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Märchen lesen und erleben

Der Hund und der Sperling

⏱ Lesedauer: ca. 6 Min.

58.

Eine ungleiche Freundschaft

Ein Schäferhund hatte keinen guten Herrn, sondern einen, der ihn Hunger leiden ließ. Als er es nicht länger bei ihm aushalten konnte, ging er ganz traurig fort.

Auf der Straße begegnete ihm ein Sperling, der sprach:

„Bruder Hund, warum bist du so traurig?“

Antwortete der Hund:

„Ich bin hungrig und habe nichts zu fressen.“

Da sprach der Sperling:

„Lieber Bruder, komm mit in die Stadt, so will ich dich satt machen.“

Also gingen sie zusammen in die Stadt. Als sie vor einen Fleischerladen kamen, sprach der Sperling zum Hunde:

„Da bleib stehen, ich will dir ein Stück Fleisch herunterpicken.“

Er setzte sich auf den Laden, schaute sich um, ob ihn auch niemand bemerkte, und pickte, zog und zerrte so lange an einem Stück, das am Rande lag, bis es herunterrutschte. Da packte es der Hund, lief in eine Ecke und fraß es auf.

Sprach der Sperling:

„Nun komm mit zu einem anderen Laden, da will ich dir noch ein Stück herunterholen, damit du satt wirst.“

Als der Hund auch das zweite Stück gefressen hatte, fragte der Sperling:

„Bruder Hund, bist du nun satt?“

„Ja, Fleisch bin ich satt“

, antwortete er,

„aber ich habe noch kein Brot gekriegt.“

Sprach der Sperling:

„Das sollst du auch haben, komm nur mit.“

Da führte er ihn an einen Bäckerladen und pickte an ein paar Brötchen, bis sie herunterrollten. Und als der Hund noch mehr wollte, führte er ihn zu einem anderen und holte ihm noch einmal Brot herab. Als das verzehrt war, sprach der Sperling:

„Bruder Hund, bist du nun satt?“

„Ja“

, antwortete er,

„nun wollen wir ein bisschen vor die Stadt gehen.“

Der Fuhrmann auf der Landstraße

Da gingen sie beide hinaus auf die Landstraße. Es war aber warmes Wetter. Als sie ein Eckchen gegangen waren, sprach der Hund:

„Ich bin müde und möchte gerne schlafen.“

„Ja, schlaf nur“

, antwortete der Sperling,

„ich will mich derweil auf einen Zweig setzen.“

Der Hund legte sich also auf die Straße und schlief fest ein.

Während er da lag und schlief, kam ein Fuhrmann herangefahren, der hatte einen Wagen mit drei Pferden und zwei Fässern Wein geladen. Der Sperling aber sah, dass er nicht ausweichen wollte, sondern in dem Fahrgleis blieb, in welchem der Hund lag. Da rief er:

„Fuhrmann, tu es nicht, oder ich mache dich arm!“

Der Fuhrmann aber brummte vor sich hin:

„Du wirst mich nicht arm machen“

, knallte mit der Peitsche und trieb den Wagen über den Hund, sodass ihn die Räder totfuhren.

Da rief der Sperling:

„Du hast mir meinen Bruder Hund totgefahren, das soll dich Karre und Gaul kosten!“

„Ja, Karre und Gaul“

, sagte der Fuhrmann,

„was könntest du mir schon schaden!“

, und fuhr weiter.

Die Rache des Sperlings

Da kroch der Sperling unter das Wagentuch und pickte an dem einen Spundloch so lange, bis er den Spund losbrachte: Da lief der ganze Wein heraus, ohne dass es der Fuhrmann merkte. Erst als er einmal hinter sich blickte, sah er, dass der Wagen tröpfelte. Er untersuchte die Fässer und fand, dass eins leer war.

„Ach, ich armer Mann!“

, rief er.

„Noch nicht arm genug“

, sprach der Sperling, flog dem einen Pferd auf den Kopf und pickte ihm die Augen aus.

Als der Fuhrmann das sah, zog er seine Hacke heraus und wollte den Sperling treffen. Aber der Sperling flog in die Höhe, und der Fuhrmann traf seinen eigenen Gaul auf den Kopf, dass er tot hinfiel.

„Ach, ich armer Mann!“

, rief er.

„Noch nicht arm genug“

, sprach der Sperling. Als der Fuhrmann mit den zwei Pferden weiterfuhr, kroch der Sperling wieder unter das Tuch und pickte den Spund auch am zweiten Fass los, sodass aller Wein herausschwankte. Als es der Fuhrmann gewahr wurde, rief er wieder:

„Ach, ich armer Mann!“

Aber der Sperling antwortete:

„Noch nicht arm genug“

, setzte sich dem zweiten Pferd auf den Kopf und pickte ihm die Augen aus.

Der Fuhrmann lief herbei und holte mit seiner Hacke aus, aber der Sperling flog in die Höhe: Da traf der Schlag das Pferd, dass es hinfiel.

„Ach, ich armer Mann!“

„Noch nicht arm genug“

, sprach der Sperling, setzte sich auch dem dritten Pferd auf den Kopf und pickte ihm nach den Augen.

Der Fuhrmann schlug in seinem Zorn, ohne hinzusehen, auf den Sperling los, traf ihn aber nicht, sondern schlug auch sein drittes Pferd tot.

„Ach, ich armer Mann!“

, rief er.

„Noch nicht arm genug“

, antwortete der Sperling,

„jetzt will ich dich daheim arm machen“

, und flog fort.

Das verheerende Ende

Der Fuhrmann musste den Wagen stehen lassen und ging voll Zorn und Ärger heim.

„Ach“

, sprach er zu seiner Frau,

„was habe ich für ein Unglück gehabt! Der Wein ist ausgelaufen und die Pferde sind alle drei tot.“

„Ach, Mann“

, antwortete sie,

„was für ein böser Vogel ist ins Haus gekommen! Er hat alle Vögel der Welt zusammengebracht. Die sind droben über unseren Weizen hergefallen und fressen ihn auf.“

Da stieg er hinauf, und tausend und tausend Vögel saßen auf dem Boden und hatten den Weizen aufgefressen. Der Sperling saß mitten darunter. Da rief der Fuhrmann:

„Ach, ich armer Mann!“

„Noch nicht arm genug“

, antwortete der Sperling.

„Fuhrmann, es kostet dich noch dein Leben!“

, und flog hinaus.

Da hatte der Fuhrmann all sein Gut verloren. Er ging hinab in die Stube, setzte sich hinter den Ofen und war ganz böse und giftig. Der Sperling aber saß draußen vor dem Fenster und rief:

„Fuhrmann, es kostet dich dein Leben!“

Da griff der Fuhrmann die Hacke und warf sie nach dem Sperling. Aber er schlug nur die Fensterscheiben entzwei und traf den Vogel nicht. Der Sperling hüpfte nun herein, setzte sich auf den Ofen und rief:

„Fuhrmann, es kostet dich dein Leben!“

Dieser, ganz toll und blind vor Wut, schlägt den Ofen entzwei. Und so ging es fort: Wie der Sperling von einem Ort zum anderen flog, zerschlug der Fuhrmann sein ganzes Hausgerät, Spiegel, Bänke, Tisch und zuletzt die Wände seines Hauses, und konnte ihn doch nicht treffen.

Endlich aber erwischte er ihn mit der Hand. Da sprach seine Frau:

„Soll ich ihn totschlagen?“

„Nein“

, rief er,

„das wäre zu gelind, der soll viel mörderischer sterben. Ich will ihn verschlingen!“

Und er nahm ihn und verschlang ihn auf einmal.

Der Sperling aber fing an in seinem Leibe zu flattern und flatterte wieder herauf, dem Mann in den Mund. Da streckte er den Kopf heraus und rief:

„Fuhrmann, es kostet dich doch dein Leben!“

Der Fuhrmann reicht seiner Frau die Hacke und spricht:

„Frau, schlag mir den Vogel im Munde tot!“

Die Frau schlägt zu, schlägt aber fehl und trifft den Fuhrmann gerade auf den Kopf, sodass er tot hinfällt. Der Sperling aber fliegt auf und davon.