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Märchen lesen und erleben

Der Teufel und seine Großmutter

⏱ Lesedauer: ca. 7 Min.

Flucht aus dem Heer

Es war ein großer Krieg, und der König hatte viele Soldaten. Er gab ihnen jedoch so wenig Sold, dass sie nicht davon leben konnten. Da taten sich drei von ihnen zusammen und beschlossen, zu fliehen. Einer sprach zum anderen:

„Wenn wir erwischt werden, hängt man uns an den Galgen. Wie wollen wir es anstellen?“

Der andere antwortete:

„Seht dort das große Kornfeld! Wenn wir uns darin verstecken, findet uns kein Mensch. Das Heer darf nicht hinein und muss morgen weiterziehen.“

Sie krochen in das Korn, doch das Heer zog nicht ab, sondern schlug ringsum sein Lager auf. Sie saßen zwei Tage und zwei Nächte im Versteck und litten so großen Hunger, dass sie beinahe gestorben wären. Wenn sie aber herausgingen, war ihnen der sichere Tod gewiss. Da sprachen sie:

„Was hilft uns unsere Flucht, wenn wir hier elend verhungern müssen?“

Der Pakt mit dem Drachen

Plötzlich kam ein feuriger Drache durch die Luft geflogen. Er senkte sich zu ihnen herab und fragte, warum sie sich dort versteckt hielten. Sie antworteten:

„Wir sind drei Soldaten und sind geflohen, weil unser Sold so gering war. Nun müssen wir hier vor Hunger sterben oder an den Galgen, wenn wir uns zeigen.“

„Wenn ihr mir sieben Jahre dienen wollt“

, sagte der Drache,

„so will ich euch mitten durch das Heer führen, ohne dass euch jemand erwischt.“

„Wir haben keine Wahl und müssen das Angebot annehmen“

, erwiderten sie.

Da packte sie der Drache in seine Klauen, trug sie durch die Luft über das Heer hinweg und setzte sie weit entfernt wieder auf der Erde ab. Dieser Drache war jedoch niemand anderes als der Teufel persönlich. Er gab ihnen eine kleine Peitsche und sprach:

„Wenn ihr damit peitscht und knallt, wird so viel Geld vor euch aufspringen, wie ihr nur verlangt. Ihr könnt dann wie große Herren leben, Pferde halten und in Kutschen fahren. Nach Ablauf der sieben Jahre aber gehört ihr mir.“

Daraufhin legte er ihnen ein Buch vor, in dem sich alle drei eintragen mussten.

„Doch ich will euch“

, fügte er hinzu,

„später ein Rätsel aufgeben. Könnt ihr es lösen, sollt ihr frei und aus meiner Gewalt entlassen sein.“

Die sieben Jahre im Überfluss

Der Drache flog davon, und die Soldaten reisten mit ihrer Peitsche weiter. Sie hatten Geld im Überfluss, ließen sich edle Kleider schneidern und zogen durch die Welt. Wo immer sie hinkamen, lebten sie in Saus und Braus, fuhren mit Pferden und Wagen, aßen und tranken – taten dabei jedoch niemandem etwas Böses.

Die Zeit verging wie im Flug. Als sich die sieben Jahre dem Ende neigten, wurde zwei von ihnen angst und bange. Der dritte jedoch nahm es leicht und sprach:

„Keine Sorge, Brüder! Ich bin nicht auf den Kopf gefallen und werde das Rätsel schon lösen.“

Sie gingen hinaus aufs Feld, saßen nieder, und die beiden machten besorgte Gesichter. Da kam eine alte Frau vorbei und fragte sie nach dem Grund ihrer Traurigkeit.

„Ach, was kümmert es euch? Ihr könnt uns ohnehin nicht helfen“

, meinten sie.

„Wer weiß“

, erwiderte die Alte,

„vertraut mir einfach euren Kummer an.“

Da erzählten sie ihr, dass sie fast sieben Jahre lang dem Teufel gedient hatten. Er habe sie reichlich mit Geld versorgt, doch sie hätten sich ihm verschrieben. Nun seien sie ihm ausgeliefert, wenn sie nach Ablauf der Frist das Rätsel nicht lösen könnten. Die Alte sprach:

„Wenn euch geholfen werden soll, muss einer von euch in den Wald gehen. Dort wird er an eine eingestürzte Felsenwand gelangen, die wie ein kleines Haus aussieht. Wenn er hinein geht, wird er Hilfe finden.“

Die beiden ängstlichen Soldaten dachten:

„Das wird uns auch nicht retten“

, und blieben sitzen. Der dritte aber, der Mutige, machte sich sogleich auf den Weg.

In der Hütte der Großmutter

Er ging tief in den Wald hinein, bis er die Felsenhütte fand. Darin saß eine steinalte Frau – es war die Großmutter des Teufels. Sie fragte den Soldaten, woher er komme und was er suche. Er erzählte ihr die ganze Geschichte. Da er ihr gut gefiel, hatte sie Mitleid und versprach, ihm zu helfen.

Sie hob einen großen Stein an, der über dem Keller lag, und sagte:

„Versteck dich hier. Du kannst alles hören, was in dieser Stube gesprochen wird. Verhalte dich ganz still und rühre dich nicht. Wenn der Drache kommt, werde ich ihn nach dem Rätsel ausfragen. Mir erzählt er alles. Achte gut auf seine Antworten!“

Um Mitternacht kam der Drache angeflogen und forderte sein Essen. Die Großmutter deckte den Tisch und servierte Speise und Trank, sodass er bester Laune war. Sie aßen und tranken gemeinsam. Schließlich fragte sie ihn beiläufig, wie sein Tag gewesen sei und wie viele Seelen er erbeutet habe.

„Heute hatte ich nicht viel Glück“

, antwortete er.

„Aber ich habe drei Soldaten in der Hand, die mir sicher sind.“

„Tatsächlich? Drei Soldaten?“

, entgegnete sie.

„Die sind schlau, die könnten dir noch entkommen.“

Der Teufel lachte spöttisch:

„Die gehören mir! Ich werde ihnen ein Rätsel aufgeben, das sie niemals erraten können.“

„Und was ist das für ein Rätsel?“

, fragte sie neugierig.

„Das will ich dir verraten: In der großen Nordsee liegt eine tote Meerkatze, das soll ihr Braten sein. Die Rippe eines Wals soll ihr silberner Löffel sein. Und ein alter, hohler Pferdehuf soll ihr Weinglas sein.“

Die Erlösung

Als der Teufel im Bett lag und schlief, hob die Großmutter den Stein an und ließ den Soldaten aus dem Keller.

„Hast du dir alles gut gemerkt?“

, fragte sie.

„Ja“

, antwortete er,

„ich weiß genug und werde uns zu helfen wissen.“

Daraufhin schlich er heimlich durch das Fenster und eilte auf einem anderen Weg zu seinen Kameraden zurück. Er berichtete ihnen, wie die Großmutter den Teufel überlistet und er die Lösung des Rätsels erfahren hatte. Da fiel ihnen ein Stein vom Herzen. Sie griffen zur Peitsche und ließen sich noch einmal reichlich Geld herbeizaubern.

Als die sieben Jahre schließlich ganz vorüber waren, erschien der Teufel mit dem Buch, zeigte auf die Unterschriften und sprach:

„Ich werde euch nun in die Hölle mitnehmen, wo ein Festmahl auf euch wartet. Wenn ihr mir aber sagen könnt, was für einen Braten, welchen Löffel und welches Weinglas ihr bekommen werdet, seid ihr frei und dürft auch die Peitsche behalten.“

Da begann der erste Soldat:

„In der großen Nordsee liegt eine tote Meerkatze – das wird wohl der Braten sein.“

Der Teufel ärgerte sich, grummelte unwillig und fragte den zweiten:

„Und was wird euer Löffel sein?“

„Die Rippe eines Wals soll unser silberner Löffel sein.“

Der Teufel verzog das Gesicht, knurrte erneut und wandte sich an den dritten:

„Weißt du auch, was euer Weinglas sein wird?“

„Ein alter Pferdehuf soll unser Weinglas sein.“

Da stieß der Teufel einen lauten Schrei aus, verlor jede Macht über sie und flog davon. Die drei Soldaten aber behielten die Wunderpeitsche, zauberten sich Geld, so viel sie wollten, und lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Ende.