treue und daran, dass der getreue Johannes für ihn gestorben war. Er zog sein Schwert und hieb mit eigener Hand den Kindern den Kopf ab. Und als er mit ihrem Blut den Stein bestrichen hatte, kehrte das Leben zurück, und der getreue Johannes stand wieder frisch und gesund vor ihm.
Er sprach zum König:
, nahm die Häupter der Kinder, setzte sie auf und bestrich die Wunden mit ihrem Blut. Davon wurden sie im Augenblick wieder heil, sprangen herum und spielten fort, als wäre ihnen nichts geschehen.
Nun war der König voller Freude. Als er die Königin kommen sah, versteckte er den getreuen Johannes und die beiden Kinder in einen großen Schrank.
Wie sie hereintrat, sprach er zu ihr:
, antwortete sie,
Da sprach er:
Die Königin wurde bleich und erschrak im Herzen, doch sprach sie:
Da freute er sich, dass sie so dachte, wie er gedacht hatte, ging hin und schloss den Schrank auf, holte die Kinder und den treuen Johannes heraus und sprach:
Er erzählte ihr, wie sich alles zugetragen hatte. Da lebten sie zusammen in Glückseligkeit bis an ihr Ende.

