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Märchen lesen und erleben

Die Goldkinder

⏱ Lesedauer: ca. 10 Min.

Der goldene Fisch und das plötzliche Schloss

Es war einmal ein armer Mann und eine arme Frau, die hatten nichts als eine kleine Hütte. Sie nährten sich vom Fischfang, und bei ihnen ging es von Hand zu Mund.

Es geschah aber, als der Mann eines Tages beim Wasser saß und sein Netz auswarf, dass er einen Fisch herauszog, der ganz golden war. Als er den Fisch voll Verwunderung betrachtete, fing dieser an zu reden und sprach:

„Hör, Fischer, wenn du mich wieder ins Wasser wirfst, so mache ich deine kleine Hütte zu einem prächtigen Schloss.“

Da antwortete der Fischer:

„Was hilft mir ein Schloss, wenn ich nichts zu essen habe?“

Der Goldfisch sprach weiter:

„Auch dafür soll gesorgt sein. Es wird ein Schrank im Schloss sein; wenn du den aufschließt, stehen Schüsseln darin mit den schönsten Speisen, so viel du dir wünschst.“

„Wenn das so ist“

, sprach der Mann,

„dann kann ich dir wohl den Gefallen tun.“

„Ja“

, sagte der Fisch,

„es ist aber die Bedingung dabei, dass du keinem Menschen auf der Welt, wer es auch immer sein mag, entdeckst, woher dein Glück gekommen ist. Sprichst du ein einziges Wort, so ist alles vorbei.“

Das gebrochene Versprechen

Der Mann warf den wunderbaren Fisch wieder ins Wasser und ging heim. Wo aber sonst seine Hütte gestanden hatte, da stand jetzt ein großes Schloss. Er machte große Augen, trat hinein und sah seine Frau, mit schönen Kleidern geputzt, in einer prächtigen Stube sitzen.

Sie war ganz vergnügt und sprach:

„Mann, wie ist das auf einmal gekommen? Das gefällt mir sehr.“

„Ja“

, sagte der Mann,

„es gefällt mir auch. Aber ich habe auch großen Hunger, gib mir erst etwas zu essen.“

Die Frau erwiderte:

„Ich habe nichts und weiß in dem neuen Haus nichts zu finden.“

„Das hat keine Not“

, sagte der Mann.

„Dort sehe ich einen großen Schrank, schließ den einmal auf.“

Als sie den Schrank aufschloss, stand darin Kuchen, Fleisch, Obst und Wein, dass es einen ordentlich anlachte. Da rief die Frau voll Freude:

„Herz, was begehrst du mehr?“

, und sie setzten sich nieder, aßen und tranken zusammen.

Als sie satt waren, fragte die Frau:

„Aber Mann, wo kommt all dieser Reichtum her?“

„Ach“

, antwortete er,

„frage mich nicht danach. Ich darf es dir nicht sagen. Wenn ich es jemandem verrate, ist unser Glück wieder dahin.“

„Gut“

, sprach sie,

„wenn ich es nicht wissen soll, dann begehre ich es auch nicht zu wissen.“

Das war aber nicht ihr Ernst. Es ließ ihr Tag und Nacht keine Ruhe, und sie quälte und stachelte den Mann so lange, bis er in seiner Ungeduld erzählte, dass alles von einem wunderbaren goldenen Fisch käme, den er gefangen und wieder freigelassen hatte. In dem Moment, als es ausgesprochen war, verschwand das schöne Schloss samt dem Schrank, und sie saßen wieder in der alten Fischerhütte.

Der Mann musste wieder von vorn anfangen, seinem Gewerbe nachgehen und fischen. Das Glück wollte es aber, dass er den goldenen Fisch ein zweites Mal herauszog.

„Hör“

, sprach der Fisch,

„wenn du mich wieder ins Wasser wirfst, will ich dir noch einmal das Schloss mit dem Schrank voll Gesottenem und Gebratenem zurückgeben. Aber halte dich fest und verrate bei Leibe nicht, von wem du es hast, sonst geht es wieder verloren.“

„Ich will mich schon hüten“

, antwortete der Fischer und warf den Fisch ins Wasser hinab.

Daheim war nun alles wieder in der vorigen Herrlichkeit, und die Frau freute sich über das Glück. Doch die Neugierde ließ ihr keine Ruhe, sodass sie nach ein paar Tagen wieder zu fragen begann, wie es zugegangen sei und wie er es angefangen habe. Der Mann schwieg eine Zeit lang still dazu. Am Ende aber machte sie ihn so ärgerlich, dass er herausplatzte und das Geheimnis verriet. Im selben Augenblick verschwand das Schloss, und sie saßen wieder in der alten Hütte.

„Nun hast du es“

, sagte der Mann.

„Jetzt können wir wieder am Hungertuch nagen.“

„Ach“

, sprach die Frau,

„ich will den Reichtum lieber nicht, wenn ich nicht weiß, von wem er kommt. Sonst habe ich doch keine Ruhe.“

Die sechs Teile des Fisches

Der Mann ging wieder fischen, und nach einer Weile geschah es erneut: Er holte den Goldfisch zum dritten Mal heraus.

„Hör“

, sprach der Fisch,

„ich sehe wohl, ich soll immer wieder in deine Hände fallen. Nimm mich mit nach Haus und zerschneide mich in sechs Stücke. Zwei davon gib deiner Frau zu essen, zwei deinem Pferd und zwei lege in die Erde, so wirst du Segen davon haben.“

Der Mann nahm den Fisch mit nach Hause und tat, wie ihm gesagt worden war. Da geschah es, dass aus den zwei Stücken, die in die Erde gelegt worden waren, zwei goldene Lilien aufwuchsen. Das Pferd bekam zwei goldene Fohlen, und des Fischers Frau gebar zwei Kinder, die ganz golden waren.

Die Kinder wuchsen heran, wurden groß und schön, und die Lilien und Pferde wuchsen mit ihnen. Da sprachen sie:

„Vater, wir wollen uns auf unsere goldenen Rosse setzen und in die Welt ausziehen.“

Er aber antwortete betrübt:

„Wie will ich das aushalten, wenn ihr fortzieht und ich nicht weiß, wie es euch geht?“

Da sagten sie:

„Die zwei goldenen Lilien bleiben hier, daran könnt ihr sehen, wie es uns geht. Sind sie frisch, so sind wir gesund. Sind sie welk, so sind wir krank. Fallen sie um, so sind wir tot.“

Die Bärenfell-Verkleidung

Sie ritten fort und kamen in ein Wirtshaus, in dem viele Leute waren. Als diese die zwei Goldkinder erblickten, fingen sie an zu lachen und zu spotten. Als der eine Bruder das Gespött hörte, schämte er sich, wollte nicht weiter in die Welt, kehrte um und kam wieder heim zu seinem Vater. Der andere aber ritt weiter und gelangte an einen großen Wald.

Als er hineinreiten wollte, sprachen die Leute:

„Es geht nicht, dass ihr da durchreitet. Der Wald ist voll von Räubern, die werden übel mit euch umgehen. Und erst recht, wenn sie sehen, dass ihr und eure Pferde golden seid, werden sie euch totschlagen.“

Er aber ließ sich nicht erschrecken und sprach:

„Ich muss und soll hindurch.“

Da nahm er Bärenfelle und überzog sich und sein Pferd damit, sodass nichts mehr vom Gold zu sehen war, und ritt getrost in den Wald hinein. Als er ein Stück fortgeritten war, hörte er es im Gebüsch rauschen und vernahm Stimmen, die miteinander sprachen.

Von der einen Seite rief es:

„Da ist einer!“

Von der anderen aber hieß es:

„Lass ihn laufen, das ist ein Bärenhäuter, arm und kahl wie eine Kirchenmaus. Was sollen wir mit ihm anfangen!“

So ritt das Goldkind glücklich durch den Wald, und es geschah ihm kein Leid.

Die Jagd und der steinerne Bruder

Eines Tages kam er in ein Dorf, in dem er ein Mädchen sah. Es war so schön, dass er nicht glaubte, es könnte ein schöneres auf der Welt geben. Weil er eine so große Liebe zu ihr empfand, ging er zu ihr und sagte:

„Ich habe dich von ganzem Herzen lieb, willst du meine Frau werden?“

Er gefiel dem Mädchen ebenfalls so sehr, dass es einwilligte und sprach:

„Ja, ich will deine Frau werden und dir treu sein mein Leben lang.“

Nun feierten sie Hochzeit zusammen. Als sie in der größten Freude waren, kam der Vater der Braut heim. Als er sah, dass seine Tochter Hochzeit feierte, wunderte er sich und sprach:

„Wo ist der Bräutigam?“

Sie zeigten ihm das Goldkind, das aber noch seine Bärenfelle umhatte.

Da sprach der Vater zornig:

„Nimmermehr soll ein Bärenhäuter meine Tochter haben!“

, und wollte ihn töten.

Da bat ihn die Braut inständig und sprach:

„Er ist nun einmal mein Mann, und ich habe ihn von Herzen lieb“

, bis er sich schließlich besänftigen ließ. Doch es ging ihm nicht aus dem Sinn, sodass er am nächsten Morgen früh aufstand und nach dem Mann seiner Tochter sehen wollte, ob er ein gemeiner und verlumpter Bettler sei.

Als er aber hinblickte, sah er einen herrlichen, goldenen Mann im Bett liegen, und die abgeworfenen Bärenfelle lagen auf dem Boden. Da ging er zurück und dachte:

„Wie gut ist es, dass ich meinen Zorn gezügelt habe. Ich hätte eine große Missetat begangen.“

Dem Goldkind aber träumte, er zöge hinaus auf die Jagd nach einem prächtigen Hirsch. Als er am Morgen erwachte, sprach er zu seiner Frau:

„Ich will hinaus auf die Jagd.“

Ihr war bang, und sie bat ihn dazubleiben und sagte:

„Leicht kann dir ein großes Unglück begegnen.“

Aber er antwortete:

„Ich soll und muss fort.“

Da stand er auf und zog hinaus in den Wald. Es dauerte gar nicht lange, da stand ein stolzer Hirsch vor ihm, ganz wie in seinem Traum. Er legte an und wollte schießen, aber der Hirsch sprang fort. Da jagte er ihm nach, über Gräben und durch Gebüsche, und wurde den ganzen Tag nicht müde. Am Abend aber verschwand der Hirsch vor seinen Augen.

Als sich das Goldkind umsah, stand er vor einem kleinen Haus. Darin saß eine Hexe. Er klopfte an, und eine alte Frau kam heraus und fragte:

„Was wollt ihr so spät noch mitten in dem großen Wald?“

Er sprach:

„Habt ihr keinen Hirsch gesehen?“

„Ja“

, antwortete sie,

„den Hirsch kenne ich wohl.“

Ein Hündchen, das mit ihr aus dem Haus gekommen war, bellte den Mann dabei heftig an.

„Willst du schweigen, du böse Kröte“

, sprach er,

„sonst schieße ich dich tot!“

Da rief die Hexe zornig:

„Was, mein Hündchen willst du töten!“

, und verwandelte ihn augenblicklich, sodass er wie ein Stein dalag. Seine Frau erwartete ihn umsonst und dachte:

„Es ist gewiss eingetroffen, was mir solche Angst machte und so schwer auf dem Herzen lag.“

Die Rettung

Daheim aber stand der andere Bruder bei den Goldlilien, als plötzlich eine davon umfiel.

„Ach Gott“

, sprach er,

„meinem Bruder ist ein großes Unglück zugestoßen. Ich muss fort, um zu sehen, ob ich ihn retten kann.“

Da sagte der Vater:

„Bleib hier! Wenn ich auch dich verliere, was soll ich dann anfangen?“

Er aber antwortete:

„Ich soll und muss fort.“

Er setzte sich auf sein goldenes Pferd, ritt fort und kam in den großen Wald, wo sein Bruder als Stein lag. Die alte Hexe kam aus ihrem Haus, rief ihn an und wollte auch ihn verzaubern. Aber er näherte sich ihr nicht, sondern sprach:

„Ich schieße dich nieder, wenn du meinen Bruder nicht wieder lebendig machst.“

Sie rührte, so ungern sie es auch tat, den Stein mit dem Finger an, und augenblicklich erhielt er sein menschliches Leben zurück. Die beiden Goldkinder freuten sich, als sie sich wiedersahen, küssten und herzten sich und ritten zusammen fort aus dem Wald – der eine zu seiner Frau, der andere heim zu seinem Vater.

Da sprach der Vater:

„Ich wusste wohl, dass du deinen Bruder erlöst hast, denn die goldene Lilie ist auf einmal wieder aufgestanden und hat weitergeblüht.“

Nun lebten sie vergnügt, und es ging ihnen wohl bis an ihr Ende.