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Märchen lesen und erleben

Die Gänsehirtin am Brunnen

⏱ Lesedauer: ca. 20 Min.

Das Mütterchen und die Hexengerüchte

Es war einmal ein steinaltes Mütterchen, das lebte mit seiner Herde Gänse in einer Einöde zwischen Bergen und hatte dort ein kleines Haus. Die Einöde war von einem großen Wald umgeben, und jeden Morgen nahm die Alte ihre Krücke und wackelte in den Wald.

Dort war das Mütterchen ganz geschäftig, weit mehr, als man ihr bei ihren hohen Jahren zugetraut hätte. Sie sammelte Gras für ihre Gänse, brach wildes Obst ab, soweit sie mit den Händen reichen konnte, und trug alles auf ihrem Rücken heim. Man hätte meinen sollen, die schwere Last müsste sie zu Boden drücken, aber sie brachte sie immer glücklich nach Hause.

Wenn ihr jemand begegnete, so grüßte sie ganz freundlich:

„Guten Tag, lieber Landsmann, heute ist schönes Wetter. Ja, ihr wundert euch, dass ich das Gras schleppe, aber jeder muss seine Last auf den Rücken nehmen.“

Doch die Leute begegneten ihr nicht gerne und nahmen lieber einen Umweg. Wenn ein Vater mit seinem Knaben an ihr vorüberging, so sprach er leise zu ihm:

„Nimm dich in Acht vor der Alten, die hat es faustdick hinter den Ohren; es ist eine Hexe.“

Der junge Graf und die schwere Last

Eines Morgens ging ein hübscher junger Mann durch den Wald. Die Sonne schien hell, die Vögel sangen, und ein kühles Lüftchen strich durch das Laub; er war voll Freude und Lust. Noch war ihm kein Mensch begegnet, als er plötzlich das alte Mütterchen erblickte, das am Boden auf den Knien saß und Gras mit einer Sichel abschnitt. Eine ganze Last hatte sie schon in ihr Tragtuch geschoben, und daneben standen zwei Körbe, die mit wilden Birnen und Äpfeln angefüllt waren.

„Aber, Mütterchen“

, sprach er,

„wie kannst du das alles fortschaffen?“

„Ich muss es tragen, lieber Herr“

, antwortete sie, „reicher Leute Kinder brauchen das nicht. Aber beim Bauern heißt es:

Schau dich nicht um, dein Buckel ist krumm.“

„Wollt ihr mir helfen?“

, sprach sie, als er bei ihr stehen blieb.

„Ihr habt noch einen geraden Rücken und junge Beine, es wird euch ein Leichtes sein. Auch ist mein Haus nicht so weit von hier; hinter dem Berge dort steht es auf einer Heide. Wie schnell seid ihr da hinaufgesprungen!“

Der junge Mann empfand Mitleid mit der Alten.

„Zwar ist mein Vater kein Bauer“

, antwortete er,

„sondern ein reicher Graf, aber damit ihr seht, dass nicht nur Bauern tragen können, so will ich euer Bündel aufnehmen.“

„Wollt ihr es versuchen“

, sprach sie,

„so soll mir das lieb sein. Eine Stunde weit werdet ihr freilich gehen müssen, aber was macht euch das aus! Dort die Äpfel und Birnen müsst ihr auch tragen.“

Es kam dem jungen Grafen doch ein wenig bedenklich vor, als er von einer Stunde Wegs hörte, aber die Alte ließ ihn nicht wieder los. Sie packte ihm das Tragtuch auf den Rücken und hängte ihm die beiden Körbe an den Arm.

„Seht ihr, es geht ganz leicht“

, sagte sie.

„Nein, es geht nicht leicht“

, antwortete der Graf und machte ein schmerzliches Gesicht,

„das Bündel drückt ja so schwer, als wären lauter Wackersteine darin, und die Äpfel und Birnen haben ein Gewicht, als wären sie aus Blei. Ich kann kaum atmen.“

Er hatte Lust, alles wieder abzulegen, aber die Alte ließ es nicht zu.

„Seht einmal“

, sprach sie spöttisch,

„der junge Herr will nicht tragen, was ich alte Frau schon so oft fortgeschleppt habe. Mit schönen Worten sind sie schnell bei der Hand, aber wenn es ernst wird, wollen sie sich aus dem Staub machen. Was steht ihr da“

, fuhr sie fort,

„und zaudert? Hebt die Beine auf! Es nimmt euch niemand das Bündel wieder ab.“

Solange er auf ebener Erde ging, war es noch auszuhalten. Als sie aber an den Berg kamen und steigen mussten und die Steine hinter seinen Füßen hinabrollten, als wären sie lebendig, da ging es über seine Kräfte. Die Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn und liefen ihm bald heiß, bald kalt über den Rücken hinab.

„Mütterchen“

, sagte er,

„ich kann nicht weiter, ich will ein wenig ruhen.“

„Nichts da!“

, antwortete die Alte.

„Wenn wir angelangt sind, könnt ihr ausruhen, aber jetzt müsst ihr vorwärts. Wer weiß, wozu euch das gut ist.“

„Alte, du wirst unverschämt!“

, sagte der Graf und wollte das Tragtuch abwerfen. Er bemühte sich jedoch vergeblich; es hing so fest an seinem Rücken, als ob es angewachsen wäre. Er drehte und wendete sich, aber er konnte es nicht wieder loswerden. Die Alte lachte dazu und sprang ganz vergnügt auf ihrer Krücke herum.

„Erzürnt euch nicht, lieber Herr“

, sprach sie,

„ihr werdet ja so rot im Gesicht wie ein Zinshahn. Tragt euer Bündel mit Geduld; wenn wir zu Hause angelangt sind, so will ich euch schon ein gutes Trinkgeld geben.“

Was sollte er machen? Er musste sich in sein Schicksal fügen und geduldig hinter der Alten herschleichen. Sie schien immer flinker zu werden und ihm seine Last immer schwerer. Auf einmal tat sie einen Satz, sprang auf das Tragtuch und setzte sich oben darauf. Wie zaundürr sie auch war, so hatte sie doch mehr Gewicht als die dickste Bauerndirne. Dem Jüngling zitterten die Knie, aber wenn er nicht weiterging, so schlug ihn die Alte mit einer Gerte und mit Brennnesseln auf die Beine. Unter beständigem Ächzen stieg er den Berg hinauf und langte endlich beim Haus der Alten an, als er eben erschöpft niedersinken wollte.

Im Hause der Alten

Als die Gänse die Alte erblickten, streckten sie die Flügel in die Höhe und die Hälse voraus, liefen ihr entgegen und schrien:

„Wulle, wulle!“

Hinter der Herde ging mit einer Rute in der Hand eine bejahrte Trulle, stark und groß, aber hässlich wie die Nacht.

„Frau Mutter“

, sprach sie zur Alten,

„ist euch etwas begegnet? Ihr seid so lange ausgeblieben.“

„Bewahre, mein Töchterchen“

, erwiderte sie,

„mir ist nichts Böses begegnet. Im Gegenteil, der liebe Herr da hat mir meine Last getragen. Denk dir, als ich müde war, hat er mich selbst noch auf den Rücken genommen. Der Weg ist uns auch gar nicht lang geworden; wir sind lustig gewesen und haben immer Spaß miteinander gemacht.“

Endlich rutschte die Alte herab, nahm dem jungen Mann das Bündel vom Rücken und die Körbe vom Arm, sah ihn ganz freundlich an und sprach:

„Nun setzt euch auf die Bank vor die Tür und ruht euch aus. Ihr habt euren Lohn redlich verdient, der soll auch nicht ausbleiben.“

Dann sprach sie zu der Gänsehirtin:

„Geh du ins Haus hinein, mein Töchterchen. Es schickt sich nicht, dass du mit einem jungen Herrn allein bist. Man muss nicht Öl ins Feuer gießen; er könnte sich in dich verlieben.“

Der Graf wusste nicht, ob er weinen oder lachen sollte.

„Solch ein Schätzchen“

, dachte er,

„und wenn es dreißig Jahre jünger wäre, könnte es doch mein Herz nicht rühren.“

Indessen hätschelte und streichelte die Alte ihre Gänse wie Kinder und ging dann mit ihrer Tochter in das Haus. Der Jüngling streckte sich auf die Bank unter einem wilden Apfelbaum. Die Luft war lau und mild; ringsumher breitete sich eine grüne Wiese aus, die mit Himmelschlüsseln, wildem Thymian und tausend anderen Blumen übersät war. Mitten hindurch rauschte ein klarer Bach, auf dem die Sonne glitzerte, und die weißen Gänse gingen auf und ab spazieren oder badeten im Wasser.

„Es ist recht lieblich hier“

, sagte er,

„aber ich bin so müde, dass ich die Augen nicht aufbehalten mag; ich will ein wenig schlafen. Wenn nur kein Windstoß kommt und mir meine Beine vom Leib wegbläst, denn sie sind mürbe wie Zunder.“

Der smaragdene Lohn

Als er ein Weilchen geschlafen hatte, kam die Alte und rüttelte ihn wach.

„Steh auf“

, sagte sie,

„hier kannst du nicht bleiben. Freilich habe ich es dir sauer genug gemacht, aber das Leben hat es dich doch nicht gekostet. Jetzt will ich dir deinen Lohn geben; Geld und Gut brauchst du nicht, da hast du etwas anderes.“

Damit steckte sie ihm ein Büchslein in die Hand, das aus einem einzigen Smaragd geschnitten war.

„Bewahre es gut“

, setzte sie hinzu,

„es wird dir Glück bringen.“

Der Graf sprang auf. Da er fühlte, dass er ganz frisch und wieder bei Kräften war, dankte er der Alten für ihr Geschenk und machte sich auf den Weg, ohne sich nach dem hässlichen Töchterchen auch nur einmal umzublicken. Als er schon eine Strecke weg war, hörte er noch aus der Ferne das lustige Geschrei der Gänse.

Die traurige Geschichte der Königin

Der Graf musste drei Tage in der Wildnis herumirren, ehe er den Weg herausfinden konnte. Da kam er in eine große Stadt, und weil ihn niemand kannte, wurde er in das königliche Schloss geführt, wo der König und die Königin auf dem Thron saßen. Der Graf ließ sich auf ein Knie nieder, zog das smaragdene Gefäß aus der Tasche und legte es der Königin zu Füßen. Sie hieß ihn aufstehen, und er musste ihr das Büchslein reichen.

Kaum aber hatte sie es geöffnet und hineingeblickt, als sie wie tot zur Erde fiel. Der Graf wurde von den Dienern des Königs festgehalten und sollte in das Gefängnis geführt werden. Da schlug die Königin die Augen auf und rief, sie sollten ihn freilassen; jedermann sollte hinausgehen, sie wolle insgeheim mit ihm reden.

Als die Königin allein war, fing sie bitterlich an zu weinen und sprach: „Was hilft mir der Glanz und die Ehre, die mich umgeben? Jeden Morgen erwache ich mit Sorgen und Kummer. Ich habe drei Töchter gehabt; davon war die jüngste so schön, dass alle Welt sie für ein Wunder hielt. Sie war so weiß wie Schnee, so rot wie Apfelblüte und ihr Haar so glänzend wie Sonnenstrahlen. Wenn sie weinte, so fielen keine Tränen aus ihren Augen, sondern lauter Perlen und Edelsteine.

Als sie fünfzehn Jahre alt war, da ließ der König alle drei Schwestern vor seinen Thron kommen. Da hättet ihr sehen sollen, was die Leute für Augen machten, als die jüngste eintrat; es war, als wenn die Sonne aufging.

Der König sprach: ‚Meine Töchter, ich weiß nicht, wann mein letzter Tag kommt; ich will heute bestimmen, was eine jede nach meinem Tode erhalten soll. Ihr alle habt mich lieb, aber welche mich von euch am liebsten hat, die soll das Beste haben.‘

Jede sagte, sie hätte ihn am liebsten.

‚Könnt ihr mir es nicht ausdrücken‘, erwiderte der König, ‚wie lieb ihr mich habt? Daran werde ich sehen, wie ihr es meint.‘

Die älteste sprach: ‚Ich habe den Vater so lieb wie den süßesten Zucker.‘

Die zweite: ‚Ich habe den Vater so lieb wie mein schönstes Kleid.‘

Die jüngste aber schwieg.

Da fragte der Vater: ‚Und du, mein liebstes Kind, wie lieb hast du mich?‘

‚Ich weiß es nicht‘, antwortete sie, ‚und kann meine Liebe mit nichts vergleichen.‘

Aber der Vater bestand darauf, sie müsse etwas nennen. Da sagte sie endlich: ‚Die beste Speise schmeckt mir nicht ohne Salz; darum habe ich den Vater so lieb wie Salz.‘

Als der König das hörte, geriet er in Zorn und sprach: ‚Wenn du mich so liebst wie Salz, so soll deine Liebe auch mit Salz belohnt werden.‘

Da teilte er das Reich zwischen den beiden ältesten. Der jüngsten aber ließ er einen Sack mit Salz auf den Rücken binden, und zwei Knechte mussten sie hinaus in den wilden Wald führen. Wir haben alle für sie gefleht und gebeten“, sagte die Königin, „aber der Zorn des Königs war nicht zu erweichen. Wie hat sie geweint, als sie uns verlassen musste! Der ganze Weg ist mit Perlen besät worden, die ihr aus den Augen geflossen sind.

Den König hat bald hernach seine große Härte gereut, und er hat das arme Kind im ganzen Wald suchen lassen, aber niemand konnte sie finden. Wenn ich daran denke, dass sie die wilden Tiere gefressen haben könnten, so weiß ich mich vor Traurigkeit nicht zu fassen. Manchmal tröste ich mich mit der Hoffnung, sie sei noch am Leben und habe sich in einer Höhle versteckt oder bei mitleidigen Menschen Schutz gefunden. Aber stellt euch vor: Als ich euer Smaragdbüchslein aufmachte, lag eine Perle darin, gerade von der Art, wie sie meiner Tochter aus den Augen geflossen sind. Da könnt ihr euch vorstellen, wie mir der Anblick das Herz bewegt hat. Ihr sollt mir sagen, wie ihr zu der Perle gekommen seid.“

Der Graf erzählte ihr, dass er sie von der Alten im Walde erhalten hätte, die ihm unheimlich vorgekommen war und eine Hexe sein müsse; von ihrem Kind aber habe er nichts gehört oder gesehen. Der König und die Königin fassten den Entschluss, die Alte aufzusuchen. Sie dachten: Wo die Perle herkam, da müssten sie auch Nachricht von ihrer Tochter finden.

Das Geheimnis am Brunnen

Die Alte saß draußen in der Einöde bei ihrem Spinnrad und spann. Es war schon dunkel geworden, und ein Span, der am Herd brannte, gab ein spärliches Licht. Auf einmal wurde es draußen laut; die Gänse kamen heim von der Weide und ließen ihr heiseres Gekreisch hören. Bald hernach trat auch die Tochter herein. Aber die Alte dankte ihr kaum und schüttelte nur ein wenig den Kopf.

Die Tochter setzte sich zu ihr nieder, nahm ihr Spinnrad und drehte den Faden so flink wie ein junges Mädchen. So saßen beide zwei Stunden lang und sprachen kein Wort miteinander. Endlich raschelte etwas am Fenster, und zwei feurige Augen glotzten herein. Es war eine alte Nachteule, die dreimal

„Uhu“

schrie. Die Alte schaute nur ein wenig in die Höhe, dann sprach sie:

„Jetzt ist es Zeit, Töchterchen, dass du hinausgehst und deine Arbeit tust.“

Sie stand auf und ging hinaus. Sie lief über die Wiesen immer weiter bis in das Tal. Endlich kam sie zu einem Brunnen, bei dem drei alte Eichbäume standen. Der Mond war indessen rund und groß über dem Berg aufgestiegen, und es war so hell, dass man eine Stecknadel hätte finden können.

Sie zog eine Maske ab, die auf ihrem Gesicht lag, bückte sich dann zu dem Brunnen und fing an, sich zu waschen. Als sie fertig war, tauchte sie auch die Maske in das Wasser und legte sie dann auf die Wiese, damit sie im Mondschein bleichen und trocknen sollte.

Aber wie war das Mädchen verwandelt! So etwas habt ihr noch nie gesehen! Als der graue Zopf abfiel, quollen die goldenen Haare wie Sonnenstrahlen hervor und breiteten sich wie ein Mantel über ihre ganze Gestalt aus. Nur die Augen blitzten heraus, so glänzend wie die Sterne am Himmel, und die Wangen schimmerten in sanfter Röte wie Apfelblüten.

Aber das schöne Mädchen war traurig. Es setzte sich nieder und weinte bitterlich. Eine Träne nach der anderen drang aus seinen Augen und rollte zwischen den langen Haaren auf den Boden. So saß es da und wäre lange sitzen geblieben, wenn es nicht in den Ästen des nahestehenden Baumes geknittert und gerauscht hätte.

Sie sprang auf wie ein Reh, das den Schuss des Jägers vernimmt. Der Mond wurde gerade von einer schwarzen Wolke verdeckt, und im selben Augenblick war das Mädchen wieder in die hässliche Maske geschlüpft und verschwand wie ein Licht, das der Wind ausbläst. Zitternd wie Espenlaub lief sie zum Haus zurück.

Die Alte stand vor der Tür, und das Mädchen wollte ihr erzählen, was ihm begegnet war, aber die Alte lachte freundlich und sagte:

„Ich weiß schon alles.“

Das Ende der Dienstzeit

Die Alte führte sie in die Stube und zündete einen neuen Span an. Sie setzte sich jedoch nicht wieder an das Spinnrad, sondern holte einen Besen und fing an zu kehren und zu scheuern.

„Es muss alles rein und sauber sein“

, sagte sie zu dem Mädchen.

„Aber, Mutter“

, sprach das Mädchen,

„warum fangt ihr in so später Stunde die Arbeit an? Was habt ihr vor?“

„Weißt du denn, welche Stunde es ist?“

, fragte die Alte.

„Noch nicht Mitternacht“

, antwortete das Mädchen,

„aber schon elf Uhr vorbei.“

„Denkst du nicht daran“

, fuhr die Alte fort,

„dass du heute vor drei Jahren zu mir gekommen bist? Deine Zeit ist um, wir können nicht länger beisammen bleiben.“

Das Mädchen erschrak und sagte:

„Ach, liebe Mutter, wollt ihr mich verstoßen? Wo soll ich hin? Ich habe keine Freunde und keine Heimat, wohin ich mich wenden kann. Ich habe alles getan, was ihr verlangt habt, und ihr seid immer zufrieden mit mir gewesen; schickt mich nicht fort.“

Die Alte wollte dem Mädchen nicht sagen, was ihm bevorstand.

„Meines Bleibens ist nicht länger hier“

, sprach sie zu ihm.

„Wenn ich aber ausziehe, muss Haus und Stube sauber sein; darum halte mich nicht auf in meiner Arbeit. Deinetwegen sei ohne Sorge; du wirst ein Dach finden, unter dem du wohnen kannst, und mit dem Lohn, den ich dir geben will, wirst du auch zufrieden sein.“

„Aber sagt mir nur, was ist vor?“

, fragte das Mädchen weiter.

„Ich sage dir nochmals: Störe mich nicht in meiner Arbeit. Rede kein Wort weiter, geh in deine Kammer, nimm die Maske vom Gesicht und zieh das seidene Kleid an, das du trugst, als du zu mir kamst. Dann warte in deiner Kammer, bis ich dich rufe.“

Die Heimkehr und die Versöhnung

Nun müssen wir wieder von dem König und der Königin erzählen, die mit dem Grafen ausgezogen waren, um die Alte in der Einöde aufzusuchen.

Der Graf war nachts im Wald von ihnen abgekommen und musste allein weitergehen. Am anderen Tag kam es ihm vor, als befände er sich auf dem rechten Weg. Er ging immer fort, bis die Dunkelheit einbrach. Da stieg er auf einen Baum, um dort zu übernachten, denn er war besorgt, er könnte sich verirren.

Als der Mond die Gegend erhellte, erblickte er eine Gestalt, die den Berg herabkam. Sie hatte keine Rute in der Hand, aber er konnte doch sehen, dass es die Gänsehirtin war, die er früher beim Haus der Alten gesehen hatte.

„Oho!“

, rief er bei sich,

„da kommt sie. Und habe ich erst die eine Hexe, so soll mir die andere auch nicht entgehen.“

Wie erstaunte er aber, als sie zum Brunnen trat, die hässliche Maske ablegte und sich wusch. Als die goldenen Haare über sie herabfielen und sie so schön war, wie er noch niemanden auf der Welt gesehen hatte! Kaum wagte er zu atmen, aber er streckte den Hals zwischen dem Laub so weit vor, wie er nur konnte, und schaute sie mit unverwandten Blicken an. Ob er sich zu weit überbog oder was sonst schuld war: Plötzlich krachte der Ast. Im selben Augenblick schlüpfte das Mädchen wieder in die Maske, sprang wie ein Reh davon, und da der Mond sich zugleich verdeckte, war sie seinen Blicken entzogen.

Kaum war sie verschwunden, so stieg der Graf vom Baum herab und eilte ihr mit schnellen Schritten nach. Er war noch nicht lange gegangen, da sah er in der Dämmerung zwei Gestalten über die Wiese wandeln. Es waren der König und die Königin, die aus der Ferne das Licht im Häuschen der Alten erblickt hatten und darauf zugegangen waren. Der Graf erzählte ihnen, was für Wunderdinge er beim Brunnen gesehen hatte, und sie zweifelten nicht, dass das ihre verlorene Tochter war.

Voll Freude gingen sie weiter und kamen bald beim Häuschen an. Die Gänse saßen ringsherum, hatten den Kopf unter die Flügel gesteckt und schliefen; keine regte sich. Sie schauten zum Fenster hinein; da saß die Alte ganz still und spann, nickte mit dem Kopf und sah sich nicht um. Es war ganz sauber in der Stube, als wenn dort die kleinen Heinzelmännchen wohnten, die keinen Staub auf den Füßen tragen. Ihre Tochter sahen sie jedoch nicht.

Sie schauten das alles eine Zeit lang an, endlich fassten sie sich ein Herz und klopften leise ans Fenster. Die Alte schien sie erwartet zu haben. Sie stand auf und rief ganz freundlich:

„Nur herein, ich kenne euch schon.“

Als sie in die Stube eingetreten waren, sprach die Alte:

„Den weiten Weg hättet ihr euch sparen können, wenn ihr euer Kind, das so gut und liebreich ist, nicht vor drei Jahren ungerechterweise verstoßen hättet. Ihr hat es nichts geschadet; sie hat drei Jahre lang die Gänse hüten müssen, hat nichts Böses dabei gelernt, sondern ihr reines Herz behalten. Ihr aber seid durch die Angst, in der ihr gelebt habt, hinlänglich gestraft.“

Dann ging sie an die Kammer und rief:

„Komm heraus, mein Töchterchen.“

Da ging die Tür auf, und die Königstochter trat heraus in ihrem seidenen Gewand, mit ihren goldenen Haaren und ihren leuchtenden Augen; es war, als ob ein Engel vom Himmel käme. Sie ging auf ihren Vater und ihre Mutter zu, fiel ihnen um den Hals und küsste sie; sie mussten alle vor Freude weinen.

Der junge Graf stand neben ihnen, und als sie ihn erblickte, wurde sie so rot im Gesicht wie eine Rose; sie wusste selbst nicht warum.

Der König sprach:

„Liebes Kind, mein Königreich habe ich verschenkt, was soll ich dir geben?“

„Sie braucht nichts“

, sagte die Alte,

„ich schenke ihr die Tränen, die sie um euch geweint hat. Das sind lauter Perlen, schöner als sie im Meer gefunden werden, und sie sind mehr wert als euer ganzes Königreich. Und zum Lohn für ihre Dienste gebe ich ihr mein Häuschen.“

Als die Alte das gesagt hatte, verschwand sie vor ihren Augen. Es knarrte ein wenig in den Wänden, und als sie sich umsahen, war das Häuschen in einen prächtigen Palast verwandelt. Eine königliche Tafel war gedeckt, und Diener liefen hin und her.

Die Geschichte geht noch weiter, aber meiner Großmutter, die sie mir erzählt hat, war das Gedächtnis schwach geworden; sie hatte das Übrige vergessen. Ich glaube aber fest, dass die schöne Königstochter mit dem Grafen vermählt wurde, sie zusammen im Schloss blieben und dort in aller Glückseligkeit lebten, solange Gott wollte.

Ob die schneeweißen Gänse, die beim Häuschen gehütet wurden, lauter Mädchen waren, welche die Alte zu sich genommen hatte, und ob sie jetzt ihre menschliche Gestalt wiedererhielten und als Dienerinnen bei der jungen Königin blieben, das weiß ich nicht genau, aber ich vermute es doch.

So viel ist gewiss, dass die Alte keine Hexe war, wie die Leute glaubten, sondern eine weise Frau, die es gut meinte. Wahrscheinlich ist sie es auch gewesen, die der Königstochter schon bei der Geburt die Gabe verliehen hat, Perlen statt Tränen zu weinen. Heutzutage kommt das nicht mehr vor, sonst könnten die Armen bald reich werden.