Autor: Gebrüder Grimm
16.
Der tapfere Jüngling
Es war einmal ein armer Mann, der konnte seinen einzigen Sohn nicht mehr ernähren. Da sprach der Sohn:
Da gab ihm der Vater seinen Segen und nahm mit großer Trauer von ihm Abschied.
Zu dieser Zeit führte der König eines mächtigen Reiches Krieg. Der Jüngling nahm Dienste bei ihm an und zog mit ins Feld. Und als er vor den Feind kam, so ward eine Schlacht geliefert. Es war große Gefahr und es regnete blaue Bohnen, so dass seine Kameraden von allen Seiten niederfielen.
Als auch der Anführer fiel, wollten die übrigen die Flucht ergreifen. Aber der Jüngling trat heraus, sprach ihnen Mut zu und rief:
Da folgten ihm die anderen, und er drang ein und schlug den Feind. Der König, als er hörte, dass er ihm allein den Sieg zu danken habe, erhob ihn über alle anderen, gab ihm große Schätze und machte ihn zum Ersten in seinem Reich.
Das seltsame Gelübde
Der König hatte eine Tochter, die war sehr schön, aber sie war auch sehr wunderlich. Sie hatte das Gelübde getan, keinen zum Herrn und Gemahl zu nehmen, der nicht verspräche, wenn sie zuerst stürbe, sich lebendig mit ihr begraben zu lassen.
, sagte sie,
Dagegen wollte sie ein Gleiches tun, und wenn er zuerst stürbe, mit ihm in das Grab steigen.
Dieses seltsame Gelübde hatte bis jetzt alle Freier abgeschreckt. Aber der Jüngling wurde von ihrer Schönheit so eingenommen, dass er auf nichts achtete, sondern bei ihrem Vater um sie anhielt.
, sprach der König,
, antwortete er,
Da willigte der König ein, und die Hochzeit ward mit großer Pracht gefeiert.
Die Prüfung im Grabgewölbe
Nun lebten sie eine Zeitlang glücklich und vergnügt miteinander. Da geschah es, dass die junge Königin in eine schwere Krankheit fiel und kein Arzt ihr helfen konnte. Und als sie tot dalag, da erinnerte sich der junge König, was er hatte versprechen müssen. Es grauste ihm davor, sich lebendig in das Grab zu legen, aber es gab keinen Ausweg: Der König hatte alle Tore mit Wachen besetzen lassen, und es war nicht möglich, dem Schicksal zu entgehen.
Als der Tag kam, an dem die Leiche in das königliche Gewölbe beigesetzt wurde, da ward er mit hinabgeführt, und dann das Tor verriegelt und verschlossen.
Neben dem Sarg stand ein Tisch, darauf vier Lichter, vier Laibe Brot und vier Flaschen Wein. Sobald dieser Vorrat zu Ende ging, musste er verschmachten. Nun saß er da voll Schmerz und Trauer, aß jeden Tag nur ein bisschen Brot, trank nur einen Schluck Wein und sah doch, wie der Tod immer näher rückte.
Das Wunder der Schlangenblätter
Indem er so vor sich hinstarrte, sah er aus der Ecke des Gewölbes eine Schlange hervorkriechen, die sich der Leiche näherte. Und weil er dachte, sie käme, um daran zu nagen, zog er sein Schwert und sprach:
, und hieb sie in drei Stücke.
Über ein Weilchen kroch eine zweite Schlange aus der Ecke hervor. Als sie aber die andere tot und zerstückelt liegen sah, ging sie zurück, kam bald wieder und hatte drei grüne Blätter im Munde. Dann nahm sie die drei Stücke von der Schlange, legte sie so zusammen, wie sie gehörten, und tat auf jede Wunde eines von den Blättern. Alsbald fügte sich das Getrennte aneinander, die Schlange regte sich und ward wieder lebendig, und beide eilten miteinander fort.
Die Blätter blieben auf der Erde liegen, und dem Unglücklichen, der alles mit angesehen hatte, kam es in die Gedanken, ob nicht die wunderbare Kraft der Blätter, welche die Schlange wieder lebendig gemacht hatte, auch einem Menschen helfen könnte.
Er hob also die Blätter auf und legte eines davon auf den Mund der Toten, die beiden anderen auf ihre Augen. Und kaum war es geschehen, so bewegte sich das Blut in den Adern, stieg in das bleiche Angesicht und rötete es wieder. Da zog sie Atem, schlug die Augen auf und sprach:
, antwortete er und erzählte ihr, wie alles gekommen war und er sie wieder ins Leben erweckt hatte.
Dann reichte er ihr etwas Wein und Brot. Als sie wieder zu Kräften gekommen war, erhob sie sich, und sie gingen zu der Türe, klopften und riefen so laut, dass es die Wachen hörten und dem König meldeten. Der König kam selbst herab und öffnete die Türe. Da fand er beide frisch und gesund und freute sich mit ihnen, dass nun alle Not überstanden war.
Die drei Schlangenblätter aber nahm der junge König mit, gab sie einem Diener und sprach:
Der Verrat auf hoher See
Es war aber in der Frau, nachdem sie wieder ins Leben erweckt worden war, eine Veränderung vorgegangen: Es war, als ob alle Liebe zu ihrem Manne aus ihrem Herzen gewichen wäre.
Als er nach einiger Zeit eine Fahrt zu seinem alten Vater über das Meer machen wollte und sie auf ein Schiff gestiegen waren, so vergaß sie die große Liebe und Treue, die er ihr bewiesen und womit er sie vom Tode gerettet hatte. Sie fasste eine böse Neigung zu dem Schiffer. Und als der junge König einmal dalag und schlief, rief sie den Schiffer herbei. Sie fasste den Schlafenden am Kopf, und der Schiffer musste ihn an den Füßen fassen, und so warfen sie ihn hinab ins Meer.
Als die Schandtat vollbracht war, sprach sie zu ihm:
Aber der treue Diener, der alles mit angesehen hatte, machte unbemerkt ein kleines Schifflein von dem großen los, setzte sich hinein, schiffte seinem Herrn nach und ließ die Verräter fortfahren. Er fischte den Toten wieder auf, und mit Hilfe der drei Schlangenblätter, die er bei sich trug und auf die Augen und den Mund legte, brachte er ihn glücklich wieder ins Leben.
Gerechte Strafe
Sie ruderten beide aus allen Kräften Tag und Nacht, und ihr kleines Schiff flog so schnell dahin, dass sie früher als das andere bei dem alten Könige anlangten. Er wunderte sich, als er sie allein kommen sah, und fragte, was ihnen begegnet wäre. Als er die Bosheit seiner Tochter vernahm, sprach er:
, und hieß beide in eine verborgene Kammer gehen und sich vor jedermann heimlich halten.
Bald hernach kam das große Schiff herangefahren, und die gottlose Frau erschien vor ihrem Vater mit einer betrübten Miene. Er sprach:
, antwortete sie,
Der König sprach:
, öffnete die Kammer und hieß die beiden herausgehen.
Die Frau, als sie ihren Mann erblickte, war wie vom Donner gerührt. Sie sank auf die Knie und bat um Gnade. Der König sprach:
Da ward sie mit ihrem Helfershelfer in ein durchlöchertes Schiff gesetzt und hinaus ins Meer getrieben, wo sie bald in den Wellen versanken.

