Autor: Gebrüder Grimm
Ein kleiner Held zieht aus
Ein Schneider hatte einen Sohn, der war klein geraten und nicht größer als ein Daumen. Darum hieß er auch der Daumerling. Er hatte aber Courage im Leibe und sagte zu seinem Vater:
, sprach der Alte, nahm eine lange Stopfnadel und machte am Licht einen Knoten von Siegellack daran.
Nun wollte das Schneiderlein noch einmal mitessen und hüpfte in die Küche, um zu sehen, was die Frau Mutter zu guter Letzt gekocht hätte. Es war aber eben angerichtet, und die Schüssel stand auf dem Herd.
Da sprach es:
, sagte die Mutter.
Da sprang Daumerling auf den Herd und guckte in die Schüssel. Weil er aber den Hals zu weit hineinstreckte, fasste ihn der Dampf von der Speise und trieb ihn zum Schornstein hinaus. Eine Weile ritt er auf dem Dampf in der Luft herum, bis er endlich wieder auf die Erde herabsank.
Bei der Meisterin
Nun war das Schneiderlein draußen in der weiten Welt. Er zog umher und ging auch bei einem Meister in die Arbeit, aber das Essen war ihm nicht gut genug.
, sagte der Daumerling,
, sagte die Meisterin, wurde bös, ergriff einen Lappen und wollte nach ihm schlagen.
Mein Schneiderlein kroch behende unter den Fingerhut, guckte unten hervor und streckte der Frau Meisterin die Zunge heraus. Sie hob den Fingerhut auf und wollte ihn packen. Aber der kleine Daumerling hüpfte in die Lappen. Und wie die Meisterin die Lappen auseinanderwarf und ihn suchte, machte er sich in den Tischritzen unsichtbar.
, rief er und steckte den Kopf in die Höhe. Wenn sie zuschlagen wollte, sprang er in die Schublade hinunter. Endlich aber erwischte sie ihn doch und jagte ihn zum Haus hinaus.
Die Diebe und die Schatzkammer
Das Schneiderlein wanderte und kam in einen großen Wald. Da begegnete ihm ein Haufen Räuber, die vorhatten, des Königs Schatz zu bestehlen. Als sie das Schneiderlein sahen, dachten sie:
, rief einer.
Der Daumerling besann sich. Endlich sagte er
und ging mit zu der Schatzkammer. Da besah er die Tür oben und unten, ob kein Ritz darin wäre. Nicht lange, so entdeckte er einen, der breit genug war, um ihn einzulassen. Er wollte auch gleich hindurch, aber eine von den beiden Schildwachen, die vor der Tür standen, bemerkte ihn und sprach zu der anderen:
, sagte die andere,
Nun kam der Daumerling durch den Ritz glücklich in die Schatzkammer, öffnete das Fenster, unter welchem die Räuber standen, und warf ihnen einen Taler nach dem anderen hinaus.
Das Versteckspiel
Als das Schneiderlein in der besten Arbeit war, hörte es den König kommen, der seine Schatzkammer besehen wollte, und verkroch sich eilig. Der König merkte, dass viele harte Taler fehlten, konnte aber nicht begreifen, wer sie gestohlen haben sollte. Schlösser und Riegel waren in gutem Stand, und alles schien wohl verwahrt.
Da ging er wieder fort und sprach zu den zwei Wachen:
Als der Daumerling nun seine Arbeit von neuem anfing, hörten sie das Geld drinnen sich regen und klingen: klipp, klapp, klipp, klapp. Sie sprangen geschwind hinein und wollten den Dieb greifen. Aber das Schneiderlein, das sie kommen hörte, war noch geschwinder. Es sprang in eine Ecke und deckte einen Taler über sich, so dass nichts von ihm zu sehen war. Dabei neckte es noch die Wachen und rief:
Die Wachen liefen dahin. Wie sie aber ankamen, war es schon in eine andere Ecke unter einen Taler gehüpft und rief:
Die Wachen sprangen eilends herbei, Daumerling war aber längst in einer dritten Ecke und rief:
Und so hielt es sie zu Narren und trieb sie so lange in der Schatzkammer herum, bis sie müde waren und davongingen.
Nun warf es die Taler nach und nach alle hinaus. Den letzten schnellte es mit aller Macht, hüpfte dann selber noch behendiglich darauf und flog mit ihm durch das Fenster hinab. Die Räuber machten ihm große Lobsprüche.
, sagten sie,
Daumerling bedankte sich aber und sagte, er wolle erst die Welt sehen. Sie teilten nun die Beute, das Schneiderlein aber verlangte nur einen Kreuzer, weil es nicht mehr tragen konnte.
Schabernack im Gasthof
Darauf schnallte es seinen Degen wieder um den Leib, sagte den Räubern guten Tag und nahm den Weg zwischen die Beine. Es ging bei einigen Meistern in Arbeit, aber sie wollte ihm nicht schmecken. Endlich verdingte es sich als Hausknecht in einem Gasthof.
Die Mägde aber konnten es nicht leiden. Ohne dass sie ihn sehen konnten, sah er alles, was sie heimlich taten, und gab bei der Herrschaft an, was sie sich von den Tellern genommen und aus dem Keller für sich weggeholt hatten.
Da sprachen sie:
, und verabredeten untereinander, ihm einen Schabernack anzutun. Als die eine Magd bald hernach im Garten mähte und den Daumerling da herumspringen und an den Kräutern auf- und abkriechen sah, mähte sie ihn mit dem Gras schnell zusammen, band alles in ein großes Tuch und warf es heimlich den Kühen vor.
Nun war eine große schwarze darunter, die schluckte ihn mit hinab, ohne ihm weh zu tun. Unten gefiel es ihm aber schlecht, denn es war da ganz finster und brannte auch kein Licht.
Als die Kuh gemolken wurde, da rief er:
Doch bei dem Geräusch des Melkens wurde er nicht verstanden. Hernach trat der Hausherr in den Stall und sprach:
Da wurde dem Daumerling angst, so dass er mit heller Stimme rief:
Der Herr hörte das wohl, wusste aber nicht, wo die Stimme herkam.
, fragte er.
, antwortete er. Aber der Herr verstand nicht, was das heißen sollte, und ging fort.
Die Wurst und der Schornstein
Am anderen Morgen wurde die Kuh geschlachtet. Glücklicherweise traf bei dem Zerhacken und Zerlegen den Daumerling kein Hieb, aber er geriet unter das Wurstfleisch. Wie nun der Metzger herbeitrat und seine Arbeit anfing, schrie er aus Leibeskräften:
Vor dem Lärmen der Hackmesser hörte das kein Mensch.
Nun hatte der arme Daumerling seine Not. Aber die Not macht Beine, und da sprang er so behend zwischen den Hackmessern durch, dass ihn keins anrührte und er mit heiler Haut davonkam. Aber entspringen konnte er auch nicht: Es gab keinen anderen Ausweg, er musste sich mit den Speckbrocken in eine Blutwurst hinunterstopfen lassen. Da war das Quartier etwas enge, und dazu wurde er noch in den Schornstein zum Räuchern aufgehängt, wo ihm Zeit und Weile gewaltig lang wurde.
Endlich im Winter wurde er heruntergeholt, weil die Wurst einem Gast vorgelegt werden sollte. Als nun die Hauswirtin die Wurst in Scheiben schnitt, nahm er sich in Acht, dass er den Kopf nicht zu weit vorstreckte, damit ihm nicht etwa der Hals mit abgeschnitten würde. Endlich ersah er seinen Vorteil, machte sich Luft und sprang heraus.
Heimkehr mit dem Fuchs
In dem Hause aber, wo es ihm so übel ergangen war, wollte das Schneiderlein nicht länger bleiben, sondern begab sich gleich wieder auf die Wanderung.
Doch seine Freiheit dauerte nicht lange. Auf dem offenen Feld kam es einem Fuchs in den Weg, der schnappte es in Gedanken auf.
, rief das Schneiderlein,
, antwortete der Fuchs,
, antwortete der Daumerling,
Da ließ ihn der Fuchs wieder los und trug ihn selber heim. Als der Vater sein liebes Söhnlein wiedersah, gab er dem Fuchs gerne alle die Hühner, die er hatte.
, sprach der Daumerling und reichte ihm den Kreuzer, den er auf seiner Wanderschaft erworben hatte.
Warum hat aber der Fuchs die armen Piephühner zu fressen gekriegt? Ei, du Narr! Deinem Vater wird ja wohl sein Kind lieber sein als die Hühner auf dem Hof.

