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Märchen lesen und erleben

Die klare Sonne bringts an den Tag

⏱ Lesedauer: ca. 4 Min.

Die Tat im Wald

Ein Schneidergeselle reiste auf der Suche nach Arbeit in der Welt umher. Da er jedoch nirgends Beschäftigung fand, geriet er in so große Armut, dass er schließlich keinen einzigen Heller Zehrgeld mehr besaß.

In dieser Not begegnete ihm auf dem Weg ein Jude. Der Schneider dachte sich, dass dieser gewiss viel Geld bei sich trage. Er vergaß all seine guten Vorsätze, trat dem Mann in den Weg und drohte:

„Gib mir dein Geld oder ich schlage dich tot!“

Da bat der Jude:

„Schenkt mir doch das Leben! Ich habe kein Geld, nicht mehr als acht Heller bei mir.“

Der Schneider glaubte ihm jedoch nicht und rief zornig:

„Du hast doch Geld, und das soll auch heraus!“

Er wendete Gewalt an und schlug den wehrlosen Mann so lange, bis dieser im Sterben lag.

Kurz vor seinem letzten Atemzug sprach der sterbende Jude die Worte:

„Die klare Sonne wird es an den Tag bringen!“

Mit diesen Worten verstarb er.

Der Schneidergeselle durchsuchte eilig die Taschen des Toten, fand aber tatsächlich nicht mehr als die besagten acht Heller. Da schleppte er die Leiche hinter einen Busch und zog weiter, um wieder Arbeit zu suchen.

Das neue Leben und das Geheimnis

Nachdem der Schneider eine lange Zeit umhergereist war, fand er schließlich Arbeit bei einem Meister in einer Stadt. Dieser hatte eine schöne Tochter, in die sich der Geselle verliebte. Die beiden heirateten und führten eine glückliche und zufriedene Ehe.

Jahre vergingen, und sie bekamen zwei Kinder. Als schließlich die Schwiegereltern starben, übernahmen die jungen Eheleute den gesamten Haushalt.

Eines Morgens saß der Schneider an seinem Arbeitstisch vor dem Fenster. Seine Frau brachte ihm den Kaffee. Als er das heiße Getränk in die Untertasse goss und gerade trinken wollte, schien die Morgensonne hell hinein. Der Widerschein des Lichts spiegelte sich im Kaffee und warf tanzende Kringel und Lichtreflexe an die Zimmerwand.

Der Schneider blickte hinauf und murmelte gedankenverloren:

„Ja, die will es wohl gern an den Tag bringen, aber sie kann es nicht!“

Seine Frau hörte das, wunderte sich und fragte:

„Ei, lieber Mann, was ist denn das? Was meinst du damit?“

Er antwortete ausweichend:

„Das darf ich dir nicht sagen.“

Sie ließ jedoch nicht locker, drängte ihn und sprach:

„Wenn du mich wirklich lieb hast, musst du mir es sagen.“

Sie gab ihm die besten Worte, versprach hoch und heilig, es niemals einer Menschenseele zu verraten, und ließ ihm einfach keine Ruhe.

Die Enthüllung der Schuld

Da gab er schließlich nach und erzählte ihr die schreckliche Wahrheit: Vor vielen Jahren, als er auf seiner Wanderschaft völlig mittellos und verzweifelt gewesen sei, habe er einen Juden im Wald erschlagen. Dieser habe in seiner letzten Todesangst prophezeit: *

„Die klare Sonne wird es an den Tag bringen!“

* Nun habe die Sonne durch die Kringel an der Wand die Tat ans Licht bringen wollen, habe es aber ohne Worte nicht gekonnt.

Er flehte seine Frau nochmals an, das Geheimnis strengstens für sich zu behalten, da es ihn sonst das Leben kosten würde. Sie versprach es ihm hoch und heilig.

Doch kaum hatte sich der Mann wieder an seine Arbeit gesetzt, hielt die Frau es nicht mehr aus. Sie ging zu ihrer Gevatterin und vertraute ihr die ganze Geschichte an, natürlich unter dem Versprechen, dass diese es ebenfalls niemandem weitersagen dürfe.

Aber noch ehe drei Tage vergangen waren, wusste bereits die ganze Stadt von dem Verbrechen. Der Schneider wurde verhaftet, vor das Gericht gestellt und verurteilt.

Am Ende hatte es die klare Sonne eben doch an den Tag gebracht.