Autor: Gebrüder Grimm
**196.**
**Oll Rinkrank.**
Der gläserne Berg
Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter. Er ließ einen gläsernen Berg errichten und verkündete: Wer darüber laufen könne, ohne zu fallen, der solle seine Tochter zur Frau haben.
Da war einer, dem die Königstochter sehr gefiel. Er fragte den König, ob er sie haben solle. „Ja", sagte der König, „wenn er über den Berg laufen kann, ohne zu fallen, soll er sie haben."
Da sagte die Königstochter, sie wolle mit ihm über den Berg laufen und ihn halten, wenn er zu fallen drohe. So liefen sie miteinander. Als sie aber in der Mitte oben waren, glitt die Königstochter aus und fiel. Der Glasberg öffnete sich und sie rutschte hinein. Der Bräutigam konnte nicht sehen, wo sie hereingekommen war, denn der Berg hatte sich sogleich wieder geschlossen.
Da jammerte und weinte er sehr, und der König war ebenfalls so traurig, dass er den Berg abbrechen ließ – er meinte, er könne sie so herausbekommen. Aber sie konnten die Stelle nicht finden, wo sie hineingefallen war.
Oll Rinkrank
Unterdessen war die Königstochter ganz tief in der Erde in eine große Höhle gelangt. Da kam ihr ein alter Kerl mit einem langen grauen Bart entgegen und sagte, wenn sie seine Magd sein und alles tun wolle, was er befehle, so solle sie am Leben bleiben. Sonst wolle er sie umbringen.
Da tat sie alles, was er ihr sagte. Morgens holte er seine Leiter aus der Tasche, legte sie an den Berg und stieg damit hinaus. Dann zog er die Leiter wieder nach oben. Sie musste sein Essen kochen, sein Bett machen und alle seine Arbeit tun. Wenn er nach Hause kam, brachte er immer einen Haufen Gold und Silber mit.
Als sie schon viele Jahre bei ihm gewesen war und ganz alt geworden war, nannte er sie Frau Mansrot und sie musste ihn *Oll Rinkrank* nennen.
Die List
Eines Tages war er ausgefahren. Da machte sie sein Bett und wusch seine Schüsseln, schloss alle Türen und Fenster fest zu. Nur eine kleine Luke, durch die das Licht hereinfiel, ließ sie offen.
Als Oll Rinkrank zurückkam, klopfte er an seine Tür und rief: „Frau Mansrot, mach mir die Tür auf."
„Nein", sagte sie, „Oll Rinkrank, ich mach dir die Tür nicht auf."
Da rief er:
„Hier steh ich armer Rinkrank auf meinen siebzehn Beinen lang, auf meinem einen vergoldeten Fuß. Frau Mansrot, wasch mir die Schüsseln."
„Ich hab deine Schüsseln schon gewaschen", sagte sie.
Da rief er wieder:
„Hier steh ich armer Rinkrank auf meinen siebzehn Beinen lang, auf meinem einen vergoldeten Fuß. Frau Mansrot, mach mir das Bett."
„Ich hab dein Bett schon gemacht", sagte sie.
Da rief er wieder:
„Hier steh ich armer Rinkrank auf meinen siebzehn Beinen lang, auf meinem einen vergoldeten Fuß. Frau Mansrot, mach mir die Tür auf."
Der Bart in der Falle
Da lief er rings um sein Haus herum und sah, dass die kleine Luke offen war. Er dachte: „Du musst doch mal nachsehen, was sie da treibt, warum sie ihm die Tür nicht aufmachen will." Er wollte durch die Luke hineingucken, konnte den Kopf aber wegen seines langen Bartes nicht hindurchbekommen.
Da steckte er zunächst seinen Bart durch die Luke. Als er ihn durchgesteckt hatte, trat Frau Mansrot hinzu und schob die Luke mit einem Band, das sie daran gebunden hatte, fest zu. Der Bart blieb darin festsitzen.
Da fing er so jämmerlich an zu schreien, es tat ihm so weh. Er bat sie flehentlich, sie möge ihn wieder loslassen. Da sagte sie, nicht eher, bis er ihr die Leiter gäbe, mit der er den Berg heraussteige.
Er mochte wollen oder nicht – er musste ihr sagen, wo die Leiter war. Da band sie ein langes Band an die Luke, legte die Leiter an und stieg den Berg hinauf. Als sie oben war, zog sie die Luke auf. Dann ging sie zu ihrem Vater und erzählte ihm alles, was ihr widerfahren war.
Das glückliche Ende
Der König freute sich sehr, und ihr Bräutigam war auch noch da. Sie gingen hin, gruben den Berg auf und fanden den alten Rinkrank mit all seinem Gold und Silber darin.
Der König ließ den alten Rinkrank töten und nahm all sein Silber und Gold mit.
Die Königstochter bekam ihren alten Bräutigam zum Mann, und sie lebten recht vergnügt und glücklich und in Freuden.

