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Märchen lesen und erleben

Der Zaunkönig

⏱ Lesedauer: ca. 6 Min.

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Als die Dinge noch sprachen

In den alten Zeiten hatte jeder Klang noch Sinn und Bedeutung. Wenn der Hammer des Schmieds ertönte, rief er „smiet mi to! smiet mi to!" Wenn der Hobel des Tischlers schnarrte, sprach er „dor häst! dor, dor häst!" Fing das Räderwerk der Mühle an zu klappern, sprach es „help, Herr Gott! help, Herr Gott!" War der Müller ein Betrüger und ließ die Mühle an, so sprach sie hochdeutsch und fragte erst langsam „wer ist da? wer ist da?", dann antwortete sie schnell „der Müller! der Müller!" und endlich ganz geschwind „stiehlt tapfer, stiehlt tapfer, vom Achtel drei Sechter."

Zu dieser Zeit hatten auch die Vögel ihre eigene Sprache, die jedermann verstand. Heute lautet es nur wie ein Zwitschern, Kreischen und Pfeifen, und bei einigen wie Musik ohne Worte.

Die Wahl des Königs

Den Vögeln kam der Gedanke, sie wollten nicht länger ohne Herrn sein und einen unter sich zum König wählen. Nur einer, der Kibitz, war dagegen: frei hatte er gelebt und frei wollte er sterben. Angstvoll flog er hin und her und rief „wo bliew ick? wo bliew ick?" Er zog sich in einsame Sümpfe zurück und zeigte sich nicht wieder unter Seinesgleichen.

An einem schönen Maimorgen kamen alle Vögel aus Wäldern und Feldern zusammen: Adler und Buchfinke, Eule und Krähe, Lerche und Sperling — was soll ich sie alle nennen? Selbst der Kuckuck kam und der Wiedehopf, sein Küster, der so heißt, weil er sich immer ein paar Tage früher hören lässt. Auch ein ganz kleiner Vogel, der noch keinen Namen hatte, mischte sich unter die Schar.

Das Huhn, das zufällig von der ganzen Sache nichts gehört hatte, verwunderte sich über die große Versammlung. „Wat, wat, wat is den dar to don?" gackerte es. Aber der Hahn beruhigte seine liebe Henne und sagte „luter riek Lüd" und erzählte ihr, was sie vorhätten.

Es ward beschlossen: der König sollte derjenige sein, der am höchsten fliegen konnte. Ein Laubfrosch im Gebüsche rief warnend „natt, natt, natt! natt, natt, natt!", weil er meinte, es würden deshalb viele Tränen vergossen werden. Die Krähe aber sagte „Quark ok!" — es sollte alles friedlich abgehen.

Der Wettkampf

Auf ein gegebenes Zeichen erhob sich die ganze Schar in die Lüfte. Der Staub stieg vom Feld auf, es war ein gewaltiges Sausen und Brausen und Flügelschlagen, und es sah aus, als zöge eine schwarze Wolke dahin.

Die kleineren Vögel blieben bald zurück und fielen auf die Erde. Die größeren hielten es länger aus, aber keiner konnte es dem Adler gleichtun. Er stieg so hoch, dass er der Sonne hätte die Augen aushacken können. Als er sah, dass die anderen nicht zu ihm heraufkommen konnten, dachte er „was willst du noch höher fliegen, du bist doch der König" und fing an, sich herabzulassen.

„Du musst unser König sein, keiner ist höher geflogen als du!" riefen ihm alle zu.

„Ausgenommen ich!" schrie der kleine Kerl ohne Namen, der sich in die Brustfedern des Adlers verkrochen hatte. Da er nicht müde war, stieg er auf und stieg so hoch, dass er Gott auf seinem Stuhl sitzen sehen konnte. Als er so weit oben war, legte er die Flügel zusammen, sank herab und rief mit feiner, durchdringender Stimme: „König bün ick! König bün ick!"

Streit und Gefangenschaft

„Du unser König?" schrien die Vögel zornig. „Durch Ränke und Listen hast du es dahin gebracht!" Sie machten eine neue Bedingung: der sollte König sein, der am tiefsten in die Erde fallen könnte.

Wie klatschte da die Gans mit ihrer breiten Brust auf das Land! Wie scharrte der Hahn schnell ein Loch! Die Ente kam am schlimmsten weg: sie sprang in einen Graben, verrenkte sich die Beine und watschelte zum nahen Teich mit dem Ausruf „Pracherwerk! Pracherwerk!" Der kleine Namenlose aber suchte ein Mauseloch, schlüpfte hinab und rief mit seiner feinen Stimme heraus: „König bün ick! König bün ick!"

„Du unser König?" riefen die Vögel noch zorniger. „Meinst du, deine Listen sollten gelten?" Sie beschlossen, ihn im Loch gefangen zu halten und auszuhungern. Die Eule wurde als Wache davor gestellt — sie sollte den Schelm nicht herauslassen, so lieb ihr das Leben wäre.

Als es Abend wurde und die Vögel von der Anstrengung große Müdigkeit empfanden, gingen sie mit Weib und Kind zu Bett. Die Eule allein blieb beim Mauseloch stehen und blickte mit ihren großen Augen unverwandt hinein.

Doch auch sie wurde müde und dachte „ein Auge kannst du wohl zutun, du wachst ja noch mit dem anderen, und der kleine Bösewicht soll nicht aus seinem Loch heraus." Also tat sie das eine Auge zu. Dann wollte sie wechseln — doch als sie das erste wieder auftat und das andere schloss, vergaß sie das erste wieder zu öffnen. Sobald beide Augen zu waren, schlief sie ein. Der Kleine merkte das bald und schlüpfte weg.

Das Ende der Geschichte

Von dieser Zeit an darf sich die Eule nicht mehr am Tag sehen lassen, sonst sind die anderen Vögel hinter ihr her und zerzausen ihr das Gefieder. Sie fliegt nur zur Nachtzeit aus und hasst und verfolgt die Mäuse, weil sie solch böse Löcher machen.

Auch der kleine Vogel lässt sich nicht gerne sehen, denn er fürchtet, es ginge ihm an den Kragen, wenn er erwischt würde. Er schlüpft in den Zäunen herum, und wenn er ganz sicher ist, ruft er wohl zuweilen „König bün ick!" — und deshalb nennen ihn die anderen Vögel aus Spott *Zaunkönig.*

Niemand aber war froher als die Lerche, dass sie dem Zaunkönig nicht zu gehorchen brauchte. Wie sich die Sonne blicken lässt, steigt sie in die Lüfte und ruft: „ach, wo is dat schön! schön ist dat! schön! schön! ach, wo is dat schön!"