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Märchen lesen und erleben

Der Riese und der Schneider

⏱ Lesedauer: ca. 4 Min.

Einem Schneider, der ein großer Prahler, aber ein schlechter Zahler war, kam es in den Sinn, ein wenig auszugehen und sich im Wald umzuschauen. Sobald er nur konnte, verließ er seine Werkstatt und wanderte seines Weges:

> über Brücke und Steg, > bald da, bald dort, > immer fort und fort.

Die Begegnung im finsteren Wald

Als er nun draußen war, erblickte er in der blauen Ferne einen steilen Berg und dahinter einen himmelhohen Turm, der aus einem wilden und finsteren Wald hervorragte.

„Potz Blitz!“

, rief der Schneider.

„Was ist das?“

Weil ihn die Neugierde gewaltig packte, ging er frisch darauf los.

Was sperrte er aber Maul und Augen auf, als er in die Nähe kam! Denn der Turm hatte Beine, sprang mit einem Satz über den steilen Berg und stand als ein großmächtiger Riese vor dem Schneider.

„Was willst du hier, du winziges Fliegenbein?“

, rief dieser mit einer Stimme, als wenn es von allen Seiten donnerte.

Der Schneider wisperte:

„Ich will mich umschauen, ob ich mein Stückchen Brot in dem Wald verdienen kann.“

„Wenn es so ist“

, sagte der Riese,

„so kannst du ja bei mir in den Dienst eintreten.“

„Wenn es sein muss, warum nicht? Was bekomme ich aber für einen Lohn?“

„Was du für einen Lohn bekommst?“

, sagte der Riese.

„Das sollst du hören. Jährlich dreihundertundfünfundsechzig Tage, und wenn es ein Schaltjahr ist, noch einen obendrein. Ist dir das recht?“

„Meinetwegen“

, antwortete der Schneider und dachte bei sich:

„Man muss sich strecken nach seiner Decke. Ich suche mich bald wieder loszumachen.“

Der Dienst beim Riesen

Darauf sprach der Riese zu ihm:

„Geh, kleiner Halunke, und hol mir einen Krug Wasser.“

„Warum nicht lieber gleich den Brunnen mitsamt der Quelle?“

, fragte der Prahlhans und ging mit dem Krug zum Wasser.

„Was? Den Brunnen mitsamt der Quelle?“

, brummte der Riese, der ein bisschen tölpisch und albern war, in seinen Bart und fing an, sich zu fürchten.

„Der Kerl kann mehr als Äpfel braten. Der hat einen Zauber im Leib. Sei auf deiner Hut, alter Hans, das ist kein Diener für dich!“

Als der Schneider das Wasser gebracht hatte, befahl ihm der Riese, im Wald ein paar Scheite Holz zu hauen und heimzutragen.

„Warum nicht lieber gleich den ganzen Wald mit einem Streich?“

, fragte das Schneiderlein,

> den ganzen Wald > mit Jung und Alt, > mit allem, was er hat, > knorzig und glatt?

Und so ging er das Holz hauen.

„Was? Den ganzen Wald mit Jung und Alt, mit allem, was er hat, knorzig und glatt? Und den Brunnen mitsamt der Quelle?“

, brummte der leichtgläubige Riese in den Bart und fürchtete sich noch mehr.

„Der Kerl kann mehr als Äpfel braten, der hat einen Zauber im Leib. Sei auf deiner Hut, alter Hans, das ist kein Diener für dich!“

Als der Schneider das Holz gebracht hatte, befahl ihm der Riese, zwei oder drei wilde Schweine zum Abendessen zu schießen.

„Warum nicht lieber gleich tausend auf einen Schuss und die alle hierher?“

, fragte der hochmütige Schneider.

„Was?“

, rief der Hasenfuß von einem Riesen und war heftig erschrocken.

„Lass es nur für heute gut sein und lege dich schlafen.“

Die Flucht in die Luft

Der Riese fürchtete sich so gewaltig, dass er die ganze Nacht kein Auge zutun konnte. Er dachte hin und her, wie er es anfangen sollte, um sich diesen unheimlichen Diener je eher, desto lieber vom Hals zu schaffen. Kommt Zeit, kommt Rat.

Am anderen Morgen gingen der Riese und der Schneider zu einem Sumpf, um den herum eine Menge Weidenbäume standen. Da sprach der Riese:

„Hör einmal, Schneider, setz dich auf eine von den Weidenruten. Ich möchte um mein Leben gern sehen, ob du imstande bist, sie herabzubiegen.“

Husch, saß das Schneiderlein oben, hielt den Atem ein und machte sich schwer – so schwer, dass sich die Gerte niederbog. Als er aber wieder Atem holen musste, da schnellte sie ihn, weil er zum Unglück kein Bügeleisen in die Tasche gesteckt hatte, zur großen Freude des Riesen so weit in die Höhe, dass man ihn gar nicht mehr sehen konnte.

Wenn er nicht wieder heruntergefallen ist, so wird er wohl noch immer oben in der Luft herumschweben.