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Märchen lesen und erleben

Die Gänsemagd

⏱ Lesedauer: ca. 11 Min.

Die Abreise der Königstochter

Es lebte einmal eine alte Königin, deren Gemahl schon lange Jahre tot war, und sie hatte eine schöne Tochter. Als diese erwuchs, wurde sie weit über Land an einen Königssohn versprochen.

Als nun die Zeit kam, da sie vermählt werden sollten und das Kind in das fremde Reich abreisen musste, packte ihr die Alte gar viel köstliches Gerät und Geschmeide ein: Gold und Silber, Becher und Kleinode, kurz alles, was nur zu einem königlichen Brautschatz gehörte, denn sie hatte ihr Kind von Herzen lieb. Auch gab sie ihr eine Kammerjungfer bei, welche mitreiten und die Braut in die Hände des Bräutigams übergeben sollte. Jede bekam ein Pferd zur Reise, aber das Pferd der Königstochter hieß *Falada* und konnte sprechen.

Als die Abschiedsstunde da war, begab sich die alte Mutter in ihre Schlafkammer, nahm ein Messer und schnitt sich damit in die Finger, dass sie bluteten. Darauf hielt sie ein weißes Tüchlein unter und ließ drei Tropfen Blut hineinfallen, gab sie der Tochter und sprach:

„Liebes Kind, verwahre sie wohl, sie werden dir unterwegs in der Not beistehen.“

Der Verrat der Kammerjungfer

So nahmen die beiden betrübt Abschied voneinander. Das Tüchlein steckte die Königstochter in ihren Busen, setzte sich aufs Pferd und zog nun fort zu ihrem Bräutigam.

Als sie eine Stunde geritten waren, empfand sie heißen Durst und sprach zu ihrer Kammerjungfer:

„Steig ab und schöpfe mir mit meinem Becher, den du für mich mitgenommen hast, Wasser aus dem Bach; ich möchte gern etwas trinken.“

„Wenn ihr Durst habt“

, sprach die Kammerjungfer,

„so steigt selber ab, legt euch ans Wasser und trinkt; ich mag eure Magd nicht sein.“

Da stieg die Königstochter vor großem Durst herunter, neigte sich über das Wasser im Bach und trank, ohne aus ihrem goldenen Becher trinken zu dürfen. Da sprach sie:

„Ach Gott!“

Da antworteten die drei Blutstropfen:

„Wenn das deine Mutter wüsste, das Herz im Leibe täte ihr zerspringen.“

Aber die Königsbraut war demütig, sagte nichts und stieg wieder aufs Pferd.

So ritten sie etliche Meilen weiter fort. Der Tag war jedoch warm, die Sonne stach, und sie durstete bald von Neuem. Als sie an einen Fluss kamen, rief sie noch einmal ihrer Kammerjungfer:

„Steig ab und gib mir aus meinem Goldbecher zu trinken“

, denn sie hatte die bösen Worte längst vergessen.

Die Kammerjungfer sprach aber noch hochmütiger:

„Wollt ihr trinken, so trinkt allein; ich mag nicht eure Magd sein.“

Da stieg die Königstochter vor großem Durst hernieder, legte sich über das fließende Wasser, weinte und sprach:

„Ach Gott!“

Und die Blutstropfen antworteten wiederum:

„Wenn das deine Mutter wüsste, das Herz im Leibe täte ihr zerspringen.“

Und wie sie so trank und sich tief überlehnte, fiel ihr das Tüchlein, in dem die drei Tropfen Blut waren, aus dem Busen und floss mit dem Wasser fort, ohne dass sie es in ihrer großen Angst merkte. Die Kammerjungfer hatte jedoch zugesehen und freute sich, dass sie Gewalt über die Braut bekäme; denn damit, dass diese die Blutstropfen verloren hatte, war sie schwach und machtlos geworden.

Als sie nun wieder auf ihr Pferd steigen wollte, das Falada hieß, sagte die Kammerfrau:

„Auf Falada gehöre ich, und auf meinen Gaul gehörst du“

; und das musste sie sich gefallen lassen. Dann befahl ihr die Kammerfrau mit harten Worten, die königlichen Kleider auszuziehen und ihre schlechten anzulegen. Endlich musste sie sich unter freiem Himmel verschwören, dass sie am königlichen Hof keinem Menschen etwas davon sagen wollte. Wenn sie diesen Eid nicht abgelegt hätte, wäre sie auf der Stelle umgebracht worden. Aber Falada sah das alles an und nahm es wohl in Acht.

Die wahre Braut als Gänsemagd

Die Kammerfrau stieg nun auf Falada und die wahre Braut auf das schlechte Roß, und so zogen sie weiter, bis sie endlich im königlichen Schloss eintrafen. Da war große Freude über ihre Ankunft. Der Königssohn sprang ihnen entgegen, hob die Kammerfrau vom Pferd und dachte, sie wäre seine Gemahlin. Sie wurde die Treppe hinaufgeführt, die wahre Königstochter aber musste unten im Hof stehen bleiben.

Da schaute der alte König aus dem Fenster und sah sie im Hof warten. Er bemerkte, wie fein sie war, zart und wunderschön. Er ging alsbald in das königliche Gemach und fragte die Braut nach derjenigen, die sie bei sich hätte und die da unten im Hof stünde, und wer sie wäre.

„Die habe ich mir unterwegs zur Gesellschaft mitgenommen. Gebt der Magd etwas zu arbeiten, damit sie nicht müßig steht.“

Aber der alte König hatte keine Arbeit für sie und wusste nichts anderes, als dass er sagte:

„Da habe ich einen kleinen Jungen, der hütet die Gänse, dem mag sie helfen.“

Der Junge hieß Kürdchen, und dem musste die wahre Braut helfen, die Gänse zu hüten.

Faladas treuer Kopf

Bald aber sprach die falsche Braut zu dem jungen König:

„Liebster Gemahl, ich bitte euch, tut mir einen Gefallen.“

Er antwortete:

„Das will ich gerne tun.“

„Nun, so lasst den Schinder rufen und dem Pferd, auf dem ich hergeritten bin, den Hals abhauen, weil es mich unterwegs geärgert hat.“

Eigentlich aber fürchtete sie, dass das Pferd sprechen und verraten könnte, wie sie mit der Königstochter umgegangen war. Nun war es so weit gekommen, dass der treue Falada sterben sollte.

Da kam es auch der rechten Königstochter zu Ohren. Sie versprach dem Schinder heimlich ein Stück Geld, das sie ihm bezahlen wollte, wenn er ihr einen kleinen Dienst erwiese. In der Stadt war ein großes, finsteres Tor, durch das sie abends und morgens mit den Gänsen hindurch musste. Sie bat ihn, den Kopf von Falada unter das finstere Tor zu nageln, damit sie ihn doch noch öfter sehen könnte. Also versprach das der Schinderknecht zu tun, hieb den Kopf ab und nagelte ihn fest unter das finstere Tor.

Auf der Gänsewiese

Früh am Morgen, als sie und Kürdchen unter dem Tor hinaustrieben, sprach sie im Vorbeigehen:

„O du Falada, da du hangest“

,

da antwortete der Kopf:

„O du Jungfer Königin, da du gangest, wenn das deine Mutter wüsste, ihr Herz täte ihr zerspringen.“

Da zog sie still weiter zur Stadt hinaus, und sie trieben die Gänse aufs Feld. Und als sie auf der Wiese angekommen war, setzte sie sich nieder und machte ihre Haare auf. Die waren wie reines Gold. Kürdchen sah es, freute sich, wie sie glänzten, und wollte ihr ein paar Haare ausraufen. Da sprach sie:

„Wehe, wehe, Windchen, nimm Kürdchen sein Hütchen, und lass ihn sich mit jagen, bis ich mich geflochten und geschnatzt, und wieder aufgesatzt.“

Und da kam ein so starker Wind, dass er Kürdchen sein Hütchen wehte über alle Berge, und er musste ihm nachlaufen. Bis er wiederkam, war sie mit dem Kämmen und Aufsetzen fertig, und er konnte keine Haare bekommen. Da war Kürdchen böse und sprach nicht mehr mit ihr. So hüteten sie die Gänse, bis es Abend wurde, dann gingen sie nach Hause.

Den anderen Morgen, als sie unter dem finsteren Tor hinaustrieben, sprach die Jungfrau:

„O du Falada, da du hangest“

,

Falada antwortete:

„O du Jungfer Königin, da du gangest, wenn das deine Mutter wüsste, das Herz täte ihr zerspringen.“

Und auf dem Feld setzte sie sich wieder auf die Wiese und fing an, ihr Haar auszukämmen. Kürdchen lief herbei und wollte danach greifen, da sprach sie schnell:

„Wehe, wehe, Windchen, nimm Kürdchen sein Hütchen, und lass ihn sich mit jagen, bis ich mich geflochten und geschnatzt, und wieder aufgesatzt.“

Da wehte der Wind und trug ihm das Hütchen vom Kopf weit weg, sodass Kürdchen nachlaufen musste. Als er wiederkam, hatte sie ihr Haar längst zurechtgemacht, und er konnte keines davon erwischen; und so hüteten sie die Gänse, bis es Abend wurde.

Der König am Ofen

Am Abend, nachdem sie heimgekommen waren, ging Kürdchen vor den alten König und sagte:

„Mit dem Mädchen will ich nicht länger Gänse hüten.“

„Warum denn?“

, fragte der alte König.

„Ach, das ärgert mich den ganzen Tag.“

Da befahl ihm der alte König zu erzählen, wie es ihm denn mit ihr erginge.

Da sagte Kürdchen: „Morgens, wenn wir unter dem finsteren Tor mit der Herde durchkommen, so ist da ein Pferdekopf an der Wand, zu dem redet sie:

‚Falada, da du hangest‘,

da antwortet der Kopf:

‚O du Königsjungfer, da du gangest, wenn das deine Mutter wüsste, das Herz täte ihr zerspringen.‘“

Und so erzählte Kürdchen weiter, was auf der Gänsewiese geschah und wie er dort seinem Hut im Winde nachlaufen musste.

Der alte König befahl ihm, am nächsten Tag wieder hinauszutreiben. Er selbst setzte sich am Morgen hinter das finstere Tor und hörte, wie sie mit dem Haupt des Falada sprach. Dann ging er ihr auch nach ins Feld und verbarg sich in einem Busch auf der Wiese. Da sah er nun bald mit eigenen Augen, wie die Gänsemagd und der Gänsejunge die Herde getrieben brachten und wie sie sich nach einer Weile setzte und ihre Haare losflocht, die von Glanz strahlten. Gleich sprach sie wieder:

„Wehe, wehe, Windchen, fass Kürdchen sein Hütchen, und lass ihn sich mit jagen, bis dass ich mich geflochten und geschnatzt, und wieder aufgesatzt.“

Da kam ein Windstoß und entführte Kürdchens Hut, sodass er weit zu laufen hatte, und die Magd kämmte und flocht ihre Locken still fort. Der alte König beobachtete dies alles genau.

Darauf ging er unbemerkt zurück. Als abends die Gänsemagd heimkam, rief er sie beiseite und fragte, warum sie das alles tue.

„Das darf ich euch nicht sagen und darf auch keinem Menschen mein Leid klagen, denn so habe ich mich unter freiem Himmel verschworen, weil ich sonst um mein Leben gekommen wäre.“

Er drang in sie und ließ ihr keinen Frieden, aber er konnte nichts aus ihr herausbringen. Da sprach er:

„Wenn du mir nichts sagen willst, so klage dem Eisenofen dort dein Leid“

, und ging fort.

Da kroch sie in den Eisenofen, fing an zu jammern und zu weinen, schüttete ihr Herz aus und sprach:

„Da sitze ich nun von aller Welt verlassen und bin doch eine Königstochter. Eine falsche Kammerjungfer hat mich mit Gewalt dazu gebracht, dass ich meine königlichen Kleider ablegen musste. Sie hat meinen Platz bei meinem Bräutigam eingenommen, und ich muss als Gänsemagd niedere Dienste tun. Wenn das meine Mutter wüsste, das Herz im Leibe täte ihr zerspringen.“

Das Rätsel und die gerechte Strafe

Der alte König stand aber außen an der Ofenröhre, lauschte und hörte, was sie sprach. Da kam er wieder herein und hieß sie aus dem Ofen gehen. Da wurden ihr königliche Kleider angetan, und es schien wie ein Wunder, wie schön sie war.

Der alte König rief seinen Sohn und offenbarte ihm, dass er die falsche Braut hätte; die wäre bloß ein Kammermädchen, die wahre aber stünde hier als die ehemalige Gänsemagd. Der junge König war herzensfroh, als er ihre Schönheit und Tugend erblickte.

Ein großes Mahl wurde veranstaltet, zu dem alle Leute und guten Freunde eingeladen wurden. Obenan saß der Bräutigam, die Königstochter zur einen Seite und die Kammerjungfer zur anderen; aber die Kammerjungfer war wie verblendet und erkannte jene in dem glänzenden Schmuck nicht wieder.

Als sie nun gegessen und getrunken hatten und guten Mutes waren, gab der alte König der Kammerfrau ein Rätsel auf: Was eine solche Frau wert wäre, die ihren Herrn so und so betrogen hätte. Er erzählte dabei den ganzen Verlauf und fragte:

„Welches Urteils ist diese würdig?“

Da sprach die falsche Braut:

„Die ist nichts Besseres wert, als dass sie splitternackt ausgezogen und in ein Fass gesteckt wird, das inwendig mit spitzen Nägeln beschlagen ist; und zwei weiße Pferde müssen vorgespannt werden, die sie Gasse um Gasse zu Tode schleifen.“

„Das bist du“

, sprach der alte König,

„und hast dein eigenes Urteil gesprochen, und danach soll dir widerfahren.“

Als das Urteil vollzogen war, vermählte sich der junge König mit seiner rechten Gemahlin, und beide beherrschten ihr Reich in Frieden und Seligkeit.