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Die kluge Bauerntochter

⏱ Lesedauer: ca. 8 Min.

Der Mörser ohne Stößel

Es war einmal ein armer Bauer, der hatte kein eigenes Land, sondern nur ein kleines Häuschen und eine einzige Tochter. Da sprach die Tochter:

„Wir sollten den Herrn König um ein Stückchen Rodeland bitten.“

Als der König von ihrer Armut hörte, schenkte er ihnen ein Eckchen Rasen. Das hackten sie und ihr Vater um und wollten Korn und Ähnliches darauf säen. Als sie den Acker beinah ganz umgegraben hatten, fanden sie in der Erde einen Mörser aus purem Gold.

„Hör“

, sagte der Vater zu dem Mädchen,

„weil unser Herr König so gnädig gewesen ist und uns diesen Acker geschenkt hat, so müssen wir ihm den Mörser dafür geben.“

Die Tochter aber wollte es nicht bewilligen und sagte:

„Vater, wenn wir den Mörser abgeben und den Stößel nicht haben, dann müssen wir auch den Stößel herbeischaffen. Darum schweigt lieber still.“

Er wollte ihr aber nicht gehorchen, nahm den Mörser, trug ihn zum König und sagte, den hätte er in der Heide gefunden und frage, ob er ihn als Geschenk annehmen wolle.

Der König nahm den Mörser und fragte, ob er nichts weiter gefunden hätte.

„Nein“

, antwortete der Bauer.

Da sagte der König, er sollte nun auch den Stößel herbeischaffen. Der Bauer sprach, den hätten sie nicht gefunden; aber das half ihm so viel, als hätte er es in den Wind gesprochen. Er wurde ins Gefängnis geworfen und sollte so lange dort sitzen, bis er den Stößel herbeigeschafft hätte.

Die Bedienten mussten ihm täglich Wasser und Brot bringen, wie man es im Gefängnis bekommt. Da hörten sie, wie der Mann unentwegt rief:

„Ach, hätte ich doch meiner Tochter gehört! Ach, ach, hätte ich doch meiner Tochter gehört!“

Da gingen die Bedienten zum König und berichteten, dass der Gefangene ständig klagte:

„Ach, hätte ich doch meiner Tochter gehört!“

, und weder essen noch trinken wollte. Da befahl der König den Bedienten, den Gefangenen vor ihn zu bringen. Der König fragte ihn, warum er ständig rief:

„Ach, hätte ich meiner Tochter gehört!“

und was seine Tochter denn gesagt habe.

„Ja, sie hat gesagt, ich solle den Mörser nicht bringen, sonst müsste ich auch den Stößel herbeischaffen.“

„Habt ihr so eine kluge Tochter, so lasst sie einmal herkommen.“

Das unlösbare Rätsel

Also musste das Mädchen vor den König treten. Er fragte sie, ob sie denn wirklich so klug wäre, und sagte, er wolle ihr ein Rätsel aufgeben: Wenn sie es lösen könne, wolle er sie heiraten. Da sprach sie sogleich ja, sie wolle es erraten.

Da sagte der König:

„Komm zu mir: nicht gekleidet und nicht nackt, nicht geritten und nicht gefahren, nicht auf dem Weg und nicht außerhalb des Weges. Wenn du das kannst, will ich dich heiraten.“

Da ging sie hin, zog sich splitternackt aus – so war sie nicht gekleidet –, nahm ein großes Fischnetz, wickelte sich ganz darin ein – so war sie nicht nackt –, lieh sich für Geld einen Esel und band dem Esel das Fischnetz an den Schwanz, worin er sie hinter sich herschleppen musste – das war nicht geritten und nicht gefahren. Der Esel musste sie in der Fahrspur ziehen, sodass sie nur mit der großen Zehe die Erde berührte – und das war nicht auf dem Weg und nicht außerhalb des Weges.

Als sie so beim König ankam, sagte dieser, sie habe das Rätsel gelöst und alle Bedingungen erfüllt. Da ließ er ihren Vater aus dem Gefängnis frei, nahm sie zu seiner Gemahlin und vertraute ihr das gesamte königliche Gut an.

Der Streit um das Fohlen

Nun waren etliche Jahre vergangen. Als der König einmal eine Parade abhielt, trug es sich zu, dass Bauern mit ihren Wagen vor dem Schloss hielten, die Holz verkauft hatten. Einige hatten Ochsen vorgespannt und einige Pferde. Da war ein Bauer, der hatte drei Pferde; davon bekam eines ein junges Fohlen. Das lief weg und legte sich mitten zwischen zwei Ochsen, die vor einem anderen Wagen gespannt waren.

Als nun die Bauern zusammenkamen, fingen sie an, sich zu zanken, zu prügeln und zu lärmen. Der Ochsenbauer wollte das Fohlen behalten und sagte, seine Ochsen hätten es geboren. Der andere sagte:

„Nein, meine Pferde haben es bekommen, und es ist mein!“

Der Streit kam vor den König, und der sprach das Urteil aus: Wo das Fohlen gelegen habe, da solle es bleiben. Und so bekam es der Ochsenbauer, dem es doch gar nicht gehörte. Da ging der andere weg, weinte und klagte jämmerlich um sein Fohlen.

Der Rat der Königin

Nun hatte dieser Bauer gehört, wie gnädig die Königin sei, weil sie selbst von armen Bauersleuten abstammte. Er ging zu ihr und bat sie, ob sie ihm nicht helfen könne, damit er sein Fohlen wiederbekäme.

Sie sagte:

„Ja, wenn ihr mir versprecht, mich nicht zu verraten, so will ich es euch sagen. Morgen früh, wenn der König auf der Wachtparade ist, stellt euch mitten in die Straße, wo er vorbeikommen muss. Nehmt ein großes Fischnetz und tut so, als ob ihr fischtet. Schüttet das Netz immer wieder aus, als wenn es voll wäre.“

Sie sagte ihm auch, was er antworten sollte, wenn er vom König gefragt würde.

Also stand der Bauer am anderen Tag da und fischte auf dem trockenen Pflaster. Als der König vorbeikam und das sah, schickte er seinen Läufer hin, der fragen sollte, was der närrische Mann da vorhabe.

Da gab der Bauer zur Antwort:

„Ich fische.“

Der Läufer fragte, wie er denn fischen könne, da doch kein Wasser da sei.

Der Bauer erwiderte:

„So gut zwei Ochsen ein Fohlen bekommen können, so gut kann ich auch auf dem trockenen Platz fischen.“

Der Läufer ging hin und brachte dem König die Antwort. Da ließ der König den Bauern vor sich kommen und verlangte zu wissen, von wem er das habe, denn das sei nicht auf seinem eigenen Mist gewachsen; er solle es sogleich gestehen. Der Bauer wollte es aber nicht tun und schwor Stein und Bein, er habe es von sich selbst. Sie legten ihn jedoch auf ein Bund Stroh und schlugen und quälten ihn so lange, bis er gestand, dass er es von der Königin habe.

Das liebste und beste Abschiedsgeschenk

Als der König nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau:

„Warum hintergehst du mich? Ich will dich nicht mehr zur Gemahlin. Deine Zeit ist um, geh wieder heim in dein Bauernhäuschen, woher du gekommen bist.“

Doch erlaubte er ihr eines: Sie sollte das Liebste und Beste mitnehmen, was sie im Schloss wüsste, und das sollte ihr Abschiedsgeschenk sein.

Sie sagte:

„Ja, lieber Mann, wenn du es so befiehlst, will ich es auch tun“

, fiel ihm um den Hals, küsste ihn und sprach, sie wolle Abschied von ihm nehmen.

Dann ließ sie einen starken Schlaftrunk bringen, um mit ihm auf den Abschied anzustoßen. Der König tat einen großen Zug, sie aber trank nur ein wenig. Da geriet er bald in einen tiefen Schlaf.

Als sie das sah, rief sie einen Bedienten. Sie nahm ein schönes weißes Leinentuch, wickelte den König darin ein, und die Bedienten mussten ihn in einen Wagen vor der Tür tragen. So fuhr sie ihn heim in ihr Häuschen. Dort legte sie ihn in ihr Bettchen. Er schlief Tag und Nacht in einem fort.

Als er aufwachte, sah er sich um und sagte:

„Ach Gott, wo bin ich denn?“

, und rief seine Bedienten, aber es war keiner da.

Endlich trat seine Frau ans Bett und sagte:

„Lieber Herr König, ihr habt mir befohlen, ich sollte das Liebste und Beste aus dem Schloss mitnehmen. Nun habe ich nichts Besseres und Lieberes als dich, da habe ich dich mitgenommen.“

Dem König stiegen die Tränen in die Augen, und er sagte:

„Liebe Frau, du sollst mein sein und ich dein.“

Er nahm sie wieder mit ins königliche Schloss und ließ sich aufs Neue mit ihr vermählen; und sie leben sicherlich noch heute.