Autor: Gebrüder Grimm
Die Geburt des daumengroßen Sohnes
Es war einmal ein armer Bauersmann, der saß abends beim Herd und schürte das Feuer, während seine Frau spann. Da sprach er:
, antwortete die Frau und seufzte,
Nun geschah es, dass die Frau kränklich wurde und nach sieben Monaten ein Kind gebar, das zwar an allen Gliedern vollkommen, aber nicht länger als ein Daumen war. Da sprachen sie:
, und nannten es nach seiner Gestalt *Daumesdick*. Sie ließen es nicht an Nahrung fehlen, aber das Kind wurde nicht größer, sondern blieb, wie es in der ersten Stunde gewesen war. Doch schaute es verständig aus den Augen und zeigte sich bald als ein kluges und behendes Ding, dem alles glückte, was es anfing.
Auf dem Pferdewagen
Der Bauer machte sich eines Tages fertig, in den Wald zu gehen und Holz zu fällen. Da sprach er vor sich hin:
, rief Daumesdick,
Da lachte der Mann und sprach:
, antwortete der Vater,
Als die Stunde kam, spannte die Mutter an und setzte Daumesdick ins Ohr des Pferdes. Dann rief der Kleine, wie das Pferd gehen sollte:
Da ging es ganz ordentlich zu, wie bei einem echten Fuhrmann, und der Wagen fuhr den rechten Weg nach dem Wald.
Es trug sich zu, als er eben um eine Ecke bog und der Kleine
rief, dass zwei fremde Männer des Weges kamen.
, sprach der eine,
, sagte der andere,
Der Wagen aber fuhr vollends in den Wald hinein und richtig zu dem Platz, wo das Holz gehauen wurde. Als Daumesdick seinen Vater erblickte, rief er ihm zu:
Der Vater fasste das Pferd mit der Linken und holte mit der Rechten sein Söhnlein aus dem Ohr, das sich ganz lustig auf einen Strohhalm niedersetzte.
Der Verkauf an die fremden Männer
Als die beiden fremden Männer den Daumesdick erblickten, wussten sie vor Verwunderung nicht, was sie sagen sollten. Da nahm der eine den anderen beiseite und sprach:
Sie gingen zu dem Bauer und sprachen:
, antwortete der Vater,
Daumesdick aber, als er von dem Handel gehört hatte, war an den Rockfalten seines Vaters hinaufgekrochen, stellte sich ihm auf die Schulter und wisperte ihm ins Ohr:
Da gab ihn der Vater für ein schönes Stück Geld den beiden Männern.
, sprachen sie zu ihm.
Sie taten ihm den Gefallen, und als Daumesdick Abschied von seinem Vater genommen hatte, machten sie sich mit ihm fort. So gingen sie, bis es dämmerig wurde, da sprach der Kleine:
, sprach der Mann, auf dessen Kopf er saß,
, sprach Daumesdick,
Der Mann nahm den Hut ab und setzte den Kleinen auf einen Acker am Weg. Da sprang und kroch er ein wenig zwischen den Schollen hin und her, schlüpfte dann aber plötzlich in ein Mausloch, das er sich zuvor ausgesucht hatte.
, rief er ihnen zu und lachte sie aus. Sie liefen herbei und stachen mit Stöcken in das Mausloch, aber das war vergebliche Mühe. Daumesdick kroch immer weiter zurück, und da es bald ganz dunkel wurde, mussten sie mit Ärger und mit leerem Beutel wieder heimwandern.
Die nächtliche Hilfe für die Diebe
Als Daumesdick merkte, dass sie fort waren, kroch er aus dem unterirdischen Gang wieder hervor.
, sprach er,
Zum Glück stieß er an ein leeres Schneckenhaus.
, sagte er,
, und setzte sich hinein.
Nicht lange, als er eben einschlafen wollte, hörte er zwei Männer vorübergehen, von denen der eine sprach:
, rief Daumesdick dazwischen.
, sprach der eine Dieb erschrocken,
Sie blieben stehen und horchten. Da sprach Daumesdick wieder:
, antwortete er. Da fanden ihn schließlich die Diebe und hoben ihn in die Höhe.
, sprachen sie.
, antwortete er,
, sagten sie,
Als sie beim Pfarrhaus ankamen, kroch Daumesdick in die Kammer, schrie aber gleich aus Leibeskräften:
Die Diebe erschraken und sagten:
Aber Daumesdick tat, als hätte er sie nicht verstanden, und schrie von Neuem:
Das hörte die Köchin, die in der Stube nebenan schlief, richtete sich im Bette auf und horchte. Die Diebe aber waren vor Schrecken ein Stück Wegs zurückgelaufen. Endlich fassten sie wieder Mut und dachten:
Sie kamen zurück und flüsterten ihm zu:
Da schrie Daumesdick noch einmal so laut er konnte:
Das hörte die horchende Magd ganz deutlich, sprang aus dem Bett und stolperte zur Tür herein. Die Diebe liefen fort und rannten, als wäre der wilde Jäger hinter ihnen. Die Magd aber, als sie nichts bemerken konnte, ging ein Licht anzünden. Wie sie damit herbeikam, machte sich Daumesdick, ohne dass er gesehen wurde, hinaus in die Scheune. Die Magd legte sich, nachdem sie alle Winkel durchsucht und nichts gefunden hatte, schließlich wieder zu Bett und glaubte, sie hätte mit offenen Augen und Ohren doch nur geträumt.
In der Kuh und im Wolf
Daumesdick war in den Heuhälmchen herumgeklettert und hatte einen schönen Platz zum Schlafen gefunden. Da wollte er sich ausruhen, bis es Tag wäre, und dann zu seinen Eltern nach Hause gehen. Aber er musste ganz andere Dinge erfahren! Ja, es gibt viel Trübsal und Not auf der Welt!
Die Magd stieg, als der Tag graute, aus dem Bett, um das Vieh zu füttern. Ihr erster Gang war in die Scheune, wo sie einen Arm voll Heu packte, und zwar genau dasjenige, in dem der arme Daumesdick lag und schlief. Er schlief aber so fest, dass er nichts gewahr wurde und erst aufwachte, als er im Maul der Kuh war, die ihn mit dem Heu aufgerafft hatte.
, rief er,
, merkte aber bald, wo er war. Da hieß es aufpassen, dass er nicht zwischen die Zähne kam und zermalmt wurde, und danach musste er mit in den Magen hinabrutschen.
, sprach er,
Überhaupt gefiel ihm das Quartier schlecht, und was das Schlimmste war: Es kam immer mehr neues Heu zur Tür hinein, und der Platz wurde immer enger. Da rief er endlich in der Angst, so laut er konnte:
Die Magd melkte gerade die Kuh. Als sie sprechen hörte, ohne jemanden zu sehen, und es dieselbe Stimme war, die sie in der Nacht gehört hatte, erschrak sie so, dass sie von ihrem Stühlchen rutschte und die Milch verschüttete. Sie lief in größter Hast zu ihrem Herrn und rief:
, antwortete der Pfarrer, ging aber doch selbst in den Stall und wollte nachsehen, was es da gäbe. Kaum aber hatte er den Fuß hineingesetzt, so rief Daumesdick aufs Neue:
Da erschrak der Pfarrer selbst, meinte, es wäre ein böser Geist in die Kuh gefahren, und hieß sie töten. Sie wurde geschlachtet, der Magen aber, in dem Daumesdick steckte, wurde auf den Mist geworfen.
Daumesdick hatte große Mühe, sich hindurchzuarbeiten, doch brachte er es so weit, dass er Platz bekam. Aber als er eben sein Haupt herausstrecken wollte, kam ein neues Unglück. Ein hungriger Wolf lief heran und verschlang den ganzen Magen mit einem Schluck.
Daumesdick verlor den Mut nicht.
, dachte er,
, und rief ihm aus dem Wanst zu:
, sprach der Wolf.
, und beschrieb ihm genau seines Vaters Haus.
Der Wolf ließ sich das nicht zweimal sagen, drängte sich in der Nacht zur Gosse hinein und fraß in der Vorratskammer nach Herzenslust. Als er sich gesättigt hatte, wollte er wieder fort, aber er war so dick geworden, dass er denselben Weg nicht wieder hinauskonnte. Darauf hatte Daumesdick gerechnet und fing nun an, im Leib des Wolfes einen gewaltigen Lärm zu machen, tobte und schrie, was er konnte.
, sprach der Wolf,
, antwortete der Kleine,
, und fing von Neuem an, aus allen Kräften zu schreien.
Die glückliche Heimkehr
Davon erwachten endlich sein Vater und seine Mutter, liefen an die Kammer und schauten durch die Spalte hinein. Wie sie sahen, dass ein Wolf darin hauste, liefen sie davon. Der Mann holte die Axt und die Frau die Sense.
, sprach der Mann, als sie in die Kammer traten.
Da hörte Daumesdick die Stimme seines Vaters und rief:
Da sprach der Vater voll Freude:
, und hieß die Frau, die Sense wegzutun, damit Daumesdick nicht beschädigt würde. Danach holte er aus und schlug dem Wolf einen Schlag auf den Kopf, dass er tot niederstürzte. Dann suchten sie Messer und Schere, schnitten ihm den Leib auf und zogen den Kleinen wieder hervor.
, sprach der Vater,
, sprachen die Eltern, herzten und küssten ihren lieben Daumesdick. Sie gaben ihm zu essen und zu trinken und ließen ihm neue Kleider machen, denn die seinen waren ihm auf der Reise verdorben.

