Autor: Gebrüder Grimm
Ein dummer Junge und der Wunsch nach dem Gruseln
Ein Vater hatte zwei Söhne. Davon war der älteste klug und gescheit und wusste sich in alles wohl zu schicken. Der jüngste aber war dumm, konnte nichts begreifen und lernen, und wenn ihn die Leute sahen, sprachen sie:
Wenn nun etwas zu tun war, so musste es der älteste allzeit ausrichten. Hieß ihn aber der Vater noch spät oder gar in der Nacht etwas holen, und der weg ging dabei über den Kirchhof oder einen anderen schaurigen Ort, so antwortete er wohl:
, denn er fürchtete sich.
Oder wenn abends beim Feuer Geschichten erzählt wurden, bei denen einem die Haut schaudert, so sprachen die Zuhörer manchmal:
Der jüngste saß in einer Ecke und hörte das mit an, konnte aber nicht begreifen, was es heißen sollte.
Nun geschah es, dass der Vater einmal zu ihm sprach:
, antwortete er,
Der älteste lachte, als er das hörte, und dachte bei sich:
Der Vater seufzte und antwortete ihm:
Der Küster und das Gespenst im Turm
Brieflich danach kam der Küster zu Besuch ins Haus. Da klagte ihm der Vater seine Not und erzählte, wie sein jüngster Sohn in allen Dingen so schlecht beschlagen wäre; er wüsste nichts und lernte nichts.
, antwortete der Küster,
Der Vater war es zufrieden, weil er dachte:
Der Küster nahm ihn also ins Haus, und er musste die Glocke läuten. Nach ein paar Tagen weckte er ihn um Mitternacht, hieß ihn aufstehen, in den Kirchturm steigen und läuten.
, dachte er, ging heimlich voraus, und als der Junge oben war, sich umdrehte und das Glockenseil fassen wollte, sah er auf der Treppe, dem Schallloch gegenüber, eine weiße Gestalt stehen.
, rief er. Aber die Gestalt gab keine Antwort, regte und bewegte sich nicht.
, rief der Junge,
Der Küster aber blieb unbeweglich stehen, damit der Junge glauben sollte, es wäre ein Gespenst.
Der Junge rief zum zweiten Mal:
Der Küster dachte:
, gab keinen Laut von sich und stand, als wenn er aus Stein wäre.
Da rief ihn der Junge zum dritten Male an, und als das auch vergeblich war, nahm er Anlauf und stieß das Gespenst die Treppe hinab, dass es zehn Stufen hinabfiel und in einer Ecke liegen blieb. Darauf läutete er die Glocke, ging heim, legte sich, ohne ein Wort zu sagen, ins Bett und schlief weiter.
Die Küsterfrau wartete lange Zeit auf ihren Mann, aber er wollte nicht wiederkommen. Da wurde ihr endlich angst, sie weckte den Jungen und fragte:
, antwortete der Junge,
Die Frau lief fort und fand ihren Mann, der in einer Ecke lag, jammerte und ein Bein gebrochen hatte.
Der Rauswurf und der Abschied
Sie trug ihn herab und eilte dann mit lautem Geschrei zum Vater des Jungen.
, rief sie,
Der Vater erschrak, kam herbeigelaufen und schalt den Jungen aus.
, antwortete er,
, sprach der Vater,
, sprach der Vater,
Die sieben Gehängten am Galgen
Als nun der Tag anbrach, steckte der Junge seine fünfzig Taler in die Tasche, ging hinaus auf die große Landstraße und sprach immer vor sich hin:
Da kam ein Mann heran, der hörte das Gespräch, das der Junge mit sich selber führte. Als sie ein Stück weiter waren, sodass man den Galgen sehen konnte, sagte der Mann zu ihm:
, antwortete der Junge,
Da ging der Junge zum Galgen, setzte sich darunter und wartete, bis der Abend kam. Weil ihn fror, machte er sich ein Feuer an. Aber um Mitternacht ging der Wind so kalt, dass er trotz des Feuers nicht warm werden wollte.
Als der Wind die Gehängten gegeneinander stieß, sodass sie sich hin und her bewegten, dachte er:
Weil er mitleidig war, legte er die Leiter an, stieg hinauf, knüpfte einen nach dem anderen los und holte sie alle siebene herab. Darauf schürte er das Feuer, blies es an und setzte sie ringsherum, dass sie sich wärmen sollten. Aber sie saßen da, regten sich nicht, und das Feuer ergriff ihre Kleider.
Da sprach er:
Die Toten aber hörten nicht, schwiegen und ließen ihre Lumpen fortbrennen. Da wurde er böse und sprach:
Und er hängte sie nach der Reihe wieder hinauf.
Nun setzte er sich zu seinem Feuer und schlief ein. Am anderen Morgen kam der Mann zu ihm, wollte die fünfzig Taler haben und sprach:
, antwortete er,
Da sah der Mann, dass er die fünfzig Taler heute nicht davontragen würde, ging fort und sprach:
Das verwünschte Schloss
Der Junge ging seines Weges und fing wieder an, vor sich hin zu reden:
Das hörte ein Fuhrmann, der hinter ihm herging, und fragte:
, antwortete der Junge.
Der Fuhrmann fragte weiter:
, antwortete der Junge,
, sprach der Fuhrmann.
Der Junge ging mit dem Fuhrmann, und abends gelangten sie zu einem Wirtshaus, wo sie übernachten wollten. Da sprach er beim Eintritt in die Stube wieder ganz laut:
Der Wirt, der das hörte, lachte und sprach:
, sprach die Wirtin.
Der Junge aber sagte:
Er ließ dem Wirt keine Ruhe, bis dieser erzählte, nicht weit davon stehe ein verwünschtes Schloss, wo einer wohl lernen könnte, was Gruseln wäre, wenn er nur drei Nächte darin wachen wollte. Der König habe dem, der es wagen wollte, seine Tochter zur Frau versprochen, und die sei die schönste Jungfrau, welche die Sonne bescheine. In dem Schloss steckten auch große Schätze, von bösen Geistern bewacht; die würden dann frei und könnten einen Armen reich genug machen. Schon viele seien hineingegangen, aber noch keiner wieder herausgekommen.
Da ging der Junge am anderen Morgen vor den König und sprach:
Der König sah ihn an, und weil er ihm gefiel, sprach er:
Da antwortete er:
Die erste Nacht: Die schwarzen Katzen und Hunde
Der König ließ ihm das alles bei Tage in das Schloss tragen. Als es Nacht werden wollte, ging der Junge hinauf, machte sich in einer Kammer ein helles Feuer an, stellte die Schnitzbank mit dem Messer daneben und setzte sich auf die Drehbank.
, sprach er.
Gegen Mitternacht wollte er sich sein Feuer einmal aufschüren. Wie er so hineinblies, schrie es plötzlich aus einer Ecke:
, rief er.
Als er das gesagt hatte, kamen zwei große schwarze Katzen in einem gewaltigen Sprung herbei, setzten sich ihm zu beiden Seiten und sahen ihn mit ihren feurigen Augen ganz wild an. Nach einer Weile, als sie sich gewärmt hatten, sprachen sie:
, antwortete er.
Da streckten sie die Krallen aus.
, sagte er,
Damit packte er sie beim Kragen, hob sie auf die Schnitzbank und schraubte ihnen die Pfoten fest.
, sprach er,
Er schlug sie tot und warf sie hinaus ins Wasser.
Als er die beiden zur Ruhe gebracht hatte und sich wieder zu seinem Feuer setzen wollte, kamen aus allen Ecken und Enden schwarze Katzen und schwarze Hunde an glühenden Ketten, immer mehr und mehr, sodass er sich nicht mehr retten konnte. Sie schrien grässlich, traten auf sein Feuer, zerrten es auseinander und wollten es ausmachen.
Das sah er ein Weilchen ruhig mit an. Als es ihm aber zu arg wurde, fasste er sein Schnitzmesser und rief:
, und haute auf sie los. Ein Teil sprang weg, die anderen schlug er tot und warf sie hinaus in den Teich.
Als er wieder zurückgekommen war, blies er aus den Funken sein Feuer frisch an und wärmte sich. Und als er so saß, wollten ihm die Augen nicht länger offen bleiben und er bekam Lust zu schlafen. Er blickte um sich und sah in der Ecke ein großes Bett.
, sprach er und legte sich hinein.
Als er die Augen zumachen wollte, fing das Bett von selbst an zu fahren und fuhr im ganzen Schloss herum.
, sprach er.
Da rollte das Bett fort, als wären sechs Pferde vorgespannt, über Schwellen und Treppen auf und ab. Auf einmal – hopp, hopp! – warf es um, das Unterste zuoberst, dass es wie ein Berg auf ihm lag. Aber er schleuderte Decken und Kissen in die Höhe, stieg heraus und sagte:
, legte sich an sein Feuer und schlief, bis es Tag war.
Am Morgen kam der König. Als er ihn da auf der Erde liegen sah, meinte er, die Gespenster hätten ihn umgebracht und er wäre tot. Da sprach er:
Das hörte der Junge, richtete sich auf und sprach:
Da wunderte sich der König, freute sich aber und fragte, wie es ihm gegangen wäre.
, antwortete er.
Als er zum Wirt kam, machte der große Augen.
, sprach er,
, sagte er,
Die zweite Nacht: Das Kegelspiel mit den Toten
Die zweite Nacht ging er abermals hinauf ins alte Schloss, setzte sich zum Feuer und fing sein altes Lied wieder an:
Wie Mitternacht herankam, ließ sich ein Lärm und Gepolter hören, erst leise, dann immer stärker. Dann war es ein bisschen still. Endlich kam mit lautem Geschrei ein halber Mensch den Schornstein herab und fiel vor ihn hin.
, rief er.
Da ging der Lärm von Frischem an. Es tobte und heulte, und die andere Hälfte fiel auch herab.
, sprach er,
Als er das getan hatte und sich wieder umsah, waren die beiden Stücke zusammengefahren und ein grässlicher Mann saß auf seinem Platz.
, sprach der Junge,
Der Mann wollte ihn wegdrängen, aber der Junge ließ es sich nicht gefallen, schob ihn mit Gewalt weg und setzte sich wieder auf seinen Platz.
Da fielen noch mehr Männer herab, einer nach dem anderen. Die holten neun Totenbeine und zwei Totenköpfe, stellten sie auf und spielten Kegel.
Der Junge bekam auch Lust und fragte:
, antwortete er,
Da nahm er die Totenköpfe, setzte sie in die Drehbank und drehte sie rund.
, sprach er.
Er spielte mit und verlor etwas von seinem Geld. Als es aber zwölf Uhr schlug, war alles vor seinen Augen verschwunden. Er legte sich nieder und schlief ruhig ein.
Am anderen Morgen kam der König und wollte sich erkundigen.
, fragte er.
, antwortete er,
, sprach er.
Die dritte Nacht: Der ungebetene Gast im Sarg
In der dritten Nacht setzte er sich wieder auf seine Bank und sprach ganz verdrießlich:
Als es spät wurde, kamen sechs große Männer und brachten eine Totenlade hereingetragen.
Da sprach er:
Er winkte mit dem Finger und rief:
Sie stellten den Sarg auf die Erde. Er ging hinzu und nahm den Deckel ab; da lag ein toter Mann darin. Er fasste ihm ans Gesicht, aber es war kalt wie Eis.
, sprach er,
, ging ans Feuer, wärmte seine Hand und legte sie ihm aufs Gesicht. Aber der Tote blieb kalt.
Nun nahm er ihn heraus, setzte sich ans Feuer, legte ihn auf seinen Schoß und rieb ihm die Arme, damit das Blut wieder in Bewegung kommen sollte. Als auch das nichts helfen wollte, fiel ihm ein:
Er brachte ihn ins Bett, deckte ihn zu und legte sich neben ihn.
Nach einer Weile wurde auch der Tote warm und fing an, sich zu regen.
Da sprach der Junge:
Der Tote aber erhob sich und rief:
, sagte er.
Er hob ihn auf, warf ihn hinein und machte den Deckel zu. Da kamen die sechs Männer und trugen ihn wieder fort.
, sagte er.
Der Riese am Amboss und die drei Kisten Gold
Da trat ein Mann herein, der war größer als alle anderen und sah fürchterlich aus. Er war aber alt und hatte einen langen, weißen Bart.
, rief er.
, antwortete der Jüngling.
, sprach der Unhold.
, sprach der Alte.
Da führte er ihn durch dunkle Gänge zu einem Schmiedefeuer, nahm eine Axt und schlug einen Amboss mit einem Schlag in die Erde.
, sprach der Junge und ging zum anderen Amboss. Der Alte stellte sich daneben und wollte zusehen; und sein weißer Bart hing herab.
Da fasste der Junge die Axt, spaltete den Amboss mit einem Hieb und klemmte den Bart des Alten mit hinein.
, sprach der Junge,
Dann fasste er eine Eisenstange und schlug auf den Alten los, bis er wimmerte und bat, er möchte aufhören; er wollte ihm große Reichtümer geben. Der Junge zog die Axt heraus und ließ ihn los. Der Alte führte ihn wieder ins Schloss zurück und zeigte ihm in einem Keller drei Kästen voll Gold.
, sprach er,
In diesem Moment schlug es zwölf, und der Geist verschwand, sodass der Jüngling im Finstern stand.
, sprach er, tappte herum, fand den Weg in die Kammer und schlief dort bei seinem Feuer ein.
Am anderen Morgen kam der König und sagte:
, antwortete er,
Da sprach der König:
, antwortete er,
Die Erlösung durch die Gründlinge
Da wurde das Gold heraufgebracht und die Hochzeit gefeiert. Aber der junge König, so lieb er seine Gemahlin hatte und so vergnügt er war, sagte doch immer:
Das verdross sie endlich. Ihr Kammermädchen sprach:
Sie ging hinaus zum Bach, der durch den Garten floss, und ließ sich einen ganzen Eimer voll Gründlinge holen.
Nachts, als der junge König schlief, musste seine Gemahlin ihm die Decke wegziehen und den Eimer voll kaltem Wasser mit den Gründlingen über ihn herschütten, sodass die kleinen Fische um ihn herum zappelten.
Da wachte er auf und rief:

