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Der arme Junge im Grab

⏱ Lesedauer: ca. 6 Min.

Der geizige Bauer und der Waisenknabe

Es war einmal ein armer Hirtenjunge, dem waren Vater und Mutter gestorben. Er wurde von der Obrigkeit einem reichen Mann ins Haus gegeben, der ihn ernähren und erziehen sollte. Der Mann und seine Frau aber hatten ein böses Herz. Sie waren trotz all ihrem Reichtum geizig und missgünstig und ärgerten sich jedes Mal, wenn jemand einen Bissen von ihrem Brot aß. Der arme Junge mochte tun, was er wollte: Er erhielt wenig zu essen, aber desto mehr Schläge.

Das Unglück mit dem Habicht

Eines Tages sollte er die Glucke mit ihren Küken hüten. Sie verlief sich jedoch mit ihren Jungen durch einen Heckenzaun. Sofort stieß ein Habicht herab und entführte sie durch die Lüfte. Der Junge schrie aus Leibeskräften:

„Dieb, Dieb, Spitzbube!“

Aber was half das? Der Habicht brachte seine Beute nicht wieder zurück.

Der Bauer hörte den Lärm, lief herbei und geriet, als er vom Verlust der Henne erfuhr, so in Wut, dass er den Jungen windelweich schlug. Der Junge konnte sich zwei Tage lang nicht rühren.

Nun musste er die Küken ohne die Henne hüten. Da war die Not noch größer: Das eine lief dorthin, das andere dahin. Da dachte er, es besonders klug zu machen, und band sie alle an einer Schnur zusammen, damit der Habicht ihm keines wegstehlen könnte. Aber das war ein großer Fehler. Als er nach einigen Tagen vom vielen Herumlaufen und vom Hunger müde einschlief, kam der Raubvogel, packte eines der Küken, und da die anderen fest daran hingen, trug er sie alle mit fort. Er setzte sich auf einen Baum und verschlang sie.

Der Bauer kam gerade nach Hause. Als er das Unglück sah, erboste er sich und schlug den Jungen so unbarmherzig, dass er mehrere Tage im Bett liegen musste.

Die Trauben und der Richter

Als der Junge wieder auf den Beinen war, sprach der Bauer zu ihm:

„Du bist mir zu dumm. Ich kann dich als Hüter nicht gebrauchen, du sollst als Bote gehen.“

Er schickte ihn zum Richter, dem er einen Korb voll Trauben bringen sollte, und gab ihm einen Brief mit.

Unterwegs plagten den armen Jungen Hunger und Durst so heftig, dass er zwei der Trauben aß. Er brachte dem Richter den Korb. Als dieser aber den Brief gelesen und die Trauben gezählt hatte, sagte er:

„Es fehlen zwei Stück.“

Der Junge gestand ehrlich, dass er sie aus Hunger und Durst gegessen habe. Der Richter schrieb einen Brief an den Bauern und verlangte noch einmal so viele Trauben. Auch diese musste der Junge mit einem Brief hinbringen. Als ihn wieder so gewaltig hungerte und dürstete, verzehrte er abermals zwei Trauben. Zuvor nahm er jedoch den Brief aus dem Korb, legte ihn unter einen Stein und setzte sich darauf, damit der Brief nicht zusehen und ihn verraten könnte.

Der Richter stellte ihn wegen der fehlenden Stücke zur Rede.

„Ach“

, sagte der Junge,

„wie habt ihr das erfahren? Der Brief konnte es nicht wissen, denn ich hatte ihn zuvor unter einen Stein gelegt.“

Der Richter musste über die Einfalt lachen und schickte dem Bauern einen Brief, in dem er ihn ermahnte, den Jungen besser zu behandeln, ihn ausreichend zu speisen und ihn den Unterschied zwischen Recht und Unrecht zu lehren.

Die Verzweiflung und der vermeintliche Tod

„Ich will dir den Unterschied schon zeigen!“

, sagte der harte Bauer.

„Wenn du essen willst, musst du auch arbeiten. Und tust du etwas Unrechtes, wirst du durch Schläge belehrt.“

Am folgenden Tag stellte er ihn an eine schwere Arbeit. Er sollte Stroh für die Pferde schneiden. Dabei drohte der Mann:

„In fünf Stunden bin ich wieder zurück. Wenn das Stroh dann nicht zu Häcksel geschnitten ist, schlage ich dich, bis du kein Glied mehr rühren kannst.“

Der Bauer ging mit seiner Frau und den Dienstboten auf den Jahrmarkt und ließ dem Jungen nichts zurück als ein kleines Stück Brot. Der Junge stellte sich an die Schneidemaschine und arbeitete aus allen Kräften. Da ihm heiß wurde, zog er seine Jacke aus und warf sie aufs Stroh. In der Angst, nicht fertig zu werden, schnitt er immer weiter und zerschnitt in seinem Eifer unbemerkt mit dem Stroh auch seine Jacke. Zu spät bemerkte er das Unglück.

„Ach“

, rief er,

„jetzt ist es aus mit mir! Der böse Mann hat mir gedroht: Wenn er zurückkommt und sieht, was ich getan habe, schlägt er mich tot. Lieber will ich mir selbst das Leben nehmen.“

Der Junge hatte einmal gehört, wie die Bäuerin sagte:

„Unter dem Bett habe ich einen Topf mit Gift stehen.“

Sie hatte das aber nur gesagt, um Naschkatzen fernzuhalten, denn es war Honig darin. Der Junge kroch unter das Bett, holte den Topf hervor und aß ihn ganz leer.

„Ich weiß nicht“

, sprach er,

„die Leute sagen, der Tod sei bitter. Mir schmeckt er süß. Kein Wunder, dass die Bäuerin sich so oft den Tod wünscht.“

Er setzte sich auf ein Stühlchen und war bereit zu sterben. Aber statt schwächer zu werden, fühlte er sich durch die nahrhafte Speise gestärkt.

„Es muss kein Gift gewesen sein“

, sagte er.

„Aber der Bauer hat einmal gesagt, in seinem Kleiderschrank läge ein Fläschchen mit Fliegengift. Das wird das wahre Gift sein und mir den Tod bringen.“

Es war aber kein Fliegengift, sondern ungarischer Wein. Der Junge trank die Flasche aus.

„Auch dieser Tod schmeckt süß“

, sagte er. Doch als der Wein ihm zu Kopf stieg und ihn betäubte, meinte er, sein Ende nahte.

„Ich fühle, dass ich sterben muss“

, sprach er.

„Ich will hinaus auf den Kirchhof gehen und ein Grab suchen.“

Er taumelte fort, erreichte den Friedhof und legte sich in ein frisch ausgehobenes Grab. Die Sinne schwanden ihm immer mehr. In der Nähe stand ein Wirtshaus, in dem eine Hochzeit gefeiert wurde. Als er die Musik hörte, glaubte er, schon im Paradies zu sein, bis er schließlich das Bewusstsein verlor. Der arme Junge erwachte nicht wieder. Die Glut des schweren Weines und der kalte Tau der Nacht nahmen ihm das Leben.

Die Strafe des Himmels

Als der Bauer die Nachricht vom Tod des Jungen erhielt, erschrak er und fürchtete sich vor dem Gericht. Die Angst packte ihn so gewaltig, dass er ohnmächtig zu Boden sank.

Seine Frau, die mit einer Pfanne voll Schmalz am Herd stand, lief herbei, um ihm zu helfen. Dabei fing das Fett in der Pfanne Feuer, ergriff das ganze Haus, und nach wenigen Stunden lag es in Schutt und Asche. Die Jahre, die ihnen noch zu leben blieben, verbrachten die Eheleute, geplagt von Gewissensbissen, in tiefer Armut und großem Elend.