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Märchen lesen und erleben

Das Bürle

⏱ Lesedauer: ca. 10 Min.

61.

Das hölzerne Kalb

Es war ein Dorf, darin wohnten lauter reiche Bauern und nur ein einziger armer, den nannten sie das *Bürle* (Bäuerlein). Er hatte nicht einmal eine Kuh und noch weniger Geld, um eine zu kaufen. Er und seine Frau hätten aber so gerne eine gehabt.

Einmal sprach er zu ihr:

„Hör, ich habe einen guten Gedanken. Da ist unser Gevatter Schreiner, der soll uns ein Kalb aus Holz machen und braun anstreichen, dass es wie ein echtes aussieht. Mit der Zeit wird es wohl groß und gibt eine Kuh.“

Der Frau gefiel das auch. Der Gevatter Schreiner zimmerte und hobelte das Kalb zurecht, strich es an, wie es sich gehörte, und machte es so, dass es den Kopf herabsenkte, als ob es fräße.

Als die Kühe am anderen Morgen ausgetrieben wurden, rief das Bürle den Hirten herein und sprach:

„Seht, da habe ich ein Kälbchen, aber es ist noch klein und muss noch getragen werden.“

Der Hirt sagte:

„Schon gut“

, nahm es in seinen Arm, trug es hinaus auf die Weide und stellte es ins Gras.

Das Kälbchen blieb dort immer stehen wie eines, das frisst, und der Hirt sprach:

„Das wird bald selber laufen, guck einer an, was das schon frisst!“

Abends, als er die Herde wieder heimtreiben wollte, sprach er zu dem Kalb:

„Kannst du da stehen und dich satt fressen, so kannst du auch auf deinen vier Beinen gehen. Ich mag dich nicht wieder auf dem Arm heimschleppen.“

Das Bürle stand vor der Haustüre und wartete auf sein Kälbchen. Als nun der Kuhhirt durch das Dorf trieb und das Kälbchen fehlte, fragte er danach. Der Hirt antwortete:

„Das steht noch immer draußen und frisst. Es wollte nicht aufhören und nicht mitgehen.“

Bürle aber sprach:

„Ei was, ich muss mein Vieh wiederhaben.“

Da gingen sie zusammen nach der Wiese zurück. Aber jemand hatte das hölzerne Kalb gestohlen, und es war fort. Sprach der Hirt:

„Es wird sich wohl verlaufen haben.“

Das Bürle aber sagte:

„Mir nicht so!“

, und führte den Hirten vor den Schultheiß. Dieser verurteilte den Hirten für seine Nachlässigkeit dazu, dem Bürle für das entkommene Kalb eine echte Kuh zu geben.

Der Rabe als Wahrsager

Nun hatten das Bürle und seine Frau die lang gewünschte Kuh. Sie freuten sich von Herzen, hatten aber kein Futter und konnten ihr nichts zu fressen geben, also musste sie bald geschlachtet werden. Das Fleisch salzten sie ein. Das Bürle ging in die Stadt und wollte das Fell dort verkaufen, um für den Erlös ein neues Kälbchen zu bestellen.

Unterwegs kam er an eine Mühle. Da saß ein Rabe mit gebrochenen Flügeln, den nahm er aus Erbarmen auf und wickelte ihn in das Fell. Weil aber das Wetter so schlecht wurde und Wind und Regen stürmten, konnte er nicht weiter, kehrte in die Mühle ein und bat um Herberge.

Die Müllerin war allein zu Haus und sprach zu dem Bürle:

„Da leg dich auf das Strohlager“

, und gab ihm ein Käsebrot. Das Bürle aß und legte sich nieder, sein Fell neben sich, und die Frau dachte:

„Der ist müde und schläft.“

Indem kam der Pfaffe. Die Müllerin empfing ihn wohl und sprach:

„Mein Mann ist aus, da wollen wir uns traktieren.“

Bürle horchte auf, und als er vom Traktieren hörte, ärgerte er sich, dass er mit Käsebrot hatte vorliebnehmen müssen. Da trug die Frau Speisen herbei, und zwar viererlei: Braten, Salat, Kuchen und Wein.

Als sie sich nun setzten und essen wollten, klopfte es draußen. Sprach die Frau:

„Ach Gott, das ist mein Mann!“

Geschwind versteckte sie den Braten in der Ofenkachel, den Wein unter dem Kopfkissen, den Salat auf dem Bett, den Kuchen unter dem Bett und den Pfaffen im Schrank auf dem Hausflur. Danach machte sie dem Mann auf und sprach:

„Gottlob, dass du wieder hier bist! Das ist ein Wetter, als wenn die Welt untergehen sollte!“

Der Müller sah das Bürle auf dem Stroh liegen und fragte:

„Was will der Kerl da?“

„Ach“

, sagte die Frau,

„der arme Schelm kam in dem Sturm und Regen und bat um ein Obdach. Da habe ich ihm ein Käsebrot gegeben und ihm das Strohlager angewiesen.“

Sprach der Mann:

„Ich habe nichts dagegen, aber schaff mir bald etwas zu essen.“

Die Frau sagte:

„Ich habe aber nichts als Käsebrot.“

„Ich bin mit allem zufrieden“

, antwortete der Mann,

„meinetwegen mit Käsebrot“

, sah das Bürle an und rief:

„Komm und iss noch einmal mit.“

Bürle ließ sich das nicht zweimal sagen, stand auf und aß mit.

Danach sah der Müller das Fell auf der Erde liegen, in dem der Rabe steckte, und fragte:

„Was hast du da?“

Antwortete das Bürle:

„Da habe ich einen Wahrsager drin.“

„Kann der mir auch wahrsagen?“

, sprach der Müller.

„Warum nicht?“

, antwortete das Bürle.

„Er sagt aber nur vier Dinge, und das fünfte behält er bei sich.“

Der Müller war neugierig und sprach:

„Lass ihn einmal wahrsagen.“

Da drückte das Bürle dem Raben auf den Kopf, dass er quakte und

„krr krr“

machte.

Sprach der Müller:

„Was hat er gesagt?“

Bürle antwortete:

„Erstens hat er gesagt, es stecke Wein unter dem Kopfkissen.“

„Das wäre ja gelacht!“

, rief der Müller, ging hin und fand den Wein.

„Nun weiter“

, sprach der Müller.

Das Bürle ließ den Raben wieder quaken und sprach:

„Zweitens hat er gesagt, es wäre Braten in der Ofenkachel.“

„Das wäre ja gelacht!“

, rief der Müller, ging hin und fand den Braten.

Bürle ließ den Raben noch mehr weissagen und sprach:

„Drittens hat er gesagt, es wäre Salat auf dem Bett.“

„Das wäre ja gelacht!“

, rief der Müller, ging hin und fand den Salat.

Endlich drückte das Bürle den Raben noch einmal, dass er knurrte, und sprach:

„Viertens hat er gesagt, es wäre Kuchen unter dem Bett.“

„Das wäre ja gelacht!“

, rief der Müller, ging hin und fand den Kuchen.

Das Geschäft mit dem Teufel

Nun setzten sich die zwei zusammen an den Tisch, die Müllerin aber bekam Todesängste, legte sich ins Bett und nahm alle Schlüssel zu sich. Der Müller hätte auch gern das fünfte gewusst, aber das Bürle sprach:

„Erst wollen wir die vier anderen Dinge ruhig essen, denn das fünfte ist etwas Schlimmes.“

So aßen sie, und danach wurde verhandelt, wie viel der Müller für die fünfte Wahrsagung geben sollte, bis sie sich auf dreihundert Taler einigten. Da drückte das Bürle dem Raben noch einmal an den Kopf, dass er laut quakte.

Fragte der Müller:

„Was hat er gesagt?“

Antwortete das Bürle:

„Er hat gesagt, draußen im Schrank auf dem Hausflur stecke der Teufel.“

Sprach der Müller:

„Der Teufel muss hinaus!“

, und sperrte die Haustür auf. Die Frau musste den Schlüssel hergeben, und das Bürle schloss den Schrank auf. Da lief der Pfaffe, was er konnte, hinaus, und der Müller sprach:

„Ich habe den schwarzen Kerl mit eigenen Augen gesehen. Es war richtig.“

Bürle aber machte sich am anderen Morgen in der Dämmerung mit den dreihundert Talern aus dem Staub.

Der Neid der Bauern

Daheim tat sich das Bürle allmählich auf, baute ein hübsches Haus, und die Bauern sprachen:

„Das Bürle ist gewiss dort gewesen, wo der goldene Schnee fällt und man das Geld mit Scheffeln heimträgt.“

Da wurde das Bürle vor den Schultheiß gefordert, es sollte sagen, woher sein Reichtum käme.

Antwortete es:

„Ich habe mein Kuhfell in der Stadt für dreihundert Taler verkauft.“

Als die Bauern das hörten, wollten sie auch den großen Vorteil genießen, liefen heim, schlugen all ihre Kühe tot und zogen die Felle ab, um sie in der Stadt mit großem Gewinn zu verkaufen. Der Schultheiß sprach:

„Meine Magd muss aber vorangehen.“

Als diese zum Kaufmann in die Stadt kam, gab er ihr nicht mehr als drei Taler für ein Fell. Und als die übrigen kamen, gab er ihnen nicht einmal so viel und sprach:

„Was soll ich mit all den Häuten anfangen?“

Nun ärgerten sich die Bauern, dass sie vom Bürle hinters Licht geführt worden waren. Sie wollten Rache an ihm nehmen und verklagten es wegen des Betrugs beim Schultheiß. Das unschuldige Bürle wurde einstimmig zum Tode verurteilt und sollte in einem durchlöcherten Fass ins Wasser gerollt werden.

Der Tausch im Fass

Bürle wurde hinausgeführt, und ein Geistlicher wurde gebracht, der ihm eine Seelenmesse lesen sollte. Die anderen mussten sich alle entfernen. Als das Bürle den Geistlichen anblickte, erkannte es den Pfaffen, der bei der Müllerin gewesen war. Sprach es zu ihm:

„Ich habe euch aus dem Schrank befreit, befreit mich aus dem Fass.“

Nun trieb gerade ein Schäfer mit einer Herde Schafe daher, von dem das Bürle wusste, dass er längst gerne Schultheiß geworden wäre. Da schrie es aus allen Kräften:

„Nein, ich tue es nicht! Und wenn es die ganze Welt haben wollte, nein, ich tue es nicht!“

Der Schäfer, der das hörte, kam herbei und fragte:

„Was hast du vor? Was willst du nicht tun?“

Bürle sprach:

„Da wollen sie mich zum Schultheiß machen, wenn ich mich in das Fass setze, aber ich tue es nicht.“

Der Schäfer sagte:

„Wenn es weiter nichts ist, um Schultheiß zu werden, wollte ich mich gleich in das Fass setzen.“

Bürle sprach:

„Willst du dich hineinsetzen, so wirst du auch Schultheiß.“

Der Schäfer war es zufrieden, setzte sich hinein, und das Bürle schlug den Deckel darauf. Dann nahm es die Herde des Schäfers für sich und trieb sie fort. Der Pfaffe aber ging zur Gemeinde und sagte, die Seelenmesse wäre gelesen. Da kamen sie und rollten das Fass nach dem Wasser hin. Als das Fass zu rollen anfing, rief der Schäfer:

„Ich will ja gerne Schultheiß werden!“

Sie glaubten nicht anders, als dass das Bürle so schrie, und sprachen:

„Das meinen wir auch, aber erst sollst du dich da unten umsehen“

, und rollten das Fass ins Wasser hinein.

Die Lämmerwolken im Wasser

Darauf gingen die Bauern heim. Als sie ins Dorf kamen, kam auch das Bürle daher, trieb eine Herde Schafe ruhig ein und war ganz zufrieden. Da erstaunten die Bauern und sprachen:

„Bürle, wo kommst du her? Kommst du aus dem Wasser?“

„Freilich“

, antwortete das Bürle,

„ich bin tief, tief versunken, bis ich endlich auf den Grund kam. Ich stieß dem Fass den Boden aus und kroch hervor. Da waren schöne Wiesen, auf denen viele Lämmer weideten. Davon brachte ich mir die Herde mit.“

Sprachen die Bauern:

„Sind noch mehr da?“

„O ja“

, sagte das Bürle,

„mehr als ihr gebrauchen könnt.“

Da verabredeten sich die Bauern, dass sie sich auch Schafe holen wollten, jeder eine Herde. Der Schultheiß aber sagte:

„Ich komme zuerst.“

Nun gingen sie zusammen zum Wasser. Da standen gerade am blauen Himmel kleine Flockwolken, die man Lämmerchen nennt, die spiegelten sich im Wasser ab. Da riefen die Bauern:

„Wir sehen schon die Schafe unten auf dem Grund!“

Der Schulz drängte sich hervor und sagte:

„Nun will ich zuerst hinunter und mich umsehen. Wenn es gut ist, will ich euch rufen.“

Da sprang er hinein,

„plump“

klang es im Wasser. Sie meinten nicht anders, als er riefe ihnen zu:

„Kommt!“

, und der ganze Haufen stürzte in einer Hast hinter ihm drein.

Da war das Dorf ausgestorben, und das Bürle, als einziger Erbe, wurde ein reicher Mann.