Märchenstern Logo
Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Daumesdick

⏱ Lesedauer: ca. 12 Min.

Die Geburt des daumengroßen Sohnes

Es war einmal ein armer Bauersmann, der saß abends beim Herd und schürte das Feuer, während seine Frau spann. Da sprach er:

„Wie traurig ist es doch, dass wir keine Kinder haben! Es ist so still bei uns, und in den anderen Häusern ist es so laut und lustig.“

„Ja“

, antwortete die Frau und seufzte,

„wenn es nur ein einziges wäre, und wenn es auch ganz klein wäre, nur so groß wie ein Daumen, so wollte ich schon zufrieden sein. Wir hätten es doch von Herzen lieb.“

Nun geschah es, dass die Frau kränklich wurde und nach sieben Monaten ein Kind gebar, das zwar an allen Gliedern vollkommen, aber nicht länger als ein Daumen war. Da sprachen sie:

„Es ist, wie wir es uns gewünscht haben, und es soll unser liebes Kind sein“

, und nannten es nach seiner Gestalt *Daumesdick*. Sie ließen es nicht an Nahrung fehlen, aber das Kind wurde nicht größer, sondern blieb, wie es in der ersten Stunde gewesen war. Doch schaute es verständig aus den Augen und zeigte sich bald als ein kluges und behendes Ding, dem alles glückte, was es anfing.

Auf dem Pferdewagen

Der Bauer machte sich eines Tages fertig, in den Wald zu gehen und Holz zu fällen. Da sprach er vor sich hin:

„Nun wünschte ich, dass einer da wäre, der mir den Wagen nachbrächte.“

„Oh Vater“

, rief Daumesdick,

„den Wagen will ich schon bringen, verlasst euch darauf! Er soll zur bestimmten Zeit im Walde sein.“

Da lachte der Mann und sprach:

„Wie sollte das zugehen? Du bist viel zu klein, um das Pferd mit dem Zügel zu leiten.“

„Das macht nichts, Vater. Wenn nur die Mutter anspannen will, setze ich mich dem Pferd ins Ohr und rufe ihm zu, wie es gehen soll.“

„Nun“

, antwortete der Vater,

„einmal wollen wir es versuchen.“

Als die Stunde kam, spannte die Mutter an und setzte Daumesdick ins Ohr des Pferdes. Dann rief der Kleine, wie das Pferd gehen sollte:

„Jüh und joh! Hott und har!“

Da ging es ganz ordentlich zu, wie bei einem echten Fuhrmann, und der Wagen fuhr den rechten Weg nach dem Wald.

Es trug sich zu, als er eben um eine Ecke bog und der Kleine

„Har, har!“

rief, dass zwei fremde Männer des Weges kamen.

„Huch“

, sprach der eine,

„was ist das? Da fährt ein Wagen, und ein Fuhrmann ruft dem Pferde zu, ist aber nirgends zu sehen.“

„Das geht nicht mit rechten Dingen zu“

, sagte der andere,

„wir wollen dem Karren folgen und sehen, wo er anhält.“

Der Wagen aber fuhr vollends in den Wald hinein und richtig zu dem Platz, wo das Holz gehauen wurde. Als Daumesdick seinen Vater erblickte, rief er ihm zu:

„Siehst du, Vater, da bin ich mit dem Wagen, nun hol mich herunter.“

Der Vater fasste das Pferd mit der Linken und holte mit der Rechten sein Söhnlein aus dem Ohr, das sich ganz lustig auf einen Strohhalm niedersetzte.

Der Verkauf an die fremden Männer

Als die beiden fremden Männer den Daumesdick erblickten, wussten sie vor Verwunderung nicht, was sie sagen sollten. Da nahm der eine den anderen beiseite und sprach:

„Hör, der kleine Kerl könnte unser Glück machen, wenn wir ihn in einer großen Stadt gegen Geld sehen ließen. Wir wollen ihn kaufen.“

Sie gingen zu dem Bauer und sprachen:

„Verkauft uns den kleinen Mann, er soll es gut bei uns haben.“

„Nein“

, antwortete der Vater,

„es ist mein Herzblatt, und er ist mir für alles Gold in der Welt nicht feil.“

Daumesdick aber, als er von dem Handel gehört hatte, war an den Rockfalten seines Vaters hinaufgekrochen, stellte sich ihm auf die Schulter und wisperte ihm ins Ohr:

„Vater, gib mich nur hin, ich will schon wieder zurückkommen.“

Da gab ihn der Vater für ein schönes Stück Geld den beiden Männern.

„Wo willst du sitzen?“

, sprachen sie zu ihm.

„Ach, setzt mich nur auf den Rand von eurem Hut, da kann ich auf und ab spazieren und die Gegend betrachten, und falle doch nicht herunter.“

Sie taten ihm den Gefallen, und als Daumesdick Abschied von seinem Vater genommen hatte, machten sie sich mit ihm fort. So gingen sie, bis es dämmerig wurde, da sprach der Kleine:

„Hebt mich einmal herunter, es ist nötig.“

„Bleib nur droben“

, sprach der Mann, auf dessen Kopf er saß,

„ich mache mir nichts daraus. Die Vögel lassen mir auch manchmal etwas darauf fallen.“

„Nein“

, sprach Daumesdick,

„ich weiß auch, was sich schickt. Hebt mich nur geschwind herab.“

Der Mann nahm den Hut ab und setzte den Kleinen auf einen Acker am Weg. Da sprang und kroch er ein wenig zwischen den Schollen hin und her, schlüpfte dann aber plötzlich in ein Mausloch, das er sich zuvor ausgesucht hatte.

„Guten Abend, die Herren, geht nur ohne mich heim!“

, rief er ihnen zu und lachte sie aus. Sie liefen herbei und stachen mit Stöcken in das Mausloch, aber das war vergebliche Mühe. Daumesdick kroch immer weiter zurück, und da es bald ganz dunkel wurde, mussten sie mit Ärger und mit leerem Beutel wieder heimwandern.

Die nächtliche Hilfe für die Diebe

Als Daumesdick merkte, dass sie fort waren, kroch er aus dem unterirdischen Gang wieder hervor.

„Es ist auf dem Acker in der Finsternis so gefährlich zu gehen“

, sprach er,

„wie leicht bricht man sich Hals und Bein!“

Zum Glück stieß er an ein leeres Schneckenhaus.

„Gottlob“

, sagte er,

„da kann ich die Nacht sicher verbringen“

, und setzte sich hinein.

Nicht lange, als er eben einschlafen wollte, hörte er zwei Männer vorübergehen, von denen der eine sprach:

„Wie fangen wir es nur an, um dem reichen Pfarrer sein Geld und sein Silber zu stehlen?“

„Das könnte ich dir sagen!“

, rief Daumesdick dazwischen.

„Was war das?“

, sprach der eine Dieb erschrocken,

„ich hörte jemanden sprechen.“

Sie blieben stehen und horchten. Da sprach Daumesdick wieder:

„Nehmt mich mit, so will ich euch helfen.“

„Wo bist du denn?“

„Sucht nur auf der Erde und merkt euch, wo die Stimme herkommt“

, antwortete er. Da fanden ihn schließlich die Diebe und hoben ihn in die Höhe.

„Du kleiner Wicht, wie willst du uns helfen!“

, sprachen sie.

„Seht“

, antwortete er,

„ich krieche zwischen den Eisenstäben in die Kammer des Pfarrers und reiche euch heraus, was ihr haben wollt.“

„Wohlan“

, sagten sie,

„wir wollen sehen, was du kannst.“

Als sie beim Pfarrhaus ankamen, kroch Daumesdick in die Kammer, schrie aber gleich aus Leibeskräften:

„Wollt ihr alles haben, was hier ist?“

Die Diebe erschraken und sagten:

„So sprich doch leise, damit niemand aufwacht!“

Aber Daumesdick tat, als hätte er sie nicht verstanden, und schrie von Neuem:

„Was wollt ihr? Wollt ihr alles haben, was hier ist?“

Das hörte die Köchin, die in der Stube nebenan schlief, richtete sich im Bette auf und horchte. Die Diebe aber waren vor Schrecken ein Stück Wegs zurückgelaufen. Endlich fassten sie wieder Mut und dachten:

„Der kleine Kerl will uns necken.“

Sie kamen zurück und flüsterten ihm zu:

„Nun mach Ernst und reich uns etwas heraus.“

Da schrie Daumesdick noch einmal so laut er konnte:

„Ich will euch ja alles geben, reicht nur die Hände herein!“

Das hörte die horchende Magd ganz deutlich, sprang aus dem Bett und stolperte zur Tür herein. Die Diebe liefen fort und rannten, als wäre der wilde Jäger hinter ihnen. Die Magd aber, als sie nichts bemerken konnte, ging ein Licht anzünden. Wie sie damit herbeikam, machte sich Daumesdick, ohne dass er gesehen wurde, hinaus in die Scheune. Die Magd legte sich, nachdem sie alle Winkel durchsucht und nichts gefunden hatte, schließlich wieder zu Bett und glaubte, sie hätte mit offenen Augen und Ohren doch nur geträumt.

In der Kuh und im Wolf

Daumesdick war in den Heuhälmchen herumgeklettert und hatte einen schönen Platz zum Schlafen gefunden. Da wollte er sich ausruhen, bis es Tag wäre, und dann zu seinen Eltern nach Hause gehen. Aber er musste ganz andere Dinge erfahren! Ja, es gibt viel Trübsal und Not auf der Welt!

Die Magd stieg, als der Tag graute, aus dem Bett, um das Vieh zu füttern. Ihr erster Gang war in die Scheune, wo sie einen Arm voll Heu packte, und zwar genau dasjenige, in dem der arme Daumesdick lag und schlief. Er schlief aber so fest, dass er nichts gewahr wurde und erst aufwachte, als er im Maul der Kuh war, die ihn mit dem Heu aufgerafft hatte.

„Ach Gott“

, rief er,

„wie bin ich in die Walkmühle geraten!“

, merkte aber bald, wo er war. Da hieß es aufpassen, dass er nicht zwischen die Zähne kam und zermalmt wurde, und danach musste er mit in den Magen hinabrutschen.

„In dieser Stube sind die Fenster vergessen worden“

, sprach er,

„und es scheint keine Sonne hinein; ein Licht wird auch nicht gebracht.“

Überhaupt gefiel ihm das Quartier schlecht, und was das Schlimmste war: Es kam immer mehr neues Heu zur Tür hinein, und der Platz wurde immer enger. Da rief er endlich in der Angst, so laut er konnte:

„Bringt mir kein frisches Futter mehr! Bringt mir kein frisches Futter mehr!“

Die Magd melkte gerade die Kuh. Als sie sprechen hörte, ohne jemanden zu sehen, und es dieselbe Stimme war, die sie in der Nacht gehört hatte, erschrak sie so, dass sie von ihrem Stühlchen rutschte und die Milch verschüttete. Sie lief in größter Hast zu ihrem Herrn und rief:

„Ach Gott, Herr Pfarrer, die Kuh hat geredet!“

„Du bist verrückt“

, antwortete der Pfarrer, ging aber doch selbst in den Stall und wollte nachsehen, was es da gäbe. Kaum aber hatte er den Fuß hineingesetzt, so rief Daumesdick aufs Neue:

„Bringt mir kein frisches Futter mehr! Bringt mir kein frisches Futter mehr!“

Da erschrak der Pfarrer selbst, meinte, es wäre ein böser Geist in die Kuh gefahren, und hieß sie töten. Sie wurde geschlachtet, der Magen aber, in dem Daumesdick steckte, wurde auf den Mist geworfen.

Daumesdick hatte große Mühe, sich hindurchzuarbeiten, doch brachte er es so weit, dass er Platz bekam. Aber als er eben sein Haupt herausstrecken wollte, kam ein neues Unglück. Ein hungriger Wolf lief heran und verschlang den ganzen Magen mit einem Schluck.

Daumesdick verlor den Mut nicht.

„Vielleicht“

, dachte er,

„lässt der Wolf mit sich reden“

, und rief ihm aus dem Wanst zu:

„Lieber Wolf, ich weiß dir einen herrlichen Fraß.“

„Wo ist der zu holen?“

, sprach der Wolf.

„In dem und dem Haus. Da musst du durch die Gosse hineinkriechen und wirst Kuchen, Speck und Wurst finden, so viel du essen willst“

, und beschrieb ihm genau seines Vaters Haus.

Der Wolf ließ sich das nicht zweimal sagen, drängte sich in der Nacht zur Gosse hinein und fraß in der Vorratskammer nach Herzenslust. Als er sich gesättigt hatte, wollte er wieder fort, aber er war so dick geworden, dass er denselben Weg nicht wieder hinauskonnte. Darauf hatte Daumesdick gerechnet und fing nun an, im Leib des Wolfes einen gewaltigen Lärm zu machen, tobte und schrie, was er konnte.

„Willst du still sein“

, sprach der Wolf,

„du weckst die Leute auf.“

„Was macht das“

, antwortete der Kleine,

„du hast dich satt gefressen, ich will mich auch lustig machen“

, und fing von Neuem an, aus allen Kräften zu schreien.

Die glückliche Heimkehr

Davon erwachten endlich sein Vater und seine Mutter, liefen an die Kammer und schauten durch die Spalte hinein. Wie sie sahen, dass ein Wolf darin hauste, liefen sie davon. Der Mann holte die Axt und die Frau die Sense.

„Bleib dahinten“

, sprach der Mann, als sie in die Kammer traten.

„Wenn ich ihm einen Schlag gegeben habe und er davon noch nicht tot ist, so musst du auf ihn einhauen und ihm den Leib zerschneiden.“

Da hörte Daumesdick die Stimme seines Vaters und rief:

„Lieber Vater, ich bin hier, ich stecke im Leibe des Wolfes!“

Da sprach der Vater voll Freude:

„Gottlob, unser liebes Kind hat sich wiedergefunden!“

, und hieß die Frau, die Sense wegzutun, damit Daumesdick nicht beschädigt würde. Danach holte er aus und schlug dem Wolf einen Schlag auf den Kopf, dass er tot niederstürzte. Dann suchten sie Messer und Schere, schnitten ihm den Leib auf und zogen den Kleinen wieder hervor.

„Ach“

, sprach der Vater,

„was haben wir für Sorge um dich ausgestanden!“

„Ja, Vater, ich bin viel in der Welt herumgekommen. Gottlob, dass ich wieder frische Luft schöpfe!“

„Wo bist du denn überall gewesen?“

„Ach, Vater, ich war in einem Mauseloch, im Bauch einer Kuh und im Wanst eines Wolfes. Nun bleibe ich bei euch.“

„Und wir verkaufen dich um alle Reichtümer der Welt nicht wieder“

, sprachen die Eltern, herzten und küssten ihren lieben Daumesdick. Sie gaben ihm zu essen und zu trinken und ließen ihm neue Kleider machen, denn die seinen waren ihm auf der Reise verdorben.