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Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Der gläserne Sarg

⏱ Lesedauer: ca. 8 Min.

Die verirrte Eiche

Man sage nicht, dass ein armer Schneider es nicht weit bringen und nicht zu hohen Ehren gelangen könne. Es ist weiter gar nichts nötig, als dass er an die rechte Schmiede kommt und, was die Hauptsache ist, dass er Glück hat.

Ein solches flinkes und geschicktes Schneiderbürschchen ging einmal auf seiner Wanderschaft durch einen großen Wald. Da er den Weg nicht wusste, verirrte er sich bald. Die Nacht brach herein, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als in dieser schauerlichen Einsamkeit ein Lager zu suchen. Auf dem weichen Moos hätte er freilich ein gutes Bett gefunden, aber die Furcht vor wilden Tieren ließ ihm keine Ruhe. So entschloss er sich schließlich, auf einem Baum zu übernachten. Er suchte sich eine hohe Eiche, stieg bis in den Gipfel hinauf und dankte Gott, dass er sein schweres Bügeleisen bei sich trug – ohne das hätte ihn der starke Wind, der über die Baumwipfel wehte, wohl fortgetragen.

Die Hütte im Wald und der mürrische Alte

Nachdem er einige Stunden in der Finsternis unter Zittern und Zagen verbracht hatte, erblickte er in geringer Entfernung den Schein eines Lichtes. Da er hoffte, dort eine menschliche Wohnung zu finden, stieg er vorsichtig herab und ging dem Licht nach. Es führte ihn zu einem kleinen Häuschen, das aus Rohr und Binsen geflochten war. Er klopfte mutig an, und die Tür öffnete sich. Im Lichtschein sah er ein altes, eisgraues Männchen, das ein aus bunten Lappen zusammengesetztes Kleid trug.

„Wer seid ihr und was wollt ihr?“

, fragte der Alte mit schnarrender Stimme.

„Ich bin ein armer Schneider“

, antwortete er,

„den die Nacht in der Wildnis überrascht hat, und bitte euch inständig, mich bis zum Morgen in eure Hütte aufzunehmen.“

„Geh deiner Wege!“

, erwiderte der Alte mürrisch.

„Mit Landstreichern will ich nichts zu tun haben, such dir woanders eine Unterkunft.“

Nach diesen Worten wollte er wieder ins Haus schlüpfen. Doch der Schneider hielt ihn am Rockzipfel fest und bat so flehentlich, dass der Alte, der gar nicht so böse war, wie er tat, schließlich erweicht wurde. Er nahm ihn mit in die Hütte, gab ihm zu essen und wies ihm in einer Ecke ein gutes Nachtlager zu.

Der Kampf der Waldtiere

Der müde Schneider schlief tief und fest bis zum Morgen. Er hätte wohl noch länger geschlafen, wenn ihn nicht ein lauter Lärm aufgeschreckt hätte. Ein heftiges Brüllen und Schreien drang durch die dünnen Wände der Hütte. Vom Mut gepackt, sprang der Schneider auf, zog eilig seine Kleider an und lief hinaus.

Nahe bei dem Häuschen sah er einen gewaltigen schwarzen Stier und einen prächtigen Hirsch, die in einem wilden Kampf begriffen waren. Sie gingen mit solcher Wut aufeinander los, dass der Boden erbebte und die Luft von ihrem Geschrei widerhallte. Lange Zeit war unklar, wer den Sieg davontragen würde. Endlich stieß der Hirsch seinem Gegner das Geweih tief in den Leib. Der Stier sank mit entsetzlichem Brüllen zu Boden und wurde vom Hirsch vollends getötet.

Die Reise auf dem Hirschgeweih

Der Schneider stand noch wie gelähmt vor Staunen da, als der Hirsch in großen Sprüngen auf ihn zukam. Ehe er entfliehen konnte, gabelte ihn das Tier mit seinem mächtigen Geweih auf. Dem Schneider blieb keine Zeit zum Nachdenken: In rasendem Lauf ging es über Stock und Stein, Berg und Tal, Wiese und Wald. Er klammerte sich mit beiden Händen an die Enden des Geweihs und ergab sich seinem Schicksal. Ihm war, als flöge er durch die Luft.

Endlich hielt der Hirsch vor einer steilen Felsenwand an und setzte den Schneider sanft ab. Dieser war mehr tot als lebendig und brauchte eine Weile, um wieder zu Atem zu kommen. Als er sich erholt hatte, stieß der Hirsch sein Geweih mit solcher Wucht gegen eine Tür im Felsen, dass sie aufsprang. Feuerflammen schlugen heraus, gefolgt von dichtem Dampf, der den Hirsch vor seinen Augen verschwinden ließ.

Der unterirdische Saal

Der Schneider wusste nicht, was er tun oder wohin er sich verlassen sollte. Da ertönte eine Stimme aus dem Felsen:

„Tritt ohne Furcht herein, dir soll kein Leid geschehen.“

Obwohl er zögerte, folgte er, wie von unsichtbarer Hand geleitet, der Stimme und trat durch die eiserne Tür in einen riesigen Saal. Decke, Wände und Boden bestanden aus glänzend geschliffenen Steinplatten, in die geheimnisvolle Zeichen eingemeißelt waren.

Er betrachtete alles voller Staunen und wollte gerade wieder umkehren, als die Stimme erneut rief:

„Tritt auf den Stein in der Mitte des Saales, und dich erwartet großes Glück!“

Sein Mut war inzwischen so gewachsen, dass er gehorchte. Kaum stand er auf dem Stein, gab dieser nach und sank langsam mit ihm in die Tiefe.

Die geheimnisvollen Glaskästen

Unten angekommen, befand sich der Schneider in einem ebenso großen Saal. Hier gab es jedoch noch mehr zu bewundern. In den Wänden waren Nischen eingelassen, in denen Glasgefäße standen, die mit farbiger Flüssigkeit oder bläulichem Rauch gefüllt waren. Mitten im Raum standen zwei große gläserne Kisten.

Als er an die erste herantrat, sah er darin ein wunderschönes, winziges Schloss mit Wirtschaftsgebäuden, Ställen und Scheunen – alles im Kleinformat, aber unendlich kunstvoll und detailreich gearbeitet.

Die Stimme forderte ihn auf, sich umzudrehen und auch den anderen Kasten zu betrachten. Darin lag ein Mädchen von unbeschreiblicher Schönheit, wie im tiefen Schlaf, gehüllt in ihr langes, blondes Haar. Ihre geschlossenen Augen, die frische Gesichtsfarbe und das sanfte Heben ihrer Brust ließen keinen Zweifel daran, dass sie lebte.

Als der Schneider sie gerührt betrachtete, schlug sie plötzlich die Augen auf und rief erfreut:

„Gerechter Himmel, meine Rettung! Schnell, schieb den Riegel dieses gläsernen Sarges beiseite, und ich bin erlöst!“

Das Schicksal der Grafentochter

Der Schneider schob den Riegel zurück. Das Mädchen wurde erlöst, hob den Glasdeckel, stieg heraus und hüllte sich in einen weiten Mantel. Nach einem dankbaren Kuss auf seine Lippen erzählte sie ihm ihre Geschichte:

„Ich bin die Tochter eines reichen Grafen. Da unsere Eltern früh starben, wuchs ich bei meinem älteren Bruder auf. Wir hatten uns so lieb, dass wir versprachen, niemals zu heiraten und stets zusammenzubleiben. Unser Schloss stand allen Gästen offen. Eines Abends bat ein Fremder um Obdach. Wir nahmen ihn gastfreundlich auf. Mein Bruder war so angetan von ihm, dass er ihn bat, einige Tage zu bleiben.

Nachts wurde ich durch wunderschöne Musik geweckt. Doch als ich mein Zimmermädchen rufen wollte, merkte ich, dass eine fremde Macht mir die Stimme geraubt hatte. Da trat der Fremde durch die verschlossene Tür in mein Zimmer und bot mir seine Hand an, gestützt auf seine Zauberkräfte. Aus Abscheu schwieg ich. Er ging zornig weg und schwor Rache.

Am nächsten Morgen war mein Bruder mit dem Fremden zur Jagd geritten. Ich ahnte Schreckliches, sattelte mein Pferd und ritt ihnen nach. Unterwegs traf ich den Fremden, der einen Hirsch an einer Leine führte. Als ich nach meinem Bruder fragte und sah, dass der Hirsch weinte, lachte der Zauberer nur. Zornig schoss ich mit einer Pistole auf ihn, doch die Kugel prallte von seiner Brust ab und traf mein Pferd. Ich stürzte, und der Fremde raubte mir mit einem Zauberspruch das Bewusstsein.

Als ich wieder erwachte, lag ich hier im gläsernen Sagen. Der Zauberer hatte meinen Bruder in den Hirsch verwandelt, mein Schloss geschrumpft und meine Bediensteten in Rauch verwandelt und in Flaschen gesperrt. Weil ich mich ihm weiterhin verweigerte, ließ er mich hier zurück. Im Traum sah ich jedoch, dass ein junger Mann mich erlösen würde. Dieser Traum ist nun wahr geworden! Hilf mir nun, das Werk zu vollenden. Lass uns zuerst den Kasten mit dem Schloss auf den großen Stein stellen.“

Die Wiederherstellung des Schlosses und die Hochzeit

Kaum stand das Modell auf dem Stein, hob sich dieser mit den beiden empor in den oberen Saal. Draußen im Freien öffnete das Fräulein den Kasten, und wie durch ein Wunder dehnten sich Schloss und Gebäude in Sekundenschnelle zu ihrer natürlichen Größe aus.

Danach holten sie die Rauchgläser aus der Tiefe. Sobald die Flaschen geöffnet wurden, entwich der blaue Rauch und verwandelte sich zurück in die Bediensteten des Schlosses.

Die Freude war vollkommen, als auch der Bruder, der den Zauberer in Gestalt des Stiers besiegt hatte, als Mensch aus dem Wald trat. Noch am selben Tag reichte die Grafentochter dem glücklichen Schneider vor dem Altar die Hand zur Ehe.