Autor: Gebrüder Grimm
54.
Drei Brüder auf Glückssuche
Es waren einmal drei Brüder, die waren immer tiefer in Armut geraten, und endlich war die Not so groß, dass sie Hunger leiden mussten und nichts mehr zu beißen und zu brechen hatten. Da sprachen sie:
Sie machten sich also auf und waren schon weite Wege und über viele Grashälmchen gegangen, aber das Glück war ihnen noch nicht begegnet.
Da gelangten sie eines Tages in einen großen Wald, und mitten darin war ein Berg. Als sie näher kamen, sahen sie, dass der Berg ganz von Silber war. Da sprach der älteste:
Er nahm von dem Silber so viel er nur tragen konnte, kehrte dann um und ging wieder nach Haus.
Die beiden anderen aber sprachen:
, rührten es nicht an und gingen weiter. Nachdem sie abermals ein paar Tage gegangen waren, kamen sie zu einem Berg, der ganz von Gold war. Der zweite Bruder stand, besann sich und war ungewiss.
, sprach er.
Endlich fasste er einen Entschluss, füllte in seine Taschen, was hineinwollte, sagte seinem Bruder Lebewohl und ging heim.
Der hungernde dritte Bruder und das Tischtuch
Der dritte aber sprach:
Er zog weiter, und als er drei Tage gegangen war, kam er in einen Wald, der noch größer war als die vorigen und gar kein Ende nehmen wollte. Da er nichts zu essen und zu trinken fand, war er nahe daran zu verschmachten.
Da stieg er auf einen hohen Baum, ob er da oben das Ende des Waldes sehen könnte, aber so weit sein Auge reichte, sah er nichts als die Gipfel der Bäume. Da schickte er sich an, von dem Baume wieder herunterzusteigen. Der Hunger quälte ihn sehr, und er dachte:
Als er herabkam, sah er mit Erstaunen unter dem Baum einen Tisch stehen, der mit Speisen reichlich besetzt war, die ihm entgegendampften.
, sprach er,
Ohne zu fragen, wer das Essen gebracht und wer es gekocht hätte, nahte er sich dem Tisch und aß mit Lust, bis er seinen Hunger gestillt hatte.
Als er fertig war, dachte er:
, legte es säuberlich zusammen und steckte es ein. Darauf ging er weiter. Abends, als der Hunger sich wieder regte, wollte er sein Tüchlein auf die Probe stellen. Er breitete es aus und sagte:
Kaum war der Wunsch über seine Lippen gekommen, so standen so viele Schüsseln mit dem schönsten Essen darauf, wie nur Platz hatten.
, sagte er,
, denn er sah wohl, dass es ein
war. Das Tüchlein war ihm aber doch nicht genug, um sich daheim zur Ruhe zu setzen, sondern er wollte lieber noch in der Welt herumwandern und weiter sein Glück versuchen.
Tauschgeschäfte im Wald
Eines Abends traf er in einem einsamen Walde einen schwarz bestaubten Köhler, der brannte dort Kohlen und hatte Kartoffeln am Feuer stehen, mit denen er seine Mahlzeit halten wollte.
, sagte er,
, erwiderte der Köhler,
, antwortete der Reisende,
, sprach der Köhler,
, antwortete er,
Darauf holte er sein Tüchlein aus dem Ranzen, breitete es auf die Erde und sprach:
Alsbald stand da Gesottenes und Gebratenes, und es war so warm, als wenn es eben aus der Küche käme. Der Köhler machte große Augen, ließ sich aber nicht lange bitten. Er langte zu und schob immer größere Bissen in sein schwarzes Maul hinein.
Als sie abgegessen hatten, schmunzelte der Köhler und sagte:
, erwiderte er.
, antwortete der Köhler.
, sagte er,
Er gab dem Köhler das Tüchlein, hob den Ranzen von dem Haken, hängte ihn um und nahm Abschied.
Als er ein Stück Wegs gegangen war, wollte er die Wunderkräfte seines Ranzens versuchen und klopfte darauf. Alsbald traten die sieben Kriegshelden vor ihn, und der Gefreite sprach:
Sie machten linksum, und gar nicht lange, so brachten sie das Verlangte. Sie hatten es dem Köhler ohne viel zu fragen abgenommen. Er hieß sie wieder abziehen, ging weiter und hoffte, das Glück würde ihm noch heller scheinen.
Bei Sonnenuntergang kam er zu einem anderen Köhler, der bei dem Feuer seine Abendmahlzeit bereitete.
, sagte der rußige Geselle.
, antwortete er,
, deckte sein Tüchlein auf, das gleich mit den schönsten Gerichten besetzt war. Sie aßen und tranken zusammen und waren guter Dinge.
Nach dem Essen sprach der Kohlenbrenner:
, antwortete er, nahm das Hütlein, setzte es auf und ließ sein Tüchlein zurück. Kaum aber war er ein Stück Wegs gegangen, so klopfte er auf seinen Ranzen, und seine Soldaten mussten ihm das Tüchlein wiederholen.
, dachte er,
Seine Gedanken hatten ihn auch nicht betrogen. Nachdem er abermals einen Tag gegangen war, kam er zu einem dritten Köhler, der ihn nicht anders als die vorigen zu ungeschmälzten Kartoffeln einlud. Er ließ ihn aber von seinem Wunschtüchlein mitessen, und das schmeckte dem Köhler so gut, dass er ihm zuletzt ein Hörnlein dafür bot. Dieses hatte noch ganz andere Eigenschaften als das Hütlein: Wenn man darauf blies, so fielen alle Mauern und Festungswerke, ja alle Städte und Dörfer über den Haufen. Er gab dem Köhler zwar das Tüchlein dafür, ließ es sich aber hernach von seiner Mannschaft wieder abfordern, so dass er endlich Ranzen, Hütlein und Hörnlein beisammen hatte.
, sprach er,
Die Rückkehr und der Spott der Brüder
Als er daheim anlangte, hatten sich seine Brüder von ihrem Silber und Gold ein schönes Haus gebaut und lebten in Saus und Braus. Er trat bei ihnen ein. Weil er aber in einem halbzerrissenen Rock kam, das schäbige Hütlein auf dem Kopf und den alten Ranzen auf dem Rücken hatte, so wollten sie ihn nicht für ihren Bruder anerkennen.
Sie spotteten und sagten:
, und jagten ihn zur Türe hinaus.
Da geriet er in Zorn, klopfte auf seinen Ranzen, so lange, bis hundertundfünfzig Mann in Reih und Glied vor ihm standen. Er befahl ihnen, das Haus seiner Brüder zu umzingeln. Zwei sollten Haselruten mitnehmen und den beiden Übermütigen die Haut auf dem Leib so lange weich gerben, bis sie wüssten, wer er wäre.
Es entstand ein gewaltiger Lärm. Die Leute liefen zusammen und wollten den beiden in der Not Beistand leisten, aber sie konnten gegen die Soldaten nichts ausrichten.
Der Kampf gegen den König
Dem König geschah endlich Meldung davon. Der ward unwillig und ließ einen Hauptmann mit seiner Schar ausrücken, der sollte den Ruhestörer aus der Stadt jagen. Aber der Mann mit dem Ranzen hatte bald eine größere Mannschaft zusammen, die schlug den Hauptmann mit seinen Leuten zurück, so dass sie mit blutigen Nasen abziehen mussten.
Der König sprach:
, und schickte am anderen Tage eine größere Schar gegen ihn aus, aber sie konnte noch weniger ausrichten. Er stellte noch mehr Volk entgegen. Um noch schneller fertig zu werden, drehte der Mann ein paarmal sein Hütlein auf dem Kopfe herum: Da fing das schwere Geschütz an zu spielen, und des Königs Leute wurden geschlagen und in die Flucht gejagt.
, sprach er,
Das ließ er dem König verkünden, und dieser sprach zu seiner Tochter:
Der Verrat der Königstochter
Die Hochzeit wurde also gefeiert, aber die Königstochter war verdrießlich, dass ihr Gemahl ein gemeiner Mann war, der einen schäbigen Hut trug und einen alten Ranzen umhängen hatte. Sie wäre ihn gerne wieder losgeworden und sann Tag und Nacht nach, wie sie das bewerkstelligen könnte.
Da dachte sie:
Sie verstellte sich und liebkoste ihn. Als sein Herz weich geworden war, sprach sie:
, antwortete er,
; und er verriet ihr, mit welchen Wunderkräften er begabt war.
Da fiel sie ihm um den Hals, als wenn sie ihn küssen wollte, nahm ihm aber mit Behendigkeit den Ranzen von der Schulter und lief damit fort. Sobald sie allein war, klopfte sie darauf und befahl den Kriegsleuten, sie sollten ihren vorigen Herrn festnehmen und aus dem königlichen Palast fortführen. Sie gehorchten, und die falsche Frau ließ noch mehr Leute hinter ihm herziehen, die ihn ganz aus dem Land jagen sollten.
Das Hörnlein bringt die Rache
Da wäre er verloren gewesen, wenn er nicht das Hütlein gehabt hätte. Kaum aber waren seine Hände frei, so schwenkte er es ein paarmal: Alsbald fing das Geschütz an zu donnern und schlug alles nieder, und die Königstochter musste selbst kommen und um Gnade bitten. Weil sie so beweglich bat und sich zu bessern versprach, ließ er sich überreden und bewilligte ihr Frieden.
Sie tat freundlich mit ihm, stellte sich an, als hätte sie ihn sehr lieb, und wusste ihn nach einiger Zeit so zu betören, dass er ihr vertraute: Selbst wenn einer den Ranzen in seine Gewalt bekäme, könnte er doch nichts gegen ihn ausrichten, solange das alte Hütlein noch sein wäre. Als sie das Geheimnis wusste, wartete sie, bis er eingeschlafen war. Dann nahm sie ihm das Hütlein weg und ließ ihn hinaus auf die Straße werfen.
Aber noch war ihm das Hörnlein übrig. In großem Zorne blies er aus allen Kräften hinein. Alsbald fiel alles zusammen: Mauern, Festungswerke, Städte und Dörfer, und schlugen den König und die Königstochter tot. Und wenn er das Hörnlein nicht abgesetzt und nur noch ein wenig länger geblasen hätte, so wäre alles über den Haufen gestürzt und kein Stein auf dem anderen geblieben. Da widerstand ihm niemand mehr, und er setzte sich zum König über das ganze Reich.

