Märchenstern Logo
Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Die weiße und die schwarze Braut

⏱ Lesedauer: ca. 8 Min.

Indexseite

**135.**

**Die weiße und die schwarze Braut.**

Der Segen Gottes und der Fluch der Bosheit

Eine Frau ging mit ihrer Tochter und ihrer Stieftochter über das Feld, um Futter zu schneiden. Da kam der liebe Gott als ein armer Mann zu ihnen gegangen und fragte:

„Wo führt der Weg ins Dorf?“

„Wenn ihr ihn wissen wollt,“

sprach die Mutter,

„so sucht ihn selber,“

und die Tochter setzte hinzu:

„Habt ihr Sorge, dass ihr ihn nicht findet, so nehmt euch einen Wegweiser mit.“

Die Stieftochter aber sprach:

„Armer Mann, ich will dich führen, komm mit mir.“

Da zürnte der liebe Gott über die Mutter und die Tochter, wendete ihnen den Rücken zu und verwünschte sie, dass sie so schwarz werden sollten wie die Nacht und hässlich wie die Sünde. Der armen Stieftochter aber war Gott gnädig und ging mit ihr. Als sie nahe am Dorf waren, sprach er einen Segen über sie und sagte:

„Wähle dir drei Sachen aus, die will ich dir gewähren.“

Da sprach das Mädchen:

„Ich möchte gern so schön und rein werden wie die Sonne.“

Alsbald war sie weiß und schön wie der Tag.

„Dann möchte ich einen Geldbeutel haben, der nie leer wird.“

Den gab ihr der liebe Gott auch, sprach aber:

„Vergiss das Beste nicht.“

Sie sagte:

„Ich wünsche mir zum Dritten das ewige Himmelreich nach meinem Tode.“

Das ward ihr auch gewährt, und so schied der liebe Gott von ihr.

Das Bildnis und das Begehren des Königs

Als die Stiefmutter mit ihrer Tochter nach Hause kam und sah, dass sie beide kohlschwarz und hässlich waren, die Stieftochter aber weiß und schön, so stieg die Bosheit in ihrem Herzen noch höher, und sie hatte nichts anderes im Sinn, als wie sie ihr ein Leid antun könnte.

Die Stieftochter hatte einen Bruder namens Reginer, den liebte sie sehr und erzählte ihm alles, was geschehen war. Nun sprach Reginer einmal zu ihr:

„Liebe Schwester, ich will dich malen, damit ich dich beständig vor Augen sehe. Denn meine Liebe zu dir ist so groß, dass ich dich immer anblicken möchte.“

Da antwortete sie:

„Aber ich bitte dich, lass niemand das Bild sehen.“

Er malte seine Schwester und hing das Bild in seiner Stube auf. Er wohnte in des Königs Schloss, weil er dort Kutscher war. Alle Tage ging er davor stehen und dankte Gott für das Glück seiner lieben Schwester.

Nun war gerade dem König, bei dem er diente, seine Gemahlin verstorben. Sie war so schön gewesen, dass man keine finden konnte, die ihr glich, und der König war darüber in tiefer Trauer. Die Hofdiener bemerkten, dass der Kutscher täglich vor dem schönen Bilde stand, missgönnten es ihm und meldeten es dem König. Da ließ dieser das Bild vor sich bringen, und als er sah, dass es in allem seiner verstorbenen Frau glich, nur noch schöner war, verliebte er sich sterblich hinein.

Er ließ den Kutscher vor sich kommen und fragte, wen das Bild darstellte. Der Kutscher sagte, es wäre seine Schwester. So entschloss sich der König, keine andere als diese zur Gemahlin zu nehmen. Er gab ihm Wagen, Pferde und prächtige Goldkleider und schickte ihn fort, seine erwählte Braut abzuholen.

Der Verrat auf der Brücke

Wie Reginer mit der Botschaft ankam, freute sich seine Schwester. Allein die Schwarze war eifersüchtig über das Glück, ärgerte sich über alle Maßen und sprach zu ihrer Mutter:

„Was helfen nun all eure Künste, da ihr mir ein solches Glück doch nicht verschaffen könnt.“

„Sei still,“

sagte die Alte,

„ich will dir es schon zuwenden.“

Und durch ihre Hexenkünste trübte sie dem Kutscher die Augen, dass er halb blind war, und der Weißen verstopfte sie die Ofen, dass sie halb taub war. Darauf stiegen sie in den Wagen: erst die Braut in den herrlichen königlichen Kleidern, dann die Stiefmutter mit ihrer Tochter, und Reginer saß auf dem Bock, um zu fahren.

Wie sie eine Weile unterwegs waren, rief der Kutscher:

„Deck dich zu, mein Schwesterlein, dass Regen dich nicht nässt, dass Wind dich nicht bestäubt, dass du fein schön zum König kommst.“

Die Braut fragte:

„Was sagt mein lieber Bruder?“

„Ach,“

sprach die Alte,

„er hat gesagt, du solltest dein goldenes Kleid ausziehen und es deiner Schwester geben.“

Da zog sie es aus und tat es der Schwarzen an, die gab ihr dafür einen schlechten grauen Kittel.

So fuhren sie weiter. Über ein Weilchen rief der Bruder abermals:

„Deck dich zu, mein Schwesterlein, dass Regen dich nicht nässt, dass Wind dich nicht bestäubt, und du fein schön zum König kommst.“

Die Braut fragte:

„Was sagt mein lieber Bruder?“

„Ach,“

sprach die Alte,

„er hat gesagt, du solltest deine goldene Haube abtun und deiner Schwester geben.“

Da tat sie die Haube ab, setzte sie der Schwarzen auf und saß im bloßen Haar.

So fuhren sie weiter. Wiederum über ein Weilchen rief der Bruder:

„Deck dich zu, mein Schwesterlein, dass Regen dich nicht nässt, dass Wind dich nicht bestäubt, und du fein schön zum König kommst.“

Die Braut fragte:

„Was sagt mein lieber Bruder?“

„Ach,“

sprach die Alte,

„er hat gesagt, du möchtest einmal aus dem Wagen sehen.“

Sie fuhren aber gerade auf einer Brücke über ein tiefes Wasser. Wie nun die Braut aufstand und sich aus dem Wagen herausbückte, stießen die beiden sie hinaus, dass sie mitten ins Wasser stürzte.

Als sie versunken war, stieg im selben Augenblick eine schneeweiße Ente aus dem Wasserspiegel hervor und schwamm den Fluss hinab.

Die falsche Braut am Königshof

Der Bruder hatte gar nichts davon gemerkt und fuhr den Wagen weiter, bis sie an den Hof kamen. Da brachte er dem König die Schwarze als seine Schwester und meinte, sie wäre es wirklich, weil es ihm trüb vor den Augen war und er doch die Goldkleider schimmern sah.

Der König, als er die grundlose Hässlichkeit an seiner vermeintlichen Braut erblickte, ward sehr bös und befahl, den Kutscher in eine Grube zu werfen, die voll Ottern und Schlangengezücht war. Die alte Hexe aber wusste den König doch so zu bestricken und durch ihre Künste ihm die Augen zu verblenden, dass er sie und ihre Tochter behielt. Ja, sie kam ihm ganz leidlich vor, und er verheiratete sich wirklich mit ihr.

Die weiße Ente im Schloss

Eines Abends, während die schwarze Braut dem König auf dem Schoße saß, kam eine weiße Ente zum Rinnstein in die Küche geschwommen und sagte zum Küchenjungen:

„Jüngelchen, mach Feuer an, dass ich meine Federn wärmen kann.“

Das tat der Küchenjunge und machte ihr ein Feuer auf dem Herd. Da kam die Ente, setzte sich daneben, schüttelte sich und strich sich die Federn mit dem Schnabel zurecht. Während sie so saß und es sich wohlgehen ließ, fragte sie:

„Was macht mein Bruder Reginer?“

Der Küchenjunge antwortete:

„Liegt in der Grube gefangen bei Ottern und bei Schlangen.“

Fragte sie weiter:

„Was macht die schwarze Hexe im Haus?“

Der Küchenjunge antwortete:

„Die sitzt warm in des Königs Arm.“

Sagte die Ente:

„Dass Gott erbarm!“

und schwamm den Rinnstein wieder hinaus.

Den folgenden Abend kam sie wieder und stellte dieselben Fragen, und den dritten Abend noch einmal. Da konnte es der Küchenjunge nicht länger übers Herz bringen, ging zu dem König und entdeckte ihm alles.

Der König wollte es selbst sehen und ging am nächsten Abend hin. Wie die Ente den Kopf durch den Rinnstein hereinstreckte, nahm er sein Schwert und hieb ihr den Hals durch. Da ward sie auf einmal zum schönsten Mädchen und glich genau dem Bild, das der Bruder von ihr gemacht hatte.

Gerechtigkeit und Strafe

Der König war voll Freude. Weil sie ganz nass dastand, ließ er köstliche Kleider bringen und sie damit bekleiden. Dann erzählte sie ihm, wie sie durch List und Falschheit betrogen und zuletzt in den Fluss hinabgeworfen worden war; und ihre erste Bitte war, dass ihr Bruder aus der Schlangenhöhle herausgeholt würde.

Als der König diese Bitte erfüllt hatte, ging er in die Kammer, wo die alte Hexe saß, und fragte:

„Was verdient die, welche das und das tut?“

und erzählte ihr, was geschehen war. Da war die Hexe so verblendet, dass sie nichts merkte, und sprach:

„Die verdient, dass man sie nackt auszieht und in ein Fass mit Nägeln legt, und dass man vor das Fass ein Pferd spannt und das Pferd in alle Welt schickt.“

Das geschah an ihr und ihrer schwarzen Tochter. Der König aber heiratete die weiße und schöne Braut und belohnte den treuen Bruder, indem er ihn zu einem reichen und angesehenen Mann machte.