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Märchen lesen und erleben

Die Eule

⏱ Lesedauer: ca. 5 Min.

Das Ungeheuer in der Scheune

Vor ein paar hundert Jahren, als die Leute noch lange nicht so klug und verschmitzt waren, wie sie es heutzutage sind, hat sich in einer kleinen Stadt eine seltsame Geschichte zugetragen.

Zufällig war eine von den großen Eulen, die man Schuhu nennt, aus dem benachbarten Wald in der Nacht in die Scheune eines Bürgers geraten. Als der Tag anbrach, wagte sie sich aus Furcht vor den anderen Vögeln nicht wieder aus ihrem Schlupfwinkel heraus. Die anderen Vögel erhoben nämlich ein furchtbares Geschrei, sobald sie sich blicken ließ.

Als nun der Hausknecht morgens in die Scheune kam, um Stroh zu holen, erschrak er bei dem Anblick der Eule, die da in einer Ecke saß, so gewaltig, dass er fortlief. Er kündigte seinem Herrn an, ein Ungeheuer, wie er Zeit seines Lebens keines erblickt hätte, sitze in der Scheune, drehe die Augen im Kopf herum und könne einen ohne Umstände verschlingen.

„Ich kenne dich schon“

, sagte der Herr.

„Einer Amsel im Feld nachzujagen, dazu hast du Mut genug. Aber wenn du ein totes Huhn liegen siehst, so holst du dir erst einen Stock, ehe du ihm nahekommst. Ich muss wohl selbst einmal nachsehen, was das für ein Ungeheuer ist.“

Der Herr ging ganz tapfer in die Scheune hinein und blickte umher. Als er aber das seltsame und grässliche Tier mit eigenen Augen sah, geriet er in nicht geringere Angst als der Knecht. Mit ein paar Sätzen sprang er hinaus, lief zu seinen Nachbarn und bat sie flehentlich, ihm gegen ein unbekanntes und gefährliches Tier Beistand zu leisten. Ohnehin könne die ganze Stadt in Gefahr geraten, wenn es aus der Scheune herausbräche.

Die Mobilisierung der Bürger

Es entstand großer Lärm und Geschrei in allen Straßen. Die Bürger kamen mit Spießen, Heugabeln, Sensen und Äxten bewaffnet herbei, als wollten sie gegen einen Feind ausziehen. Zuletzt erschienen auch die Ratsherren mit dem Bürgermeister an der Spitze. Als sie sich auf dem Markt geordnet hatten, zogen sie zu der Scheune und umringten sie von allen Seiten.

Hierauf trat einer der Beherztesten hervor und ging mit gefälltem Spieß hinein. Er kam aber gleich darauf mit einem Schrei und totenbleich wieder herausgelaufen und konnte kein Wort hervorbringen. Noch zwei andere wagten sich hinein, es erging ihnen jedoch nicht besser.

Der mutige Held auf der Leiter

Endlich trat einer hervor, ein großer, starker Mann, der wegen seiner Kriegstaten berühmt war, und sprach:

„Mit bloßem Ansehen werdet ihr das Ungetüm nicht vertreiben, hier muss Ernst gebraucht werden. Aber ich sehe, dass ihr alle zu Weibern geworden seid und keiner den Mut hat, zuzupacken.“

Er ließ sich Harnisch, Schwert und Spieß bringen und rüstete sich. Alle rühmten seinen Mut, obgleich viele um sein Leben besorgt waren. Die beiden Scheunentore wurden aufgetan, und man erblickte die Eule, die sich indessen in die Mitte auf einen großen Querbalken gesetzt hatte.

Er ließ eine Leiter herbeibringen. Als er sie anlegte und sich bereitete, hinaufzusteigen, riefen ihm alle zu, er solle sich männlich halten, und empfahlen ihn dem heiligen Georg, der den Drachen getötet hatte.

Als er fast oben war und die Eule sah, dass er an sie wollte, verdrehte sie – auch verwirrt von der Menge und dem Geschrei des Volkes – die Augen, sträubte die Federn, sperrte die Flügel auf, knappte mit dem Schnabel und ließ ihr

„Schuhu, Schuhu“

mit rauher Stimme hören.

„Stoß zu, stoß zu!“

, rief die Menge draußen dem tapferen Helden zu.

„Wer hier stünde, wo ich stehe“

, antwortete er,

„der würde nicht ‚stoß zu‘ rufen.“

Er setzte zwar den Fuß noch eine Stufe höher, dann aber fing er an zu zittern und machte sich halb ohnmächtig auf den Rückweg. Nun war keiner mehr übrig, der sich in die Gefahr hätte begeben wollen.

„Das Ungeheuer“

, sagten sie,

„hat den stärksten Mann, der unter uns zu finden war, durch sein Knappen und Anhauchen allein vergiftet und tödlich verwundet. Sollen wir anderen auch unser Leben aufs Spiel setzen?“

Die radikale Lösung des Bürgermeisters

Sie ratschlagten, was zu tun wäre, damit die ganze Stadt nicht zugrunde ginge. Lange Zeit schien alles vergeblich, bis endlich der Bürgermeister einen Ausweg fand.

„Meine Meinung geht dahin“

, sprach er,

„dass wir aus der Stadtkasse diese Scheune samt allem, was darin liegt – Getreide, Stroh und Heu –, dem Eigentümer bezahlen und ihn schadlos halten, dann aber das ganze Gebäude und mit ihm das fürchterliche Tier abbrennen. So braucht niemand sein Leben zu riskieren. Hier ist keine Gelegenheit zu sparen, und Knauserei wäre übel angewendet.“

Alle stimmten ihm bei. Also wurde die Scheune an vier Ecken angezündet, und mit ihr die Eule jämmerlich verbrannt. Wer es nicht glauben will, der gehe hin und frage selbst nach.