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Das Wasser des Lebens

⏱ Lesedauer: ca. 12 Min.

Der kranke König und die stolzen Söhne

Es war einmal ein König, der war krank, und niemand glaubte, dass er mit dem Leben davonkommen würde. Er hatte aber drei Söhne, die waren darüber sehr betrübt, gingen hinunter in den Schlossgarten und weinten. Da begegnete ihnen ein alter Mann, der fragte sie nach ihrem Kummer. Sie sagten ihm, ihr Vater wäre so krank, dass er wohl sterben würde, denn es wollte ihm nichts helfen. Da sprach der Alte:

„Ich weiß noch ein Mittel, das ist das Wasser des Lebens. Wenn er davon trinkt, wird er wieder gesund. Es ist aber schwer zu finden.“

Der älteste sagte:

„Ich will es schon finden“

, ging zum kranken König und bat ihn, er möchte ihm erlauben auszuziehen, um das Wasser des Lebens zu suchen, denn das könnte ihn allein heilen.

„Nein“

, sprach der König,

„die Gefahr dabei ist zu groß, lieber will ich sterben.“

Er bat aber so lange, bis der König einwilligte. Der Prinz dachte in seinem Herzen:

„Bringe ich das Wasser, so bin ich meinem Vater der Liebste und erbe das Reich.“

Die Suche des jüngsten Sohnes

Also machte er sich auf. Als er eine Zeitlang fortgeritten war, stand da ein Zwerg auf dem Wege, der rief ihn an und sprach:

„Wo hinaus so geschwind?“

„Dummer Knirps“

, sagte der Prinz ganz stolz,

„das brauchst du nicht zu wissen“

und ritt weiter. Das kleine Männchen aber war zornig geworden und tat einen bösen Wunsch. Der Prinz geriet bald hernach in eine Bergschlucht, und je weiter er ritt, desto enger taten sich die Berge zusammen, und endlich wurde der Weg so eng, dass er keinen Schritt weiter konnte. Es war nicht möglich, das Pferd zu wenden oder aus dem Sattel zu steigen, und er saß da wie eingesperrt.

Der kranke König wartete lange Zeit auf ihn, aber er kam nicht. Da sagte der zweite Sohn:

„Vater, lasst mich ausziehen und das Wasser suchen“

, und dachte bei sich:

„Ist mein Bruder tot, so fällt das Reich mir zu.“

Der König wollte ihn anfangs auch nicht ziehen lassen, endlich gab er nach. Der Prinz zog also auf demselben Weg fort, den sein Bruder eingeschlagen hatte, und begegnete auch dem Zwerg, der ihn anhielt und fragte, wohin er so eilig wollte.

„Kleiner Knirps“

, sagte der Prinz,

„das brauchst du nicht zu wissen“

und ritt fort, ohne sich weiter umzusehen. Aber der Zwerg verwünschte ihn, und er geriet wie der andere in eine Bergschlucht und konnte weder vorwärts noch rückwärts. So geht es aber den Hochmütigen.

Als auch der zweite Sohn ausblieb, erbot sich der jüngste, auszuziehen und das Wasser zu holen, und der König musste ihn endlich ziehen lassen. Als er dem Zwerg begegnete und dieser fragte, wohin er so eilig wolle, hielt er an, gab ihm Rede und Antwort und sagte:

„Ich suche das Wasser des Lebens, denn mein Vater ist sterbenskrank.“

„Weißt du auch, wo das zu finden ist?“

„Nein“

, sagte der Prinz.

„Weil du dich betragen hast, wie es sich gehört, und nicht übermütig wie deine falschen Brüder, so will ich dir Auskunft geben und dir sagen, wie du zu dem Wasser des Lebens gelangst. Es quillt aus einem Brunnen im Hofe eines verwunschenen Schlosses, aber du dringst nicht hinein, wenn ich dir nicht eine eiserne Rute gebe und zwei Laibchen Brot. Mit der Rute schlag dreimal an das eiserne Tor des Schlosses, so wird es aufspringen. Inwendig liegen zwei Löwen, die den Rachen aufsperren; wenn du aber jedem ein Brot hineinwirfst, werden sie still. Und dann eile dich und hol von dem Wasser des Lebens, bevor es zwölf schlägt, sonst schlägt das Tor wieder zu und du bist eingesperrt.“

Der Prinz dankte ihm, nahm die Rute und das Brot und machte sich auf den Weg.

Im verwunschenen Schloss

Als er ankam, war alles so, wie der Zwerg gesagt hatte. Das Tor sprang beim dritten Rutenschlag auf, und als er die Löwen mit dem Brot besänftigt hatte, trat er in das Schloss und kam in einen großen, schönen Saal. Darin saßen verwunschene Prinzen, denen zog er die Ringe vom Finger, und dann lag da ein Schwert und ein Brot, das nahm er mit.

Weiter kam er in ein Zimmer, darin stand eine schöne Jungfrau. Sie freute sich, als sie ihn sah, küsste ihn und sagte, er hätte sie erlöst und sollte ihr ganzes Reich haben. Wenn er in einem Jahr wiederkäme, sollte ihre Hochzeit gefeiert werden. Dann sagte sie ihm auch, wo der Brunnen mit dem Lebenswasser wäre; er müsste sich aber beeilen und daraus schöpfen, ehe es zwölf schlüge.

Da ging er weiter und kam endlich in ein Zimmer, wo ein schönes, frisch gedecktes Bett stand. Weil er müde war, wollte er sich erst ein wenig ausruhen. Also legte er sich und schlief ein. Als er erwachte, schlug es drei Viertel auf zwölf. Da sprang er ganz erschrocken auf, lief zu dem Brunnen, schöpfte daraus mit einem Becher, der daneben stand, und eilte, dass er fortkam. Wie er eben zum eisernen Tor hinausging, da schlug es zwölf, und das Tor schlug so heftig zu, dass es ihm noch ein Stück von der Ferse wegnahm.

Er aber war froh, dass er das Wasser des Lebens erlangt hatte, ging heimwärts und kam wieder an dem Zwerg vorbei. Als dieser das Schwert und das Brot sah, sprach er:

„Damit hast du großes Gut gewonnen. Mit dem Schwert kannst du ganze Heere schlagen, das Brot aber wird niemals alle.“

Der Prinz wollte ohne seine Brüder nicht zum Vater nach Hause kommen und sprach:

„Lieber Zwerg, kannst du mir nicht sagen, wo meine zwei Brüder sind? Sie sind früher als ich nach dem Wasser des Lebens ausgezogen und sind nicht wiedergekommen.“

„Zwischen zwei Bergen stecken sie eingeschlossen“

, sprach der Zwerg,

„dahin habe ich sie verwünscht, weil sie so übermütig waren.“

Da bat der Prinz so lange, bis der Zwerg sie wieder losließ; aber er warnte ihn und sprach:

„Hüte dich vor ihnen, sie haben ein böses Herz.“

Der Verrat auf der Heimreise

Als seine Brüder kamen, freute er sich und erzählte ihnen, wie es ihm ergangen war: dass er das Wasser des Lebens gefunden, einen Becher voll mitgenommen und eine schöne Prinzessin erlöst hätte. Die wollte ein Jahr lang auf ihn warten, dann sollte Hochzeit gehalten werden, und er bekäme ein großes Reich. Danach ritten sie zusammen fort und gerieten in ein Land, wo Hunger und Krieg herrschten. Der König glaubte schon, er müsse verderben, so groß war die Not. Da ging der Prinz zu ihm und gab ihm das Brot, womit er sein ganzes Reich speiste und sättigte. Dann gab ihm der Prinz auch das Schwert, damit schlug der König die Heere seiner Feinde und konnte nun in Ruhe und Frieden leben. Da nahm der Prinz sein Brot und Schwert wieder zurück, und die drei Brüder ritten weiter. Sie kamen aber noch in zwei Länder, wo Hunger und Krieg herrschten, und da gab der Prinz den Königen jedes Mal sein Brot und Schwert, und hatte nun drei Reiche gerettet.

Danach setzten sie sich auf ein Schiff und fuhren über das Meer. Während der Fahrt sprachen die beiden ältesten unter sich:

„Der Jüngste hat das Wasser des Lebens gefunden und wir nicht. Dafür wird ihm unser Vater das Reich geben, das uns gebührt, und er wird unser Glück wegnehmen.“

Da wurden sie rachsüchtig und verabredeten miteinander, dass sie ihn verderben wollten. Sie warteten, bis er einmal fest eingeschlafen war, da gossen sie das Wasser des Lebens aus dem Becher und nahmen es für sich, ihm aber gossen sie bitteres Meerwasser hinein.

Die Heilung des Königs

Als sie nun daheim ankamen, brachte der Jüngste dem kranken König seinen Becher, damit er daraus trinken und gesund werden sollte. Kaum aber hatte er ein wenig von dem bitteren Meerwasser getrunken, wurde er noch kränker als zuvor. Und wie er darüber jammerte, kamen die beiden ältesten Söhne und klagten den jüngsten an, er hätte den Vater vergiften wollen. Sie brächten ihm das echte Wasser des Lebens und reichten es ihm. Kaum hatte er davon getrunken, fühlte er seine Krankheit verschwinden und wurde stark und gesund wie in seinen jungen Tagen.

Danach gingen die beiden zu dem jüngsten, verspotteten ihn und sagten:

„Du hast zwar das Wasser des Lebens gefunden, aber du hast die Mühe gehabt und wir den Lohn. Du hättest klüger sein und die Augen offen halten sollen. Wir haben es dir genommen, während du auf dem Meer eingeschlafen warst. Und über ein Jahr, da holt sich einer von uns die schöne Königstochter. Aber hüte dich, dass du nichts davon verrätst! Der Vater glaubt dir doch nicht, und wenn du ein einziges Wort sagst, sollst du noch obendrein dein Leben verlieren. Schweigst du aber, soll es dir geschenkt sein.“

Der alte König war zornig über seinen jüngsten Sohn und glaubte, er hätte ihm nach dem Leben getrachtet. Also ließ er den Hof versammeln und das Urteil über ihn sprechen, dass er heimlich erschossen werden sollte.

Als der Prinz nun einmal auf die Jagd ritt und nichts Böses vermutete, musste des Königs Jäger mitgehen. Draußen, als sie ganz allein im Wald waren und der Jäger so traurig aussah, sagte der Prinz zu ihm:

„Lieber Jäger, was fehlt dir?“

Der Jäger sprach:

„Ich kann es nicht sagen und soll es doch.“

Da sprach der Prinz:

„Sage heraus, was es ist, ich will es dir verzeihen.“

„Ach“

, sagte der Jäger,

„ich soll euch totschießen, der König hat es mir befohlen.“

Da erschrak der Prinz und sprach:

„Lieber Jäger, lass mich leben! Da gebe ich dir mein königliches Kleid, gib mir dafür dein schlechtes.“

Der Jäger sagte:

„Das will ich gerne tun, ich hätte ohnehin nicht auf euch schießen können.“

Da tauschten sie die Kleider, und der Jäger ging heim, der Prinz aber ging weiter in den Wald hinein.

Die Anerkennung des jüngsten Sohnes

Nach einiger Zeit kamen zu dem alten König drei Wagen mit Gold und Edelsteinen für seinen jüngsten Sohn. Sie waren von den drei Königen geschickt worden, die mit des Prinzen Schwert die Feinde geschlagen und mit seinem Brot ihr Land ernährt hatten, und die sich dankbar erweisen wollten.

Da dachte der alte König:

„Sollte mein Sohn unschuldig gewesen sein?“

und sprach zu seinen Leuten:

„Wäre er noch am Leben! Wie tut es mir leid, dass ich ihn habe töten lassen.“

„Er lebt noch“

, sprach der Jäger,

„ich konnte es nicht über das Herz bringen, euren Befehl auszuführen“

, und sagte dem König, wie es zugegangen war. Da fiel dem König ein Stein vom Herzen, und er ließ in allen Reichen verkünden, sein Sohn dürfe wiederkommen und solle in Gnaden aufgenommen werden.

Die goldene Straße und das glückliche Ende

Die Königstochter aber ließ eine Straße vor ihrem Schloss bauen, die war ganz golden und glänzend. Sie sagte ihren Leuten, wer darauf geradewegs zu ihr geritten käme, das wäre der Rechte, und den sollten sie einlassen. Wer aber daneben käme, der wäre der Rechte nicht, und den sollten sie auch nicht einlassen.

Als nun die Zeit bald herum war, dachte der älteste Prinz, er wolle sich beeilen, zur Königstochter gehen und sich für ihren Erlöser ausgeben; da bekäme er sie zur Gemahlin und das Reich dazu. Also ritt er fort. Als er vor das Schloss kam und die schöne goldene Straße sah, dachte er:

„Das wäre jammerschade, wenn du darauf rittest“

, lenkte ab und ritt rechts nebenher. Wie er aber vor das Tor kam, sagten die Leute zu ihm, er wäre der Rechte nicht, er sollte wieder fortgehen.

Bald darauf machte sich der zweite Prinz auf. Als der zur goldenen Straße kam und das Pferd den einen Fuß daraufgesetzt hatte, dachte er:

„Es wäre jammerschade, das könnte den Glanz abtreten“

, lenkte ab und ritt links nebenher. Wie er aber vor das Tor kam, sagten die Leute, er wäre der Rechte nicht, er sollte wieder fortgehen.

Als nun das Jahr ganz herum war, wollte der dritte Prinz aus dem Wald fort zu seiner Liebsten reiten und bei ihr sein Leid vergessen. Also machte er sich auf, dachte immer an sie und wäre gerne schon bei ihr gewesen; da sah er die goldene Straße gar nicht. Sein Pferd ritt mitten darüber hin, und als er vor das Tor kam, wurde es aufgetan. Die Königstochter empfing ihn mit Freuden und sagte, er wäre ihr Erlöser und der Herr des Königreichs. Die Hochzeit wurde mit großer Glückseligkeit gefeiert.

Als sie vorbei war, erzählte sie ihm, dass sein Vater ihn zu sich entboten und ihm verziehen hätte. Da ritt er hin und erzählte dem König alles: wie seine Brüder ihn betrogen und er doch dazu geschwiegen hätte. Der alte König wollte sie bestrafen, aber sie hatten sich bereits aufs Meer gesetzt und waren fortgeschifft. Sie kamen ihr Lebtag nicht wieder.