Autor: Gebrüder Grimm
Eines Tages saß vor einem ärmlichen Hause ein alter Mann mit seiner Frau, um von der Arbeit ein wenig auszuruhen. Da kam auf einmal ein prächtiger, mit vier Rappen bespannter Wagen herbeigefahren, aus dem ein reich gekleideter Herr stieg.
Der Bauer stand auf, trat zu dem Herrn und fragte, was sein Verlangen wäre und worin er ihm dienen könnte.
Der Fremde reichte dem Alten die Hand und sagte:
Der Bauer lächelte und sagte:
Die Frau ging in die Küche und fing an, Kartoffeln zu waschen und zu reiben, um Klöße daraus zu bereiten, wie sie die Bauern essen.
Während sie bei der Arbeit stand, sagte der Bauer zu dem Fremden:
In dem Garten hatte er Löcher gegraben und wollte jetzt Bäume einsetzen.
, fragte der Fremde,
, antwortete der Bauer.
, setzte er hinzu,
Der Alte nahm ein Bäumchen, setzte es in ein Loch und stieß einen Pfahl daneben. Als er Erde hineingeschaufelt und sie festgestampft hatte, band er den Stamm unten, oben und in der Mitte mit einem Strohseil fest an den Pfahl.
, sprach der Herr,
Der Alte lächelte und sagte:
, sagte der Fremde.
, antwortete der Alte,
, fragte der Fremde.
, antwortete der Bauer,
Als er das gesagt hatte, zog der Fremde den Rock aus, entblößte seine Schulter und zeigte dem Bauer die Bohne.
, rief der Alte,
, und die Liebe zu seinem Kind regte sich in seinem Herzen.
, setzte er hinzu,
, erwiderte der Sohn,
Er führte ihn zu der Mutter. Als sie hörte, dass es ihr Sohn war, weinte sie vor Freude. Als er ihr aber erzählte, dass er ein Meisterdieb geworden wäre, flossen ihr zwei Ströme von Tränen über das Gesicht. Endlich sagte sie:
Die Wette mit dem Grafen
Sie setzten sich an den Tisch, und er aß mit seinen Eltern wieder einmal die einfache Kost, die er lange nicht gegessen hatte.
Der Vater sprach:
Als die Abendzeit sich näherte, setzte sich der Meisterdieb in seinen Wagen und fuhr nach dem Schloss. Der Graf empfing ihn mit Artigkeit, weil er ihn für einen vornehmen Mann hielt. Als aber der Fremde sich zu erkennen gab, erbleichte der Graf und schwieg eine Zeitlang ganz still.
Endlich sprach er:
, antwortete der Meister,
Der Graf sann einige Augenblicke nach, dann sprach er:
Der Raub des Leibpferdes
Der Meister begab sich in die nächste Stadt. Dort kaufte er einer alten Bauersfrau die Kleider ab und zog sie an. Dann färbte er sich das Gesicht braun und malte sich noch Runzeln hinein, sodass ihn kein Mensch wiedererkannt hätte. Endlich füllte er ein Fässchen mit altem Ungarwein, in den ein starker Schlaftrunk gemischt war. Das Fässchen legte er in eine Kötze, die er auf den Rücken nahm, und ging mit bedächtigen, schwankenden Schritten zum Schloss des Grafen.
Es war schon dunkel, als er ankam. Er setzte sich im Hof auf einen Stein, fing an zu husten wie eine alte, brustkranke Frau und rieb die Hände, als wenn er fröre. Vor der Tür des Pferdestalls lagen Soldaten um ein Feuer. Einer von ihnen bemerkte die Frau und rief ihr zu:
Die Alte trippelte herbei, bat sie, ihr die Kötze vom Rücken zu heben, und setzte sich zu ihnen ans Feuer.
, fragte einer.
, antwortete sie.
, sagte der Soldat, und als er ein Glas gekostet hatte, rief er:
, ließ sich nochmals einschenken, und die anderen folgten seinem Beispiel.
, rief einer denen zu, die im Stall saßen,
Die Alte trug ihr Fässchen in den Stall. Einer hatte sich auf das gesattelte Leibpferd gesetzt, ein anderer hielt den Zaum in der Hand, ein dritter hatte den Schwanz gepackt. Sie schenkte ein, so viel verlangt wurde, bis das Fässchen leer war.
Nicht lange, so fiel dem einen der Zaum aus der Hand, er sank nieder und fing an zu schnarchen. Der andere ließ den Schwanz los, legte sich ebenfalls nieder und schnarchte noch lauter. Derjenige, welcher im Sattel saß, blieb zwar sitzen, bog sich aber mit dem Kopf fast bis auf den Hals des Pferdes, schlief fest und atmete schwer wie ein Schmiedebalg. Die Soldaten draußen waren schon längst eingeschlafen, lagen auf der Erde und regten sich nicht, als wären sie aus Stein.
Als der Meisterdieb sah, dass es ihm geglückt war, gab er dem einen statt des Zaums ein Seil in die Hand und dem anderen, der den Schwanz gehalten hatte, einen Strohwisch. Aber was sollte er mit dem tun, der auf dem Rücken des Pferdes saß? Herunterwerfen wollte er ihn nicht, da er hätte erwachen und Geschrei erheben können. Er wusste aber guten Rat: Er schnallte die Sattelgurte auf, knüpfte ein paar Seile, die in Ringen an der Wand hingen, am Sattel fest und zog den schlafenden Reiter mitsamt dem Sattel in die Höhe. Dann schlang er die Seile um den Pfosten und machte sie fest. Das Pferd hatte er bald von der Kette losgebunden. Wenn er aber über das steinerne Pflaster des Hofes geritten wäre, hätte man den Lärm im Schloss gehört. Er umwickelte ihm also zuvor die Hufen mit alten Lappen, führte es dann vorsichtig hinaus, schwang sich auf und jagte davon.
Das Betttuch und der Ehering
Als der Tag angebrochen war, sprengte der Meister auf dem gestohlenen Pferd zum Schloss. Der Graf war eben aufgestanden und blickte aus dem Fenster.
, rief er ihm zu.
Der Graf musste lachen, dann sprach er:
Als die Gräfin abends zu Bett gegangen war, schloss sie die Hand mit dem Trauring fest zu, und der Graf sagte:
Der Meisterdieb aber ging in der Dunkelheit hinaus zum Galgen, schnitt einen armen Sünder, der dort hing, vom Strick ab und trug ihn auf dem Rücken zum Schloss. Dort stellte er eine Leiter an das Schlafgemach, setzte den Toten auf seine Schultern und fing an, hinaufzusteigen.
Als er so hoch gekommen war, dass der Kopf des Toten im Fenster erschien, drückte der Graf, der in seinem Bett lauerte, eine Pistole auf ihn ab. Alsbald ließ der Meister den toten Körper herabfallen, sprang selbst die Leiter hinunter und versteckte sich in einer Ecke.
Die Nacht war vom Mond so weit erhellt, dass der Meister deutlich sehen konnte, wie der Graf aus dem Fenster auf die Leiter stieg, herabkam und den Toten in den Garten trug. Dort fing er an, ein Loch zu graben, in das er ihn legen wollte.
, dachte der Dieb,
, schlich behende aus seinem Winkel und stieg die Leiter hinauf, geradezu ins Schlafgemach der Gräfin.
, fing er mit der Stimme des Grafen an,
Die Gräfin gab ihm das Tuch.
, sagte der Dieb weiter,
Sie wollte dem Grafen nicht entgegen sein, und obgleich sie es ungern tat, zog sie doch den Ring vom Finger und reichte ihn hin. Der Dieb machte sich mit beiden Stücken fort und kam glücklich nach Hause, bevor der Graf im Garten mit seiner Totengräberarbeit fertig war.
Was zog der Graf für ein langes Gesicht, als am anderen Morgen der Meister kam und ihm das Betttuch und den Ring brachte!
, sagte er zu ihm.
, sagte der Dieb,
, und erzählte ausführlich, wie es zugegangen war. Der Graf musste ihm zugestehen, dass er ein gescheiter und listiger Dieb wäre.
, setzte er hinzu.
Der Meister lächelte und gab keine Antwort.
Der Einzug in den Himmel
Als die Nacht eingebrochen war, kam er mit einem langen Sack auf dem Rücken, einem Bündel unter dem Arm und einer Laterne in der Hand zur Dorfkirche gegangen. In dem Sack hatte er Krebse, in dem Bündel kurze Wachslichter.
Er setzte sich auf den Friedhof, holte einen Krebs heraus und klebte ihm ein Wachslichtchen auf den Rücken. Dann zündete er das Lichtchen an, setzte den Krebs auf den Boden und ließ ihn kriechen. Er holte einen zweiten aus dem Sack, machte es mit diesem ebenso und fuhr fort, bis auch der letzte aus dem Sack war.
Hierauf zog er ein langes, schwarzes Gewand an, das wie eine Mönchskutte aussah, und klebte sich einen grauen Bart an das Kinn. Als er schließlich ganz unkenntlich war, nahm er den Sack, in dem die Krebse gewesen waren, ging in die Kirche und stieg auf die Kanzel.
Die Turmuhr schlug eben zwölf. Als der letzte Schlag verklungen war, rief er mit lauter, gellender Stimme:
Das Geschrei erschallte durch das ganze Dorf. Der Pfarrer und der Küster, die am nächsten an der Kirche wohnten, hatten es zuerst vernommen. Als sie die Lichter erblickten, die auf dem Friedhof umherwanderten, merkten sie, dass etwas Ungewöhnliches vorging, und traten in die Kirche ein.
Sie hörten der Predigt eine Weile zu, da stieß der Küster den Pfarrer an und sprach:
, erwiderte der Pfarrer,
, antwortete der Küster,
Der Pfarrer schritt also voran und stieg auf die Kanzel, wo der Meister den Sack öffnete. Der Pfarrer kroch zuerst hinein, dann der Küster. Sogleich band der Meister den Sack fest zu, packte ihn am Bausch und schleifte ihn die Kanzeltreppe hinab.
Sooft die Köpfe der beiden Toren auf die Stufen aufschlugen, rief er:
Dann zog er sie auf gleiche Weise durch das Dorf, und wenn sie durch Pfützen kamen, rief er:
Und als er sie endlich die Schlossgasse hinaufzog, rief er:
Als er oben angelangt war, schob er den Sack in den Taubenschlag, und als die Tauben erschrocken flatterten, sagte er:
Dann schob er den Riegel vor und ging fort.
Die Freiheit des Meisterdiebs
Am anderen Morgen begab er sich zum Grafen und sagte ihm, dass er auch die dritte Aufgabe gelöst und den Pfarrer und den Küster aus der Kirche weggeführt hätte.
, fragte der Herr.
Der Graf stieg selbst hinauf und überzeugte sich, dass der Meisterdieb die Wahrheit gesagt hatte. Als er den Pfarrer und den Küster aus dem Gefängnis befreit hatte, sprach er zum Meister:
Der Erzdieb nahm Abschied von seinen Eltern, ging wieder in die weite Welt, und niemand hat je wieder etwas von ihm gehört.

