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Märchen lesen und erleben

Von dem Tode des Hühnchens

⏱ Lesedauer: ca. 4 Min.

Das Missgeschick auf dem Nussberg

Es war einmal eine Zeit, da ging das Hühnchen mit dem Hähnchen in den Nussberg. Sie machten miteinander aus: Wer einen Nusskern fände, sollte ihn mit dem anderen teilen.

Nun fand das Hühnchen eine große, große Nuss, sagte aber nichts davon und wollte den Kern ganz allein essen. Der Kern war aber so dick, dass es ihn nicht hinunterschlucken konnte. Er blieb ihm im Halse stecken, sodass dem Hühnchen angst wurde, es müsste ersticken.

Da schrie das Hühnchen:

„Hähnchen, ich bitte dich, lauf, was du kannst, und hol mir Wasser, sonst ersticke ich!“

Das Hähnchen lief, was es konnte, zum Brunnen und sprach:

„Brunnen, du sollst mir Wasser geben. Das Hühnchen liegt auf dem Nussberg, hat einen großen Nusskern geschluckt und will ersticken.“

Der Brunnen antwortete:

„Lauf erst hin zur Braut und lass dir rote Seide geben.“

Die Kette der Gefälligkeiten

Das Hähnchen lief zur Braut:

„Braut, du sollst mir rote Seide geben. Rote Seide will ich dem Brunnen geben, der Brunnen soll mir Wasser geben, das Wasser will ich dem Hühnchen bringen, das liegt auf dem Nussberg, hat einen großen Nusskern geschluckt und will daran ersticken.“

Die Braut antwortete:

„Lauf erst und hol mir mein Kränzlein, das an einer Weide hängen geblieben ist.“

Da lief das Hähnchen zur Weide, zog das Kränzlein von dem Ast und brachte es der Braut. Die Braut gab ihm rote Seide dafür, die brachte es dem Brunnen, und der Brunnen gab ihm Wasser dafür.

Ein trauriges Ende

Das Hähnchen brachte das Wasser zum Hühnchen. Als es aber hinkam, war das Hühnchen unterdessen erstickt. Es lag da, war tot und regte sich nicht mehr. Da war das Hähnchen so traurig, dass es laut schrie. Da kamen alle Tiere und beklagten das Hühnchen.

Sechs Mäuse bauten einen kleinen Wagen, um das Hühnchen darin zum Grabe zu fahren. Als der Wagen fertig war, spannten sie sich davor und das Hähnchen lenkte ihn.

Auf dem Weg aber kam der Fuchs:

„Wo willst du hin, Hähnchen?“

„Ich will mein Hühnchen begraben.“

„Darf ich mitfahren?“

„Ja, aber setz dich hinten auf den Wagen, vorn können es meine Pferdchen nicht vertragen.“

Da setzte sich der Fuchs hinten auf, dann der Wolf, der Bär, der Hirsch, der Löwe und alle Tiere des Waldes. So ging die Fahrt fort.

Das Unglück am Bach

Schließlich kamen sie an einen Bach.

„Wie sollen wir nun hinüber?“

, fragte das Hähnchen.

Da lag ein Strohhalm am Bach, der sagte:

„Ich will mich quer darüber legen, dann könnt ihr über mich fahren.“

Als aber die sechs Mäuse auf die Brücke kamen, rutschte der Strohhalm weg und fiel ins Wasser. Die sechs Mäuse stürzten alle hinein und ertranken.

Da ging die Not von Neuem los. Es kam eine Kohle und sagte:

„Ich bin groß genug, ich will mich darüberlegen und ihr sollt über mich fahren.“

Die Kohle legte sich auch auf das Wasser, aber unglücklicherweise berührte sie es ein wenig. Da zischte sie, erlosch und war tot.

Als das ein Stein sah, erbarmte er sich und wollte dem Hähnchen helfen. Er legte sich über das Wasser. Da zog nun das Hähnchen den Wagen selbst hinüber. Als es ihn fast drüben hatte und mit dem toten Hühnchen schon auf dem Land stand, wollte es die anderen, die hinten aufsaßen, ebenfalls heranziehen. Doch es waren zu viele geworden. Der Wagen kippte zurück, und alle fielen miteinander ins Wasser und ertranken.

Da war das Hähnchen wieder ganz allein mit dem toten Hühnchen. Es grub ihm ein Grab, legte es hinein und errichtete einen Hügel darüber. Darauf setzte es sich und grämte sich so lange, bis es auch starb. Und da war alles tot.