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Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Allerleirauh

⏱ Lesedauer: ca. 11 Min.

Das Versprechen der sterbenden Königin

Es war einmal ein König, der hatte eine Frau mit goldenen Haaren. Sie war so schön, dass sich ihresgleichen nicht mehr auf Erden fand. Es geschah, dass sie krank lag, und als sie fühlte, dass sie bald sterben würde, rief sie den König und sprach:

„Wenn du dich nach meinem Tode wieder vermählen willst, so nimm keine, die nicht ebenso schön ist wie ich und die nicht solche goldenen Haare hat wie ich. Das musst du mir versprechen.“

Nachdem der König ihr das versprochen hatte, tat sie die Augen zu und starb.

Der König war lange Zeit nicht zu trösten und dachte nicht daran, eine zweite Frau zu nehmen. Endlich sprachen seine Räte:

„Es geht nicht anders, der König muss sich wieder vermählen, damit wir eine Königin haben.“

Nun wurden Boten weit und breit umhergeschickt, eine Braut zu suchen, die an Schönheit der verstorbenen Königin ganz gleichkäme. Es war aber keine auf der ganzen Welt zu finden, und selbst wenn man eine gefunden hätte, so gab es doch keine, die solche goldenen Haare gehabt hätte. Also kamen die Boten unverrichteter Dinge wieder heim.

Nun hatte der König eine Tochter, die war genau so schön wie ihre verstorbene Mutter und hatte auch solche goldenen Haare. Als sie herangewachsen war, sah sie der König einmal an. Er bemerkte, dass sie in allem seiner verstorbenen Gemahlin glich, und fühlte plötzlich eine heftige Liebe zu ihr.

Da sprach er zu seinen Räten:

„Ich will meine Tochter heiraten, denn sie ist das Ebenbild meiner verstorbenen Frau, und sonst kann ich doch keine Braut finden, die ihr gleicht.“

Als die Räte das hörten, erschraken sie und sprachen:

„Gott hat verboten, dass der Vater seine Tochter heirate. Aus der Sünde kann nichts Gutes entspringen, und das Reich wird mit ins Verderben gezogen.“

Die Tochter erschrak noch mehr, als sie den Entschluss ihres Vaters vernahm. Sie hoffte aber, ihn von seinem Vorhaben noch abzubringen. Da sagte sie zu ihm:

„Ehe ich euren Wunsch erfülle, muss ich erst drei Kleider haben: eins so golden wie die Sonne, eins so silbern wie der Mond und eins so glänzend wie die Sterne. Ferner verlange ich einen Mantel, der aus tausenderlei Pelz und Rauhwerk zusammengesetzt ist; jedes Tier in eurem Reich muss ein Stück von seiner Haut dazu geben.“

Sie dachte sich:

„Das anzuschaffen ist ganz unmöglich, und so bringe ich meinen Vater von seinen bösen Gedanken ab.“

Der König ließ jedoch nicht locker. Die geschicktesten Jungfrauen in seinem Reiche mussten die drei Kleider weben – eins so golden wie die Sonne, eins so silbern wie der Mond und eins so glänzend wie die Sterne. Seine Jäger mussten alle Tiere im ganzen Reiche auffangen und ihnen ein Stück von ihrer Haut abziehen. Daraus wurde ein Mantel von tausenderlei Rauhwerk gemacht. Endlich, als alles fertig war, ließ der König den Mantel herbeiholen, breitete ihn vor ihr aus und sprach:

„Morgen soll die Hochzeit sein.“

Die Flucht der Königstochter

Als die Königstochter sah, dass keine Hoffnung mehr war, das Herz ihres Vaters umzustimmen, fasste sie den Entschluss zu fliehen.

In der Nacht, während alles schlief, stand sie auf. Sie nahm von ihren Kostbarkeiten dreierlei: einen goldenen Ring, ein goldenes Spinnrädchen und ein goldenes Haspelchen. Die drei Kleider von Sonne, Mond und Sternen tat sie in eine Nußschale. Sie zog den Mantel aus verschiedenen Pelzen an und machte sich Gesicht und Hände mit Ruß schwarz. Dann empfahl sie sich Gott und ging fort. Sie lief die ganze Nacht, bis sie in einen großen Wald kam. Weil sie so müde war, setzte sie sich in einen hohlen Baum und schlief ein.

Die Sonne ging auf, doch sie schlief weiter und schlief noch immer, als es schon hoher Tag war. Da trug es sich zu, dass der König, dem dieser Wald gehörte, darin jagte. Als seine Hunde zu dem Baum kamen, schnupperten sie, liefen ringsherum und bellten.

Der König sprach zu den Jägern:

„Seht doch nach, was für ein Wild sich dort versteckt hat.“

Die Jäger folgten dem Befehl, und als sie zurückkamen, sprachen sie:

„In dem hohlen Baum liegt ein wunderliches Tier, wie wir noch nie eines gesehen haben. An seiner Haut ist tausenderlei Pelz, es liegt aber da und schläft.“

Der König sprach:

„Seht zu, ob ihr es lebendig fangen könnt. Dann bindet es auf den Wagen und nehmt es mit.“

Das Rauhtierchen in der Schlossküche

Als die Jäger das Mädchen anfassten, erwachte es voll Schrecken und rief ihnen zu:

„Ich bin ein armes Kind, von Vater und Mutter verlassen, erbarmt euch meiner und nehmt mich mit.“

Da sprachen sie:

„Allerleirauh, du bist gut für die Küche. Komm nur mit, da kannst du die Asche zusammenkehren.“

Also setzten sie das Mädchen auf den Wagen und fuhren heim in das königliche Schloss. Dort wiesen sie ihr ein kleines Ställchen unter der Treppe an, wo kein Tageslicht hineinfiel, und sagten:

„Rauhtierchen, da kannst du wohnen und schlafen.“

Dann wurde sie in die Küche geschickt. Dort trug sie Holz und Wasser, schürte das Feuer, rupfte das Federvieh, las das Gemüse, kehrte die Asche und tat die schwerste Arbeit. So lebte Allerleirauh lange Zeit recht armselig.

Das erste Fest und die goldene Suppe

Es geschah aber einmal, dass ein Fest im Schloss gefeiert wurde. Da sprach sie zum Koch:

„Darf ich ein wenig hinaufgehen und zusehen? Ich will mich nur außen vor die Tür stellen.“

Der Koch antwortete:

„Ja, geh nur hin, aber in einer halben Stunde musst du wieder hier sein und die Asche zusammentragen.“

Da nahm sie ihr Öllämpchen, ging in ihr Ställchen, zog den Pelzrock aus und wusch sich den Ruß von Gesicht und Händen ab, sodass ihre volle Schönheit wieder zum Vorschein kam. Dann machte sie die Nuss auf und holte ihr Kleid hervor, das wie die Sonne glänzte. So ging sie hinauf zum Fest.

Alle traten ihr aus dem Weg, denn niemand kannte sie, und alle glaubten, sie sei eine fremde Königstochter. Der König aber kam ihr entgegen, reichte ihr die Hand und tanzte mit ihr. Er dachte in seinem Herzen:

„So schön haben meine Augen noch keine Frau gesehen.“

Als der Tanz zu Ende war, verneigte sie sich. Als sich der König umsah, war sie verschwunden, und niemand wusste wohin. Die Wächter vor dem Schloss wurden befragt, doch niemand hatte sie gesehen.

Sie war in ihr Ställchen gelaufen, hatte geschwind ihr Kleid ausgezogen, Gesicht und Hände schwarz gemacht, den Pelzmantel umgetan und war wieder Allerleirauh. Als sie in die Küche kam und an ihre Arbeit gehen wollte, sprach der Koch:

„Lass das gut sein bis morgen. Koche mir lieber die Suppe für den König, ich will auch einmal ein bisschen oben zugucken. Aber lass mir kein Haar hineinfallen, sonst bekommst du in Zukunft nichts mehr zu essen!“

Der Koch ging fort, und Allerleirauh kochte die Suppe für den König. Sie kochte eine Brotsuppe, so gut sie es konnte. Als sie fertig war, holte sie aus ihrem Ställchen den goldenen Ring und legte ihn in die Schüssel, in der die Suppe angerichtet wurde.

Nach dem Fest ließ sich der König die Suppe bringen und aß sie. Sie schmeckte ihm so gut, dass er glaubte, noch nie eine bessere Suppe gegessen zu haben. Als er aber auf den Grund des Tellers kam, sah er den goldenen Ring liegen. Er konnte nicht begreifen, wie er dorthin geraten war, und befahl dem Koch, vor ihn zu kommen.

Der Koch erschrak und sprach zu Allerleirauh:

„Gewiss hast du ein Haar in die Suppe fallen lassen. Wenn das wahr ist, bekommst du Schläge!“

Als er vor den König trat, fragte dieser, wer die Suppe gekocht habe. Der Koch antwortete:

„Ich habe sie gekocht.“

Der König aber sprach:

„Das ist nicht wahr, denn sie war ganz anders und viel besser gekocht als sonst.“

Da musste der Koch gestehen:

„Ich muss zugeben, dass ich sie nicht gekocht habe, sondern das Rauhtierchen.“

Der König sprach:

„Geh und lass es heraufkommen.“

Als Allerleirauh kam, fragte der König:

„Wer bist du?“

„Ich bin ein armes Child, das keinen Vater und keine Mutter mehr hat.“

Er fragte weiter:

„Wozu bist du in meinem Schloss?“

Sie antwortete:

„Ich bin zu nichts gut, als dass mir die Stiefel an den Kopf geworfen werden.“

„Wo hast du den Ring her, der in der Suppe war?“

, fragte er.

Sie antwortete:

„Von dem Ring weiß ich nichts.“

So konnte der König nichts erfahren und musste sie wieder fortschicken.

Das zweite Fest und das goldene Spinnrad

Nach einiger Zeit war wieder ein Fest. Allerleirauh bat den Koch wie beim ersten Mal um Erlaubnis, zusehen zu dürfen.

Er antwortete:

„Ja, aber komm in einer halben Stunde wieder und koche dem König die Brotsuppe, die er so gerne isst.“

Da lief sie in ihr Ställchen, wusch sich geschwind und nahm das Kleid aus der Nuss, das so silbern war wie der Mond, und zog es an. Sie ging hinauf und sah aus wie eine Königstochter. Der König trat ihr entgegen und freute sich, sie wiederzusehen. Sie tanzten zusammen. Als der Tanz zu Ende war, verschwand sie wieder so schnell, dass der König nicht sehen konnte, wohin sie ging.

Sie sprang in ihr Ställchen, machte sich wieder zum Rauhtierchen und ging in die Küche, um die Brotsuppe zu kochen. Während der Koch oben war, holte sie das goldene Spinnrad und legte es in die Schüssel, sodass die Suppe darüber angerichtet wurde. Danach wurde sie dem König gebracht. Sie schmeckte ihm ebenso gut wie beim ersten Mal, und er ließ wieder den Koch rufen. Dieser musste auch diesmal gestehen, dass Allerleirauh die Suppe zubereitet hatte.

Allerleirauh kam wieder vor den König. Sie antwortete jedoch erneut, dass sie nur dazu da sei, dass ihr die Stiefel an den Kopf geworfen würden, und dass sie von dem goldenen Spinnrädchen gar nichts wisse.

Das dritte Fest und die Entlarvung

Als der König zum dritten Mal ein Fest ausrichtete, ging es nicht anders zu als die Male zuvor. Der Koch sprach zwar:

„Du bist eine Hexe, Rauhtierchen, und tust immer etwas in die Suppe, wodurch sie so gut wird, dass sie dem König besser schmeckt als meine Küche.“

Doch weil sie so inständig bat, ließ er sie für die verabredete Zeit gehen.

Nun zog sie das Kleid an, das wie die Sterne glänzte, und trat in den Saal. Der König tanzte wieder mit der schönen Jungfrau und fand, dass sie noch nie so schön gewesen war. Während sie tanzten, steckte er ihr, ohne dass sie es merkte, einen goldenen Ring an den Finger. Zudem hatte er befohlen, dass der Tanz sehr lange dauern sollte. Als er vorbei war, wollte er sie an den Händen festhalten, aber sie riss sich los und sprang so schnell unter die Leute, dass sie vor seinen Augen verschwand.

Sie lief, was sie konnte, in ihr Ställchen unter der Treppe. Weil sie aber zu lange geblieben war – länger als eine halbe Stunde –, konnte sie das schöne Kleid nicht mehr rechtzeitig ausziehen. Sie warf nur schnell den Pelzmantel darüber. In der Eile machte sie sich auch nicht ganz rußig, und ein Finger blieb weiß.

Allerleirauh lief in die Küche, kochte dem König die Brotsuppe und legte, als der Koch weg war, das goldene Haspelchen hinein. Als der König das Haspelchen auf dem Grund fand, ließ er Allerleirauh sofort rufen.

Da erblickte er ihren weißen Finger und sah den Ring, den er ihr beim Tanzen angesteckt hatte. Er ergriff sie an der Hand und hielt sie fest. Als sie sich losmachen und fortspringen wollte, öffnete sich der Pelzmantel ein wenig, und das Sternenkleid schimmerte hervor.

Der König fasste den Mantel und riss ihn ab. Da kamen die goldenen Haare zum Vorschein, und sie stand in voller Pracht vor ihm. Sie konnte sich nicht länger verbergen. Als sie sich den Ruß und die Asche aus dem Gesicht gewischt hatte, war sie schöner, als man je jemanden auf Erden gesehen hatte.

Der König aber sprach:

„Du bist meine liebe Braut, und wir scheiden nimmermehr voneinander.“

Darauf wurde die Hochzeit gefeiert, und sie lebten glücklich bis an ihr Ende.