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Märchen lesen und erleben

Der wunderliche Spielmann

⏱ Lesedauer: ca. 6 Min.

Das Treffen mit dem Wolf

Es war einmal ein wunderlicher Spielmann. Der ging durch einen Wald mutterselig allein und dachte hin und her. Als für seine Gedanken nichts mehr übrig war, sprach er zu sich selbst:

„Mir wird hier im Wald die Zeit lang, ich will einen guten Gesellen herbeiholen.“

Da nahm er die Geige vom Rücken und fidelte eins, dass es durch die Bäume schallte.

Nicht lange, so kam ein Wolf durch das Dickicht dahergetrabt.

„Ach, ein Wolf kommt! Nach dem trage ich kein Verlangen“

, sagte der Spielmann.

Aber der Wolf schritt näher und sprach zu ihm:

„Ei, du lieber Spielmann, was fidelst du so schön! Das möchte ich auch lernen.“

„Das ist bald gelernt“

, antwortete ihm der Spielmann,

„du musst nur alles tun, was ich dich heiße.“

„O Spielmann“

, sprach der Wolf,

„ich will dir gehorchen wie ein Schüler seinem Meister.“

Der Spielmann hieß ihn mitgehen. Als sie ein Stück Weges zusammen gegangen waren, kamen sie an einen alten Eichbaum, der innen hohl und in der Mitte aufgerissen war.

„Sieh her“

, sprach der Spielmann,

„willst du fideln lernen, so lege deine Vorderpfoten in diesen Spalt.“

Der Wolf gehorchte. Aber der Spielmann hob schnell einen Stein auf und keilte ihm die beiden Pfoten mit einem Schlag so fest ein, dass er wie ein Gefangener da liegen bleiben musste.

„Warte da so lange, bis ich wiederkomme“

, sagte der Spielmann und ging seines Weges.

Die Falle für den Fuchs

Über eine Weile sprach er abermals zu sich selber:

„Mir wird hier im Wald die Zeit lang, ich will einen anderen Gesellen herbeiholen.“

Er nahm seine Geige und fidelte wieder in den Wald hinein.

Nicht lange, so kam ein Fuchs durch die Bäume dahergeschlichen.

„Ach, ein Fuchs kommt!“

, sagte der Spielmann.

„Nach dem trage ich kein Verlangen.“

Der Fuchs kam zu ihm heran und sprach:

„Ei, du lieber Spielmann, was fidelst du so schön! Das möchte ich auch lernen.“

„Das ist bald gelernt“

, sprach der Spielmann,

„du musst nur alles tun, was ich dich heiße.“

„O Spielmann“

, antwortete der Fuchs,

„ich will dir gehorchen wie ein Schüler seinem Meister.“

„Folge mir“

, sagte der Spielmann.

Als sie ein Stück Weges gegangen waren, kamen sie auf einen Fußweg, zu dessen beiden Seiten hohe Sträucher standen. Da hielt der Spielmann still, bog von der einen Seite ein Haselnussbäumchen zur Erde herab und trat mit dem Fuß auf die Spitze. Dann bog er von der anderen Seite noch ein Bäumchen herab und sprach:

„Wohlan, Füchslein, wenn du etwas lernen willst, so reich mir deine linke Vorderpfote.“

Der Fuchs gehorchte, und der Spielmann band ihm die Pfote an den linken Stamm.

„Füchslein“

, sprach er,

„nun reich mir die rechte.“

Die band er ihm an den rechten Stamm.

Als er nachgesehen hatte, ob die Knoten der Stricke auch fest genug waren, ließ er los. Die Bäumchen fuhren in die Höhe und schnellten das Füchslein hinauf, dass es in der Luft schwebte und zappelte.

„Warte da so lange, bis ich wiederkomme“

, sagte der Spielmann und ging seines Weges.

Das gefangene Häschen

Wiederum sprach er zu sich:

„Die Zeit wird mir hier im Wald lang; ich will einen anderen Gesellen herbeiholen.“

Er nahm seine Geige, und der Klang erschallte durch den Wald.

Da kam ein Häschen dahergesprungen.

„Ach, ein Hase kommt!“

, sagte der Spielmann.

„Den wollte ich nicht haben.“

„Ei, du lieber Spielmann“

, sagte das Häschen,

„was fidelst du so schön! Das möchte ich auch lernen.“

„Das ist bald gelernt“

, sprach der Spielmann,

„du musst nur alles tun, was ich dich heiße.“

„O Spielmann“

, antwortete das Häslein,

„ich will dir gehorchen wie ein Schüler seinem Meister.“

Sie gingen ein Stück Weges zusammen, bis sie zu einer lichten Stelle im Wald kamen, wo ein Espenbaum stand. Der Spielmann band dem Häschen einen langen Bindfaden um den Hals, wovon er das andere Ende an den Baum knüpfte.

„Munter, Häschen, jetzt spring mir zwanzigmal um den Baum herum!“

, rief der Spielmann.

Das Häschen gehorchte. Als es zwanzigmal herumlaufen war, hatte sich der Bindfaden zwanzigmal um den Stamm gewickelt. Das Häschen war gefangen, und es mochte ziehen und zerren, wie es wollte – es schnitt sich nur den Faden in den weichen Hals.

„Warte da so lange, bis ich wiederkomme“

, sprach der Spielmann und ging weiter.

Die Flucht der Tiere

Der Wolf indessen hatte gerückt, gezogen, an dem Stein gebissen und so lange gearbeitet, bis er die Pfoten frei gemacht und wieder aus der Spalte gezogen hatte. Voll Zorn und Wut eilte er hinter dem Spielmann her und wollte ihn zerreißen.

Als ihn der Fuchs laufen sah, fing er an zu jammern und schrie aus Leibeskräften:

„Bruder Wolf, komm mir zu Hilfe! Der Spielmann hat mich betrogen.“

Der Wolf zog die Bäumchen herab, biss die Schnüre entzwei und machte den Fuchs frei. Dieser ging mit ihm und wollte an dem Spielmann Rache nehmen. Sie fanden das gebundene Häschen, das sie ebenfalls erlösten, und dann suchten alle zusammen ihren Feind auf.

Der Holzhacker und die Rettung

Der Spielmann hatte auf seinem Weg abermals seine Fidel erklingen lassen, und diesmal war er glücklicher gewesen. Die Töne drangen zu den Ohren eines armen Holzhauers, der alsbald, er mochte wollen oder nicht, von der Arbeit abließ und mit dem Beil unter dem Arm herankam, um die Musik zu hören.

„Endlich kommt doch der rechte Geselle“

, sagte der Spielmann,

„denn einen Menschen suchte ich und keine wilden Tiere.“

Er fing an und spielte so schön und lieblich, dass der arme Mann wie bezaubert dastand und ihm das Herz vor Freude aufging.

Und wie er so stand, kamen der Wolf, der Fuchs und das Häslein heran, und der Holzhauer merkte wohl, dass sie etwas Böses im Schilde führten. Da erhob er seine blinkende Axt und stellte sich vor den Spielmann, als wollte er sagen:

„Wer an ihn will, der hüte sich, der hat es mit mir zu tun.“

Da wurde den Tieren angst und sie liefen in den Wald zurück. Der Spielmann aber spielte dem Mann noch eins zum Dank und zog dann weiter.