Autor: Gebrüder Grimm
47.
**Vom Machandelbaum**
Der Machandelbaum und die Sehnsucht nach einem Kind
Das ist nun schon lange her, wohl zweitausend Jahre, da gab es einen reichen Mann, der hatte eine schöne und fromme Frau, und sie hatten sich beide sehr lieb. Sie hatten aber keine Kinder, wünschten sich aber sehnlich welche, und die Frau betete so viel darum, Tag und Nacht, aber sie bekamen keines und bekamen keines.
Vor ihrem Hause war ein Hof, darauf stand ein Machandelbaum. Unter diesem stand die Frau einmal im Winter und schälte sich einen Apfel. Und als sie sich den Apfel so schälte, da schnitt sie sich in den Finger, und das Blut fiel in den Schnee.
, sagte die Frau und seufzte so recht tief auf, blickte das Blut vor sich an und wurde ganz wehmütig,
Und als sie das gesagt hatte, da wurde ihr so recht fröhlich zumute, und ihr war, als sollte daraus etwas werden. Da ging sie heim.
Und es verging ein Monat, da schmolz der Schnee; nach zwei Monaten wurde alles grün; nach drei Monaten kamen die Blumen aus der Erde; nach vier Monaten drängten sich alle Bäume im Wald, und die grünen Zweige wuchsen ineinander: Da sangen die Vögelchen, dass der ganze Wald erschallte, und die Blüten fielen von den Bäumen.
Als der fünfte Monat vorüber war und sie unter dem Machandelbaum stand, der so lieblich roch, da sprang ihr das Herz vor Freude, und sie fiel auf die Knie und konnte sich nicht fassen. Und als der sechste Monat vorbei war, wurden die Früchte dick und stark, da wurde sie ganz still. Im siebten Monat griff sie nach den Machandelbeeren und aß sie so gierig, da wurde sie traurig und krank. So verging auch der achte Monat, und sie rief ihren Mann, weinte und sagte:
Da wurde sie ganz getrost und freute sich, bis der neunte Monat vorbei war. Da gebar sie ein Kind, so weiß wie Schnee und so rot wie Blut, und als sie es sah, freute sie sich so sehr, dass sie starb.
Da begrub ihr Mann sie unter dem Machandelbaum und fing an, bitterlich zu weinen. Eine Zeit lang ging das so, dann wurde es etwas leichter, und als er noch ein Weilchen geweint hatte, hörte er auf, und nach einer weiteren Weile nahm er sich wieder eine Frau.
Der grausame Anschlag der Stiefmutter
Mit der zweiten Frau bekam er eine Tochter; das Kind von der ersten Frau aber war ein kleiner Sohn und war so rot wie Blut und so weiß wie Schnee. Wenn die Frau ihre Tochter ansah, hatte sie sie so lieb; wenn sie aber den kleinen Jungen ansah, ging es ihr durchs Herz, und es schien ihr, als stünde er ihr allenthalben im Weg. Sie dachte immer nur daran, wie sie ihrer Tochter das ganze Vermögen zuwenden könnte, und der Böse gab ihr ein, dass sie dem kleinen Jungen ganz gram wurde. Sie stieß ihn von einer Ecke in die andere, puffte ihn hier und knuffte ihn dort, sodass das arme Kind immer in Angst war. Wenn er aus der Schule heimkam, hatte er keinen ruhigen Ort.
Eines Tages war die Frau in die Kammer gegangen; da kam auch die kleine Tochter herauf und sagte:
, sagte die Frau und gab ihr einen schönen Apfel aus der Truhe. Die Truhe aber hatte einen großen, schweren Deckel mit einem großen, scharfen eisernen Schloss.
, sagte die kleine Tochter,
Das ärgerte die Frau, doch sie sagte:
Und als sie aus dem Fenster gewahr wurde, dass er kam, da war es ihr recht, als ob der Teufel in sie führe. Sie grapschte zu, nahm ihrer Tochter den Apfel wieder weg und sagte:
Da warf sie den Apfel in die Truhe und machte sie zu.
Nun trat der kleine Junge zur Tür herein, und der Böse gab ihr ein, dass sie freundlich zu ihm sagte:
, und sah ihn dabei so wild an.
, sagte der kleine Jungen,
Da war ihr, als müsste sie ihn überreden.
, sagte sie, öffnete den Deckel,
Und als sich der kleine Junge hineinbückte, da trieb sie der Böse an – ratsch! – schlug sie den Deckel zu, dass der Kopf abflog und unter die roten Äpfel fiel.
Da überfiel sie die Angst, und sie dachte:
Da ging sie hinauf in ihre Stube zu ihrer Kommode, holte aus der obersten Schublade ein weißes Tuch, setzte den Kopf wieder auf den Hals und band das Halstuch so um, dass man gar nichts sehen konnte. Dann setzte sie ihn vor die Tür auf einen Stuhl und gab ihm den Apfel in die Hand.
Das Geheimnis unter dem Baum
Danach kam Marlenichen zu ihrer Mutter in die Küche; die stand beim Feuer und hatte einen Topf mit heißem Wasser vor sich, den sie immerfort umrührte.
, sagte Marlenichen,
, sagte die Mutter,
Da ging Marlenichen hin und sagte:
Er aber schwieg still. Da gab sie ihm eine Ohrfeige, und da fiel der Kopf herunter. Darüber erschrak sie zutiefst, fing an zu weinen und zu schreien, lief zu ihrer Mutter und sagte:
, und weinte und weinte und wollte sich nicht trösten lassen.
, sagte die Mutter,
Da nahm die Mutter den kleinen Jungen, hackte ihn in Stücke, tat sie in den Topf und kochte ihn in Sauer. Marlenichen aber stand dabei und weinte und weinte, und all ihre Tränen fielen in den Topf, sodass sie gar kein Salz brauchten.
Da kam der Vater nach Hause, setzte sich an den Tisch und sagte:
Die Mutter trug eine große, große Schüssel mit Schwarzsauer auf, und Marlenichen weinte und konnte sich nicht halten.
Da sagte der Vater wieder:
, sagte die Mutter,
, sagte der Mann,
Darauf fing er an zu essen und sagte:
, sagte er dann,
Und je mehr er aß, desto mehr wollte er haben und sagte:
Und er aß und aß, und die Knochen warf er alle unter den Tisch, bis er alles aufgegessen hatte.
Marlenichen aber ging zu ihrer Kommode, nahm aus der untersten Schublade ihr bestes seidenes Tuch, holte alle die Beinchen und Knochen unter dem Tisch hervor, band sie in das seidene Tuch und trug sie vor die Tür. Dabei weinte sie blutige Tränen. Sie legte sie unter den Machandelbaum ins grüne Gras, und als sie sie dort hingelegt hatte, da wurde ihr auf einmal so recht leicht ums Herz, und sie weinte nicht mehr.
Da fing der Machandelbaum an sich zu bewegen, und die Zweige taten sich immerfort voneinander und wieder zusammen, gerade so, als wenn sich jemand freut und in die Hände klatscht. Darauf stieg ein Nebel aus dem Baum auf, und mitten in dem Nebel brannte es wie Feuer, und aus dem Feuer flog ein wunderschöner Vogel heraus. Der sang so herrlich und flog hoch in die Luft; und als er weg war, da stand der Machandelbaum da wie zuvor, und das Tuch mit den Knochen war verschwunden. Marlenichen aber war es ganz leicht und vergnügt zumute, als ob der Bruder noch lebte. Da ging sie wieder fröhlich ins Haus, setzte sich an den Tisch und aß.
Der Gesang des Vogels beim Goldschmied
Der Vogel aber flog fort und setzte sich auf das Haus eines Goldschmieds und fing an zu singen:
Der Goldschmied saß in seiner Werkstatt und fertigte eine goldene Kette an. Da hörte er den Vogel, der auf seinem Dach saß und sang, und das dünkte ihn so wunderschön. Da stand er auf, und als er über die Schwelle ging, verlor er einen Pantoffel. Er ging aber mitten auf die Straße hinaus, mit nur einem Pantoffel und einer Socke an; seine Schürze hatte er umgebunden, in der einen Hand hielt er die goldene Kette und in der anderen die Zange. Die Sonne schien hell auf die Straße. Da blieb er stehen und sah den Vogel an.
, sagte er,
, sagte der Vogel,
, sagte der Goldschmied,
Da kam der Vogel und nahm die goldene Kette in die rechte Kralle, setzte sich vor den Goldschmied und sang:
Der Vogel beim Schuster
Da flog der Vogel fort zu einem Schuster, setzte sich auf dessen Dach und sang:
Der Schuster hörte das und lief in Hemdsärmeln vor die Tür. Er sah hinauf auf sein Dach und musste die Hand vor die Augen halten, damit die Sonne ihn nicht blendete.
, sagte er,
Da rief er in die Tür hinein:
Da rief er seine Tochter, seine Kinde, die Gesellen, den Jungen und die Magd, und sie kamen alle auf die Straße gelaufen und sahen den Vogel an, wie schön er war: Er hatte so rote und grüne Federn, um den Hals sah es aus wie reines Gold, und seine Augen glänzten im Kopf wie Sterne.
, sagte der Schuster,
, sagte der Vogel,
, sagte der Mann,
Da ging die Frau hin und holte die Schuhe.
, sagte der Mann,
Da kam der Vogel herunter, nahm die Schuhe in die linke Kralle, flog wieder auf das Dach und sang:
Der Vogel bei den Müllersburschen
Und als er ausgesungen hatte, flog er weg. Die Kette hatte er in der rechten und die Schuhe in der linken Kralle. Er flog weit fort zu einer Mühle, und die Mühle ging:
In der Mühle saßen zwanzig Mühlenburschen, die behauten einen Stein und hackten:
, und die Mühle ging:
Da setzte sich der Vogel auf eine Linde, die vor der Mühle stand, und sang:
, da hörte einer auf.
, da hörten noch zwei auf und horchten hin.
, da hörten wieder vier auf.
, nun hackten nur noch acht.
, nun nur noch fünf.
, nun nur noch einer.
Da hörte der Letzte auch auf und hatte das Letzte noch mitgehört.
, sagte er,
, sagte der Vogel,
, sagte er,
, sagten die anderen,
Da kam der Vogel herunter, und die Müller packten alle zwanzig mit Hebebäumen an und hoben den Stein an:
Da steckte der Vogel den Hals durch das Loch, nahm ihn wie einen Kragen um und flog wieder auf den Baum und sang:
Und als er das ausgesungen hatte, breitete er die Flügel aus; er hatte in der rechten Kralle die Kette, in der linken die Schuhe und um den Hals den Mühlstein, und flog weit weg zu seines Vaters Haus.
Die Heimkehr des Vogels
In der Stube saßen der Vater, die Mutter und Marlenichen am Tisch. Der Vater sagte:
, sagte die Mutter,
Marlenichen aber saß da und weinte und weinte. Da kam der Vogel angeflogen. Und als er sich auf das Dach setzte, sprach der Vater:
, sagte die Frau,
Sie riss sich ihr Mieder auf, doch Marlenichen saß in einer Ecke und weinte und hielt sich ihre Schürze vor die Augen, dass diese ganz nass von Tränen wurde. Da setzte sich der Vogel auf den Machandelbaum und sang:
, da hielt sich die Mutter die Ohren zu und kniff die Augen zu und wollte nicht sehen und hören; aber es brauste ihr in den Ohren wie der allerschwerste Sturm, und ihre Augen brannten und zuckten wie Blitze.
,
, sagte der Mann,
, Da legte Marlenichen den Kopf auf die Knie und weinte ohne Unterlass. Der Mann aber sagte:
, rief die Frau,
Aber der Mann ging hinaus und sah den Vogel an.
Damit ließ der Vogel die goldene Kette fallen, und sie fiel dem Mann genau um den Hals, sodass sie ihm ganz herrlich passte. Da ging er hinein und sagte:
Der Frau aber wurde so angst, dass sie der Länge nach in der Stube hinfiel und ihr die Mütze vom Kopf flog. Da sang der Vogel wieder:
,
, Da sank die Frau wie tot nieder.
,
, sagte Marlenichen,
Da ging sie hinaus.
, Da warf er ihr die Schuhe herunter.
Da wurde ihr so leicht und fröhlich zumute. Sie zog die neuen roten Schuhe an, tanzte und sprang ins Haus hinein.
, sagte sie,
, schrie die Frau und sprang auf, und ihre Haare standen ihr zu Berge wie Feuerflammen,
Und als sie aus der Tür trat – ratsch! – warf ihr der Vogel den Mühlstein auf den Kopf, dass sie ganz zerschmettert wurde.
Der Vater und Marlenichen hörten das und gingen hinaus. Da stieg an der Stelle Dampf, Flammen und Feuer empor, und als das vorüber war, stand der kleine Bruder da. Er nahm seinen Vater und Marlenichen bei der Hand, und alle drei waren überglücklich, gingen ins Haus, setzten sich an den Tisch und aßen.

