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Märchen lesen und erleben

Der Liebste Roland

⏱ Lesedauer: ca. 8 Min.

56.

Die böse Stiefmutter

Es war einmal eine Frau, die war eine rechte Hexe. Sie hatte zwei Töchter: eine hässlich und böse, die liebte sie, weil sie ihre leibliche Tochter war, und eine schön und gut, die hasste sie, weil sie ihre Stieftochter war.

Zu einer Zeit hatte die Stieftochter eine schöne Schürze, die der anderen so gefiel, dass sie neidisch wurde und ihrer Mutter sagte, sie wollte und müsste die Schürze haben.

„Sei still, mein Kind“

, sprach die Alte,

„du sollst sie auch haben. Deine Stiefschwester hat längst den Tod verdient. Heute Nacht, wenn sie schläft, so komme ich und haue ihr den Kopf ab. Sorge nur, dass du dich hinten ins Bett legst, und schieb sie recht nach vorne.“

Um das arme Mädchen wäre es geschehen gewesen, wenn es nicht gerade in einer Ecke gestanden und alles mit angehört hätte. Es durfte den ganzen Tag nicht zur Türe hinaus. Als die Schlafenszeit gekommen war, musste es zuerst ins Bett steigen, damit die Schwester sich hinten hinlegen konnte. Als diese aber eingeschlafen war, schob das arme Mädchen sie sachte nach vorne und nahm selbst den Platz hinten an der Wand ein.

In der Nacht kam die Alte geschlichen. In der rechten Hand hielt sie eine Axt, mit der linken fühlte sie erst, ob auch jemand vorne lag, und dann fasste sie die Axt mit beiden Händen, hieb zu und schlug ihrem eigenen Kinde den Kopf ab.

Die Flucht und die Blutstropfen

Als sie fortgegangen war, stand das Mädchen auf, ging zu seinem Liebsten, der Roland hieß, und klopfte an seine Türe. Als er herauskam, sprach sie zu ihm:

„Höre, liebster Roland, wir müssen eilig fliehen! Die Stiefmutter hat mich totschlagen wollen, hat aber ihr eigenes Kind getroffen. Kommt der Tag und sie sieht, was sie getan hat, so sind wir verloren.“

„Ich rate dir aber“

, sagte Roland,

„dass du erst ihren Zauberstab wegnimmst. Sonst können wir uns nicht retten, wenn sie uns nachsetzt und verfolgt.“

Das Mädchen holte den Zauberstab. Dann nahm es den toten Kopf und tröpfelte drei Blutstropfen auf die Erde: einen vor das Bett, einen in die Küche und einen auf die Treppe. Darauf eilte es mit seinem Liebsten fort.

Als nun am Morgen die alte Hexe aufgestanden war, rief sie ihre Tochter und wollte ihr die Schürze geben, aber sie kam nicht. Da rief sie:

„Wo bist du?“

„Ei, hier auf der Treppe, da kehre ich“

, antwortete der erste Blutstropfen. Die Alte ging hinaus, sah aber niemanden auf der Treppe und rief abermals:

„Wo bist du?“

„Ei, hier in der Küche, da wärme ich mich“

, rief der zweite Blutstropfen. Sie ging in die Küche, fand aber niemanden. Da rief sie noch einmal:

„Wo bist du?“

„Ach, hier im Bett, da schlafe ich“

, rief der dritte Blutstropfen. Sie ging in die Kammer ans Bett. Was sah sie da? Ihr eigenes Kind schwamm in seinem Blut, und sie selbst hatte ihm den Kopf abgehauen.

Die Verwandlungen auf der Flucht

Die Hexe geriet in Wut, sprang ans Fenster, und da sie weit in die Welt schauen konnte, erblickte sie ihre Stieftochter, die mit ihrem Liebsten Roland forteilte.

„Das soll euch nichts helfen!“

, rief sie.

„Wenn ihr auch schon weit weg seid, ihr entflieht mir doch nicht.“

Sie zog ihre Meilenstiefel an, in denen sie mit jedem Schritt eine Stunde Weges zurücklegte, und es dauerte nicht lange, da hatte sie beide eingeholt.

Das Mädchen aber, als es die Alte daherschreiten sah, verwandelte mit dem Zauberstab seinen Liebsten Roland in einen See, sich selbst aber in eine Ente, die mitten auf dem See schwamm. Die Hexe stellte sich ans Ufer, warf Brotkrumen hinein und gab sich alle Mühe, die Ente herbeizulocken. Aber die Ente ließ sich nicht locken, und die Alte musste am Abend unverrichteter Dinge wieder umkehren.

Der Tanz in der Dornenhecke

Darauf nahmen das Mädchen und sein Liebster Roland wieder ihre natürliche Gestalt an, und sie gingen die ganze Nacht weiter bis zum Tagesanbruch. Da verwandelte sich das Mädchen in eine schöne Blume, die mitten in einer Dornenhecke stand, und ihren Liebsten Roland in einen Geigenspieler.

Nicht lange, so kam die Hexe herangeschritten und sprach zu dem Spielmann:

„Lieber Spielmann, darf ich mir wohl die schöne Blume abbrechen?“

„O ja“

, antwortete er,

„ich will dazu aufspielen.“

Als sie nun mit Hast in die Hecke kroch und die Blume brechen wollte – denn sie wusste wohl, wer die Blume war –, fing er an aufzuspielen. Sie mochte wollen oder nicht, sie musste tanzen, denn es war ein Zaubertanz. Je schneller er spielte, desto gewaltigere Sprünge musste sie machen. Die Dornen rissen ihr die Kleider vom Leibe und stachen sie blutig und wund. Da er nicht aufhörte, musste sie so lange tanzen, bis sie tot liegen blieb.

Vergessen und versteinert

Als sie nun erlöst waren, sprach Roland:

„Nun will ich zu meinem Vater gehen und die Hochzeit bestellen.“

„So will ich derweil hier bleiben“

, sagte das Mädchen,

„und auf dich warten. Damit mich niemand erkennt, will ich mich in einen roten Feldstein verwandeln.“

Da ging Roland fort, und das Mädchen stand als ein roter Stein auf dem Feld und wartete auf seinen Liebsten. Als aber Roland heimkam, geriet er in die Fallstricke einer anderen, die es dahin brachte, dass er das Mädchen völlig vergaß.

Das arme Mädchen stand lange Zeit dort. Als er aber endlich gar nicht wiederkehrte, wurde es traurig, verwandelte sich in eine Blume und dachte:

„Es wird ja wohl einer dahergehen und mich umtreten.“

Das Geheimnis des Schäfers

Es trug sich aber zu, dass ein Schäfer auf dem Feld seine Schafe hütete und die Blume sah. Weil sie so schön war, brach er sie ab, nahm sie mit sich und legte sie in seinen Kasten.

Von der Zeit an ging es wunderlich in des Schäfers Hause zu. Wenn er morgens aufstand, war schon alle Arbeit getan: Die Stube war gekehrt, Tisch und Bänke abgeputzt, Feuer auf dem Herd gemacht und Wasser getragen. Und mittags, wenn er heimkam, war der Tisch gedeckt und ein gutes Essen aufgetragen. Er konnte nicht begreifen, wie das zuging, denn er sah niemals einen Menschen in seinem Haus, und es konnte sich auch niemand in der kleinen Hütte versteckt haben.

Die gute Aufwartung gefiel ihm freilich, aber zuletzt wurde ihm doch angst, sodass er zu einer weisen Frau ging und sie um Rat fragte. Die weise Frau sprach:

„Es steckt Zauberei dahinter. Gib einmal morgens in aller Frühe acht, ob sich etwas in der Stube regt. Und wenn du etwas siehst – es mag sein, was es will –, so wirf schnell ein weißes Tuch darüber, dann wird der Zauber gehemmt.“

Der Schäfer tat, wie sie gesagt hatte. Am anderen Morgen, eben als der Tag anbrach, sah er, wie sich der Kasten auftat und die Blume herauskam. Schnell sprang er hinzu und warf ein weißes Tuch darüber. Alsbald war die Verwandlung vorbei, und ein schönes Mädchen stand vor ihm. Es gestand ihm, dass es die Blume gewesen war und seinen Haushalt bisher besorgt hatte.

Das Mädchen erzählte dem Schäfer sein Schicksal. Weil es ihm gefiel, fragte er, ob es ihn heiraten wollte. Aber es antwortete:

„Nein“

, denn es wollte seinem Liebsten Roland, obgleich er es verlassen hatte, dennoch treu bleiben. Es versprach aber, nicht wegzugehen, sondern ihm fernerhin den Haushalt zu führen.

Die Wiederkehr der Liebe

Nun kam die Zeit heran, dass Roland Hochzeit halten sollte. Da wurde nach altem Brauch im Lande bekannt gemacht, dass alle Mädchen sich einfinden und zu Ehren des Brautpaars singen sollten.

Das treue Mädchen, als es davon hörte, wurde so traurig, dass es meinte, das Herz im Leibe würde ihm zerspringen. Es wollte erst nicht hingehen, aber die anderen kamen und holten es herbei. Als die Reihe an das Mädchen kam zu singen, trat es immer wieder zurück, bis es allein noch übrig war. Da konnte es nicht anders.

Wie es aber seinen Gesang anfing und dieser zu Rolands Ohren drang, sprang er auf und rief:

„Die Stimme kenne ich! Das ist die rechte Braut, eine andere begehre ich nicht!“

Alles, was er vergessen hatte und ihm aus dem Sinn verschwunden war, war plötzlich wieder in sein Herz zurückgekehrt.

Da hielt das treue Mädchen Hochzeit mit seinem Liebsten Roland, und damit war sein Leid zu Ende und seine Freude fing an.