Märchenstern Logo
Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Jungfrau Maleen

⏱ Lesedauer: ca. 11 Min.

Indexseite

**198.**

**Jungfrau Maleen.**

Die Einmauerung im finsteren Turm

Es war einmal ein König, der hatte einen Sohn. Der warb um die Tochter eines mächtigen Königs, die hieß Jungfrau Maleen und war wunderschön. Weil ihr Vater sie jedoch einem anderen geben wollte, so wurde sie dem Königssohn versagt. Da sich die beiden aber von Herzen liebten, wollten sie nicht voneinander lassen, und die Jungfrau Maleen sprach zu ihrem Vater:

„Ich kann und will keinen anderen zu meinem Gemahl nehmen.“

Da geriet der Vater in Zorn und ließ einen finsteren Turm bauen, in den kein Strahl von Sonne oder Mond fiel. Als er fertig war, sprach er:

„Darin sollst du sieben Jahre lang sitzen. Dann will ich kommen und sehen, ob dein trotziger Sinn gebrochen ist.“

Für die sieben Jahre wurden Speise und Trank in den Turm getragen. Dann wurde sie zusammen mit ihrer Kammerjungfer hineingeführt und eingemauert, und somit von Himmel und Erde geschieden. Da saßen sie in der Finsternis und wussten nicht, wann Tag oder Nacht anbrach. Der Königssohn ging oft um den Turm herum und rief ihren Namen, aber kein Laut drang von außen durch die dicken Mauern. Was konnten sie anderes tun als jammern und klagen?

Indessen ging die Zeit dahin. An der Abnahme von Speise und Trank merkten sie, dass die sieben Jahre sich ihrem Ende näherten. Sie dachten, der Augenblick ihrer Erlösung wäre gekommen, aber kein Hammerschlag ließ sich hören und kein Stein wollte aus der Mauer fallen. Es schien, als ob ihr Vater sie vergessen hätte.

Der Ausbruch und die Verwüstung

Als sie nur noch für kurze Zeit Nahrung hatten und einen jämmerlichen Tod voraussahen, sprach die Jungfrau Maleen:

„Wir müssen das Letzte versuchen und sehen, ob wir die Mauer durchbrechen können.“

Sie nahm das Brotmesser, grub und bohrte am Mörtel eines Steins, und wenn sie müde war, löste die Kammerjungfer sie ab. Nach langer Arbeit gelang es ihnen, einen Stein herauszunehmen, dann einen zweiten und dritten. Nach drei Tagen fiel der erste Lichtstrahl in ihre Dunkelheit, und endlich war die Öffnung so groß, dass sie hinaussehen konnten.

Der Himmel war blau und eine frische Luft wehte ihnen entgegen, aber wie traurig sah ringsumher alles aus! Das Schloss ihres Vaters lag in Trümmern, die Stadt und die Dörfer waren, so weit man sehen konnte, verbrannt und die Felder weit und breit verheert. Keine Menschenseele ließ sich erblicken.

Als die Öffnung in der Mauer so groß war, dass sie hindurchschlüpfen konnten, sprang zuerst die Kammerjungfer herab und dann folgte die Jungfrau Maleen. Aber wohin sollten sie sich wenden? Die Feinde hatten das ganze Reich verwüstet, den König verjagt und alle Einwohner erschlagen. Sie wanderten fort, um ein anderes Land zu suchen. Aber sie fanden nirgends ein Obdach oder einen Menschen, der ihnen einen Bissen Brot gab. Ihre Not war so groß, dass sie ihren Hunger an einem Brennnesselstrauch stillen mussten.

Als Küchenmagd am Hofe

Als sie nach langer Wanderung in ein anderes Land kamen, boten sie überall ihre Dienste an, doch wo sie auch anklopften, wurden sie abgewiesen, und niemand wollte sich ihrer erbarmen. Endlich gelangten sie in eine große Stadt und gingen zum königlichen Hof. Aber auch da hieß man sie weitergehen, bis schließlich der Koch sagte, sie könnten in der Küche bleiben und als Aschenputtel dienen.

Der Sohn des Königs, in dessen Reich sie sich befanden, war aber gerade der einstige Verlobte der Jungfrau Maleen gewesen. Sein Vater hatte ihm nun eine andere Braut bestimmt, die ebenso hässlich von Angesicht wie bös von Herzen war. Die Hochzeit war festgesetzt und die Braut schon angelangt. Wegen ihrer großen Hässlichkeit ließ sie sich jedoch vor niemandem sehen und schloss sich in ihre Kammer ein. Die Jungfrau Maleen musste ihr das Essen aus der Küche bringen.

Der erzwungene Brauttausch

Als der Tag herankam, an dem die Braut mit dem Bräutigam in die Kirche gehen sollte, schämte sich diese ihrer Hässlichkeit. Sie fürchtete, wenn sie sich auf der Straße zeigte, würde sie von den Leuten verspottet und ausgelacht.

Da sprach sie zur Jungfrau Maleen:

„Dir steht ein großes Glück bevor. Ich habe mir den Fuß vertreten und kann nicht gut über die Straße gehen. Du sollst meine Brautkleider anziehen und meine Stelle einnehmen. Eine größere Ehre kann dir nicht zuteilwerden.“

Die Jungfrau Maleen schlug es jedoch aus und sagte:

„Ich verlange keine Ehre, die mir nicht gebührt.“

Es war auch vergeblich, dass die Braut ihr Gold anbot. Endlich sprach diese zornig:

„Wenn du mir nicht gehorchst, so kostet es dich dein Leben. Ich brauche nur ein Wort zu sagen, so wird dir der Kopf vor die Füße gelegt.“

Da musste sie gehorchen und die prächtigen Kleider der Braut samt ihrem Schmuck anlegen. Als sie in den königlichen Saal eintrat, erstaunten alle über ihre große Schönheit, und der König sagte zu seinem Sohn:

„Das ist die Braut, die ich dir ausgewählt habe und die du zur Kirche führen sollst.“

Der Bräutigam erstaunte und dachte:

„Sie gleicht meiner Jungfrau Maleen. Ich würde glauben, sie wäre es selbst, aber die sitzt schon lange im Turm gefangen oder ist tot.“

Er nahm sie an der Hand und führte sie zur Kirche.

Der Kirchgang mit den rätselhaften Worten

An dem Wege stand ein Brennnesselbusch, da sprach sie:

„Brennettelbusch, Brennettelbusch so klene, wat steist du hier allene? ik hef de Tyt geweten da hef ik dy ungesaden ungebraden eten.“

*(Brennnesselbusch, so klein, was stehst du hier allein? Ich habe die Zeit gewusst, da habe ich dich ungesotten und ungebraten gegessen.)*

„Was sprichst du da?“

, fragte der Königssohn.

„Nichts“

, antwortete sie,

„ich dachte nur an die Jungfrau Maleen.“

Er wunderte sich, dass sie von ihr wusste, schwieg aber still. Als sie an den Steg vor dem Kirchhof kamen, sprach sie:

„Karkstegels, brik nich, Bün de rechte Brut nich.“

*(Kirchensteg, brich nicht, ich bin die rechte Braut nicht.)*

„Was sprichst du da?“

, fragte der Königssohn.

„Nichts“

, antwortete sie,

„ich dachte nur an die Jungfrau Maleen.“

„Kennst du die Jungfrau Maleen?“

„Nein“

, antwortete sie,

„wie sollte ich sie kennen? Ich habe nur von ihr gehört.“

Als sie an die Kirchtür kamen, sprach sie abermals:

„Karkendär, brik nich, bün de rechte Brut nich.“

*(Kirchentür, brich nicht, ich bin die rechte Braut nicht.)*

„Was sprichst du da?“

, fragte er.

„Ach“

, antwortete sie,

„ich habe nur an die Jungfrau Maleen gedacht.“

Da zog er ein kostbares Geschmeide hervor, legte es ihr um den Hals und hängte die Kettenringe ineinander. Darauf traten sie in die Kirche, und der Priester legte vor dem Altar ihre Hände ineinander und vermählte sie. Er führte sie zurück, aber sie sprach auf dem ganzen Weg kein Wort.

Als sie wieder im königlichen Schloss angelangt waren, eilte sie in die Kammer der Braut, legte die prächtigen Kleider und den Schmuck ab, zog ihren grauen Kittel an und behielt nur das Geschmeide um den Hals, das sie von dem Bräutigam empfangen hatte.

Die Entlarvung der falschen Braut

Als die Nacht herankam und die Braut in das Zimmer des Königssohns geführt werden sollte, ließ diese den Schleier über ihr Gesicht fallen, damit er den Betrug nicht merken sollte.

Sobald alle Leute fortgegangen waren, sprach er zu ihr:

„Was hast du doch zu dem Brennnesselbusch gesagt, der an dem Weg stand?“

„Zu welchem Brennnesselbusch?“

, fragte sie.

„Ich spreche mit keinem Brennnesselbusch.“

„Wenn du es nicht getan hast, so bist du die rechte Braut nicht“

, sagte er.

Da wusste sie sich nicht zu helfen und sprach:

„mut herut na myne Maegt, de my myn Gedanken draegt.“

*(Ich muss hinaus zu meiner Magd, die mir meine Gedanken trägt.)*

Sie ging hinaus, fuhr die Jungfrau Maleen an und rief:

„Dirne, was hast du zu dem Brennnesselbusch gesagt?“

„Ich sagte nichts als: Brennettelbusch, Brennettelbusch so klene, wat steist du hier allene? Ik hef de Tyt geweten, da hef ik dy ungesaden ungebraden eten.“

Die Braut lief in die Kammer zurück und sagte:

„Jetzt weiß ich, was ich zu dem Brennnesselbusch gesprochen habe“

, und wiederholte die Worte.

„Aber was sagtest du zu dem Kirchensteg, als wir darüber gingen?“

, fragte der Königssohn.

„Zu dem Kirchensteg?“

, antwortete sie.

„Ich spreche mit keinem Kirchensteg.“

„Dann bist du auch die rechte Braut nicht.“

Sie sagte wiederum:

„mut herut na myne Maegt, de my myn Gedanken draegt.“

Sie lief hinaus und fuhr die Jungfrau Maleen an:

„Dirne, was hast du zu dem Kirchsteg gesagt?“

„Ich sagte nichts als: Karkstegels, brik nich, bün de rechte Brut nich.“

„Das kostet dich dein Leben!“

, rief die Braut, eilte aber zurück in die Kammer und sagte:

„Jetzt weiß ich, was ich zu dem Kirchsteg gesprochen habe“

, und wiederholte die Worte.

„Aber was sagtest du zur Kirchentür?“

„Zur Kirchentür?“

, antwortete sie.

„Ich spreche mit keiner Kirchentür.“

„Dann bist du auch die rechte Braut nicht.“

Sie ging wieder hinaus und fuhr die Jungfrau Maleen an:

„Dirne, was hast du zu der Kirchentür gesagt?“

„Ich sagte nichts als: Karkendär, brik nich, bün de rechte Brut nich.“

„Das bricht dir den Hals!“

, schrie die Braut und geriet in den größten Zorn. Sie eilte zurück in die Kammer und sagte:

„Jetzt weiß ich, was ich zu der Kirchentür gesprochen habe“

, und wiederholte die Worte.

„Aber wo hast du das Geschmeide, das ich dir an der Kirchentür gab?“

„Was für ein Geschmeide?“

, antwortete sie.

„Du hast mir kein Geschmeide gegeben.“

„Ich habe es dir selbst um den Hals gelegt und selbst eingehakt. Wenn du das nicht weißt, so bist du die rechte Braut nicht.“

Er zog ihr den Schleier vom Gesicht, und als er ihre grundlose Hässlichkeit erblickte, sprang er erschrocken zurück und sprach:

„Wie kommst du hierher? Wer bist du?“

„Ich bin deine verlobte Braut. Aber weil ich fürchtete, die Leute würden mich verspotten, wenn sie mich draußen erblickten, habe ich dem Aschenputtel befohlen, meine Kleider anzuziehen und statt meiner zur Kirche zu gehen.“

„Wo ist das Mädchen?“

, sagte er.

„Ich will es sehen. Geh und hol es hierher.“

Sie ging hinaus und befahl den Dienern, das Aschenputtel sei eine Betrügerin, sie sollten es in den Hof führen und ihm den Kopf abschlagen. Die Diener packten das Mädchen und wollten es fortschleppen, aber es schrie so laut um Hilfe, dass der Königssohn seine Stimme vernahm, aus seinem Zimmer herbeieilte und den Befehl gab, das Mädchen augenblicklich loszulassen.

Das glückliche Wiedersehen

Es wurden Lichter herbeigeholt, und da bemerkte er an ihrem Hals den Goldschmuck, den er ihr vor der Kirchentür gegeben hatte.

„Du bist die rechte Braut“

, sagte er,

„die mit mir zur Kirche gegangen ist. Komm mit mir in meine Kammer.“

Als sie beide allein waren, sprach er:

„Du hast auf dem Kirchgang die Jungfrau Maleen genannt, die meine verlobte Braut war. Wenn ich dächte, es wäre möglich, so müsste ich glauben, sie stünde vor mir – du gleichst ihr in allem.“

Sie antwortete:

„Ich bin die Jungfrau Maleen. Ich habe um dich sieben Jahre in der Finsternis gefangen gesessen, Hunger und Durst gelitten und so lange in Not und Armut gelebt. Aber heute bescheint mich die Sonne wieder. Ich bin dir in der Kirche angetraut und bin deine rechtmäßige Gemahlin.“

Da küssten sie einander und waren glücklich für ihr Lebtag. Der falschen Braut wurde zur Vergeltung der Kopf abgeschlagen.

Der Turm, in welchem die Jungfrau Maleen gesessen hatte, stand noch lange Zeit, und wenn die Kinder vorübergingen, sangen sie:

„Kling klang kloria, wer sitt in dissen Thoria? Dar sitt en Königsdochter in, die kann ik nich to seen krygn. De Muer de will nich bräken, de Steen de will nich stechen. Hänschen mit de bunte Jak, kumm unn folg my achterna.“

*(Kling klang kloria, wer sitzt in diesem Turm? Darin sitzt eine Königstochter, die kann ich nicht zu sehen bekommen. Die Mauer will nicht brechen, der Stein will nicht stechen. Hänschen mit der bunten Jacke, komm und folg mir nach.)*