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Märchen lesen und erleben

Der Frieder und das Catherlieschen

⏱ Lesedauer: ca. 13 Min.

59.

Wurst und Bier im Keller

Es war ein Mann, der hieß Frieder, und eine Frau, die hieß Catherlieschen. Die hatten einander geheiratet und lebten zusammen als junge Eheleute.

Eines Tages sprach der Frieder:

„Ich will jetzt zum Acker, Catherlieschen. Wenn ich wiederkomme, muss etwas Gebratenes auf dem Tisch stehen für den Hunger und ein frischer Trunk dabei für den Durst.“

„Geh nur, Friederchen“

, antwortete das Catherlies,

„geh nur, ich will dir's schon recht machen.“

Als nun die Essenszeit herbeirückte, holte sie eine Wurst aus dem Schornstein, tat sie in eine Bratpfanne, legte Butter dazu und stellte sie übers Feuer. Die Wurst fing an zu braten und zu brutzeln. Catherlieschen stand dabei, hielt den Pfannenstiel und hatte so seine Gedanken. Da fiel ihm ein:

„Bis die Wurst fertig wird, könntest du ja im Keller den Trunk zapfen.“

Also stellte es den Pfannenstiel fest, nahm eine Kanne, ging hinab in den Keller und zapfte Bier.

Das Bier lief in die Kanne, und Catherlieschen sah ihm zu. Da fiel ihm ein:

„Holla, der Hund oben ist nicht eingesperrt, der könnte die Wurst aus der Pfanne holen! Das käme mir gerade recht!“

Und im Hui war es die Kellertreppe hinauf. Aber der Spitz hatte die Wurst schon im Maul und schleifte sie auf der Erde mit sich fort.

Doch Catherlieschen, nicht faul, setzte ihm nach und jagte ihn ein gutes Stück ins Feld. Aber der Hund war geschwinder als Catherlieschen, ließ auch die Wurst nicht fahren, sondern hüpfte mit ihr über die Äcker davon.

„Hin ist hin!“

, sprach Catherlieschen, kehrte um, und weil es sich müde gelaufen hatte, ging es hübsch langsam und kühlte sich ab.

Während dieser Zeit lief das Bier aus dem Fass immer weiter, denn Catherlieschen hatte den Hahn nicht umgedreht. Als die Kanne voll und sonst kein Platz mehr da war, lief es in den Keller. Es hörte nicht eher auf, als bis das ganze Fass leer war. Catherlieschen sah schon auf der Treppe das Unglück.

„O weh!“

, rief es,

„was fängst du jetzt an, dass es der Frieder nicht merkt!“

Es besann sich ein Weilchen. Endlich fiel ihm ein, dass von der letzten Kirmes noch ein Sack mit schönem Weizenmehl auf dem Dachboden stände. Das wollte es herabholen und in das Bier streuen.

„Ja“

, sprach es,

„wer zu rechter Zeit was spart, der hat es hernach in der Not“

, stieg auf den Boden, trug den Sack herab und warf ihn gerade auf die Kanne voll Bier, dass sie umstürzte und der Trunk des Frieders auch im Keller schwamm.

„Es ist ganz recht“

, sprach Catherlieschen,

„wo das eine ist, muss das andere auch sein“

, und zerstreute das Mehl im ganzen Keller. Als es fertig war, freute es sich gewaltig über seine Arbeit und sagte:

„Wie reinlich und sauber es hier aussieht!“

Um Mittagszeit kam der Frieder heim.

„Nun, Frau, was hast du mir zurechtgemacht?“

„Ach, Friederchen“

, antwortete sie,

„ich wollte dir ja eine Wurst braten. Aber während ich das Bier dazu zapfte, hat sie der Hund aus der Pfanne geholt. Und während ich dem Hund nachsprang, ist das Bier ausgelaufen. Und als ich das Bier mit dem Weizenmehl auftrocknen wollte, habe ich die Kanne auch noch umgestoßen. Aber sei nur zufrieden, der Keller ist wieder ganz trocken.“

Sprach der Frieder:

„Catherlieschen, Catherlieschen, das hättest du nicht tun müssen! Lässt die Wurst wegholen, das Bier aus dem Fass laufen und verschüttest obendrein unser feines Mehl!“

„Ja, Friederchen, das habe ich nicht gewusst, das hättest du mir sagen müssen.“

Der Topf voll Gold

Der Mann dachte:

„Geht das so weiter mit deiner Frau, so musst du dich besser vorsehen.“

Nun hatte er eine hübsche Summe Taler zusammengebracht. Die wechselte er in Gold ein und sprach zum Catherlieschen:

„Siehst du, das sind gelbe Gickelinge, die will ich in einen Topf tun und im Stall unter der Kuhkrippe vergraben. Aber dass du mir ja davonbleibst, sonst geht es dir schlimm!“

Sprach sie:

„Nein, Friederchen, ich will es gewiss nicht tun.“

Nun, als der Frieder fort war, kamen Krämer, die irdene Näpfe und Töpfe feilboten, ins Dorf und fragten bei der jungen Frau an, ob sie nichts zu handeln hätte.

„O, ihr lieben Leute“

, sprach Catherlieschen,

„ich habe kein Geld und kann nichts kaufen. Aber könnt ihr gelbe Gickelinge brauchen, so will ich wohl kaufen.“

„Gelbe Gickelinge, warum nicht? Lasst sie einmal sehen.“

„So geht in den Stall und grabt unter der Kuhkrippe, so werdet ihr die gelben Gickelinge finden. Ich darf nicht dabeigehen.“

Die Spitzbuben gingen hin, gruben und fanden eitel Gold. Da packten sie es ein, liefen fort und ließen Töpfe und Näpfe im Hause stehen. Catherlieschen meinte, sie müsste das neue Geschirr auch gebrauchen. Weil nun in der Küche ohnehin kein Mangel daran war, schlug sie jedem Topf den Boden aus und steckte sie insgesamt als Zierrat auf die Zaunpfähle rings um das Haus herum.

Als der Frieder kam und den neuen Zierrat sah, sprach er:

„Catherlieschen, was hast du gemacht?“

„Habe es gekauft, Friederchen, für die gelben Gickelinge, die unter der Kuhkrippe steckten. Ich bin selber nicht dabeigegangen, die Krämer haben sich das selbst herausgraben müssen.“

„Ach, Frau“

, sprach der Frieder,

„was hast du gemacht! Das waren keine Gickelinge, es war eitel Gold und all unser Vermögen! Das hättest du nicht tun sollen.“

„Ja, Friederchen“

, antwortete sie,

„das habe ich nicht gewusst, das hättest du mir vorher sagen müssen.“

Die Verfolgung der Krämer

Catherlieschen stand ein Weilchen und besann sich. Da sprach sie:

„Hör, Friederchen, das Gold wollen wir schon wieder kriegen. Wir laufen einfach hinter den Dieben her.“

„So komm“

, sprach der Frieder,

„wir wollen es versuchen. Nimm aber Butter und Käse mit, dass wir auf dem Weg etwas zu essen haben.“

„Ja, Friederchen, ich will es mitnehmen.“

Sie machten sich auf den Weg. Weil der Frieder besser zu Fuß war, ging Catherlieschen hinten nach.

„Ist mein Vorteil“

, dachte es,

„wenn wir umkehren, habe ich ja ein Stück voraus.“

Nun kam es an einen Berg, wo auf beiden Seiten des Weges tiefe Fahrgleise waren.

„Da sehe einer an“

, sprach Catherlieschen,

„wie sie das arme Erdreich zerrissen, geschunden und gedrückt haben! Das wird sein Lebtag nicht wieder heil.“

Und aus mitleidigem Herzen nahm es seine Butter und bestrich die Gleise rechts und links, damit sie von den Rädern nicht so gedrückt würden.

Wie es sich bei seiner Barmherzigkeit so bückte, rollte ihm ein Käse aus der Tasche den Berg hinab. Sprach das Catherlieschen:

„Ich habe den Weg schon einmal herauf gemacht, ich gehe nicht wieder hinab. Es mag ein anderer hinlaufen und ihn wiederholen.“

Also nahm es einen anderen Käse und rollte ihn hinab. Die Käse kamen aber nicht wieder. Da ließ es noch einen dritten hinablaufen und dachte:

„Vielleicht warten sie auf Gesellschaft und gehen nicht gern allein.“

Als sie alle drei ausblieben, sprach es:

„Ich weiß nicht, was das bedeuten soll! Doch kann es ja sein, der dritte hat den Weg nicht gefunden und sich verirrt. Ich will nur den vierten schicken, dass er sie herbeiruft.“

Der vierte machte es aber nicht besser als der dritte. Da wurde das Catherlieschen ärgerlich und warf noch den fünften und sechsten hinab, und das waren die letzten.

Eine Zeit lang blieb es stehen und lauerte, dass sie kämen. Als sie aber immer nicht kamen, sprach es:

„O, ihr seid gut nach dem Tod zu schicken, ihr bleibt fein lange aus. Meint ihr, ich wollte noch länger auf euch warten? Ich gehe meiner Wege, ihr könnt mir nachlaufen, ihr habt jüngere Beine als ich.“

Catherlieschen ging fort und fand den Frieder. Der war stehen geblieben und hatte gewartet, weil er gerne etwas essen wollte.

„Nun, gib einmal her, was du mitgenommen hast.“

Sie reichte ihm das trockene Brot.

„Wo ist Butter und Käse?“

, fragte der Mann.

„Ach, Friederchen“

, sagte Catherlieschen,

„mit der Butter habe ich die Fahrgleise geschmiert, und die Käse werden bald kommen. Einer lief mir fort, da habe ich die anderen nachgeschickt, sie sollten ihn rufen.“

Sprach der Frieder:

„Das hättest du nicht tun sollen, Catherlieschen, die Butter an den Weg schmieren und die Käse den Berg hinabrollen!“

„Ja, Friederchen, das hättest du mir sagen müssen.“

Das bewachte Haus

Da aßen sie das trockene Brot zusammen, und der Frieder sagte:

„Catherlieschen, hast du auch unser Haus verwahrt, als du fortgegangen bist?“

„Nein, Friederchen, das hättest du mir vorher sagen müssen.“

„So geh wieder heim und bewahre erst das Haus, ehe wir weitergehen. Bring auch etwas anderes zu essen mit, ich will hier auf dich warten.“

Catherlieschen ging zurück und dachte:

„Friederchen will etwas anderes zu essen. Butter und Käse schmecken ihm wohl nicht, so will ich ein Tuch voll Hutzeln (getrocknete Birnen) und einen Krug Essig zum Trunk mitnehmen.“

Danach riegelte es die Obertüre zu, aber die Untertüre hob es aus, nahm sie auf die Schulter und glaubte, wenn es die Türe in Sicherheit gebracht hätte, müsste das Haus wohl bewahrt sein.

Catherlieschen nahm sich Zeit für den Weg und dachte:

„Desto länger ruht sich Friederchen aus.“

Als es ihn wieder erreicht hatte, sprach es:

„Da, Friederchen, hast du die Haustüre, da kannst du das Haus selber bewahren.“

„Ach, Gott“

, sprach er,

„was habe ich für eine kluge Frau! Hebt die Türe unten aus, dass alles hineinlaufen kann, und riegelt sie oben zu! Jetzt ist es zu spät, noch einmal nach Hause zu gehen. Aber hast du die Türe hierher gebracht, so sollst du sie auch weiter tragen.“

„Die Türe will ich tragen, Friederchen, aber die Hutzeln und der Essigkrug werden mir zu schwer. Ich hänge sie an die Türe, die mag sie tragen.“

Die Diebe im Wald

Nun gingen sie in den Wald und suchten die Spitzbuben, aber sie fanden sie nicht. Weil es endlich dunkel wurde, stiegen sie auf einen Baum und wollten dort übernachten. Kaum aber saßen sie oben, da kamen die Kerle daher, die forttragen, was nicht mitgehen will, und die Dinge finden, ehe sie verloren sind. Sie ließen sich gerade unter dem Baum nieder, auf dem Frieder und Catherlieschen saßen, machten ein Feuer an und wollten ihre Beute teilen.

Der Frieder stieg auf der anderen Seite herab und sammelte Steine, stieg damit wieder hinauf und wollte die Diebe totwerfen. Die Steine trafen aber nicht, und die Spitzbuben riefen:

„Es ist bald Morgen, der Wind schüttelt die Tannenzapfen herunter.“

Catherlieschen hatte die Türe noch immer auf der Schulter. Weil sie so schwer drückte, dachte es, die Hutzeln wären schuld, und sprach:

„Friederchen, ich muss die Hutzeln hinabwerfen.“

„Nein, Catherlieschen, jetzt nicht!“

, antwortete er,

„sie könnten uns verraten.“

„Ach, Friederchen, ich muss, sie drücken mich gar zu sehr.“

„Nun so tu es, in des Henkers Namen!“

Da rollten die Hutzeln zwischen den Ästen herab, und die Kerle unten sprachen:

„Die Vögel misten.“

Eine Weile danach, weil die Türe noch immer drückte, sprach Catherlieschen:

„Ach, Friederchen, ich muss den Essig ausschütten.“

„Nein, Catherlieschen, das darfst du nicht, es könnte uns verraten.“

„Ach, Friederchen, ich muss, er drückt mich gar zu sehr.“

„Nun so tu es in des Henkers Namen!“

Da schüttete es den Essig aus, sodass er die Kerle bespritzte. Sie sprachen untereinander:

„Der Tau tröpfelt schon herunter.“

Endlich dachte Catherlieschen:

„Sollte es wohl die Türe sein, die mich so drückt?“

, und sprach:

„Friederchen, ich muss die Türe hinabwerfen.“

„Nein, Catherlieschen, jetzt nicht, sie könnte uns verraten.“

„Ach, Friederchen, ich muss, sie drückt mich gar zu sehr.“

„Nein, Catherlieschen, halt sie ja fest!“

„Ach, Friederchen, ich lass sie fallen.“

„Ei“

, antwortete Frieder ärgerlich,

„so lass sie fallen in des Teufels Namen!“

Da fiel sie herunter mit starkem Gepolter, und die Kerle unten riefen:

„Der Teufel kommt vom Baum herab!“

, rissen aus und ließen alles im Stich. Frühmorgens, als die zwei herunterkamen, fanden sie all ihr Gold wieder und trugen es heim.

Die Verwirrung auf dem Feld

Als sie wieder zu Hause waren, sprach der Frieder:

„Catherlieschen, nun musst du aber auch fleißig sein und arbeiten.“

„Ja, Friederchen, ich will es schon tun, will ins Feld gehen und Getreide schneiden.“

Als Catherlieschen im Feld war, sprach es mit sich selber:

„Esse ich, ehe ich schneide, oder schlafe ich, ehe ich schneide? Hei, ich will erst essen!“

Da aß Catherlieschen und wurde über dem Essen schläfrig. Es fing an zu schneiden und schnitt halb träumend all seine Kleider entzwei: Schürze, Rock und Hemd.

Als Catherlieschen nach langem Schlaf wieder erwachte, stand es halb nackt da und sprach zu sich selber:

„Bin ich's, oder bin ich's nicht? Ach, ich bin es nicht!“

Unterdessen wurde es Nacht. Da lief Catherlieschen ins Dorf hinein, klopfte an seines Mannes Fenster und rief:

„Friederchen?“

„Was ist denn?“

„Möchte gern wissen, ob das Catherlieschen drinnen ist.“

„Ja, ja“

, antwortete der Frieder,

„es wird wohl drin liegen und schlafen.“

Sprach sie:

„Gut, dann bin ich gewiss schon zu Haus“

, und lief fort.

Katherlieschen und die Diebe

Draußen fand Catherlieschen Spitzbuben, die stehlen wollten. Da ging es zu ihnen und sprach:

„Ich will euch helfen stehlen.“

Die Spitzbuben meinten, es wüsste die Gelegenheit des Ortes, und waren es zufrieden.

Catherlieschen ging vor die Häuser und rief:

„Leute, habt ihr was? Wir wollen stehlen!“

Dachten die Spitzbuben:

„Das wird gut werden“

, und wünschten, sie wären das Catherlieschen wieder los. Da sprachen sie zu ihm:

„Vor dem Dorfe hat der Pfarrer Rüben auf dem Feld. Geh hin und rupf uns Rüben.“

Catherlieschen ging hinaufs Land und fing an zu rupfen, war aber so faul und hob sich nicht in die Höhe. Da kam ein Mann vorbei, sah es, stand still und dachte, das wäre der Teufel, der so in den Rüben wühlte. Er lief fort ins Dorf zum Pfarrer und sprach:

„Herr Pfarrer, in eurem Rübenland ist der Teufel und rupft.“

„Ach Gott“

, antwortete der Pfarrer,

„ich habe einen lahmen Fuß, ich kann nicht hinaus und ihn wegbannen.“

Sprach der Mann:

„So will ich euch huckeln (auf dem Rücken tragen)“

, und trug ihn huckepack hinaus.

Und als sie an das Land kamen, machte sich das Catherlieschen auf und reckte sich in die Höhe.

„Ach, der Teufel!“

, rief der Pfarrer, und beide eilten fort. Und der Pfarrer konnte vor großer Angst mit seinem lahmen Fuße schneller laufen als der Mann, der ihn getragen hatte, mit seinen gesunden Beinen.