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Märchen lesen und erleben

Der Wolf und der Fuchs

⏱ Lesedauer: ca. 4 Min.

Die ungleiche Partnerschaft

Der Wolf hatte den Fuchs bei sich, und was der Wolf wollte, das musste der Fuchs tun, weil er der Schwächere war. Der Fuchs wäre seinen Herrn aber allzu gern losgewesen.

Es trug sich zu, dass sie beide durch den Wald gingen. Da sprach der Wolf:

„Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf!“

Da antwortete der Fuchs:

„Ich weiß einen Bauernhof, wo ein paar junge Lämmlein sind. Hast du Lust, so wollen wir eines holen.“

Dem Wolf war das recht. Sie gingen hin, und der Fuchs stahl das Lämmlein, brachte es dem Wolf und machte sich aus dem Staub. Der Wolf fraß es ganz auf. Er war damit aber noch nicht zufrieden, sondern wollte auch das andere haben und ging hin, um es zu holen.

Weil er sich dabei aber so ungeschickt anstellte, bemerkte es die Mutter des Lämmleins. Sie fing an, entsetzlich zu schreien und zu blöken, sodass die Bauern herbeigelaufen kamen. Sie fanden den Wolf und schlugen ihn so erbärmlich, dass er hinkend und heulend beim Fuchs ankam.

„Du hast mich schön angeführt!“

, klagte er.

„Ich wollte das andere Lamm holen, da haben mich die Bauern erwischt und mich weichgeprügelt.“

Der Fuchs antwortete nur:

„Warum bist du auch so ein Nimmersatt!“

Die Pfannkuchen-Jagd

Am nächsten Tag gingen sie wieder ins Feld. Der gierige Wolf sprach abermals:

„Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf!“

Da antwortete der Fuchs:

„Ich weiß ein Bauernhaus, da backt die Frau heute Abend Pfannkuchen. Wir wollen uns davon welche holen.“

Sie gingen hin. Der Fuchs schlich um das Haus herum, guckte und schnupperte so lange, bis er herausfand, wo die Schüssel stand. Er zog sechs Pfannkuchen herunter und brachte sie dem Wolf.

„Da hast du zu fressen“

, sprach er und ging seiner Wege.

Der Wolf hatte die Pfannkuchen in einem Augenblick hinuntergeschlungen und sprach:

„Die schmecken nach mehr!“

Er ging hin und riss kurzerhand die ganze Schüssel herunter, sodass sie in Stücke zersprang.

Das gab einen gewaltigen Lärm, sodass die Frau herauskam. Als sie den Wolf sah, rief sie die Leute herbei. Diese eilten herzu und schlugen auf den Wolf ein, was das Zeug hielt, bis er mit zwei lahmen Beinen laut heulend zum Fuchs in den Wald hinausfloh.

„Was hast du mich garstig angeführt!“

, rief er.

„Die Bauern haben mich erwischt und mir die Haut gegerbt.“

Der Fuchs aber antwortete wieder:

„Warum bist du auch so ein Nimmersatt!“

Der Fleischkeller und das dicke Ende

Am dritten Tag, als sie beisammen draußen waren und der Wolf nur noch mit Mühe forthinken konnte, sprach er dennoch wieder:

„Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf!“

Der Fuchs antwortete:

„Ich weiß einen Mann, der hat geschlachtet. Das gesalzene Fleisch liegt in einem Fass im Keller, das wollen wir holen.“

Der Wolf sprach:

„Ich will aber gleich mitgehen, damit du mir hilfst, wenn ich nicht mehr fortkann.“

„Meinetwegen“

, sagte der Fuchs und zeigte ihm die Schliche und Wege, auf denen sie schließlich in den Keller gelangten.

Da war Fleisch im Überfluss vorhanden. Der Wolf machte sich sofort darüber her und dachte:

„Bis ich aufhöre, hat es noch lange Zeit.“

Der Fuchs ließ es sich ebenfalls gut schmecken. Er blickte sich jedoch überall vorsichtig um, lief oft zu dem Loch, durch das sie gekommen waren, und prüfte, ob sein Leib noch schmal genug war, um durchzuschlüpfen.

Der Wolf sprach:

„Lieber Fuchs, sag mir, warum rennst du so hin und her und springst hinaus und herein?“

„Ich muss doch nachsehen, ob niemand kommt“

, antwortete der listige Fuchs.

„Friss nur nicht zu viel!“

Da sagte der Wolf:

„Ich gehe nicht eher fort, als bis das Fass leer ist.“

Inzwischen kam der Bauer, der den Lärm von den Sprüngen des Fuchses gehört hatte, in den Keller. Sobald der Fuchs ihn sah, war er mit einem Satz durch das Loch draußen. Der Wolf wollte ihm nachjagen, aber er hatte sich so dick gefressen, dass er nicht mehr durchpasste, sondern feststeckte.

Da kam der Bauer mit einem schweren Knüppel und schlug ihn tot. Der Fuchs aber sprang in den Wald und war froh, dass er den alten Nimmersatt endlich los war.