Autor: Gebrüder Grimm
Die Wacht am Grabe des Reichen
Ein reicher Bauer stand eines Tages in seinem Hof und schaute nach seinen Feldern und Gärten. Das Korn wuchs kräftig heran und die Obstbäume hingen voll Früchte. Das Getreide des vorigen Jahres lag noch in so mächtigen Haufen auf dem Speicher, dass die Balken es kaum tragen konnten. Dann ging er in den Stall; da standen die gemästeten Ochsen, die fetten Kühe und die spiegelglatten Pferde. Schließlich ging er in seine Stube zurück und blickte auf die eisernen Kisten, in denen sein Geld lag.
Als er so dastand und seinen Reichtum übersah, klopfte es auf einmal heftig bei ihm an. Es klopfte aber nicht an die Tür seiner Stube, sondern an die Tür seines Herzens. Sie tat sich auf, und er hörte eine Stimme, die zu ihm sprach:
Das Herz zögerte nicht mit der Antwort:
Als er diese Antwort vernahm, erschrak er heftig. Die Knie fingen an zu zittern und er musste sich niedersetzen.
Da klopfte es abermals an, aber an die Tür seiner Stube. Es war sein Nachbar, ein armer Mann, der eine Schar Kinder hatte, die er nicht mehr sättigen konnte.
, dachte der Arme,
Er sprach zu dem Reichen:
Der Reiche sah ihn lange an. Da begann der erste Sonnenstrahl der Milde einen Tropfen vom Eis der Habsucht abzuschmelzen.
, antwortete er,
, sprach der Arme.
Dem Bauern wurde bei diesem Antrag unheimlich zumute, doch in der Not, in der er sich befand, hätte er alles bewilligt. Er sagte also zu und trug das Korn nach Hause.
Es war, als hätte der Reiche vorausgesehen, was geschehen würde. Nach drei Tagen brach er plötzlich tot zusammen. Man wusste nicht recht, wie es zugegangen war, aber niemand trauerte um ihn.
Der abgedankte Soldat
Als er bestattet war, fiel dem Armen sein Versprechen ein. Gerne wäre er davon entbunden gewesen, aber er dachte:
Bei einbrechender Nacht ging er auf den Friedhof und setzte sich auf den Grabhügel. Es war alles still, nur der Mond schien und manchmal flog eine Eule vorbei. Als die Sonne aufging, begab sich der Arme unbeschadet heim, und ebenso ging die zweite Nacht ruhig vorüber.
Am Abend des dritten Tages empfand er eine besondere Angst. Es war ihm, als stünde noch etwas bevor. Als er hinauskam, erblickte er an der Friedhofsmauer einen Mann, den er noch nie gesehen hatte. Er war nicht mehr jung, hatte Narben im Gesicht, und seine Augen blickten scharf umher. Er war in einen alten Mantel gehüllt, und an den Beinen trug er große Reiterstiefel.
, redete ihn der Bauer an.
, antwortete er,
, sprach der Bauer,
, antwortete er.
Der Bauer willigte ein und sie setzten sich zusammen auf das Grab.
Das Geschäft mit dem Teufel
Alles blieb still bis Mitternacht. Da ertönte auf einmal ein schneidendes Pfeifen in der Luft, und die beiden Wächter erblickten den Teufel leibhaftig vor sich stehen.
, rief er ihnen zu.
, sprach der Soldat,
Der Teufel dachte, mit Gold finge er die beiden Haderlumpen am besten, schlug leisere Töne an und fragte ganz zutraulich, ob sie nicht einen Beutel Gold annehmen und heimgehen wollten.
, antwortete der Soldat,
, sagte der Teufel,
Die Überlistung des Unholds
Als der Teufel verschwunden war, zog der Soldat seinen linken Stiefel aus und sprach:
Er schnitt vom Stiefel die Sohle ab und stellte ihn neben den Hügel ins hohe Gras, genau über eine halb überwachsene Grube.
, sprach er,
Beide setzten sich und warteten. Es dauerte nicht lange, da kam der Teufel mit einem kleinen Säckchen Gold in der Hand.
, sprach der Soldat und hob den Stiefel an,
Der Schwarze leerte das Säckchen. Das Gold fiel durch, und der Stiefel blieb leer.
, rief der Soldat,
Der Teufel schüttelte den Kopf, ging und kam nach einer Stunde mit einem viel größeren Sack zurück.
, rief der Soldat,
Das Gold klang, als es hinabfiel, und der Stiefel blieb leer. Der Teufel blickte selbst hinein.
, rief er.
, erwiderte der Soldat,
Der Unhold trollte sich abermals fort. Diesmal blieb er länger aus. Als er endlich erschien, keuchte er unter der Last eines schweren Sacks auf seiner Schulter. Er schüttete ihn in den Stiefel, der sich aber so wenig füllte wie zuvor. Der Teufel wurde wütend und wollte dem Soldaten den Stiefel aus der Hand reißen. In diesem Augenblick aber brach der erste Strahl der aufgehenden Sonne am Himmel hervor, und der böse Geist entfloh mit lautem Geschrei. Die arme Seele war gerettet.
Der Bauer wollte das Gold teilen, aber der Soldat sprach:

