Autor: Gebrüder Grimm
Der entlassene Soldat und die Hexe
Es war einmal ein Soldat, der hatte dem König viele Jahre lang treu gedient. Als jedoch der Krieg zu Ende war und der Soldat wegen seiner vielen Wunden nicht mehr weiterdienen konnte, sprach der König zu ihm:
Da wusste der Soldat nicht, wovon er sein Leben fristen sollte. Er ging voller Sorgen fort und wanderte den ganzen Tag, bis er am Abend in einen großen Wald kam.
Als die Dunkelheit einbrach, sah er in der Ferne ein Licht. Er ging darauf zu und gelangte an ein Haus, in dem eine Hexe wohnte.
, bat er sie,
, antwortete sie.
, fragte der Soldat.
Der Soldat willigte ein und arbeitete den ganzen folgenden Tag aus allen Kräften, konnte aber vor dem Abend nicht fertig werden.
, sprach die Hexe,
Der Soldat benötigte dafür den gesamten Tag. Am Abend schlug ihm die Hexe vor, noch eine dritte Nacht zu bleiben.
, sagte sie.
Der Brunnen und das schwarze Männchen
Am nächsten Tag führte die Hexe den Soldaten zum Brunnen und ließ ihn in einem Korb hinab. Er fand das blaue Licht am Grunde des Brunnens und gab ihr das Zeichen, dass sie ihn wieder hinaufziehen solle.
Sie zog ihn auch in die Höhe. Doch als er nahe am Brunnenrand war, reichte sie die Hand hinab und wollte ihm das blaue Licht abnehmen.
, sagte der Soldat, der ihre bösen Absichten durchschaute.
Da geriet die Hexe in Wut, ließ das Seil los, sodass er in den Brunnen hinabfiel, und ging davon.
Der arme Soldat stürzte glücklicherweise ohne Schaden zu nehmen auf den feuchten Brunnenboden. Das blaue Licht brannte friedlich weiter, doch was half ihm das? Er sah ein, dass er aus dieser Falle wohl nicht mehr lebend entkommen würde.
Nachdem er eine Weile traurig dagesessen hatte, griff er zufällig in seine Tasche und fand seine Tabakspfeife, die noch halb gestopft war.
, dachte er, zog sie heraus, zündete sie an dem blauen Licht an und fing an zu rauchen.
Als sich der Dampf in der Tiefe ausgebreitet hatte, stand plötzlich ein kleines schwarzes Männchen vor ihm und fragte:
, fragte der Soldat ganz verwundert.
, antwortete das Männchen,
, sprach der Soldat,
Das Männchen nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch einen unterirdischen Gang ins Freie. Es vergaß dabei nicht, das blaue Licht mitzunehmen. Unterwegs zeigte es dem Soldaten auch die verborgenen Schätze der Hexe, und der Soldat nahm so viel Gold mit, wie er tragen konnte.
Als sie oben angekommen waren, sprach er zu dem Männchen:
Es dauerte nicht lange, da kam die Hexe auf einem wilden Kater mit furchtbarem Geschrei schnell wie der Wind vorbeigeritten. Und kurz darauf kehrte das Männchen zurück.
, sprach es,
, antwortete der Soldat.
, erklärte das Männchen,
Daraufhin verschwand es.
Die Rache des Soldaten
Der Soldat kehrte in die Stadt zurück, aus der er gekommen war. Er stieg im besten Gasthof ab, ließ sich prächtige Kleider schneidern und befahl dem Wirt, ihm ein Zimmer so prachtvoll wie nur möglich einzurichten.
Als er es bezogen hatte, rief er das schwarze Männchen und sprach:
, fragte der Kleine.
Das Männchen gab zu bedenken:
Als es Mitternacht schlug, sprang die Zimmertür auf und das Männchen trug die schlafende Prinzessin herein.
, rief der Soldat.
Als sie damit fertig war, befahl er sie zu seinem Sessel, streckte ihr die Füße entgegen und sagte:
Er warf ihr die Stiefel ins Gesicht, und sie musste sie aufheben, reinigen und putzen, bis sie glänzten. Die Königstochter tat alles, was er ihr auftrug, ohne Widerstreben, völlig stumm und mit halb geschlossenen Augen. Beim ersten Hahnschrei trug das Männchen sie wieder ins Schloss zurück in ihr Bett.
Die Nachforschungen des Königs
Am nächsten Morgen ging die Königstochter zu ihrem Vater und erzählte ihm von einem seltsamen Traum:
, sprach der König besorgt.
Das Männchen stand jedoch unsichtbar daneben und hörte den Plan mit an. Als es die schlafende Königstochter in der Nacht wieder entführte, fielen zwar die Erbsen aus ihrer Tasche, aber sie hinterließen keine brauchbare Spur: Das listige Männchen hatte zuvor in allen Straßen der Stadt Erbsen verstreut. So musste die Königstochter auch in dieser Nacht bis zum Hahnenschrei Mägdedienste verrichten.
Am Morgen schickte der König seine Leute aus, um der Spur zu folgen. Doch es war vergeblich, denn in allen Gassen saßen die armen Kinder der Stadt, sammelten die Erbsen auf und riefen fröhlich:
, sprach der König zu seiner Tochter.
Das schwarze Männchen erfuhr auch von diesem Plan. Als der Soldat am Abend verlangte, die Königstochter wieder herbeizuschaffen, riet das Männchen ihm dringend ab. Gegen diese List wisse es kein Mittel, und wenn der Schuh bei ihm gefunden würde, stünde sein Leben auf dem Spiel.
, beharrte der Soldat. So musste die Königstochter auch in der dritten Nacht wie eine Magd arbeiten. Bevor sie zurückgetragen wurde, versteckte sie heimlich einen ihrer Schuhe unter dem Bett des Soldaten.
Gefangenschaft und Rettung am Galgen
Am nächsten Morgen ließ der König in der ganzen Stadt nach dem Schuh seiner Tochter suchen. Er wurde im Zimmer des Soldaten gefunden. Der Soldat selbst, der auf Anraten des Männchens aus der Stadt fliehen wollte, wurde kurz hinter dem Stadttor eingeholt, verhaftet und in den Kerker geworfen.
Bei seiner hastigen Flucht hatte er das Wichtigste im Gasthof vergessen: das blaue Licht und sein Gold. Er besaß nur noch einen einzigen Dukaten in der Tasche.
Als er schwer in Ketten gelegt am Fenster seines Gefängnisses stand, sah er zufällig einen seiner alten Kameraden vorbeigehen. Er klopfte an die Scheibe und rief ihm zu:
Der Kamerad lief schnell hin und brachte ihm das Bündel. Sobald der Soldat allein war, zündete er seine Pfeife an dem blauen Licht an und ließ das schwarze Männchen erscheinen.
, sprach das Männchen zu seinem Herrn.
Am folgenden Tag wurde der Soldat vor Gericht gestellt. Obwohl er niemandem wirklich geschadet hatte, verurteilte ihn der Richter zum Tode. Als er zum Richtplatz geführt wurde, bat er den König um eine letzte Gnade.
, fragte der König.
, antwortete der König,
Da zog der Soldat seine Pfeife hervor und zündete sie an dem blauen Licht an. Kaum waren ein paar Rauchringe aufgestiegen, stand das schwarze Männchen mit einem dicken Knüppel in der Hand vor ihm und fragte:
, rief der Soldat.
Da sauste das Männchen wie der Blitz zickzack hin und her. Wen es mit seinem Knüppel auch nur leicht berührte, der stürzte zu Boden und wagte nicht mehr, sich zu rühren.
Dem König wurde angst und bange. Er flehte um sein Leben und trat dem Soldaten freiwillig sein ganzes Reich und die Hand seiner Tochter ab. So wurde der Soldat König und regierte fortan das Land.

