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Märchen lesen und erleben

Die drei Glückskinder

⏱ Lesedauer: ca. 6 Min.

Die ungewöhnliche Erbschaft

Ein Vater ließ einmal seine drei Söhne vor sich kommen und schenkte dem ersten einen Hahn, dem zweiten eine Sense und dem dritten eine Katze.

„Ich bin schon alt“

, sagte er,

„und mein Tod ist nah. Da wollte ich euch vor meinem Ende noch versorgen. Geld habe ich nicht, und was ich euch jetzt gebe, scheint wenig wert zu sein. Es kommt aber bloß darauf an, dass ihr es verständig anwendet. Sucht euch nur ein Land, wo dergleichen Dinge noch unbekannt sind, so ist euer Glück gemacht.“

Nach dem Tode des Vaters ging der älteste Sohn mit seinem Hahn los. Wo er aber hinkam, war der Hahn schon bekannt. In den Städten sah er ihn schon von Weitem auf den Türmen sitzen und sich mit dem Wind drehen, in den Dörfern hörte er mehr als einen krähen, und niemand wollte sich über das Tier wundern. Es hatte ganz und gar nicht den Anschein, als würde er sein Glück damit machen.

Der Hahn auf der zeitlosen Insel

Endlich aber glückte es ihm doch, als er auf eine Insel kam, auf der die Leute nichts von einem Hahn wussten und sogar ihre Zeit nicht einzuteilen verstanden. Sie wussten wohl, wann es Morgen oder Abend war; aber nachts, wenn sie die Zeit nicht verschliefen, wusste keiner sich zurechtzufinden.

„Seht“

, sprach er zu ihnen,

„was für ein stolzes Tier! Es hat eine rubinrote Krone auf dem Kopf und trägt Sporen wie ein Ritter. Es ruft euch nachts dreimal zu bestimmter Zeit, und wenn es das letzte Mal ruft, geht die Sonne bald auf. Wenn es aber bei hellem Tag ruft, so richtet euch darauf ein, dass sich das Wetter ändert.“

Den Leuten gefiel das sehr. Sie schliefen eine ganze Nacht nicht und hörten mit großer Freude, wie der Hahn um zwei, vier und sechs Uhr laut und vernehmlich die Zeit abrief. Sie fragten ihn, ob das Tier nicht feil sei und wie viel er dafür verlangte.

„Etwa so viel, wie ein Esel an Gold tragen kann“

, antwortete er.

„Ein Spottgeld für ein so kostbares Tier!“

, riefen sie alle zusammen und gaben ihm gerne, was er gefordert hatte.

Die Sense im Getreidefeld

Als er mit dem Reichtum heimkam, wunderten sich seine Brüder, und der zweite sprach:

„So will ich mich doch aufmachen und sehen, ob ich meine Sense auch so gut losschlagen kann.“

Es hatte jedoch anfangs nicht den Anschein, denn überall begegneten ihm Bauern, die ebenso eine Sense auf der Schulter trugen wie er. Doch zuletzt glückte es ihm ebenfalls auf einer Insel, auf der die Leute nichts von einer Sense wussten. Wenn dort das Korn reif war, fuhren sie Kanonen vor den Feldern auf und schossen es herunter. Das war eine sehr unsichere Sache: Mancher schoss darüber hinaus, ein anderer traf statt des Halms die Ähren und schoss sie fort. Dabei ging viel Getreide zugrunde, und obendrein gab es einen schrecklichen Lärm.

Da stellte sich der Mann hin und mähte das Korn so still und so geschwind nieder, dass die Leute vor Verwunderung Mund und Nase aufsperrten. Sie waren bereit, ihm dafür zu geben, was er verlangte, und er bekam ein Pferd, das mit so viel Gold beladen war, wie es nur tragen konnte.

Die Katze im Mäuseschloss

Nun wollte der dritte Bruder seine Katze auch an den rechten Mann bringen. Es ging ihm wie den anderen: Solange er auf dem Festland blieb, war nichts auszurichten. Es gab überall Katzen, und es waren ihrer so viele, dass die neugeborenen Jungen meist im Wasser ertränkt wurden.

Endlich ließ er sich auf eine Insel überschiffen. Es traf sich glücklicherweise, dass dort noch niemals eine Katze gesehen worden war. Dennoch hatten die Mäuse so sehr überhandgenommen, dass sie auf den Tischen und Bänken tanzten, ob der Hausherr daheim war oder nicht. Die Leute jammerten gewaltig über die Plage, und selbst der König wusste sich in seinem Schloss nicht dagegen zu retten. In allen Ecken pfiffen Mäuse und zernagten alles, was sie mit ihren Zähnen packen konnten.

Da fing die Katze ihre Jagd an. Sie hatte bald ein paar Säle gereinigt, und die Leute baten den König, das Wundertier für das Reich zu kaufen. Der König gab gerne, was gefordert wurde: einen mit Gold beladenen Maulesel. So kam auch der dritte Bruder mit den allergrößten Schätzen heim.

Die Belagerung des Schlosses

Die Katze machte sich im königlichen Schloss ein Vergnügen daraus, die Mäuse zu jagen, und biss so viele tot, dass sie nicht mehr zu zählen waren. Endlich wurde ihr von der Arbeit heiß, und sie bekam Durst. Da blieb sie stehen, drehte den Kopf in die Höhe und schrie:

„Miau, miau!“

Als der König und all seine Leute das seltsame Geschrei vernahmen, erschraken sie und liefen in ihrer Angst allesamt aus dem Schloss hinaus. Unten hielt der König Rat, was am besten zu tun sei. Zuletzt wurde beschlossen, einen Herold an die Katze abzusenden und sie aufzufordern, das Schloss zu verlassen, oder zu gewärtigen, dass Gewalt gegen sie angewendet würde.

Die Räte sagten:

„Lieber wollen wir uns von den Mäusen plagen lassen – an das Übel sind wir gewöhnt –, als unser Leben einem solchen Untier preiszugeben.“

Ein Edelknabe musste hinaufgehen und die Katze fragen, ob sie das Schloss gutwillig räumen wolle. Die Katze aber, deren Durst nur noch größer geworden war, antwortete bloß:

„Miau, miau!“

Der Edelknabe verstand das als

„durchaus, durchaus nicht“

und überbrachte dem König die Antwort.

„Nun“

, sprachen die Räte,

„soll sie der Gewalt weichen.“

Es wurden Kanonen aufgefahren und das Schloss in Brand geschossen. Als das Feuer in den Saal drang, in dem die Katze saß, sprang sie glücklich zum Fenster hinaus. Die Belagerer hörten jedoch nicht eher auf zu schießen, bis das ganze Schloss in Grund und Boden zerstört war.