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Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Up Reisen gohn

⏱ Lesedauer: ca. 3 Min.

Die Abreise

Es war einmal eine arme Frau, die hatte einen Sohn. Der wollte so gerne auf Reisen gehen. Da sagte die Mutter:

„Wie willst du denn reisen? Wir haben ja gar kein Geld, das du mitnehmen kannst.“

Da antwortete der Sohn:

„Ich werde mir schon zu helfen wissen. Ich will allezeit sagen: ‚Nicht viel, nicht viel, nicht viel.‘“

Die Fischer

Da ging er eine ganze Weile und sagte immerzu:

„Nicht viel, nicht viel, nicht viel.“

Schließlich kam er an einer Gruppe von Fischern vorbei. Er rief ihnen zu:

„Gott helfe euch! Nicht viel, nicht viel, nicht viel.“

„Was sagst du da, Kerl? Nicht viel?“

, riefen die Fischer verärgert. Und als sie ihr Netz aus dem Wasser zogen, hatten sie tatsächlich fast keine Fische gefangen. Da gingen sie mit ihren Stöcken auf den Jungen los, verprügelten ihn und riefen:

„Hast du uns nicht dreschen sehen?“

„Was soll ich denn sonst sagen?“

, fragte der Junge kläglich.

„Du sollst sagen: ‚Fang voll, fang voll!‘“

Der Galgen

Da ging er wieder eine ganze Weile und rief unablässig:

„Fang voll, fang voll!“

Nach einer Weile kam er an einen Galgen, an dem sie gerade einen armen Sünder hinrichten wollten. Da rief er:

„Guten Morgen! Fang voll, fang voll!“

„Was sagst du da, böser Kerl? Fang voll?“

, riefen die Leute wütend.

„Sollen denn noch mehr schlechte Menschen in die Welt kommen? Ist dieser eine nicht schon genug?“

Sie verpassten ihm sogleich wieder kräftige Schläge auf den Buckel.

„Was soll ich denn sagen?“

, fragte er.

„Du sollst sagen: ‚Gott tröste die arme Seele!‘“

Der Abdecker

Der Junge ging wieder eine ganze Weile weiter und sagte:

„Gott tröste die arme Seele!“

Da kam er an einen Graben, an dem ein Abdecker stand und einem toten Pferd das Fell abzog. Der Junge rief:

„Guten Morgen! Gott tröste die arme Seele!“

„Was sagst du da, du unverschämter Kerl?“

, schrie der Abdecker und schlug dem Jungen seine Schinderhacke so heftig um die Ohren, dass dieser vor den Augen ganz schwarz sah und kaum noch blicken konnte.

„Wie soll ich denn sonst sagen?“

, jammerte der Junge.

„Du sollst sagen: ‚Da liege, du Aas, im Graben!‘“

Der Kutschenunfall

Da ging er weiter und rief die ganze Zeit:

„Da liege, du Aas, im Graben! Da liege, du Aas, im Graben!“

Schließlich kam ihm eine Kutsche voller Leute entgegen. Er rief ihnen freundlich zu:

„Guten Morgen! Da liege, du Aas, im Graben!“

Da kippte der Wagen plötzlich um und rutschte tatsächlich in den Graben. Der Knecht der Kutsche sprang wütend auf, packte seine Peitsche und verprügelte den Jungen so jämmerlich, dass dieser auf allen vieren zu seiner Mutter nach Hause kriechen musste.

Und er ist in seinem ganzen Leben nie wieder auf Reisen gegangen.