Autor: Gebrüder Grimm
Eines Abends ging ein junger Trommler ganz allein auf dem Feld und kam an einen See. Da sah er am Ufer drei Stückchen weiße Leinwand liegen.
, sprach er und steckte eines davon in die Tasche. Er ging heim, dachte nicht weiter an seinen Fund und legte sich zu Bett.
Als er eben einschlafen wollte, war es ihm, als nennte jemand seinen Namen. Er horchte und vernahm eine leise Stimme, die ihm zurief:
Er konnte, da es finstere Nacht war, niemanden sehen, aber es kam ihm vor, als schwebte eine Gestalt vor seinem Bett auf und ab.
, fragte er.
, antwortete die Stimme,
, sprach der Trommler,
, erwiderte die Stimme,
, sprach der Trommler,
Er holte es aus seiner Tasche und reichte es ihr in der Dunkelheit hin. Sie ergriff es hastig und wollte damit fort.
, sagte er,
, sagte der Trommler.
, antwortete sie,
Darauf hörte er, wie sie fortschwirrte.
Die Riesen im Wald
Bei Anbruch des Tages machte sich der Trommler auf, hängte seine Trommel um und ging ohne Furcht geradezu in den Wald hinein. Als er ein Weilchen gegangen war und keinen Riesen erblickte, dachte er:
, hängte die Trommel vor und schlug einen so kräftigen Wirbel, dass die Vögel schreiend aus den Bäumen aufflogen.
Nicht lange, so erhob sich ein Riese, der im Gras gelegen und geschlafen hatte. Er war so groß wie eine Tanne.
, rief er ihm zu.
, antwortete er,
, fragte der Riese.
, sagte der Riese,
, sprach der Trommler.
Der Riese wurde verdrießlich und dachte:
, sprach er,
, sprach der Trommler,
, sprach der Riese,
Der Riese hob ihn hinauf, und der Trommler fing oben an, nach Herzenslust auf der Trommel zu wirbeln. Der Riese dachte, das sei das Zeichen, dass das andere Volk umkehren solle.
Nach einer Weile stand ein zweiter Riese am Weg. Der nahm den Trommler dem ersten ab und steckte ihn in sein Knopfloch. Der Trommler fasste den Knopf, der so groß wie eine Schüssel war, hielt sich daran fest und schaute ganz lustig umher.
Dann kamen sie zu einem dritten. Der nahm ihn aus dem Knopfloch und setzte ihn auf den Rand seines Hutes. Da ging der Trommler oben auf dem Hut auf und ab, blickte über die Bäume hinaus und sah in weiter, blauer Ferne einen Berg.
, dachte er, und er war es auch. Der Riese tat nur noch ein paar Schritte, da waren sie am Fuß des Berges angelangt, wo er den Trommler absetzte. Der Trommler bat, er sollte ihn auch auf die Spitze des Berges tragen, aber der Riese schüttelte den Kopf, brummte etwas in seinen Bart und ging in den Wald zurück.
Auf dem Gipfel des Glasbergs
Nun stand der arme Trommler vor dem Berg, der so hoch war, als wären drei Berge aufeinandergesetzt, und dabei so glatt wie ein Spiegel. Er wusste keinen Rat, wie er hinaufkommen sollte. Er fing an zu klettern, aber vergebens; er rutschte immer wieder herab.
, dachte er, aber was half das Wünschen; es wuchsen ihm keine Flügel.
Während er so dastand und sich nicht zu helfen wusste, erblickte er zwei Männer, die heftig miteinander stritten. Er ging auf sie zu und sah, dass sie sich um einen Sattel stritten, der vor ihnen auf der Erde lag.
, sprach er,
, antwortete der eine.
, sagte der Trommler. Er ging eine Strecke weit und steckte einen weißen Stab in die Erde. Dann kam er zurück und sprach:
Beide liefen los. Kaum waren sie ein paar Schritte weg, schwang sich der Trommler auf den Sattel, wünschte sich auf den Glasberg, und ehe man sich versah, war er dort.
Auf dem Berg oben war eine weite Ebene. Da stand ein altes, steinernes Haus, davor lag ein großer Fischteich, und dahinter erstreckte sich ein finsterer Wald. Menschen und Tiere sah er nicht, es war alles still; nur der Wind raschelte in den Bäumen, und die Wolken zogen ganz nah über seinem Kopf hinweg. Er ging an die Tür und klopfte an.
Die unlösbaren Aufgaben der Hexe
Als er zum dritten Mal geklopft hatte, öffnete eine Alte mit braunem Gesicht und roten Augen die Tür. Sie hatte eine Brille auf ihrer langen Nase und sah ihn scharf an. Dann fragte sie, was sein Begehren sei.
, antwortete der Trommler.
, sagte die Alte,
, antwortete er.
Die Alte ließ ihn ein, gab ihm zu essen und abends ein gutes Bett.
Am Morgen, als er ausgeschlafen hatte, nahm die Alte einen Fingerhut von ihrem dürren Finger, reichte ihn dem Trommler und sagte:
, sagte der Trommler, ging aber zum Teich und fing an zu schöpfen. Er schöpfte den ganzen Morgen, aber was kann man mit einem Fingerhut bei einem großen Gewässer ausrichten, selbst wenn man tausend Jahre schöpft? Als es Mittag war, dachte er:
Er hielt inne und setzte sich nieder.
Da kam ein Mädchen aus dem Haus gegangen, stellte ihm ein Körbchen mit Essen hin und sprach:
Er blickte es an und sah, dass es wunderschön war.
, sagte er,
, sagte das Mädchen,
Der Trommler ließ sich das nicht zweimal sagen. Sobald ihm die Augen zufielen, drehte sie ihren Wunschring und sprach:
Alsbald stieg das Wasser wie ein weißer Nebel in die Höhe und zog mit den Wolken fort. Die Fische schnalzten, sprangen ans Ufer und legten sich nebeneinander, jeder nach seiner Größe und Art. Als der Trommler erwachte, sah er mit Erstaunen, dass alles vollbracht war.
Das Mädchen aber sprach:
Abends kam die Alte, und als sie die Frage gestellt hatte, warf er ihr den Fisch ins Gesicht. Sie tat, als merkte sie es nicht, und schwieg still, blickte ihn aber mit boshaften Augen an.
Am anderen Morgen sprach sie:
Sie gab ihm eine Axt, einen Schläger und zwei Keile. Aber die Axt war aus Blei, der Schläger und die Keile waren aus Blech.
Als er anfing zu hauen, bog sich die Axt um, und Schläger und Keile drückten sich platt. Er wusste sich nicht zu helfen. Mittags kam das Mädchen wieder mit dem Essen und tröstete ihn.
, sagte sie,
Sie drehte ihren Wunschring, und im selben Augenblick sank der ganze Wald mit Krachen zusammen. Das Holz spaltete sich von selbst und schichtete sich in Klaftern auf; es war, als ob unsichtbare Riesen die Arbeit vollbrächten.
Als er aufwachte, sagte das Mädchen:
Die Alte kam.
, sprach sie,
, antwortete er und gab ihr einen Schlag damit. Sie tat jedoch, als fühlte sie es nicht, lachte höhnisch und sprach:
Er stand mit Anbruch des Tages auf und fing an, das Holz herbeizuholen. Aber wie kann ein einzelner Mensch einen ganzen Wald zusammentragen? Die Arbeit schritt nicht voran. Doch das Mädchen verließ ihn auch diesmal nicht in der Not. Es brachte ihm mittags Speise, und als er gegessen hatte, legte er seinen Kopf in ihren Schoß und schlief ein.
Bei seinem Erwachen brannte der ganze Holzstoß in einer ungeheuren Flamme, die ihre Zungen bis in den Himmel ausstreckte.
, sprach das Mädchen.
Das Mädchen ging fort, und die Alte kam herangeschlichen.
, sagte sie.
Der Trommler besann sich nicht lange, sprang mitten in die Flammen, aber sie taten ihm nichts; nicht einmal die Haare sengten sie ihm an. Er trug den Klotz heraus und legte ihn hin.
Kaum aber hatte das Holz die Erde berührt, verwandelte es sich, und das schöne Mädchen stand vor ihm, das ihm in der Not geholfen hatte. An den seidenen, goldglänzenden Kleidern, die es trug, erkannte er wohl, dass es die Königstochter war.
Die Alte aber lachte giftig und sprach:
Gerade wollte sie auf das Mädchen losgehen und es fortziehen, da packte er die Alte mit beiden Händen, hob sie in die Höhe und warf sie mitten in den Rachen der Flammen. Diese schlugen über ihr zusammen, als freuten sie sich, eine Hexe zu verzehren.
Die Flucht und der Kuss des Vergessens
Die Königstochter blickte den Trommler an. Als sie sah, dass er ein schöner Jüngling war, und bedachte, dass er sein Leben gewagt hatte, um sie zu erlösen, reichte sie ihm die Hand und sprach:
Sie führte ihn in das Haus. Da standen Kisten und Kasten, die mit Schätzen angefüllt waren. Sie ließen Gold und Silber liegen und nahmen nur die Edelsteine. Da sie nicht länger auf dem Glasberg bleiben wollte, sprach er zu ihr:
, sagte sie.
, antwortete der Trommler,
Im Nu waren sie dort. Der Trommler aber sprach:
, sagte die Königstochter,
, sagte er und gelobte ihr feierlich, recht bald wiederzukommen.
Als er in sein väterliches Haus trat, wusste niemand, wer er war, so sehr hatte er sich verändert. Denn die drei Tage, die er auf dem Glasberg verbracht hatte, waren in Wahrheit drei lange Jahre gewesen. Er gab sich zu erkennen, und seine Eltern fielen ihm vor Freude um den Hals. Er war in seinem Herzen so bewegt, dass er sie auf beide Wangen küsste und an die Warnung des Mädchens nicht mehr dachte.
Als er ihnen den Kuss auf die rechte Wange gegeben hatte, verschwand im selben Moment jeder Gedanke an die Königstochter. Er leerte seine Taschen aus und legte Hände voll der größten Edelsteine auf den Tisch. Die Eltern wussten gar nicht, was sie mit dem Reichtum anfangen sollten. Da baute der Vater ein prächtiges Schloss, das von Gärten, Wäldern und Wiesen umgeben war, als sollte ein Fürst darin wohnen.
Als es fertig war, sagte die Mutter:
Der Sohn war mit allem einverstanden, was die Eltern beschlossen.
Die drei Kleider und die Erinnerung
Die arme Königstochter hatte lange vor der Stadt gestanden und auf die Rückkehr des Jünglings gewartet. Als es Abend wurde, sprach sie traurig:
Ihr Herz war voll Trauer. Sie wünschte sich in ein einsames Waldhäuschen und wollte nicht an den Hof ihres Vaters zurückkehren. Jeden Abend ging sie in die Stadt und lief an seinem Haus vorüber. Er sah sie manchmal, aber er erkannte sie nicht mehr. Endlich hörte sie, wie die Leute sagten:
Da sprach sie:
Als der erste Hochzeitstag gefeiert wurde, drehte sie ihren Wunschring und sprach:
Alsbald lag das Kleid vor ihr, und es war so strahlend, als wäre es aus lauter Sonnenstrahlen gewebt.
Als alle Gäste sich versammelt hatten, trat sie in den Festsaal. Jedermann wunderte sich über das schöne Kleid, am meisten die Braut. Da schöne Kleider ihre größte Leidenschaft waren, ging sie zu der Fremden und fragte, ob sie es ihr verkaufen wolle.
, antwortete diese,
Die Braut konnte ihr Verlangen nicht bezwingen und willigte ein. Sie mischte dem Bräutigam jedoch einen Schlaftrunk in seinen Nachtwein, wovon er in einen tiefen Schlaf fiel.
Als nun alles still geworden war, kauerte sich die Königstochter vor die Tür der Schlafkammer, öffnete sie ein wenig und rief hinein:
>
Aber es war alles vergeblich. Der Trommler wachte nicht auf, und als der Morgen anbrach, musste die Königstochter unverrichteter Dinge wieder fortgehen.
Am zweiten Abend drehte sie ihren Wunschring und sprach:
Als sie mit dem Kleid, das so zart war wie der Mondschein, bei dem Fest erschien, erregte sie wieder das Begehren der Braut. Sie gab es ihr für die Erlaubnis, auch die zweite Nacht vor der Tür der Schlafkammer verbringen zu dürfen.
Da rief sie in nächtlicher Stille:
>
Aber der Trommler, vom Schlaftrunk betäubt, war nicht zu erwecken. Traurig ging sie am Morgen wieder zurück in ihr Waldhaus.
Die Leute im Haus hatten jedoch die Klage des fremden Mädchens gehört und erzählten dem Bräutigam davon. Sie sagten ihm auch, dass es ihm gar nicht möglich gewesen wäre, etwas davon zu hören, da man ihm einen Schlaftrunk in den Wein geschüttet habe.
Am dritten Abend drehte die Königstochter den Wunschring und sprach:
Als sie sich darin auf dem Fest zeigte, war die Braut über die Pracht des Kleides völlig außer sich und sprach:
Das Mädchen gab es ihr, wie die anderen, für die Erlaubnis, die Nacht vor der Tür des Bräutigams zu verbringen. Der Bräutigam aber trank den Wein diesmal nicht, der ihm vor dem Schlafengehen gereicht wurde, sondern goss ihn heimlich hinter das Bett. Als alles im Haus still geworden war, hörte er eine sanfte Stimme, die ihn rief:
>
Plötzlich kehrte sein Gedächtnis zurück.
, rief er.
Er sprang auf, nahm die Königstochter bei der Hand und führte sie zum Bett seiner Eltern.
, sprach er.
Als die Eltern hörten, wie alles sich zugetragen hatte, willigten sie ein. Da wurden die Lichter im Saal wieder angezündet, Pauken und Trompeten herbeigeholt und alle Freunde und Verwandten erneut eingeladen. Die wahre Hochzeit wurde mit großer Freude gefeiert. Die erste Braut behielt die schönen Kleider als Entschädigung und gab sich zufrieden.

