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Märchen lesen und erleben

Der Trommler

⏱ Lesedauer: ca. 19 Min.

Eines Abends ging ein junger Trommler ganz allein auf dem Feld und kam an einen See. Da sah er am Ufer drei Stückchen weiße Leinwand liegen.

„Was für feines Leinen“

, sprach er und steckte eines davon in die Tasche. Er ging heim, dachte nicht weiter an seinen Fund und legte sich zu Bett.

Als er eben einschlafen wollte, war es ihm, als nennte jemand seinen Namen. Er horchte und vernahm eine leise Stimme, die ihm zurief:

„Trommler, Trommler, wach auf!“

Er konnte, da es finstere Nacht war, niemanden sehen, aber es kam ihm vor, als schwebte eine Gestalt vor seinem Bett auf und ab.

„Was willst du?“

, fragte er.

„Gib mir mein Hemdchen zurück“

, antwortete die Stimme,

„das du mir gestern Abend am See weggenommen hast.“

„Du sollst es wiederhaben“

, sprach der Trommler,

„wenn du mir sagst, wer du bist.“

„Ach“

, erwiderte die Stimme,

„ich bin die Tochter eines mächtigen Königs, aber ich bin in die Gewalt einer Hexe geraten und auf den Glasberg verbannt. Jeden Tag muss ich mich mit meinen zwei Schwestern im See baden, aber ohne mein Hemdchen kann ich nicht wieder fortfliegen. Meine Schwestern haben sich bereits fortgemacht, ich aber habe zurückbleiben müssen. Ich bitte dich, gib mir mein Hemdchen wieder.“

„Sei ruhig, armes Kind“

, sprach der Trommler,

„ich will es dir gerne zurückgeben.“

Er holte es aus seiner Tasche und reichte es ihr in der Dunkelheit hin. Sie ergriff es hastig und wollte damit fort.

„Weile einen Augenblick“

, sagte er,

„vielleicht kann ich dir helfen.“

„Helfen kannst du mir nur, wenn du auf den Glasberg steigst und mich aus der Gewalt der Hexe befreist. Aber zum Glasberg kommst du nicht; selbst wenn du ganz nahe daran wärst, könntest du nicht hinauf.“

„Was ich will, das kann ich“

, sagte der Trommler.

„Ich habe Mitleid mit dir und fürchte mich vor nichts. Aber ich weiß den Weg nicht, der nach dem Glasberg führt.“

„Der Weg geht durch den großen Wald, in dem die Menschenfresser hausen“

, antwortete sie,

„mehr darf ich dir nicht sagen.“

Darauf hörte er, wie sie fortschwirrte.

Die Riesen im Wald

Bei Anbruch des Tages machte sich der Trommler auf, hängte seine Trommel um und ging ohne Furcht geradezu in den Wald hinein. Als er ein Weilchen gegangen war und keinen Riesen erblickte, dachte er:

„Ich muss die Langschläfer aufwecken“

, hängte die Trommel vor und schlug einen so kräftigen Wirbel, dass die Vögel schreiend aus den Bäumen aufflogen.

Nicht lange, so erhob sich ein Riese, der im Gras gelegen und geschlafen hatte. Er war so groß wie eine Tanne.

„Du Wicht!“

, rief er ihm zu.

„Was trommelst du hier und weckst mich aus dem besten Schlaf?“

„Ich trommle“

, antwortete er,

„weil viele Tausende hinter mir herkommen, damit sie den Weg wissen.“

„Was wollen die hier in meinem Wald?“

, fragte der Riese.

„Sie wollen dir den Garaus machen und den Wald von einem Ungetüm wie dir säubern.“

„Oho“

, sagte der Riese,

„ich trete euch wie Ameisen tot.“

„Meinst du, du könntest gegen sie etwas ausrichten?“

, sprach der Trommler.

„Wenn du dich bückst, um einen zu packen, springt er fort und versteckt sich. Wenn du dich aber niederlegst und schläfst, kommen sie aus allen Gebüschen herbei und kriechen an dir hinauf. Jeder hat einen Hammer aus Stahl am Gürtel stecken, damit schlagen sie dir den Schädel ein.“

Der Riese wurde verdrießlich und dachte:

„Wenn ich mich mit dem listigen Volk befasse, könnte das zu meinem Schaden ausschlagen. Wölfen und Bären drücke ich die Gurgel zusammen, aber vor den Erdwürmern kann ich mich nicht schützen.“

„Hör, kleiner Kerl“

, sprach er,

„zieh wieder ab! Ich verspreche dir, dass ich dich und deine Gesellen in Zukunft in Ruhe lassen will. Und wenn du noch einen Wunsch hast, so sag es mir, ich will dir wohl etwas Gefälliges tun.“

„Du hast lange Beine“

, sprach der Trommler,

„und kannst schneller laufen als ich. Trag mich zum Glasberg, so will ich den Meinigen das Zeichen zum Rückzug geben, und sie sollen dich diesmal in Ruhe lassen.“

„Komm her, Wurm“

, sprach der Riese,

„setz dich auf meine Schulter, ich will dich tragen, wohin du verlangst.“

Der Riese hob ihn hinauf, und der Trommler fing oben an, nach Herzenslust auf der Trommel zu wirbeln. Der Riese dachte, das sei das Zeichen, dass das andere Volk umkehren solle.

Nach einer Weile stand ein zweiter Riese am Weg. Der nahm den Trommler dem ersten ab und steckte ihn in sein Knopfloch. Der Trommler fasste den Knopf, der so groß wie eine Schüssel war, hielt sich daran fest und schaute ganz lustig umher.

Dann kamen sie zu einem dritten. Der nahm ihn aus dem Knopfloch und setzte ihn auf den Rand seines Hutes. Da ging der Trommler oben auf dem Hut auf und ab, blickte über die Bäume hinaus und sah in weiter, blauer Ferne einen Berg.

„Das ist gewiss der Glasberg“

, dachte er, und er war es auch. Der Riese tat nur noch ein paar Schritte, da waren sie am Fuß des Berges angelangt, wo er den Trommler absetzte. Der Trommler bat, er sollte ihn auch auf die Spitze des Berges tragen, aber der Riese schüttelte den Kopf, brummte etwas in seinen Bart und ging in den Wald zurück.

Auf dem Gipfel des Glasbergs

Nun stand der arme Trommler vor dem Berg, der so hoch war, als wären drei Berge aufeinandergesetzt, und dabei so glatt wie ein Spiegel. Er wusste keinen Rat, wie er hinaufkommen sollte. Er fing an zu klettern, aber vergebens; er rutschte immer wieder herab.

„Wer jetzt ein Vogel wäre!“

, dachte er, aber was half das Wünschen; es wuchsen ihm keine Flügel.

Während er so dastand und sich nicht zu helfen wusste, erblickte er zwei Männer, die heftig miteinander stritten. Er ging auf sie zu und sah, dass sie sich um einen Sattel stritten, der vor ihnen auf der Erde lag.

„Was seid ihr für Narren“

, sprach er,

„zankt euch um einen Sattel und habt kein Pferd dazu!“

„Der Sattel ist es wert, dass man darum streitet“

, antwortete der eine.

„Wer darauf sitzt und sich irgendwohin wünscht – und wäre es am Ende der Welt –, der ist im selben Augenblick dort angelangt, sobald er den Wunsch ausgesprochen hat. Der Sattel gehört uns gemeinsam; die Reihe, darauf zu reiten, ist an mir, aber der andere will es nicht zulassen.“

„Den Streit will ich schnell schlichten“

, sagte der Trommler. Er ging eine Strecke weit und steckte einen weißen Stab in die Erde. Dann kam er zurück und sprach:

„Jetzt lauft nach dem Ziel! Wer zuerst dort ist, der reitet zuerst.“

Beide liefen los. Kaum waren sie ein paar Schritte weg, schwang sich der Trommler auf den Sattel, wünschte sich auf den Glasberg, und ehe man sich versah, war er dort.

Auf dem Berg oben war eine weite Ebene. Da stand ein altes, steinernes Haus, davor lag ein großer Fischteich, und dahinter erstreckte sich ein finsterer Wald. Menschen und Tiere sah er nicht, es war alles still; nur der Wind raschelte in den Bäumen, und die Wolken zogen ganz nah über seinem Kopf hinweg. Er ging an die Tür und klopfte an.

Die unlösbaren Aufgaben der Hexe

Als er zum dritten Mal geklopft hatte, öffnete eine Alte mit braunem Gesicht und roten Augen die Tür. Sie hatte eine Brille auf ihrer langen Nase und sah ihn scharf an. Dann fragte sie, was sein Begehren sei.

„Einlass, Kost und Nachtlager“

, antwortete der Trommler.

„Das sollst du haben“

, sagte die Alte,

„wenn du dafür drei Arbeiten verrichten willst.“

„Warum nicht?“

, antwortete er.

„Ich scheue keine Arbeit, und wenn sie noch so schwer ist.“

Die Alte ließ ihn ein, gab ihm zu essen und abends ein gutes Bett.

Am Morgen, als er ausgeschlafen hatte, nahm die Alte einen Fingerhut von ihrem dürren Finger, reichte ihn dem Trommler und sagte:

„Jetzt geh an die Arbeit und schöpfe den Teich draußen mit diesem Fingerhut aus. Ehe es Nacht wird, musst du fertig sein, und alle Fische, die im Wasser sind, müssen nach ihrer Art und Größe sortiert nebeneinandergelegt sein.“

„Das ist eine seltsame Arbeit“

, sagte der Trommler, ging aber zum Teich und fing an zu schöpfen. Er schöpfte den ganzen Morgen, aber was kann man mit einem Fingerhut bei einem großen Gewässer ausrichten, selbst wenn man tausend Jahre schöpft? Als es Mittag war, dachte er:

„Es ist alles umsonst, und es ist einerlei, ob ich arbeite oder nicht.“

Er hielt inne und setzte sich nieder.

Da kam ein Mädchen aus dem Haus gegangen, stellte ihm ein Körbchen mit Essen hin und sprach:

„Du sitzt da so traurig, was fehlt dir?“

Er blickte es an und sah, dass es wunderschön war.

„Ach“

, sagte er,

„ich kann die erste Arbeit nicht vollbringen, wie soll es da mit den anderen werden? Ich bin ausgezogen, um eine Königstochter zu suchen, die hier wohnen soll, aber ich habe sie nicht gefunden. Ich will weitergehen.“

„Bleib hier“

, sagte das Mädchen,

„ich will dir aus deiner Not helfen. Du bist müde, lege deinen Kopf in meinen Schoß und schlaf. Wenn du wieder aufwachst, ist die Arbeit getan.“

Der Trommler ließ sich das nicht zweimal sagen. Sobald ihm die Augen zufielen, drehte sie ihren Wunschring und sprach:

„Wasser herauf, Fische heraus!“

Alsbald stieg das Wasser wie ein weißer Nebel in die Höhe und zog mit den Wolken fort. Die Fische schnalzten, sprangen ans Ufer und legten sich nebeneinander, jeder nach seiner Größe und Art. Als der Trommler erwachte, sah er mit Erstaunen, dass alles vollbracht war.

Das Mädchen aber sprach:

„Einer der Fische liegt nicht bei seinesgleichen, sondern ganz allein. Wenn die Alte heute Abend kommt und sieht, dass alles getan ist, was sie verlangt hat, wird sie fragen: ‚Was soll dieser Fisch allein?‘ Dann wirf ihr den Fisch ins Gesicht und sprich: ‚Der soll für dich sein, alte Hexe!‘“

Abends kam die Alte, und als sie die Frage gestellt hatte, warf er ihr den Fisch ins Gesicht. Sie tat, als merkte sie es nicht, und schwieg still, blickte ihn aber mit boshaften Augen an.

Am anderen Morgen sprach sie:

„Gestern hast du es zu leicht gehabt, ich muss dir schwerere Arbeit geben. Heute musst du den ganzen Wald umhauen, das Holz in Scheite spalten und in Klaftern aufschichten. Am Abend muss alles fertig sein.“

Sie gab ihm eine Axt, einen Schläger und zwei Keile. Aber die Axt war aus Blei, der Schläger und die Keile waren aus Blech.

Als er anfing zu hauen, bog sich die Axt um, und Schläger und Keile drückten sich platt. Er wusste sich nicht zu helfen. Mittags kam das Mädchen wieder mit dem Essen und tröstete ihn.

„Lege deinen Kopf in meinen Schoß“

, sagte sie,

„und schlaf. Wenn du aufwachst, ist die Arbeit getan.“

Sie drehte ihren Wunschring, und im selben Augenblick sank der ganze Wald mit Krachen zusammen. Das Holz spaltete sich von selbst und schichtete sich in Klaftern auf; es war, als ob unsichtbare Riesen die Arbeit vollbrächten.

Als er aufwachte, sagte das Mädchen:

„Siehst du, das Holz ist gespalten und aufgeschichtet. Nur ein einziger Ast ist übrig. Wenn die Alte heute Abend kommt und fragt, was der Ast solle, so gib ihr damit einen Schlag und sprich: ‚Der soll für dich sein, du Hexe!‘“

Die Alte kam.

„Siehst du“

, sprach sie,

„wie leicht die Arbeit war! Aber für wen liegt der Ast noch da?“

„Für dich, du Hexe!“

, antwortete er und gab ihr einen Schlag damit. Sie tat jedoch, als fühlte sie es nicht, lachte höhnisch und sprach:

„Morgen früh sollst du all das Holz auf einen Haufen legen, es anzünden und verbrennen.“

Er stand mit Anbruch des Tages auf und fing an, das Holz herbeizuholen. Aber wie kann ein einzelner Mensch einen ganzen Wald zusammentragen? Die Arbeit schritt nicht voran. Doch das Mädchen verließ ihn auch diesmal nicht in der Not. Es brachte ihm mittags Speise, und als er gegessen hatte, legte er seinen Kopf in ihren Schoß und schlief ein.

Bei seinem Erwachen brannte der ganze Holzstoß in einer ungeheuren Flamme, die ihre Zungen bis in den Himmel ausstreckte.

„Hör mich an“

, sprach das Mädchen.

„Wenn die Hexe kommt, wird sie dir allerlei auftragen. Tust du ohne Furcht, was sie verlangt, so kann sie dir nichts anhaben. Fürchtest du dich aber, packt dich das Feuer und verzehrt dich. Zuletzt, wenn du alles getan hast, packe sie mit beiden Händen und wirf sie mitten in die Glut.“

Das Mädchen ging fort, und die Alte kam herangeschlichen.

„Hu, mich friert!“

, sagte sie.

„Aber das ist ein Feuer, das brennt! Das wärmt mir die alten Knochen, da wird mir wohl. Aber dort liegt ein Klotz, der will nicht brennen, den hol mir heraus. Hast du das noch getan, bist du frei und kannst ziehen, wohin du willst. Nur munter hinein!“

Der Trommler besann sich nicht lange, sprang mitten in die Flammen, aber sie taten ihm nichts; nicht einmal die Haare sengten sie ihm an. Er trug den Klotz heraus und legte ihn hin.

Kaum aber hatte das Holz die Erde berührt, verwandelte es sich, und das schöne Mädchen stand vor ihm, das ihm in der Not geholfen hatte. An den seidenen, goldglänzenden Kleidern, die es trug, erkannte er wohl, dass es die Königstochter war.

Die Alte aber lachte giftig und sprach:

„Du glaubst, du hättest sie, aber du hast sie noch nicht!“

Gerade wollte sie auf das Mädchen losgehen und es fortziehen, da packte er die Alte mit beiden Händen, hob sie in die Höhe und warf sie mitten in den Rachen der Flammen. Diese schlugen über ihr zusammen, als freuten sie sich, eine Hexe zu verzehren.

Die Flucht und der Kuss des Vergessens

Die Königstochter blickte den Trommler an. Als sie sah, dass er ein schöner Jüngling war, und bedachte, dass er sein Leben gewagt hatte, um sie zu erlösen, reichte sie ihm die Hand und sprach:

„Du hast alles für mich gewagt, nun will ich auch alles für dich tun. Versprichst du mir deine Treue, so sollst du mein Gemahl werden. An Reichtümern fehlt es uns nicht; wir haben genug von dem, was die Hexe hier zusammengetragen hat.“

Sie führte ihn in das Haus. Da standen Kisten und Kasten, die mit Schätzen angefüllt waren. Sie ließen Gold und Silber liegen und nahmen nur die Edelsteine. Da sie nicht länger auf dem Glasberg bleiben wollte, sprach er zu ihr:

„Setze dich zu mir auf meinen Sattel, so fliegen wir hinab wie die Vögel.“

„Der alte Sattel gefällt mir nicht“

, sagte sie.

„Ich brauche nur an meinem Wunschring zu drehen, so sind wir zu Hause.“

„Wohlan“

, antwortete der Trommler,

„so wünsche uns vor das Stadttor.“

Im Nu waren sie dort. Der Trommler aber sprach:

„Ich will erst zu meinen Eltern gehen und ihnen Nachricht geben. Warte hier auf dem Feld auf mich, ich werde bald zurück sein.“

„Ach“

, sagte die Königstochter,

„ich bitte dich, nimm dich in Acht! Küsse deine Eltern bei deiner Ankunft nicht auf die rechte Wange, denn sonst wirst du alles vergessen, und ich bleibe hier allein und verlassen auf dem Feld zurück.“

„Wie könnte ich dich vergessen?“

, sagte er und gelobte ihr feierlich, recht bald wiederzukommen.

Als er in sein väterliches Haus trat, wusste niemand, wer er war, so sehr hatte er sich verändert. Denn die drei Tage, die er auf dem Glasberg verbracht hatte, waren in Wahrheit drei lange Jahre gewesen. Er gab sich zu erkennen, und seine Eltern fielen ihm vor Freude um den Hals. Er war in seinem Herzen so bewegt, dass er sie auf beide Wangen küsste und an die Warnung des Mädchens nicht mehr dachte.

Als er ihnen den Kuss auf die rechte Wange gegeben hatte, verschwand im selben Moment jeder Gedanke an die Königstochter. Er leerte seine Taschen aus und legte Hände voll der größten Edelsteine auf den Tisch. Die Eltern wussten gar nicht, was sie mit dem Reichtum anfangen sollten. Da baute der Vater ein prächtiges Schloss, das von Gärten, Wäldern und Wiesen umgeben war, als sollte ein Fürst darin wohnen.

Als es fertig war, sagte die Mutter:

„Ich habe ein Mädchen für dich ausgesucht, in drei Tagen soll die Hochzeit sein.“

Der Sohn war mit allem einverstanden, was die Eltern beschlossen.

Die drei Kleider und die Erinnerung

Die arme Königstochter hatte lange vor der Stadt gestanden und auf die Rückkehr des Jünglings gewartet. Als es Abend wurde, sprach sie traurig:

„Gewiss hat er seine Eltern auf die rechte Wange geküsst und mich vergessen.“

Ihr Herz war voll Trauer. Sie wünschte sich in ein einsames Waldhäuschen und wollte nicht an den Hof ihres Vaters zurückkehren. Jeden Abend ging sie in die Stadt und lief an seinem Haus vorüber. Er sah sie manchmal, aber er erkannte sie nicht mehr. Endlich hörte sie, wie die Leute sagten:

„Morgen wird seine Hochzeit gefeiert.“

Da sprach sie:

„Ich will versuchen, ob ich sein Herz wieder gewinnen kann.“

Als der erste Hochzeitstag gefeiert wurde, drehte sie ihren Wunschring und sprach:

„Ein Kleid, so glänzend wie die Sonne!“

Alsbald lag das Kleid vor ihr, und es war so strahlend, als wäre es aus lauter Sonnenstrahlen gewebt.

Als alle Gäste sich versammelt hatten, trat sie in den Festsaal. Jedermann wunderte sich über das schöne Kleid, am meisten die Braut. Da schöne Kleider ihre größte Leidenschaft waren, ging sie zu der Fremden und fragte, ob sie es ihr verkaufen wolle.

„Für Geld nicht“

, antwortete diese,

„aber wenn ich die erste Nacht vor der Tür wachen darf, wo der Bräutigam schläft, will ich es abgeben.“

Die Braut konnte ihr Verlangen nicht bezwingen und willigte ein. Sie mischte dem Bräutigam jedoch einen Schlaftrunk in seinen Nachtwein, wovon er in einen tiefen Schlaf fiel.

Als nun alles still geworden war, kauerte sich die Königstochter vor die Tür der Schlafkammer, öffnete sie ein wenig und rief hinein:

>

„Trommler, Trommler, hör mich an, > hast du mich denn ganz vergessen? > Hast du auf dem Glasberg nicht bei mir gesessen? > Habe ich vor der Hexe nicht bewahrt dein Leben? > Hast du mir auf Treue nicht die Hand gegeben? > Trommler, Trommler, hör mich an.“

Aber es war alles vergeblich. Der Trommler wachte nicht auf, und als der Morgen anbrach, musste die Königstochter unverrichteter Dinge wieder fortgehen.

Am zweiten Abend drehte sie ihren Wunschring und sprach:

„Ein Kleid, so silbern wie der Mond!“

Als sie mit dem Kleid, das so zart war wie der Mondschein, bei dem Fest erschien, erregte sie wieder das Begehren der Braut. Sie gab es ihr für die Erlaubnis, auch die zweite Nacht vor der Tür der Schlafkammer verbringen zu dürfen.

Da rief sie in nächtlicher Stille:

>

„Trommler, Trommler, hör mich an, > hast du mich denn ganz vergessen? > Hast du auf dem Glasberg nicht bei mir gesessen? > Habe ich vor der Hexe nicht bewahrt dein Leben? > Hast du mir auf Treue nicht die Hand gegeben? > Trommler, Trommler, hör mich an.“

Aber der Trommler, vom Schlaftrunk betäubt, war nicht zu erwecken. Traurig ging sie am Morgen wieder zurück in ihr Waldhaus.

Die Leute im Haus hatten jedoch die Klage des fremden Mädchens gehört und erzählten dem Bräutigam davon. Sie sagten ihm auch, dass es ihm gar nicht möglich gewesen wäre, etwas davon zu hören, da man ihm einen Schlaftrunk in den Wein geschüttet habe.

Am dritten Abend drehte die Königstochter den Wunschring und sprach:

„Ein Kleid, flimmernd wie die Sterne!“

Als sie sich darin auf dem Fest zeigte, war die Braut über die Pracht des Kleides völlig außer sich und sprach:

„Ich muss es unbedingt haben!“

Das Mädchen gab es ihr, wie die anderen, für die Erlaubnis, die Nacht vor der Tür des Bräutigams zu verbringen. Der Bräutigam aber trank den Wein diesmal nicht, der ihm vor dem Schlafengehen gereicht wurde, sondern goss ihn heimlich hinter das Bett. Als alles im Haus still geworden war, hörte er eine sanfte Stimme, die ihn rief:

>

„Trommler, Trommler, hör mich an, > hast du mich denn ganz vergessen? > Hast du auf dem Glasberg nicht bei mir gesessen? > Habe ich vor der Hexe nicht bewahrt dein Leben? > Hast du mir auf Treue nicht die Hand gegeben? > Trommler, Trommler, hör mich an.“

Plötzlich kehrte sein Gedächtnis zurück.

„Ach!“

, rief er.

„Wie habe ich so treulos handeln können! Der Kuss, den ich meinen Eltern in der Freude meines Herzens auf die rechte Wange gegeben habe, der ist schuld daran; der hat mich betäubt.“

Er sprang auf, nahm die Königstochter bei der Hand und führte sie zum Bett seiner Eltern.

„Das ist meine wahre Braut“

, sprach er.

„Wenn ich die andere heirate, tue ich großes Unrecht.“

Als die Eltern hörten, wie alles sich zugetragen hatte, willigten sie ein. Da wurden die Lichter im Saal wieder angezündet, Pauken und Trompeten herbeigeholt und alle Freunde und Verwandten erneut eingeladen. Die wahre Hochzeit wurde mit großer Freude gefeiert. Die erste Braut behielt die schönen Kleider als Entschädigung und gab sich zufrieden.