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Märchen lesen und erleben

Der König vom goldenen Berg

⏱ Lesedauer: ca. 13 Min.

Ein Kaufmann hatte zwei Kinder, einen Buben und ein Mädchen, die waren beide noch klein und konnten noch nicht laufen. Es gingen aber zwei reich beladene Schiffe von ihm auf dem Meer, in denen sein ganzes Vermögen geladen war. Gerade als er meinte, dadurch viel Geld zu gewinnen, kam die Nachricht, sie wären versunken. Da war er nun statt eines reichen Mannes ein armer Mann und hatte nichts mehr übrig als einen Acker vor der Stadt.

Um sich sein Unglück ein wenig aus den Gedanken zu schlagen, ging er hinaus auf den Acker. Wie er da so auf- und abging, stand auf einmal ein kleines schwarzes Männchen neben ihm und fragte, warum er so traurig wäre und was er sich so sehr zu Herzen nähme.

Da sprach der Kaufmann:

„Wenn du mir helfen könntest, wollte ich es dir wohl sagen.“

„Wer weiß“

, antwortete das schwarze Männchen,

„vielleicht helfe ich dir.“

Da erzählte der Kaufmann, dass ihm sein ganzer Reichtum auf dem Meer zugrunde gegangen wäre und er nichts mehr übrig hätte als diesen Acker.

„Bekümmere dich nicht“

, sagte das Männchen.

„Wenn du mir versprichst, das, was dir zu Hause als Erstes widers Bein stößt, in zwölf Jahren hierher auf den Platz zu bringen, sollst du Geld haben, so viel du willst.“

Der Kaufmann dachte:

„Was kann das anderes sein als mein Hund?“

An seinen kleinen Jungen dachte er nicht. Er sagte Ja, gab dem schwarzen Mann Handschrift und Siegel darüber und ging nach Hause.

Der Pakt mit dem schwarzen Männchen

Als er nach Hause kam, freute sich sein kleiner Junge so sehr über seine Rückkehr, dass er sich an den Bänken hielt, zu ihm herbeiwackelte und ihn an den Beinen festpackte. Da erschrak der Vater, denn es fiel ihm sein Versprechen ein, und er wusste nun, was er verschrieben hatte. Weil er aber immer noch kein Geld in seinen Kisten und Kasten fand, dachte er, es wäre nur ein Spaß von dem Männchen gewesen.

Einen Monat nachher ging er auf den Dachboden und wollte altes Zinn zusammensuchen und verkaufen. Da sah er einen großen Haufen Geld liegen. Nun war er wieder guter Dinge, kaufte ein, wurde ein größerer Kaufmann als vorher und ließ Gott einen guten Mann sein.

Unterdessen wurde der Junge groß, klug und gescheit. Je näher aber die zwölf Jahre herbeikamen, desto sorgvoller wurde der Kaufmann, sodass man ihm die Angst im Gesicht ansehen konnte.

Da fragte ihn der Sohn einmal, was ihm fehlte. Der Vater wollte es erst nicht sagen, aber jener bat so lange, bis er ihm endlich erzählte, er hätte ihn, ohne zu wissen, was er versprach, einem schwarzen Männchen zugesagt und viel Geld dafür bekommen. Er hätte seine Handschrift mit Siegel darüber gegeben, und nun müsste er ihn ausliefern, wenn die zwölf Jahre herum wären.

Da sprach der Sohn:

„O Vater, lasst euch nicht bang sein, das soll schon gut werden. Der Schwarze hat keine Macht über mich.“

Der Abschied und die Fahrt auf dem Wasser

Der Sohn ließ sich von dem Geistlichen segnen, und als die Stunde kam, gingen sie zusammen hinaus auf den Acker. Der Sohn zog einen Kreis und stellte sich mit seinem Vater hinein.

Da kam das schwarze Männchen und sprach zu dem Alten:

„Hast du mitgebracht, was du mir versprochen hast?“

Der Vater schwieg still, aber der Sohn fragte:

„Was willst du hier?“

Da sagte das schwarze Männchen:

„Ich habe mit deinem Vater zu sprechen und nicht mit dir.“

Der Sohn antwortete:

„Du hast meinen Vater betrogen und verführt, gib die Handschrift heraus.“

„Nein“

, sagte das schwarze Männchen,

„mein Recht gebe ich nicht auf.“

Da redeten sie noch lange miteinander. Endlich wurden sie sich einig: Der Sohn, da er weder dem Teufel noch seinem Vater ganz angehörte, sollte sich in ein Schiffchen setzen, das auf einem fließenden Wasser stand. Der Vater sollte es mit seinem eigenen Fuß fortstoßen, und dann sollte der Sohn dem Wasser überlassen bleiben. Da nahm er Abschied von seinem Vater, setzte sich in das Schiffchen, und der Vater stieß es mit dem Fuß fort. Das Schiffchen schlug sofort um, sodass der unterste Teil oben lag und das Verdeck im Wasser war. Der Vater glaubte, sein Sohn wäre ertrunken, ging heim und trauerte tief um ihn.

Die Erlösung der Königstochter

Das Schiffchen aber versank nicht, sondern trieb ruhig fort, und der Jüngling saß sicher darin. So trieb es lange Zeit, bis es endlich an einem unbekannten Ufer festsitzen blieb.

Er stieg an Land, sah ein schönes Schloss vor sich liegen und ging darauf zu. Als er hineintrat, merkte er, dass es verwunschen war. Er ging durch alle Zimmer, aber sie waren vollkommen leer. Als er in die letzte Kammer kam, lag darin eine Schlange, die sich ringelte.

Die Schlange aber war eine verwunschene Jungfrau. Sie freute sich sehr, als sie ihn sah, und sprach zu ihm:

„Kommst du, mein Erlöser? Auf dich habe ich schon zwölf Jahre gewartet. Dieses Reich ist verwünscht, und du musst es erlösen.“

„Wie kann ich das tun?“

, fragte er.

„Heute Nacht kommen zwölf schwarze Männer, die mit Ketten behangen sind. Die werden dich fragen, was du hier machst. Schweig aber still und gib ihnen keine Antwort, und lass sie mit dir machen, was sie wollen. Sie werden dich quälen, schlagen und stechen, aber lass alles geschehen und rede nicht. Um zwölf Uhr müssen sie wieder fort. In der zweiten Nacht werden wieder zwölf andere kommen, und in der dritten vierundzwanzig. Die werden dir sogar den Kopf abhauen. Aber um zwölf Uhr ist ihre Macht vorbei. Wenn du bis dahin ausgehalten und kein Wörtchen gesprochen hast, bin ich erlöst. Ich komme dann zu dir mit einer Flasche, in der das Wasser des Lebens ist. Damit bestreiche ich dich, und du bist wieder lebendig und gesund wie zuvor.“

Da sprach er:

„Gerne will ich dich erlösen.“

Es geschah nun alles so, wie sie es vorausgesagt hatte. Die schwarzen Männer konnten ihm kein Wort abzwingen. In der dritten Nacht wurde die Schlange zu einer wunderschönen Königstochter. Sie kam mit dem Wasser des Lebens und machte ihn wieder lebendig. Dann fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn, und im ganzen Schloss herrschte Jubel und Freude. Ihre Hochzeit wurde gefeiert, und er war nun der König vom goldenen Berge.

Die Heimkehr im Schäferrock

So lebten sie vergnügt zusammen, und die Königin gebar einen schönen Knaben. Als acht Jahre herum waren, dachte er an seinen Vater. Sein Herz wurde schwer, und er wünschte sich, ihn einmal zu besuchen.

Die Königin wollte ihn jedoch nicht fortlassen und sagte:

„Ich weiß genau, dass es mein Unglück sein wird.“

Er ließ ihr aber keine Ruhe, bis sie schließlich einwilligte.

Beim Abschied gab sie ihm einen Wunschring und sprach:

„Nimm diesen Ring und steck ihn an deinen Finger, so wirst du alsbald dahin versetzt, wo du dich hinwünschst. Nur musst du mir versprechen, dass du ihn nicht benutzt, um mich von hier weg zu deinem Vater zu wünschen.“

Er versprach es ihr, steckte den Ring an seinen Finger und wünschte sich vor die Stadt, in der sein Vater lebte. Im selben Augenblick befand er sich dort. Er wollte in die Stadt gehen, aber als er vor das Tor kam, wollten die Schildwachen ihn nicht einlassen, weil er so seltsame, reiche und prächtige Kleider trug.

Da ging er auf einen Berg, auf dem ein Schäfer hütete, tauschte mit ihm die Kleider, zog den alten Schäferrock an und ging so ungestört in die Stadt hinein. Als er zu seinem Vater kam, gab er sich zu erkennen. Der Vater glaubte aber im Leben nicht, dass es sein Sohn wäre. Er sagte, er hätte zwar einen Sohn gehabt, der sei aber längst tot. Doch weil er sah, dass er ein armer, bedürftiger Schäfer war, wollte er ihm einen Teller Essen geben.

Da sprach der Schäfer zu seinen Eltern:

„Ich bin wahrhaftig euer Sohn! Wisst ihr kein Merkmal an meinem Leib, woran ihr mich erkennen könnt?“

„Ja“

, sagte die Mutter,

„unser Sohn hatte eine Himbeere unter dem rechten Arm.“

Er streifte das Hemd zurück, und da sahen sie die Himbeere unter seinem rechten Arm und zweifelten nicht mehr daran, dass es ihr Sohn war.

Darauf erzählte er ihnen, er sei der König vom goldenen Berge, eine Königstochter sei seine Gemahlin und sie hätten einen schönen Sohn von sieben Jahren. Da sprach der Vater:

„Das kann unmöglich wahr sein! Das ist mir ein schöner König, der in einem zerlumpten Schäferrock herumläuft!“

Da wurde der Sohn zornig, vergaß sein Versprechen, drehte den Ring herum und wünschte seine Gemahlin und sein Kind zu sich. Im selben Moment waren sie da. Die Königin aber weinte und klagte, er habe sein Wort gebrochen und sie unglücklich gemacht.

Er sagte:

„Ich habe es unachtsam getan und nicht mit bösem Willen“

, und redete ihr gut zu. Sie stellte sich auch so, als gäbe sie nach, aber sie führte Böses im Schild.

Der Verrat am schlafenden König

Er führte sie hinaus vor die Stadt auf den Acker und zeigte ihr das Wasser, auf dem sein Schiffchen damals abgestoßen worden war. Dann sprach er:

„Ich bin müde, setze dich nieder, ich will ein wenig auf deinem Schoß schlafen.“

Er legte seinen Kopf in ihren Schoß, und sie kraulte ihn ein wenig, bis er einschlief. Als er fest schlief, zog sie leise den Ring von seinem Finger, zog den Schoß unter ihm weg und ließ nur seinen Pantoffel zurück. Hierauf nahm sie ihr Kind in den Arm und wünschte sich wieder zurück in ihr Königreich.

Als er aufwachte, lag er verlassen da. Seine Gemahlin und das Kind waren fort, der Ring ebenfalls von seinem Finger verschwunden, und nur der Pantoffel stand noch als Wahrzeichen da.

„Nach Hause zu deinen Eltern kannst du nicht wieder gehen“

, dachte er.

„Die würden sagen, du wärst ein Hexenmeister. Ich will aufbrechen und so lange wandern, bis ich in mein Königreich komme.“

Die drei Riesen und ihre Schätze

Er ging fort und kam schließlich zu einem Berg, vor dem drei Riesen standen und heftig miteinander stritten. Sie wussten nicht, wie sie das Erbe ihres Vaters teilen sollten.

Als sie ihn vorbeigehen sahen, riefen sie ihn an und sagten, dass kleine Menschen einen klugen Verstand hätten. Er sollte ihnen die Erbschaft gerecht aufteilen.

Die Erbschaft bestand aus drei Dingen: 1. Einem Degen: Wenn man ihn in die Hand nahm und sprach:

„Köpfe alle runter, nur meiner nicht!“

, so lagen alle Köpfe auf der Erde. 2. Einem Mantel: Wer den anzog, war unsichtbar. 3. Einem Paar Stiefeln: Wenn man sie anzog und sich an einen Ort wünschte, so war man im selben Augenblick dort.

Er sagte:

„Gebt mir die drei Stücke, damit ich prüfen kann, ob sie noch in gutem Zustand sind.“

Sie gaben ihm den Mantel. Als er ihn umgehängt hatte, war er unsichtbar und hatte sich in eine Fliege verwandelt. Dann nahm er wieder seine Gestalt an und sprach:

„Der Mantel ist gut. Nun gebt mir das Schwert.“

Sie sagten:

„Nein, das geben wir nicht! Wenn du sprächst: ‚Köpfe alle runter, nur meiner nicht!‘, so wären unsere Köpfe alle ab und du allein hättest den deinen noch.“

Sie gaben es ihm jedoch unter der Bedingung, dass er es an einem Baum ausprobieren sollte. Das tat er, und das Schwert zerschnitt den Stamm eines Baumes wie einen Strohhalm.

Nun wollte er noch die Stiefel haben. Sie sprachen aber:

„Nein, die geben wir nicht weg! Wenn du sie anhättest und dich oben auf den Berg wünschtest, stünden wir hier unten ohne alles da.“

„Nein“

, sprach er,

„das will ich nicht tun.“

Da gaben sie ihm auch die Stiefel. Als er nun alle drei Stücke besaß, dachte er an nichts anderes als an seine Frau und sein Kind und sprach vor sich hin:

„Ach, wäre ich doch auf dem goldenen Berg!“

Alsbald verschwand er vor den Augen der Riesen, und so war ihr Erbe geteilt.

Die Rache auf dem goldenen Berg

Als er sich dem Schloss näherte, hörte er Freudengeschrei, Geigen und Flöten. Die Leute erzählten ihm, seine Gemahlin feiere gerade ihre Hochzeit mit einem anderen.

Da wurde er zornig und sprach:

„Die Falsche! Sie hat mich betrogen und verlassen, als ich eingeschlafen war.“

Er hing seinen Mantel um, ging unsichtbar in das Schloss hinein und betrat den Festsaal. Dort war eine große Tafel mit köstlichen Speisen gedeckt. Die Gäste aßen, tranken, lachten und scherzten. Sie aber saß in der Mitte in prächtigen Kleidern auf einem königlichen Sessel und trug die Krone auf dem Haupt.

Er stellte sich direkt hinter sie, und niemand konnte ihn sehen. Wenn man ihr ein Stück Fleisch auf den Teller legte, nahm er es heimlich weg und aß es auf. Und wenn man ihr ein Glas Wein einschenkte, nahm er es weg und trank es aus. Man gab ihr immer wieder, doch sie hatte niemals etwas auf dem Teller, denn Teller und Glas waren augenblicklich leer.

Da wurde sie bestürzt, schämte sich, stand auf, ging in ihre Kammer und weinte. Er aber ging hinter ihr her.

Sie sprach laut zu sich selbst:

„Ist denn der Teufel über mir, oder kam mein Erlöser nie?“

Da schlug er ihr ins Gesicht und rief:

„Kam dein Erlöser nie? Er ist über dir, du Betrügerin! Habe ich das an dir verdient?“

Er machte sich sichtbar, ging in den Saal und rief laut:

„Die Hochzeit ist aus! Der wahre König ist gekommen!“

Die Könige, Fürsten und Räte, die dort versammelt waren, verlachten und verhöhnten ihn. Er aber machte kurzen Prozess und sprach:

„Wollt ihr freiwillig hinaus oder nicht?“

Da wollten sie ihn ergreifen und drangen auf ihn ein. Er aber zog sein Schwert und sprach:

„Köpfe alle runter, nur meiner nicht!“

Da rollten alle Köpfe zur Erde, und er war wieder der alleinige Herr und König vom goldenen Berge.