Autor: Gebrüder Grimm
61.
Das hölzerne Kalb
Es war ein Dorf, darin wohnten lauter reiche Bauern und nur ein einziger armer, den nannten sie das *Bürle* (Bäuerlein). Er hatte nicht einmal eine Kuh und noch weniger Geld, um eine zu kaufen. Er und seine Frau hätten aber so gerne eine gehabt.
Einmal sprach er zu ihr:
Der Frau gefiel das auch. Der Gevatter Schreiner zimmerte und hobelte das Kalb zurecht, strich es an, wie es sich gehörte, und machte es so, dass es den Kopf herabsenkte, als ob es fräße.
Als die Kühe am anderen Morgen ausgetrieben wurden, rief das Bürle den Hirten herein und sprach:
Der Hirt sagte:
, nahm es in seinen Arm, trug es hinaus auf die Weide und stellte es ins Gras.
Das Kälbchen blieb dort immer stehen wie eines, das frisst, und der Hirt sprach:
Abends, als er die Herde wieder heimtreiben wollte, sprach er zu dem Kalb:
Das Bürle stand vor der Haustüre und wartete auf sein Kälbchen. Als nun der Kuhhirt durch das Dorf trieb und das Kälbchen fehlte, fragte er danach. Der Hirt antwortete:
Bürle aber sprach:
Da gingen sie zusammen nach der Wiese zurück. Aber jemand hatte das hölzerne Kalb gestohlen, und es war fort. Sprach der Hirt:
Das Bürle aber sagte:
, und führte den Hirten vor den Schultheiß. Dieser verurteilte den Hirten für seine Nachlässigkeit dazu, dem Bürle für das entkommene Kalb eine echte Kuh zu geben.
Der Rabe als Wahrsager
Nun hatten das Bürle und seine Frau die lang gewünschte Kuh. Sie freuten sich von Herzen, hatten aber kein Futter und konnten ihr nichts zu fressen geben, also musste sie bald geschlachtet werden. Das Fleisch salzten sie ein. Das Bürle ging in die Stadt und wollte das Fell dort verkaufen, um für den Erlös ein neues Kälbchen zu bestellen.
Unterwegs kam er an eine Mühle. Da saß ein Rabe mit gebrochenen Flügeln, den nahm er aus Erbarmen auf und wickelte ihn in das Fell. Weil aber das Wetter so schlecht wurde und Wind und Regen stürmten, konnte er nicht weiter, kehrte in die Mühle ein und bat um Herberge.
Die Müllerin war allein zu Haus und sprach zu dem Bürle:
, und gab ihm ein Käsebrot. Das Bürle aß und legte sich nieder, sein Fell neben sich, und die Frau dachte:
Indem kam der Pfaffe. Die Müllerin empfing ihn wohl und sprach:
Bürle horchte auf, und als er vom Traktieren hörte, ärgerte er sich, dass er mit Käsebrot hatte vorliebnehmen müssen. Da trug die Frau Speisen herbei, und zwar viererlei: Braten, Salat, Kuchen und Wein.
Als sie sich nun setzten und essen wollten, klopfte es draußen. Sprach die Frau:
Geschwind versteckte sie den Braten in der Ofenkachel, den Wein unter dem Kopfkissen, den Salat auf dem Bett, den Kuchen unter dem Bett und den Pfaffen im Schrank auf dem Hausflur. Danach machte sie dem Mann auf und sprach:
Der Müller sah das Bürle auf dem Stroh liegen und fragte:
, sagte die Frau,
Sprach der Mann:
Die Frau sagte:
, antwortete der Mann,
, sah das Bürle an und rief:
Bürle ließ sich das nicht zweimal sagen, stand auf und aß mit.
Danach sah der Müller das Fell auf der Erde liegen, in dem der Rabe steckte, und fragte:
Antwortete das Bürle:
, sprach der Müller.
, antwortete das Bürle.
Der Müller war neugierig und sprach:
Da drückte das Bürle dem Raben auf den Kopf, dass er quakte und
machte.
Sprach der Müller:
Bürle antwortete:
, rief der Müller, ging hin und fand den Wein.
, sprach der Müller.
Das Bürle ließ den Raben wieder quaken und sprach:
, rief der Müller, ging hin und fand den Braten.
Bürle ließ den Raben noch mehr weissagen und sprach:
, rief der Müller, ging hin und fand den Salat.
Endlich drückte das Bürle den Raben noch einmal, dass er knurrte, und sprach:
, rief der Müller, ging hin und fand den Kuchen.
Das Geschäft mit dem Teufel
Nun setzten sich die zwei zusammen an den Tisch, die Müllerin aber bekam Todesängste, legte sich ins Bett und nahm alle Schlüssel zu sich. Der Müller hätte auch gern das fünfte gewusst, aber das Bürle sprach:
So aßen sie, und danach wurde verhandelt, wie viel der Müller für die fünfte Wahrsagung geben sollte, bis sie sich auf dreihundert Taler einigten. Da drückte das Bürle dem Raben noch einmal an den Kopf, dass er laut quakte.
Fragte der Müller:
Antwortete das Bürle:
Sprach der Müller:
, und sperrte die Haustür auf. Die Frau musste den Schlüssel hergeben, und das Bürle schloss den Schrank auf. Da lief der Pfaffe, was er konnte, hinaus, und der Müller sprach:
Bürle aber machte sich am anderen Morgen in der Dämmerung mit den dreihundert Talern aus dem Staub.
Der Neid der Bauern
Daheim tat sich das Bürle allmählich auf, baute ein hübsches Haus, und die Bauern sprachen:
Da wurde das Bürle vor den Schultheiß gefordert, es sollte sagen, woher sein Reichtum käme.
Antwortete es:
Als die Bauern das hörten, wollten sie auch den großen Vorteil genießen, liefen heim, schlugen all ihre Kühe tot und zogen die Felle ab, um sie in der Stadt mit großem Gewinn zu verkaufen. Der Schultheiß sprach:
Als diese zum Kaufmann in die Stadt kam, gab er ihr nicht mehr als drei Taler für ein Fell. Und als die übrigen kamen, gab er ihnen nicht einmal so viel und sprach:
Nun ärgerten sich die Bauern, dass sie vom Bürle hinters Licht geführt worden waren. Sie wollten Rache an ihm nehmen und verklagten es wegen des Betrugs beim Schultheiß. Das unschuldige Bürle wurde einstimmig zum Tode verurteilt und sollte in einem durchlöcherten Fass ins Wasser gerollt werden.
Der Tausch im Fass
Bürle wurde hinausgeführt, und ein Geistlicher wurde gebracht, der ihm eine Seelenmesse lesen sollte. Die anderen mussten sich alle entfernen. Als das Bürle den Geistlichen anblickte, erkannte es den Pfaffen, der bei der Müllerin gewesen war. Sprach es zu ihm:
Nun trieb gerade ein Schäfer mit einer Herde Schafe daher, von dem das Bürle wusste, dass er längst gerne Schultheiß geworden wäre. Da schrie es aus allen Kräften:
Der Schäfer, der das hörte, kam herbei und fragte:
Bürle sprach:
Der Schäfer sagte:
Bürle sprach:
Der Schäfer war es zufrieden, setzte sich hinein, und das Bürle schlug den Deckel darauf. Dann nahm es die Herde des Schäfers für sich und trieb sie fort. Der Pfaffe aber ging zur Gemeinde und sagte, die Seelenmesse wäre gelesen. Da kamen sie und rollten das Fass nach dem Wasser hin. Als das Fass zu rollen anfing, rief der Schäfer:
Sie glaubten nicht anders, als dass das Bürle so schrie, und sprachen:
, und rollten das Fass ins Wasser hinein.
Die Lämmerwolken im Wasser
Darauf gingen die Bauern heim. Als sie ins Dorf kamen, kam auch das Bürle daher, trieb eine Herde Schafe ruhig ein und war ganz zufrieden. Da erstaunten die Bauern und sprachen:
, antwortete das Bürle,
Sprachen die Bauern:
, sagte das Bürle,
Da verabredeten sich die Bauern, dass sie sich auch Schafe holen wollten, jeder eine Herde. Der Schultheiß aber sagte:
Nun gingen sie zusammen zum Wasser. Da standen gerade am blauen Himmel kleine Flockwolken, die man Lämmerchen nennt, die spiegelten sich im Wasser ab. Da riefen die Bauern:
Der Schulz drängte sich hervor und sagte:
Da sprang er hinein,
klang es im Wasser. Sie meinten nicht anders, als er riefe ihnen zu:
, und der ganze Haufen stürzte in einer Hast hinter ihm drein.
Da war das Dorf ausgestorben, und das Bürle, als einziger Erbe, wurde ein reicher Mann.

