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Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Das kluge Grethel

⏱ Lesedauer: ca. 5 Min.

Die Köchin mit den roten Absätzen

Es war eine Köchin, die hieß Grethel. Sie trug Schuhe mit roten Absätzen, und wenn sie damit ausging, drehte sie sich hin und her, war ganz fröhlich und dachte: „Du bist doch ein schönes Mädel."

Wenn sie nach Hause kam, trank sie aus Fröhlichkeit einen Schluck Wein. Und weil der Wein auch Lust zum Essen macht, so versuchte sie das Beste, was sie kochte, so lang, bis sie satt war, und sprach: „Die Köchin muss wissen, wie's Essen schmeckt."

Die zwei Hühner

Es trug sich zu, dass der Herr einmal zu ihr sagte: „Grethel, heute Abend kommt ein Gast – richte mir zwei Hühner fein wohl zu." – „Will's schon machen, Herr," antwortete Grethel.

Sie stach die Hühner ab, brühte sie, rupfte sie, steckte sie an den Spieß und brachte sie, wie es gegen Abend ging, zum Feuer, damit sie braten sollten. Die Hühner fingen an braun und gar zu werden, aber der Gast war noch nicht gekommen.

Da rief Grethel dem Herrn: „Kommt der Gast nicht, so muss ich die Hühner vom Feuer nehmen – es ist aber Jammer und Schade, wenn sie nicht bald gegessen werden, wo sie am besten im Saft sind."

Sprach der Herr: „So will ich nur selbst laufen und den Gast holen."

Grethels Hunger wächst

Als der Herr den Rücken gekehrt hatte, legte Grethel den Spieß mit den Hühnern beiseite und dachte: „So lange da beim Feuer stehen macht schwitzen und durstig – wer weiß, wann die kommen! Derweil spring ich in den Keller und tue einen Schluck."

Sie lief hinab, setzte einen Krug an, sprach: „Gott segne's dir, Grethel," und tat einen guten Zug. „Der Wein hängt aneinander," sprach sie weiter, „und ist nicht gut abzubrechen," und tat noch einen ernsthaften Zug.

Nun ging sie und stellte die Hühner wieder übers Feuer, strich sie mit Butter und trieb den Spieß lustig herum. Weil aber der Braten so gut roch, dachte Grethel: „Es könnte etwas fehlen – versucht muss er werden!" Sie schleckte mit dem Finger und sprach: „Ei, was sind die Hühner so gut! Es ist ja Sünd und Schande, dass man sie nicht gleich isst!"

Sie lief zum Fenster, ob der Herr mit dem Gast noch nicht käme – aber es sah niemand. Sie stellte sich wieder zu den Hühnern und dachte: „Der eine Flügel verbrennt – besser ist's, ich ess ihn weg." Also schnitt sie ihn ab und aß ihn auf. Er schmeckte ihr gut.

Wie er verzehrt war, dachte sie: „Der andere muss auch herab, sonst merkt der Herr, dass etwas fehlt." Wie die zwei Flügel verzehrt waren, ging sie wieder und schaute nach dem Herrn und sah ihn nicht.

„Wer weiß," fiel ihr ein, „sie kommen wohl gar nicht und sind wo eingekehrt." Da sprach sie: „Hei, Grethel, sei guter Dinge! Das eine ist doch angegriffen – tu noch einen frischen Trunk und iss es vollends auf. Wenn's all ist, hast du Ruhe – warum soll die gute Gottesgabe umkommen?"

Also lief sie noch einmal in den Keller, tat einen ehrbaren Trunk und aß das eine Huhn in aller Freudigkeit auf.

Wie das eine Huhn hinunter war und der Herr noch immer nicht kam, sah Grethel das andere an und sprach: „Wo das eine ist, muss das andere auch sein – die zwei gehören zusammen. Was dem einen Recht ist, das ist dem andern billig. Ich glaube, wenn ich noch einen Trunk tue, so sollte mir's nicht schaden." Also tat sie noch einen herzhaften Trunk und ließ das zweite Huhn wieder zum ersten laufen.

Der Gast kommt – und flieht

Wie sie so im besten Essen war, kam der Herr daher gegangen und rief: „Eil dich, Grethel, der Gast kommt gleich nach!"

„Ja, Herr, will's schon zurichten," antwortete Grethel.

Der Herr sah indessen nach, ob der Tisch wohl gedeckt war, nahm das große Messer, womit er die Hühner zerschneiden wollte, und wetzte es auf dem Gang.

Indem kam der Gast, klopfte sittsam und höflich an der Haustür. Grethel lief und schaute, wer da war. Als sie den Gast sah, hielt sie den Finger an den Mund und sprach: „Still! Still! Macht geschwind, dass ihr wieder fortkommt! Wenn euch mein Herr erwischt, so seid ihr unglücklich – er hat euch zwar zum Nachtessen eingeladen, aber er hat nichts anderes im Sinn, als euch die beiden Ohren abzuschneiden. Hört nur, wie er das Messer dazu wetzt!"

Der Gast hörte das Wetzen und eilte, was er konnte, die Stiegen wieder hinab.

Grethel war nicht faul, lief schreiend zu dem Herrn und rief: „Da habt ihr einen schönen Gast eingeladen!"

„Ei, warum, Grethel? Was meinst du damit?"

„Ja," sagte sie, „der hat mir beide Hühner, die ich eben auftragen wollte, von der Schüssel genommen und ist damit fortgelaufen."

„Das ist eine feine Weise!" sprach der Herr und ward ihm leid um die schönen Hühner. „Wenn er mir dann wenigstens das eine gelassen hätte, damit mir was zu essen geblieben wäre!"

Er rief ihm nach, er solle bleiben – aber der Gast tat, als höre er es nicht. Da lief der Herr hinter ihm her, das Messer noch immer in der Hand, und schrie: „Nur eins! Nur eins!" – und meinte, der Gast solle ihm nur ein Huhn lassen und nicht alle beide nehmen.

Der Gast aber meinte nicht anders, als er solle eins von seinen Ohren hergeben, und lief, als wenn Feuer unter ihm brennte, damit er sie beide heimbrächte.