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Das blaue Licht

⏱ Lesedauer: ca. 9 Min.

Der entlassene Soldat und die Hexe

Es war einmal ein Soldat, der hatte dem König viele Jahre lang treu gedient. Als jedoch der Krieg zu Ende war und der Soldat wegen seiner vielen Wunden nicht mehr weiterdienen konnte, sprach der König zu ihm:

„Du kannst nach Hause gehen, ich brauche dich nicht mehr. Geld bekommst du von mir keines, denn Lohn erhält nur der, welcher mir noch Dienste leistet.“

Da wusste der Soldat nicht, wovon er sein Leben fristen sollte. Er ging voller Sorgen fort und wanderte den ganzen Tag, bis er am Abend in einen großen Wald kam.

Als die Dunkelheit einbrach, sah er in der Ferne ein Licht. Er ging darauf zu und gelangte an ein Haus, in dem eine Hexe wohnte.

„Gib mir doch ein Nachtlager und ein wenig zu essen und zu trinken“

, bat er sie,

„ich verschmachte sonst.“

„Oho!“

, antwortete sie.

„Wer gibt schon einem herumtreibenden Soldaten etwas? Doch ich will barmherzig sein und dich aufnehmen, wenn du tust, was ich von dir verlange.“

„Was verlangst du denn?“

, fragte der Soldat.

„Dass du mir morgen meinen Garten umgräbst.“

Der Soldat willigte ein und arbeitete den ganzen folgenden Tag aus allen Kräften, konnte aber vor dem Abend nicht fertig werden.

„Ich sehe wohl“

, sprach die Hexe,

„dass du heute nicht weiterkannst. Ich will dich noch eine Nacht behalten, dafür sollst du mir morgen ein Fuder Holz spalten und klein machen.“

Der Soldat benötigte dafür den gesamten Tag. Am Abend schlug ihm die Hexe vor, noch eine dritte Nacht zu bleiben.

„Morgen sollst du mir nur eine ganz leichte Arbeit tun“

, sagte sie.

„Hinter meinem Haus ist ein alter, ausgetrockneter Brunnen. In den ist mir mein Licht gefallen. Es brennt blau und erlischt nie. Das sollst du mir wieder heraufholen.“

Der Brunnen und das schwarze Männchen

Am nächsten Tag führte die Hexe den Soldaten zum Brunnen und ließ ihn in einem Korb hinab. Er fand das blaue Licht am Grunde des Brunnens und gab ihr das Zeichen, dass sie ihn wieder hinaufziehen solle.

Sie zog ihn auch in die Höhe. Doch als er nahe am Brunnenrand war, reichte sie die Hand hinab und wollte ihm das blaue Licht abnehmen.

„Nein“

, sagte der Soldat, der ihre bösen Absichten durchschaute.

„Das Licht gebe ich dir nicht eher, als bis ich mit beiden Füßen sicher auf dem Erdboden stehe.“

Da geriet die Hexe in Wut, ließ das Seil los, sodass er in den Brunnen hinabfiel, und ging davon.

Der arme Soldat stürzte glücklicherweise ohne Schaden zu nehmen auf den feuchten Brunnenboden. Das blaue Licht brannte friedlich weiter, doch was half ihm das? Er sah ein, dass er aus dieser Falle wohl nicht mehr lebend entkommen würde.

Nachdem er eine Weile traurig dagesessen hatte, griff er zufällig in seine Tasche und fand seine Tabakspfeife, die noch halb gestopft war.

„Das soll mein letztes Vergnügen sein“

, dachte er, zog sie heraus, zündete sie an dem blauen Licht an und fing an zu rauchen.

Als sich der Dampf in der Tiefe ausgebreitet hatte, stand plötzlich ein kleines schwarzes Männchen vor ihm und fragte:

„Herr, was befiehlst du?“

„Was habe ich dir denn zu befehlen?“

, fragte der Soldat ganz verwundert.

„Ich muss alles tun“

, antwortete das Männchen,

„was du von mir verlangst.“

„Gut“

, sprach der Soldat,

„so hilf mir zuerst aus diesem Brunnen hinauf.“

Das Männchen nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch einen unterirdischen Gang ins Freie. Es vergaß dabei nicht, das blaue Licht mitzunehmen. Unterwegs zeigte es dem Soldaten auch die verborgenen Schätze der Hexe, und der Soldat nahm so viel Gold mit, wie er tragen konnte.

Als sie oben angekommen waren, sprach er zu dem Männchen:

„Nun geh hin, binde die alte Hexe und führe sie vor das Gericht.“

Es dauerte nicht lange, da kam die Hexe auf einem wilden Kater mit furchtbarem Geschrei schnell wie der Wind vorbeigeritten. Und kurz darauf kehrte das Männchen zurück.

„Es ist alles erledigt“

, sprach es,

„die Hexe hängt bereits am Galgen. Herr, was befiehlst du weiter?“

„Im Augenblick nichts“

, antwortete der Soldat.

„Du kannst nach Hause gehen. Sei aber sofort zur Stelle, wenn ich dich rufe.“

„Dazu musst du nichts weiter tun“

, erklärte das Männchen,

„als deine Pfeife an dem blauen Licht anzuzünden. Dann stehe ich augenblicklich vor dir.“

Daraufhin verschwand es.

Die Rache des Soldaten

Der Soldat kehrte in die Stadt zurück, aus der er gekommen war. Er stieg im besten Gasthof ab, ließ sich prächtige Kleider schneidern und befahl dem Wirt, ihm ein Zimmer so prachtvoll wie nur möglich einzurichten.

Als er es bezogen hatte, rief er das schwarze Männchen und sprach:

„Ich habe dem König treu gedient, er aber hat mich fortgeschickt und hungern lassen. Dafür will ich mich nun rächen.“

„Was soll ich tun?“

, fragte der Kleine.

„Spät am Abend, wenn die Königstochter im Bett liegt und schläft, bringst du sie hierher zu mir. Sie soll als Magd bei mir dienen.“

Das Männchen gab zu bedenken:

„Für mich ist das ein Leichtes, für dich jedoch eine gefährliche Sache. Wenn das herauskommt, wird es dir schlecht ergehen.“

Als es Mitternacht schlug, sprang die Zimmertür auf und das Männchen trug die schlafende Prinzessin herein.

„Aha, da bist du ja!“

, rief der Soldat.

„Frisch an die Arbeit! Geh und hol den Besen, kehr die Stube.“

Als sie damit fertig war, befahl er sie zu seinem Sessel, streckte ihr die Füße entgegen und sagte:

„Zieh mir die Stiefel aus!“

Er warf ihr die Stiefel ins Gesicht, und sie musste sie aufheben, reinigen und putzen, bis sie glänzten. Die Königstochter tat alles, was er ihr auftrug, ohne Widerstreben, völlig stumm und mit halb geschlossenen Augen. Beim ersten Hahnschrei trug das Männchen sie wieder ins Schloss zurück in ihr Bett.

Die Nachforschungen des Königs

Am nächsten Morgen ging die Königstochter zu ihrem Vater und erzählte ihm von einem seltsamen Traum:

„Ich wurde mit Blitzesschnelle durch die Straßen getragen und in das Zimmer eines Soldaten gebracht. Dort musste ich ihm als Magd dienen, die Stube fegen und seine Stiefel putzen. Es war nur ein Traum, und doch bin ich so müde, als hätte ich die ganze Nacht schwer gearbeitet.“

„Der Traum könnte Wirklichkeit gewesen sein“

, sprach der König besorgt.

„Ich will dir einen Rat geben: Fülle deine Tasche mit Erbsen und schneide ein kleines Loch hinein. Wenn du heute Nacht wieder abgeholt wirst, fallen sie heraus und hinterlassen eine Spur auf der Straße.“

Das Männchen stand jedoch unsichtbar daneben und hörte den Plan mit an. Als es die schlafende Königstochter in der Nacht wieder entführte, fielen zwar die Erbsen aus ihrer Tasche, aber sie hinterließen keine brauchbare Spur: Das listige Männchen hatte zuvor in allen Straßen der Stadt Erbsen verstreut. So musste die Königstochter auch in dieser Nacht bis zum Hahnenschrei Mägdedienste verrichten.

Am Morgen schickte der König seine Leute aus, um der Spur zu folgen. Doch es war vergeblich, denn in allen Gassen saßen die armen Kinder der Stadt, sammelten die Erbsen auf und riefen fröhlich:

„Es hat heute Nacht Erbsen geregnet!“

„Wir müssen uns etwas anderes ausdenken“

, sprach der König zu seiner Tochter.

„Behalte deine Schuhe an, wenn du dich schlafen legst. Und ehe man dich von dort zurückbringt, versteckst du einen davon im Zimmer. Ich werde ihn schon finden lassen.“

Das schwarze Männchen erfuhr auch von diesem Plan. Als der Soldat am Abend verlangte, die Königstochter wieder herbeizuschaffen, riet das Männchen ihm dringend ab. Gegen diese List wisse es kein Mittel, und wenn der Schuh bei ihm gefunden würde, stünde sein Leben auf dem Spiel.

„Tu, was ich dir sage!“

, beharrte der Soldat. So musste die Königstochter auch in der dritten Nacht wie eine Magd arbeiten. Bevor sie zurückgetragen wurde, versteckte sie heimlich einen ihrer Schuhe unter dem Bett des Soldaten.

Gefangenschaft und Rettung am Galgen

Am nächsten Morgen ließ der König in der ganzen Stadt nach dem Schuh seiner Tochter suchen. Er wurde im Zimmer des Soldaten gefunden. Der Soldat selbst, der auf Anraten des Männchens aus der Stadt fliehen wollte, wurde kurz hinter dem Stadttor eingeholt, verhaftet und in den Kerker geworfen.

Bei seiner hastigen Flucht hatte er das Wichtigste im Gasthof vergessen: das blaue Licht und sein Gold. Er besaß nur noch einen einzigen Dukaten in der Tasche.

Als er schwer in Ketten gelegt am Fenster seines Gefängnisses stand, sah er zufällig einen seiner alten Kameraden vorbeigehen. Er klopfte an die Scheibe und rief ihm zu:

„Sei so gut und hole mir das kleine Bündel, das ich im Gasthaus liegengelassen habe. Ich gebe dir dafür einen Dukaten.“

Der Kamerad lief schnell hin und brachte ihm das Bündel. Sobald der Soldat allein war, zündete er seine Pfeife an dem blauen Licht an und ließ das schwarze Männchen erscheinen.

„Sei unbesorgt“

, sprach das Männchen zu seinem Herrn.

„Geh ruhig hin, wohin sie dich auch führen, und lass alles geschehen. Nimm nur das blaue Licht mit dir.“

Am folgenden Tag wurde der Soldat vor Gericht gestellt. Obwohl er niemandem wirklich geschadet hatte, verurteilte ihn der Richter zum Tode. Als er zum Richtplatz geführt wurde, bat er den König um eine letzte Gnade.

„Was verlangst du?“

, fragte der König.

„Dass ich auf dem Weg zum Galgen noch eine letzte Pfeife rauchen darf.“

„Du kannst von mir aus auch drei rauchen“

, antwortete der König,

„aber glaube ja nicht, dass ich dir das Leben schenke.“

Da zog der Soldat seine Pfeife hervor und zündete sie an dem blauen Licht an. Kaum waren ein paar Rauchringe aufgestiegen, stand das schwarze Männchen mit einem dicken Knüppel in der Hand vor ihm und fragte:

„Was befiehlt mein Herr?“

„Schlag die falschen Richter und ihre Häscher zu Boden!“

, rief der Soldat.

„Und verschone auch den König nicht, der mich so ungerecht behandelt hat!“

Da sauste das Männchen wie der Blitz zickzack hin und her. Wen es mit seinem Knüppel auch nur leicht berührte, der stürzte zu Boden und wagte nicht mehr, sich zu rühren.

Dem König wurde angst und bange. Er flehte um sein Leben und trat dem Soldaten freiwillig sein ganzes Reich und die Hand seiner Tochter ab. So wurde der Soldat König und regierte fortan das Land.