Autor: Gebrüder Grimm
**173.**
**Rohrdommel und Wiedehopf.**
„Wo weidet ihr eure Herde am liebsten?", fragte einer einen alten Kuhhirten. „Hier, Herr, wo das Gras nicht zu fett und nicht zu mager ist. Sonst tut es keinen guten Zweck."
„Warum nicht?", fragte der Herr.
„Hört ihr dort von der Wiese her den dumpfen Ruf?", antwortete der Hirt. „Das ist der Rohrdommel, der war einst ein Hirte, und der Wiedehopf war es auch. Ich will euch die Geschichte erzählen.
Die Geschichte der zwei Hirten
Der Rohrdommel hütete seine Herde auf fetten grünen Wiesen, wo Blumen im Überfluss standen. Davon wurden seine Kühe mutig und wild. Der Wiedehopf aber trieb sein Vieh auf hohe dürre Berge, wo der Wind mit dem Sand spielt, und seine Kühe wurden mager und kamen nicht zu Kräften.
Wenn es Abend war und die Hirten heimwärts trieben, konnte der Rohrdommel seine Kühe nicht zusammenbringen. Sie waren übermütig und sprangen ihm davon. Er rief „Bunt, herum!" – doch vergebens, sie hörten nicht auf seinen Ruf. Der Wiedehopf aber konnte sein Vieh nicht auf die Beine bringen, so matt und kraftlos war es geworden. „Up, up, up!", schrie er, aber es half nichts. Die Tiere blieben auf dem Sand liegen.
So geht es, wenn man kein Maß hält.
Noch heute, wo sie keine Herde mehr hüten, schreit der Rohrdommel „Bunt, herum!" und der Wiedehopf „Up, up, up!"

